Deutsche Rundschau.
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Als durch die Auszüge, die in dieser Zeitschrift erschienen sind, mir zuerst die
Kunde wurde, daß ein Buch der Art von Grimm zu erwarten sei, empfand ich
eine intensive Freude. Endlich, inmitten der erregten Kämpfe dieses Jahrhunderts,
doch noch eine große ästhetische Arbeit über Homer! Im Gebiete der Forschung
steht unser neunzehntes Jahrhundert auf sich selbst, wie wenig andere; es hat auf
gebaut und niedergerissen, wild, selbstherrisch, mit dem Rechte des Pioniers, der
das Bewußtsein hat, daß mit ihm eine Epoche beginnt, und daß er sich einzig
und allein vor der Zukunft zu verantworten hat. Aus ästhetischem Gebiete aber
liegen die Dinge doch anders. Hier sind wir das ganze Jahrhundert hindurch in
einer ungeheuren Dankesschuld geblieben gegenüber der strahlenden Lichtwelle, die
über den Anfang floß. Inmitten dieser Lichtwelle stehen nicht bloß die deutschen
Männer, an die man zuerst denkt, sondern auch „Homer". Es ist fast trivial,
noch darauf hinzuweisen. Und doch ist es nicht zu viel gesagt, wenn man be
hauptet, daß wir beinahe jetzt aus diesem neunzehnten Jahrhundert herausgegangen
wären, ohne eine einzige umfassende, rein ästhetische Arbeit über die Homerische
Dichtung zu dem Schatz älterer Anregungen dankerfüllt beizufügen. Und das
Angesichts der, mindestens grausamen, Zerzausung des Begriffes „Homer" durch
die Forschung dieses Jahrhunderts! Es thut der Forschung gewiß keinen Ab
bruch, aber eine ästhetische Vernachlässigung charakterisirt es unbedingt, wenn durch
Verwirrung der Begriffe einem oberflächlichen Beschauer heute beinahe die Ver
muthung kommen könnte, unsere großen Dichter an der Wende zu dem Jahrhundert
hätten sich auch rein ästhetisch in Homer so geirrt, wie etwa die ersten Schwärmer
in Ossian. In dem Kampfe gegen den classischen Unterricht auf unseren Schulen
ist Aehnliches wiederholt gesagt worden. Man hat es auch vorgebracht, wenn es
galt, die classicistische Wendung bei Goethe und Schiller zu bemängeln. Als wenn
die ästhetische Erzieherrolle Homer's davon abhinge, ob ein paar deutsche Knaben
mehr oder weniger griechische Vocabeln lernen. Und als wenn gerade der Geist
Homer's nicht auch über dem Deutschesten stände, was Goethe geschaffen hat: über
den gesunden Theilen des Werther, über Hermann und Dorothea. Aber das sah
man nicht; man schaute hartnäckig auf den Ort, wo so viele Jahrzehnte einseitig
gekämpft wurde: auf die Forschung. Diese aber blieb negativ, mußte es bleiben,
nachdem sie einmal einer bestimmten Methode Raum gegeben. Selbst da, wo die
Begeisterung so hell aufflammte wie bei Schliemann, blieb im innersten Princip
ein Realismus der Auffassung am Ruder, der mit Aesthetik nichts zu thun hatte.
Der Weg zur ästhetischen Deutung und Werthung einer Dichtung, die über alle
Zeiten herauf wächst, führt niemals durch die Gräber der realen Urbilder des
Gedichts, auch wenn sie wirklich noch vorhanden sein sollten. Schliemann's Homer-
Begeisterung hat etwas unendlich Rührendes. Aber die Dankesschuld, die ich ge
nannt habe, wollte nicht abgezahlt sein mit den Goldschätzen verbrannter Wirklichkeits
städte — sie forderte das ideale Gold aus der geistigen Anschauung einer Stadt,
die nach dem Wesen aller Dichtung ewig in den Wolken lag, und uns doch heute,
nach Jahrtausenden, noch unendlich viel vertrauter und näher war als die ein
samen Urtrümmer des Hügels von Hissarlik.
Von der Ilias wenigstens läßt sich jetzt sagen, daß unserer Generation das
Buch gegeben ist, das zum ersten Male nach so langer Zeit wieder den eigentlichen
ästhetischen Faden aufnimmt und ihr dichterisch gerecht wird in einer solchen Voll
endung und Abklärung des Standpunktes, daß man von einem entscheidenden
Markstein in der gesunden Fortentwicklung reden darf. Grimm hat das Schwerste
versucht, was versucht werden konnte. Er hat sich daran gemacht, die ganze Ilias
von der ersten bis zur letzten Zeile uns noch einmal zu „erzählen". Das heißt:
zu erzählen in der Weise, daß er überall, während der Erzählung, wie von selbst
die Fäden der Gesammtcomposition auseinander wickelt, die Charakteristiken, die
in Einzelzügen über die ganze Dichtung zerstreut sind, zu runden Bildern aneinander
gefügt und mit einem fortlaufenden Commentar jeden kleinsten Zug des Ganzen