Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Homer

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 39 
aus : Allgemeine Zeitung, München, 
1890,Jun.25 
Vermischtes. 
-j/Jt- (Bücherschau.) „Walther von der Vogelweide." Ein Dichterleben 
von Anton E. Schönb ach. Dresden, L. Ehlermaun 1890. Im Vorwort sagt 
der Verfasier: „Seinen Zweck wird mein kleines Buch erfüllen, wenn es hilft, den 
Kreis von Gebildeten stetig zu vergrößern, der sich an der Poesie Walthers von der 
Vogelweide freut. So lange uns die Verse seiner schönsten Lieder und Sprüche 
nicht von den Lippen fließen wie den Italienern die Terzinen Dante's und 
die Stanzen der Gerusalennne Liberata, so lange ist dem alten Sänger sein Recht 
nicht widerfahren. Und dahin fehlt es noch weit!" Mit der innigen Wärme und 
liebevollen Hingabe, welche in diesen Worten einen etwas überschwänglichen Aus 
druck gefunden haben, ist das ganze vortreffliche Buch geschrieben, ein kleines 
Kunstwerk durch Anordnung und Vortrag, eine Musterleistung durch die 
Art, wie die Ergebnisse einer ausgebreiteten Fachliteratur einem weiteren 
Leserkreis vermittelt werden. Wenn in der Heimathfrage der Verfasier 
geneigt ist, sich für Oesterreich zu entscheiden, so werden ihm hierin diejenigen nicht 
folgen können, welche es bedeutsam finden, daß Walther selbst das Land nur als 
seine geistige Heimath bezeichnet, obgleich dem Zusammenhang eine Berufung aus 
die leibliche, auf das Geburtsland und die Landsmannschaft völlig angemessen wäre. 
Polemik ist in der ganzen Schrift durchaus vermieden; bloß an einzelnen Stellen 
klingt die confessionelle Spannung der Gegenwart an, leise nur, aber immerhin be 
fremdlich, da doch schon an die 700 Jahre um sind, seit dem „Herrn Papst" sein 
„christlich Lachen" verging und Hrn. Walther keine „Hornung an den Zehen" mehr 
weh thut. Doch das sind untergeordnete Dinge, die den Gesammteindruck schönster 
Objectivilät nicht stören. Die Zeichnung Walthers und seiner Zeitgenossen, seiner 
Vorläufer und Nachfolger, die Behandlung des historischen Hintergrundes, die Aus 
wahl und die Neudeutschung der Proben — nirgends stößt man auf Fabrikarbeit, 
da ist Alles „von Hand" gemacht, und zwar von einer fein abwägenden, sicheren 
Hand, die uns hoffentlich noch in einem größeren, ausgeführteren Gemälde mit einer 
Darstellung der Hauptgestalten und wichtigsten Schöpfungen unsrer alten Literatur 
beschenkt. Das Lob hingehendster Versenkung in den Gegenstand gebührt gleicher 
weise einem anderen Buche, das dieser Tage erschienen ist: „Homer. Ilias, 
erster bis neunter Gesang." Von Herman Grimm. .Berlin, W. Hertz 1890. 
Wenn innerhalb der ersten neun GMnge"'Homer-Kritik zu unter 
scheiden weiß zwischen ursprünglicher Achilleus und der Erweiterung des alten 
Gedichtes, sowie späterer Einlage eines Gesanges, so ist von all dem in dem 
vorliegenden Buche nicht die Rede: „Mit der Homer-Forschung", sagt 
der Verfasser, „stehen diese Aufzeichnungen außer Zusammenhang. Seit langen 
Jahren erfreuen mich Homers Werke, in denen ich das in mühsamer 
Lebensarbeit hergestellte Gefüge eines einheitlichen Kunstwerkes verehre. .... Sei 
es gestattet, an einen Homer zu glauben, den die Sage als blinden Sänger um 
herirren läßt, an eine Menschenseele, deren einsamen Schöpfungstriebe Ilias und 
Odyssee allmaMch sich entwanden als Einheiten, wie Faust der Seele Goethe's im 
Laufe eines langen Menschenalters erst völlig entstiegen ist." Diese Auffassung 
ist, wenigstens was die Ilias anbelangt, auch der kritischen Betrachtung nicht 
fremd: Grote gibt die Möglichkeit zu, daß die als spätere Zuthat erkennbaren 
Theile von dem Dichter des ursprünglichen Kerns herrühren, und verweist aus 
drücklich auf das Beispiel von Goethe's Faust. Dem sondernden Verfahren der 
Kritik gegenüber ist es aber ein Bedürfniß, alles das zur Geltung gebracht zu 
sehen, was die Annahme mehrerer Verfasser entbehrlich macht. Wenn hiebei vor 
nehmlich künstlerische, ästhetische Gesichtspunkte in Betracht kommen, so liegt die 
Verführung nahe, sich von ihnen beherrschen zu lassen und von ihrer Versöhnung 
mit den philologisch-sprachlichen ganz abzusehen. Das aber hat Grimm bewußter 
weise gethan. „Wir besitzen heute", sagt er an einer anderen Stelle, „in Ilias 
und Odyssee zwei abgeschlossene Gedichte. Jeder hat das Recht, ihre Entstehung 
zu denken, wie er will. Aber auch erlaubt ist es, sie so, wie sie vorliegen, zu 
genießen und die Natur dieses Genusses zu beschreiben. Dieß ist meine Arbeit." 
Nur ist Gefahr vorhanden, ein solcher Genuß könne dadurch erkauft sein, daß 
man sich über Widersprüche hinwegtäusche; und so feinsinnig und geistreich z. B. 
das neunte Buch behandelt ist, so zweifelhaft bleibt doch, ob ohne die unitarische 
Auffassung der Genuß seiner Schönheiten eine Einbuße erlitte. Gedeihlicher als 
diese romantisirende Voraussetzungslosigkeit mit ihrer seltsamen Berufung auf die 
Naive!ät des armen Mannes in Toggenburg wäre wohl die Anerkennung und der 
Nachweis, daß durch die Homer-Forschung der Homer-Genuß nickt verkümmert 
werde. Aber auch so, wie der Autor seine Aufgabe glaubte fasien zu müssen, 
dürfen wir ihm dankbar sein für die Fülle feiner und treffender Beobachtungen, 
für die selbständige Geistesarbeit, durch welche er uns die hohen Schöpfungen einer 
fernen Zeit nahe bringt. Der freie Sinn namentlich, den er der olympischen Gesell 
schaft gegenüber bewährt, wird nicht bloß dem Verständniß Homers, sondern auch 
der Mythologie zugute kommen. Mit Spannung sehen wir dem zweiten Theil ent 
gegen, worin die Meinungen derer besprochen werden sollen, welche innerhalb der 
Weltliteratur Homer seine Stelle angewiesen haben.
	        

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