Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Homer

Nr. 37. 
Vre XI ai ton. 
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politisches Leben ausgleichend einzuwirken, in unkluger Weise 
verpaßt. 
Bei der Etatsberathung zu Ansang April beschäftigte 
sich die Kammer mit dem Jnvaliditätsgefetz. Der Ab 
geordnete Sachs, eines der wenigen Mitglieder der „deutschen 
Partei", die sich ein sachliches Urtheil gewahrt haben, kon- 
statirte mit wünschenswerthem Nachdruck, daß dieses Gesetz 
„im ganzen Lande große Unzufriedenheit errege". 
Der Minister erwiderte mit der tröstlichen Versicherung, 
daß „in anderen deutschen Ländern noch weit größere Härten 
vorliegen". Ueber den Gang der Verhandlungen im Bundes 
rathe, fuhr er fort, wolle er nicht sprechen, aber das könne 
er sagen, „daß wenn die Anträge Württembergs 
durchgegangen wären, die hier gehörten Klagen 
nicht laut geworden wären". Es ist sehr zu bedauern, 
daß sich der Minister mit dieser aphoristischen Aeußerung 
begnügt hat und die schöne Gelegenheit vorbeigehen ließ, 
die eigene Regierung zu entlasten. Er hätte sich den Dank 
des ganzen Landes erworben. Seine weiteren Ausführungen' 
freilich: dieses Gesetz sei gewissermaßen „die Krone unserer 
sozialpolitischen Gesetzgebung"; man dürfe „den ersten Ein 
druck desselben nicht überwältigend auf sich einwirken lassen", 
sowie die von ihm ausgedrückte Hoffnung, „die Armenlast 
werde einmal dadurch eine wesentliche Verringerung erfahren", 
all' das ist ganz und gar nicht geeignet, von der verschwie- 
genen Aktion Württembergs im Bundesrathe übertriebene 
Erwartungen wachzurufen. Konrad Haußmann vertrat 
in energischer Weise den ablehnenden Standpunkt der „Volks 
partei",' der in diesem Falle ohne jede Einschränkung, wie 
ja schon Sachs konstatirte, der des ganzen Landes ist. 
Beide Gesetze, die „Verwaltungsreform" und das „Klebe 
gesetz" wirken in einer Richtung merkwürdig zusammen, — 
sie stoßen unser Landvolk so vor den Kopf, daß wir bei den 
nächsten Wahlen absonderliche Dinge erleben können. Eine 
gesunde Reform der Verwaltung wäre in erster Linie unserem 
Bauernstande zu Gute gekommen, da das lebenslängliche 
Schulzenthum in den Landgemeinden seine schlimmsten 
Blüthen treibt. Dieser Weg ist jetzt verschlossen. Das 
Klebegesetz hinwiederum beschwert die groß- und kleinbäuer 
lichen Verhältnisse so, daß die Mißstimnmng in diesen Kreisen 
eine außerordentlich tiefgehende ist. Es gehört zu den schönsten 
Leistungen einer „staatserhaltenden" Politik, sich das Land 
volk zu entfremden. 
i Gewisse Theile des Landes wurden vorübergehend von 
einer Art Eisenbahnfieber befallen, welches auch in 
I unserem Halbmondsaale allerhand kleine und große Erregungs- 
l zustande hervorrief. Die Regierung beobachtete im Ganzen 
ein kluges „Principiis obsta“ und verhütete so das weitere 
Umsichgreifen der Epidemie. Die Leidenschaft der Wünsche 
' für Lokalbahnen steht meist im umgekehrten Verhältniß zur 
Wichtigkeit und Nothlvendigkeit derselben. 
Die weiteren Berathungen gingen ruhig und friedlich 
von statten, bis kurz vor dem «Lchlusse der Session anläßlich 
: des Schulaufsichtsgesetzes sich allerhand Vorgänge ab- 
j spielten, die auch über die Grenzen der schwarzrothen Pfähle 
hinaus nicht ohne Interesse sind. In der Lehrerwelt 
unserer evangelischen Volksschule herrscht schon geraume 
Zeit eine Bewegung, für welche jeder Verständige, der ohne 
Voreingenommenheit an die Schulfragen herantritt, nur die 
! wärmste Sympathie hegen kann. Die Lehrer kämpfen in 
energischer, klarer und zielbewußter Weise für die soziale 
und moralische Hebung ihres ganzen Standes. Der wun 
deste Fleck unserer Schulorganisation ist ohne Zweifel die 
geistliche Ortsschulaufsicht, die wie ein Bleigewicht auf 
der sozialen Stellung und dem pädagogischen Wirken des 
Lehrerstandes lastet. Gegen diese geistliche Schulaufsicht 
machen nun die Lehrer mit vollem Rechte Front; schon steht 
die öffentliche Meinung größtentheils auf ihrer Seite und 
bis in die Reihen der Geistlichkeit hinein ist man von der 
Unhaltbarkeit des jetzigen Zustandes überzeugt. Auch die 
Regierung konnte sich dieser Erkenntniß nicht verschließen: 
sie war bereit, das Prinzip der geistlichen Schulaussicht 
zu durchbrechen und für städtische Gemeinwesen von gewisser 
Größe zunächst in fakultativer Weise eine fachmännische 
Aufsicht zuzulassen. Die Erörterungen, welche bei diesem 
Anlaß in der ziveiten Kammer gepflogen wurden, zeichneten 
sich durch ihren friedfertigen, entgegenkommenden Ton in 
vortheilhafter Weise vor früheren Schuldebatten aus. Allein 
die Rechnung wurde ohne die Katholiken und ohne die erste 
Kammer, was in diesem Falle dasselbe ist, gemacht. Der 
bezügliche Paragraph des Gesetzes wurde — wohl ein Unikum 
in der ganzen parlamentarischen Geschichte Württembergs — 
von der ersten Kammer mit allen gegen zwei Stimmen ab 
gelehnt. Unter der sachkundigen Leitung des Herrn von Göz 
und der wirksamen Beihilfe der katholischen Mitglieder der 
Linken (!) gab dann die zweite Kammer, wie üblich nach. 
um „das Ganze" zu retten. Einen erbaulichen Eindruck 
machte das Verhalten einiger katholischen Abgeordneten, die 
selbst Lehrer sind und früher stets für die fachmännische 
Schulaufsicht eingetreten waren. Sie stimmten ein „pater 
peccavi“ an und retteten, wie ihre Gebieter zu sagen pflegen, 
die „Freiheit der Schule". 
Der Blick auf die Gesammtheit unserer parlamentari 
schen Verhältnisse, wie sie in der eben abgelaufenen Session 
zu Tage getreten sind, bleibt hauptsächlich an drei Er 
scheinungen haften, die für die lveitere Entwicklung unserer 
Zustünde von Bedeutung sind. Erstens hat sich mit immer 
wachsender Deutlichkeit gezeigt, daß wir gan,) „reinlich und 
zweifelsohne" ein Centrum haben, obgleich es offiziell 
noch nicht getauft ist. Zweitens hat sich ergeben, daß die 
ganze Parteigrnppirung in der Kammer so unsinnig und 
verworren als möglich ist. Drittens endlich wird jetzt auch 
ein Blinder erkennen, daß ohne Verfassungsreform unser 
weiteres parlamentarisches Leben versumpfen muß. 
Die Vorgänge anläßlich der Berathung des Schul 
aufsichtsgesetzes' hüben bewiesen, was freilich dem tiefer 
Blickenden längst kein Geheimniß mehr war, daß bei den 
katholischen Mitgliedern der Kammer der konfessionell 
kirchliche Gesichtspunkt unter allen Umständen der aus 
schlaggebende ist. Damit haben sie das Recht, sich irgend 
einer anderen Partei auch nur äußerlich zuzugesellen, end- 
giltig verwirkt und die Pflicht, die Konsequenz aus diesem 
Verhalten zu ziehen, d. h. sich auch der Oeffentlichkeit gegen 
über als das zu geben, was sie wirklich'sind — als kath o- 
lische Partei. Daß dieses entscheidende Debüt, welches 
noch mit verhüllter Flagge stattfand, zugleich den Verzicht 
auf eigenes Denken und die bewußte Unterordnung unter 
die Kirche mit voller Deutlichkeit zu Tage brachte, kann für 
die Klärung unserer politischen Verhältnisse nur von Vor 
theil sein. Unähnlich darin ihrem todten Meister, der ge 
legentlich auch die Kirche unter seinen Willen beugte, doku- 
mentiren diese begabten Staatsmänner ihre politische Reife 
damit, daß sie, wie die Küchlein der Henne, sich unter die 
schützenden Fittige der Kirche verkriechen. Sie nehmen das 
Ende einer Entwicklung für deren Anfang und halten sich 
für groß, weil ihnen gütigst erlaubt wird. die Soutane des 
Priesters zu küssen. 
Die Verworrenheit der Parteiverhältnisse in der Kammer 
liegt auf flacher Hand. Eine ganze Reihe vvn Abstimmungen 
hat gezeigt, daß bald Niemand mehr weiß, wer Koch oder 
Kellner ist. Es kann nicht so fortgehen; die parlamentarische 
Abstimmung wird zur reinen Lotterie. Wenn heute der 
Einfluß gewisser Persönlichkeiten wegfiele, die absolut nicht 
fühlen wollen, daß ihnen der Boden unter den Füßen 
längst gewichen ist, so würde sich zeigen, daß auch die 
„deutsche Partei", die eigentliche Mittelpartei der Kammer, 
denn doch noch Elemente in sich schließt, die innerlich 
längst mit dem „nationalen" Phrasen-Humbug gebrochen 
und für die praktischen Bedürfnisse des Volkes noch 
nicht allen und jeden Blick verloren haben. Aus diesen 
Elementen und den nicht-katholischen Mitgliedern der 
jetzigen Linken könnte sich eine wirkliche Linke heraus 
bilden, an bereit möglichst baldigem Zustandekommen Nie 
mand ein größeres Interesse haben müßte als die Regierung. 
Denn gerade die jüngsten Vorkommnisse beim Schulaufsichts 
gesetz haben Jedem,' der sehen will, deutlich genug gezeigt, 
daß der Regierung noch ganz andere und unmittelbarere Ge 
fahren drohen, als ihr je aus einer kompakten und zielbe-
	        

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