Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Homer

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 39 
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aus : Berliner Philologische 
Wochenschrift, Nr.17 
1892,Apr.23,S. 517-1/20 
Hier ist V. 310 usp örj (ppovEw xö xat ü>c 
TETsXeapivov eaxat) ganz und in 312 die Vor- 
Hermann Grimm, Homer. Ilias. Erster bis neunter 
gleichung 6p.tuc 'Aidao noXyai ausgelassen und 
Gesang. Berlin 1890, Hertz. 288 8. 8. 6 M. 
' damit allerdings, wie beabsichtigt war (8. 3), die 
»Mit der Homerforschung stehen diese Auf- 
Hede modernisiert. Aber das ist nicht die einzige 
Zeichnungen außer Zusammenhang“, so beginnt 
Änderung. In den Worten „wo nicht der und 
der Vers. seine Vorrede. Trotzdem ist eine Be- 
jener dazwischen brummt“ merkt man ja auch 
sprechung des Buches auch in einer Fachzeit- 
die Absicht des Übersetzers, den fremden Aus- 
schrift gerechtfertigt. Denn was Grimm gewollt 
druck der Redeweise unseres täglichen Lebens 
hat, das allgemein Menschliche in der uralten 
anzubequemen; aber darüber ist der Sinn des 
Dichtung hervorheben, modernen Lesern zeigen, 
Originals ganz verloren gegangen. Noch schlimmer 
daß sie, um Homer zu verstehen, sich „nie zu 
steht es mit 316 f.: ETtei oüx apa xic X“P tc 0 ev 
sagen brauchen: das waren Griechen, die aus 
|xdpvaa8m ÖYjiotatv etc’ dvopdsi vtuXep.E? alet. Achill 
nationaler Gesinnung so handelten, oder das ge- 
beklagt sich, es sei ihm kein Dank dafür ge- 
schah in weit entlegener, anders denkender Zeit“, 
worden, daß er unablässig gegen die Feinde ge- 
sondern daß „wir selber heutigen Tages so empfinden 
kämpft habe; ein Feigling werde (von Agamemnon) 
und handeln würden, wie die Menschen Homers 
ebenso belohnt und geehrt wie der tapferste Streiter. 
thaten“ (S. 48) — eben dies ist ja doch das letzte 
Was Grimm statt dessen eingesetzt hat, entbehrt 
und eigentliche Ziel aller philologischen Arbeit. 
beinahe jedes Zusammenhanges, nicht nur mit 
Und wenn es uns über der Mannigfaltigkeit und 
dem griechischen Text sondern auch mit den 
Mühe vermittelnder und vorbereitender Thätig- 
vorangehenden und nachfolgenden Gedanken der 
keit leicht einmal aus den Augen kommt, so 
Übersetzung selber. Und doch hätten gerade die 
haben wir alle Ursache, einem Autor dankbar zu 
Heden des neunten Buches einem feinsinnigen 
sein, der, mit ungehinderter Phantasie voraus- 
Interpreten Gelegenheit gegeben, über das, was 
eilend, zugleich unserer Erinnerung und dem Vor- 
von philologischer Erklärung bisher geleistet ist, 
1 ständni» des Publikums zu Hülfe kommt. 
hinauszugehen und durch lebendiges Erfassen d«v 
Grimm behandelt die ersten neun Bücher der 
Situation den Gedankengang, der au einigen 
Ilias teils in erläuternder Paraphrase, teils in 
Stellen springend erscheint, psychologisch zu er- 
Übersetzung. Die Form der letzteren ist eigen- 
klären. 
tümlich. „Die hergebrachten, tönenden Adjektivs. 
Daß Hermann Glimm eine Erklärung dieser j 
sind ausgelassen und breite Sätze oft zusammen- 
Art zu bieten gewillt und befähigt war, zeigt er 
gezogen worden“. Die Sprache bewegt sich in 
an anderen Stellen, weniger in der Übersetzung 
freien, kurzen, daktylischen Versen. Z. B. I 308 ff. 
als in der freien eigenen Darstellung, die den 
(Antwort Achills an Odysseus): 
größten Teil des Raumes einnimmt und nur hier 
Hochgeborner Odyß, Sohn des Laertes. 
und da von Übersetzungsproben unterbrochen wird. 
309. Hier muß ein deutliches Wort gesprochen 
Die Beleuchtung, in die Homers Bilder und Ge- 
werden, 
danken hier gerückt werden, ist ja eine einseitige, 
311. Wo nicht der und jener dazwischen brummt; j 
modern geistreiche; aber eben dadurch tritt mancher 
Mir sind die Leute verhaßt, die anders reden, j 
Zug nun plastisch hervor, der sonst unbeachtet 
Als sie gesinnt sind. Was ich sagen werde, 
blieb, gerade wie es zuweilen lohnend ist, eine 
Denk' ich und werd' ich denken, und das 
anmutige Landschaft durch ein gefärbtes oder 
ändert 
prismatisches Glas zu betrachten. Originell und 
315. Weder der König, noch ein andrer von euch. J 
für die anschauliche Vorstellung wirksam ist 
Denn was nützt es, mit Worten herum- j 
(8. 30 ff.) der Vergleich zwischen den homerischen 
zustreiten, 
Göttern und einer adligen Gesellschaft nach Art 
Wenn man für immer und ewig einander 
der in „Kabale und Liebe“ dargestellten, deren 
feind ist? 
Mitglieder „auf der Höhe des Daseins stehen“, 
Wer im Kampfe sich müht und wer zu Haus 
vielfach gegen einander intrigieren, „jeder vom 
bleibt, 
anderen wissen, daß nichts auf ihn zu halten sei“, 
Wer von niedrer Geburt und wer ein Fürst ist, , 
sobald sich aber „ihre Blicke in die Tiefe wenden, 
Beide machen denselben letzten Abschluß: 
wieder eng bei einander sitzen und den niederen j 
320. Sterben muß zuletzt, wer ein fauler Kerl war, i 
Stand als den Spielball ihrer Launen und als zu Jj 
Und wer sich grenzenlos mühte. 
unbedingter Unterordnung und Verehrung ver- f/
	        

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