Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Homer

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 39 
lagen beider Dichtungen sind von dem griechischen Volke, 
aus seiner Seele, seinem Allgemeinbewußtseiu und seiner 
Gesammtvorstellung heraus, geschaffen. Die Götterwelt 
ist keine Schöpfung Homers, sondern ein Gemeingut des Volkes. 
Möglich, daß sein Genie einzelne Figuren und Vorgänge aus 
dein Olympos und dem Jda schärfer und plastischer heraus 
gearbeitet hat, als sie in der Phantasie des Volkes lebten, allein 
ihr geheimnißvoller Ursprung lag in den Volksvorstellnugeu. 
Hier ist die Wurzel all' der Märchen und Sagen zu suchen, 
die uns in Homer entzücken, die lange vor ihm im Munde der 
wandernden Sänger lebten, lange vor ihm auf den Märkten 
der Städte die Massen und in den Sälen der Burgen die 
Fürsten und ihr Gefolge unterhalten hatten. Wie sein Gedickt 
sich zu diesen Vorlagen verhielt, was er ans ihnen entnahm, 
was er zusetzte, was fortließ, ob es zu seinen Lebzeiten schon 
niedergeschrieben wurde oder sich wiederum nur wie die 
ältesten Lieder eine geraume Frist im Gedächtniß, von einem 
Sängergeschlecht zum andern fortpflanzte — das sind unergründ 
liche Dinge. Jeder kann darüber nach Belieben feine Ver 
muthungen aufstellen. Das aber ist ans den Thatsachen, die 
wir bei der Entstehung aller Volkssagen zu verfolgen im Stande 
sind, ausgeschlossen, daß in dem Kopf und dem Herzen, den 
Gedanken und der Phantasie eines einzigen Menschen das ent 
sprungen sei, was seit der Zeit deö Pisistratus als Ilias und 
Odyssee gilt. Mehr als fünfhundert Jahre waren damals schon 
von dem Tage verfloffen, an dem das erste Lied über den 
trojanischen Krieg erschollen war. Wer will die Wandlungen 
darlegen, die der Stoff seitdem durchgemacht, die Zusätze, die er 
erfahren hatte, reinlich von dem ursprünglichen Kern losschälen? 
Grimm liebt es bei seiner Betrachtung der Ilias ans 
moderne Dichtungen, aus die Nibelungen und Dante, aus Shake 
speare, Goethe und Dickens zurückzugreifen. Seiner Absicht, die 
homerische Dichtung ganz in das Licht der Gegenwart zu rücken, 
sie als ein gestern erschienenes Buch zu genießen, sind diese 
Vergleiche und Beziehungen außerordentlich förderlich und oft 
genug gewähren sie auch dem sinnigen Leser die willkommenste 
Anregung, in der Hauptsache jedoch schieben sie die Ilias in eine 
ihr fremde Sphäre. Zum Vergleich mit der Ilias bieten sich gleich 
sam von selbst die beiden ersten Bücker des Moses und das Buch 
der Richter, einzelne Gesänge des indischen Epos, derjenige Theil 
des Königsbuchcs von Firdust dar, der die alten persischen 
Heldensagen behandelt. Hier haben wir denselben naiven un 
persönlichen Ton der Urzeit. Griechen und Perser, Juden und 
Inder — jedes Volk spricht sich in anschaulichster, lebendigster, 
schlichtester Weise ans. Seine Gedanken, seine Gesinnungen, 
seine Phantasievorstellungen enthüllen und entwickeln sich ohne 
das Zuthun eines „Dichters", der willkürlich zu seinen Zwecken 
daran modelt und formt, wie Shakespeare mit seinen Quellen, 
Dante mit der Geschichte, Philosophie und Theologie des Mittel- 
Dieselbe Fülle und Pracht der dem Leben und den 
Erscheinungen der Natur, aus Wald und Feld, von der Jagd und 
dem Ackerbau, dem Dasein des Hirten und des Schiffers ent 
nommenen Vergleiche findet sich hier, wie im Homer. Ueberall 
begegnen uns Götter, Dämonen und Heroen, überall das Be 
streben, die Thaten und die Kraft der Helden in das Ueber- 
menschliche zu erhöhen. Das Wunder und die alltäglichen Vor 
fälle des Lebens verschlingen sich noch in einander. In die 
Reihe dieser Werke stellt sich die homerische Dichtung nach 
meinem Gefühl: von den drei Männern, die Grimm als 
„gleichwerthig" neben Homer setzt: Raphael, Shakespeare und 
Goethe trennt sie, wiederum für mich, der dunkle Abgrund, 
der zwischen Natur und Persönlichkeit liegt. Was 
Shakespeare aus seinen Quellen heraus schuf, wissen 
wir genau bis zum Einzelnen nachzuweisen, wie Raphael 
für seine großen Kompositionen bei seinen gelehrten 
Freunden Unterstützung suchte und fand, wie er technisch 
aus der Schule des Perngino allmählkg sein Können 
entwickelte und vertiefte, ist Allen bekannt. Niemand, schon zur 
Zeit der alexandrinischcu Gelehrsamkeit, war dagegen im Stande, in 
dieser Weise Homers Schaffen zu belauschen. Schon damals 
war jede Kunde des heroischen Zeitalters der Griechen in der 
Ilias und der Odyssee beschlossen. Die größte Wahrscheinlich 
keit spricht dafür, daß wir durch die Schliemannscken Aus 
grabungen viel mehr davon wissen, viel mehr Ueberreste 
daraus greifbar in dem Schatze des Priamos und den 
Funden ans Mykenä in der Hand haben, als die Archäologen 
und Historiker am Hofe der Ptolemäer. Wenn sckon damals 
die Persönlichkeit Homers zu einem Schatten verblaßt war und 
sein Name vielmehr eine Gattung von Gedichten als einen 
einzelnen Mann bezeichnete, wie dürften wir hoffen, ihr jetzt, 
einundzwanzig Jahrhunderte später, menschlich näher zu kommen? 
Auch der geistreiche Versuch Grimms hält sich im verdämmernden 
Umriß. Selbst die Meinung, daß Homer die Ilias in der Jugend, 
die Odyssee im Alter gedichtet habe, beruht auf der verschiedenen 
Natur und dem verschiedenen Ton der Gedichte, nicht auf irgend 
einer Thatsache. Wie anders bestimmt und sicher tritt uns die 
künstlerische Persönlichkeit Raphaels, Shakespeares und Goethes 
entgegen! Wir fühlen gleichsam ihren lebendigen Athem aus 
ihren Werken heraus. Während in den homerischen Gedichten 
und in den ersten Büchern des Moses, in der Geschichte 
Simsons, in dem Zweikampf zwischen Rustein und Sohrab, 
wenn man die Einleitung Firdnsis zu dem alten Liede fortläßt, 
nichts für mich einen persönlichen Ausdruck hat. Die Dinge 
scheinen zu uns zu reden, nicht ein Mensch, durch dessen Seele 
ihr Eindruck und Wiederschein gegangen. Homer und die Bibel 
haben auch im Bereich der Kunst nichts Gleichwerlhiges neben 
sich; sie sind der vollendete Ausdruck und das einzig für uns 
übrig gebliebene Abbild der Jugend der Welt. Darin liegt 
ihre Größe, ihre Bedeutung, ihre Unuachahmlichkeit. 
Für die griechisch-römische Bildung waren die homerischen 
Gedichte, etwa ein Jahrtausend lang, der Urquell der Poesie, 
der Malerei und Skulptur. Aus ihnen entnahmen die tragischen 
Dichter, die Bildhauer und Maler ihre Fabeln, Gestalten und 
Scenen. Alexander der Große führte die kostbaren Rollen auf 
seinen Feldzügen bis zum Ufer des Indus mit sich. Dann, als 
die bildende Kraft der Hellenen sich erschöpft hatte, nahmen 
d,e Kritiker und Philosophen, die Archäologen und Geschicht 
schreiber die Arbeit an diesen Gedichten auf. Um aus ihnen die 
Gesetze der Kunst zu ziehen, den früheren Zustand des griechischen 
Volkes zu bestimmen, die ursprüngliche griechische Mythologie und 
die Genealogie der Götter festzustellen. In der Ilias und der 
Odyssee fanden die vielverfeindeten, vielverstreuten griechischen 
Stämme das einigende Baud, die gemeinsame nationale Grundlage. 
Mit der griechischen Sprache und Philosophie drang die Kennt 
niß dieser Gedichte in die römische gebildete Gesellschaft zur 
Zeit des Cicero und des Augnstus. Virgil bemüht sich in der 
Aeneide seinem Volke ein ähnliches Werk,zn geben. Die Oden 
und Episteln des Horaz sind voll von homerischen Erinnerungen. 
Mit dem Verfall der antiken Welt verliert sich auch mehr und 
mehr die Kunde Homers. Nur durch Virgil erhält sich während 
des Mittelalters eine schwankende Vorst.llung von Um, dem 
trojanischen Krieg und den Irrfahrten deö Odysseus. Erst in der 
italienischen Renaissance wird er wieder lebendig. In der Mitte 
des vorigen Jahrhunderts geht er der deutschen Dichtung 
wie der Stern der Verheißung auf. Erst scitdein sönnen wir 
tu Deutschland von einer Kenntniß Homers sprechen, 
erst seitdem werden die Ilias und die Odyssee zu Schulbüchern 
und ergreifen durch die Nachdichtungen Schillers und Goethes 
auch die weiteren Kreise der Bildung. Ob ihnen in der Zu 
kunft noch eine solche lebendige Wirkung beschieden ist? Es ist 
mitzlos, sich darüber in Hypothesen zu ergehen. Nur zwei 
Momente treten deutlicher hervor. Für die gelehrte Forschung 
werden dte homerischen Gedichte noch lange," in den mannig 
faltigsten Beziehungen ein fruchtbares Arbeitsfeld darbieten. 
Die griechische Erde ist nicht umsonst durchwühlt worden. Wir 
haben dadurch ein Knlturbild der heroischen Zeit des alten 
Griechenlands gewonnen, wie es weder die Alexandriner 
noch die italienischen Humanisten, weder Goethe 
besaßen. Diese Funde beleben Homers 
Schllderungen nach allen Richtungen, sie zeigen die innere 
und äußere Verwandtschaft zwischen den Zuständen der Wirk- 
uchkett und ihrer Wiedergabe in der Dichtung unwiderleglich auf. 
Man erkennt, wie die Ilias und die Odyssee ans ihnen er- 
w^chlen sind, als der dichterische Ausdruck und die Jdealisiruna 
dieses Heroenthums. Dies im Einzelnen immer genauer uach- 
znweltz'n, ist eine dankbare Atlfgabe der gelehrten Untersuchung, 
wie cs früher die philologische und kritische Betrachtung der 
einzelnen Gesänge der Ilias und ihrer Verbindung untereinander 
L U - ai 'cm rr^ evg '"besten verhält es sich mit der Wirkung Homers auf 
die Masten. Grrmm schreibt einmal. «Achills Erlebnisse stehen in 
der Phantasie der heutigen Menschheit" — ich glaube, daß auchl 
nur bei den Europäern und den Nordamerikanern, von den 
Indern. Chinesen und Japanern, die doch auch zu den hoch 
gebildeten Völkern gerechnet werden müssen, völlig abgesehen, 
die Zahl derer, die je etwas von Achills Thaten gehört haben, 
im Vergleich zu denen, die nie diesen Namen vernommen, eine 
verschwindende ist. Selbst die Schullektüre Homers ist im 
Grunde nur in Deutschland durchgeführt, in England, Frank 
reich und der Union wird mit den homerischen Gedichten nicht 
entfernt der Kultus getrieben, wie bei uns. In der modernen 
englischen und französischen Literatur findet sich keine stärkere 
Spur seines Einflusses. Ist doch schon das klassische Zeitalter 
beider Literaturen ungleich tiefer von den römischen Schrift 
stellern als von den griechischen durchdrungen und erfüllt 
worden. Wie und warum sollte sich dies in der Zukunft 
ändern? Die literarische und künstlerische Strömung, die jetzt 
so entschieden auf das Nationale ausgeht, wird nicht immer die 
Herrschaft behaupten, auch das Weltbürgerthum, das allgemein 
Menschliche in der Kunst wieder zur Geltung kommen. Aber 
dieser neue Humanismus hat mit den klassischen, aristokratischen 
Idealen nichts gemein. Was ist den Volksmasseu Achill und 
Odysseus, Hekliba und Penelope, was das ganze Göttergelichter? 
Im besten Falle ein Bildungselement, das sich längst in die 
allgemeine Kulturatmosphäre verflüchtigt und seine ur 
sprüngliche Form und Schwere verloren hat. Wie die 
kleinen abgegriffenen dünnen Goldmünzen, die aus einer 
Hand in die andere gehen, auch Niemand mehr 
an den Goldbarren erinnern, aus dem sie geprägt 
wurden. Ueber die gelehrte Schule hinaus wird die 
Wirkung Homers sich im Lauf der Zeiten auf einzelne Liebhaber 
und die Kreise höchster Bildung beschränken. Die Ilias kann nie ein 
Volksbuch im Sinne der Bibel werden, nie mehr auf ein größeres 
gemischtes Publikum wie ein Schauspiel von Shakespeare oder 
Schiller einen unmittelbaren unvergeßlichen Eindruck ausüben. 
Ich habe bei der anziehenden und anregenden Lektüre des 
Grimmschen Werkes oft die Empfindung gehabt, als ob niemals 
wieder so schön, so begeistert, in so hingebender Bewunderung 
über Homer geschrieben und phantasirt werden würde, als ob 
dies Buch der letzte Nachklang der Liebe wäre, die Voß, Schiller 
und Goethe dem Herzen des deutschen Volkes für Horner ein 
geflößt hätten. K. Fr.
	        

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