Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Homer

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 39 
! 
Die Homervulgata als voralexandrinisch erwiesen. Von 
Arthur Ludwich. [VI u. 204 S.] gr. 8. geh. n. JL. 6.— 
Während ich an der Beendigung meiner Homerausgabe arbeitete, 
sind kurz nach einander mehrere Papyrusfragmente der Ilias veröffentlicht 
worden, welche durch ihre starken Abweichungen von der Vulgata un 
gewöhnlich grosses Aufsehen machten und die gegenwärtig ohnehin 
wankende Autorität der letzteren ernstlich zu gefährden drohten. Ich 
sah gleich, dass es nicht anginge, mit meiner Ilias hervorzutreten, ehe 
ich mich mit den neuen Funden, namentlich aber mit ihren bisherigen 
Beurteilungen, die von der meinigen bedeutend abweichen, auseinander 
gesetzt hätte. So ist nach und nach das vorliegende Büchlein entstanden. 
Um das wahre Verhältnis der bisherigen zu der neuen Textesüberlieferung 
in das rechte Licht zu stellen, musste ich ziemlich weit ausholen und 
mehrfach auch auf Resultate zurückkommen, die ich bereits in meinem 
Buche über Aristarchs Homerische Textkritik ausgesprochen hatte. 
Ich bin bemüht gewesen, jetzt die Beweismittel in einem Umfange vor 
zulegen, dass auch derjenige, der diesen Studien ferner steht, sich ohne 
Mühe überzeugen kann, ob ich recht daran thue, an allen meinen 
Fundamentalsätzen nach wie vor unentwegt festzuhalten. Auf diesen 
letzteren beruht naturgemäss meine gesamte Homerkritik, deren Charakter 
sich im ganzen bekanntlich als ein konservativer darstellt. Wenn noch 
irgend etwas dazu beitragen konnte, mich auf diesem bisherigen Stand 
punkte zu bestärken, so waren es jene über Gebühr erhobenen Papyrus 
fragmente. Sie haben einen wahren Sturm heraufbeschworen, der aber 
merkwürdigerweise auch nicht das allerwinzigste Steinchen von dem 
wunderbar fest gefügten Baue unserer Homerischen Vulgata hinweg 
zufegen vermocht hat. Es schien mir gerade in unseren allem Be 
stehenden so abholden Tagen ein ernstes Pflichtgebot zu sein, diesen 
glänzenden Sieg der Vulgata und ihre auch sonst bethätigte ganz 
ausserordentliche Widerstandskraft mit besonderem Nachdruck zu betonen; 
denn diese ihre Eigenart ist so früh bezeugt und so kontinuierlich fort 
gepflanzt worden, dass wir gar nicht umhin können, darin bis zu einem 
gewissen Grade eine allgemeine Garantie ihrer Echtheit zu erblicken. 
Auf jeden Fall hoffe ich dargethan zu haben, dass die Homervulgata 
im wesentlichen als ein Erzeugnis der besten klassischen Zeit griechischer 
Epik gelten muss und dass mein Vertrauen zu ihr weit festere geschicht 
liche Unterlagen hat, als das fast bis ins Krankhafte gesteigerte Miss 
trauen, das ihr ungerechtfertigterweise jetzt vielfach selbst von denen 
entgegengebracht wird, die auf anderen Gebieten der Kritik übertrieben 
konservative Grundsätze predigen. 
Königsberg i. Pr. Arthur Ludwich. 
A
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.