Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Goethe

Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 38 
Bn 33eranlaffung Pon Sermann ©rimm’S: 
dhKif)t = &otfefmtgetn 
Bmeite Auflage, öetlin. £jerb. 1880. 
23on (Steotlj. 
B<h habe aI8 Knabe erlebt, bah bie fftadhridjt 
burdh bte Beitungen ging, ©oethe fei geftorben. 
33iS in bie Sürgerfreife hinein, mo man, mie 
in meiner Familie, oou Sintern nur noch etma 
©ellert laS neben ben Romanen bon ©piefj, 
S3an ber Selbe ober ©pinbler, mo man bon 
©oethe SlidhtS fannte, nicht einmal Söerther’S 
Seiben, ba empfanb man hoch im fernften SBinfel 
SeutfdjlanbS mit, bah ein ©emaltiger aus bem 
beutfdjen Solfe gefdjieben fei, bah man mit ihm 
einen, großen Serluft erlitten habe. 
@3 mar bie Beit, als man unter ©ebilbeten, 
in ©efellfdjaften, in SageSblättern bis gum 
Ueberbrufj bie Brage erörterte, ob ©oethe ober 
©djitler ber ©rohere gemefen fei, als Sidjter, 
als ÜJtenfdh, als fortmirfenbe Kraft. Sludj ich 
gerieth nadh ein paar fahren an bie grage, bie 
in ber Suft lag, bie fich Qebem aufbrängte, ber 
nur etmaS bon ober über unfere beiben Sichter? 
Heroen laS. Plan mürbe baruber inguirirt, eS 
mar Parteifache, man muhte Barbe befennen, 
burfte nicht etma mie ein „SCBilber" im politi? 
fdjen Seben ber ©egenmart bie forage unent? 
fdjieben laffen, etma beibe dichter unb ihre 
SBerfe lieben unb loben, baS hätte für Feigheit, 
BnbifferentiSmuS ober für etmaS ©dhUmmereS 
gegolten. 
©dhiller fam babei am beften toeg. ©ein ein? 
bringlidheS Pathos, befonberS in ben leicht über? 
fehbaren Iprifdhen ©ebidjten, Pallabm tc., fein 
tragifdheS ©efchid machten ihn gum Sieblinge 
ber lefenben SBelt, ber fdhmärrnenben ^ugenb 
audh ba, mo man nicht bie ©elegenheit hatte, 
bon ber Sühne herab feine fuhnen bramatifchen 
Pleiftermerfe in ihrer hiureifienben SBirfung fen? 
nen gu lernen, ©oethe beburfte nicht beS ÜUtit? 
leibS, faurn einmal ber Siebe. Sie Singriffe 
2BoIfgang DOtenjel^S blieben nicht ohne SBirfung; 
©oethe galt nach ihm als ber geborene ©goift 
unb als moralifch anrüchig. SBertljer galt für 
ein lebensgefährliches Such, meil eS ben ©elbft? 
morb Pertheibige unb fdjon manchen jungen 
Ptenfdjen in ben Sob getrieben, SBUhelm 
Pteifter für fittengefährlich, ber Bauft galt für 
fdhlimmer als alle beibe. Plan hütete bie Bu= 
genb Por ihrer Seetüre. 
SieS mar eine fo Perbreitete Meinung, bah, 
als ich begann ©oethe gu lefeit, ein nur einige 
Bahre älterer ©ollege Pon mir, ein braper 
ernfter junger SJlann, mir auS ber Pibliothef 
feines principals ben fHeinife 23ofj Pon ©oethe 
herauSfudhte unb mir erft fpäter, ba ber SKeinife 
mir bureaus nicht gemährte, maS ich fuchte, 
freie SBahl auf eigene ©efahr geftattete. Seihen 
natürlich muhte ich mir bie Sücher. 
Unb nun laS unb tranf ich mich gum erften 
Ttale trunfen unb fatt. ©in ameiter Breunb 
heilte ben ©enuh mit mir. 2Bir entfehieben 
nS, um auch bodh an bem IKufe: £>ie 
Schiller — hie ©oethe! Sheil 3“ nehmen, gu 
[em SluSfpruche: ©oetbe fei ber objectioe Sich? 
pr, ©chiller ber fubjectioe. Sluf biefe Formeln 
urbe ber äfthetifdhe ©treit bamalS oerblafjt ab? 
yapft 
B<h laS bamalS SlUeS, maS mir Pon ©oethe 
gänglich, b. h* Perftänblidh mar. Sahin ge* 
rte „SBahrheit unb Sichtung" nicht, für bie 
were ©ntmidlung eines foldhen ©eifteS hatte 
i noch fein Perftänbnifj. Sann fam eine 
eihe Pon fahren angeftrengter Slrbeit für mich, 
i benen ich faitm Beit unb Ptufie hatte, gum 
(oethe gurüdgufehren, bis ich enblidh in einen 
Bftanb gerieth, wo i(h über meine Bufunft, 
her mich felbft, meine Kräfte, meine SluSfichten 
grabegu in Sergmeiflung gerieth unb feinen 
Slsmeg muhte. Sin Dfath mar nicht gu benfen, 
m« follte ich fragen? Sa führte mir ber 
giiige Bufall ©oethe’S ©elbftbiographie gu. 
Sa-an IaS ich mich gefunb. öatte ich früher 
bei groben Sichter bemunbert, fo banfte idh jeljt 
beu groben Pfanne, ber ba geigt, mie lelbft ein 
ungewöhnliches ©enie als ein gewöhnlicher 
Plenfdh irrt unb ftrebt unb, mo er fidb beS rech? 
ten SßegeS nicht mehr beutlid) bemüht ift, irrenb 
unjb ftrcbenb barauf loS lebt, im guten ©lau? 
beu, bah bie SBeltorbnung ihm guleljt fchoit auch 
feinen piatj anmeifen merbe. 
©iitige Bahre fpäter eroberte idh mir bie 
ÜUtube, einmal ben gangen ©oethe unb bie 
@oethe?Siteratur, fomeit fie Slnfang ber fünf? 
giger Bahre reichte, im Bufammenhange unb 
ununterbrochen burdhgulefen. B<h mill nnb fann 
nicht auSfpredhen, mit meid)’ erneuter, erhöhter 
Semunberuug, benn id) erzähle bieS nicht, um 
bon mir gu fpredhen, fonbern Pon ©oethe, unb 
gmar ^ermann ©rimm’S in ber lleberfdhrift ge? 
nannten Sud)eS megen. — 
©o in ber tiefften ©infamfeit auSgerüftet 
follte mir baS ©liicf gu Sheil merben, balb in 
ben Kreis Pon Semunberern, Kennern, ja noch 
perfönlidjen ^reunben ©oethe’S 3u treten, immer 
unb immer aufs Steue Pon ihm gu Pernehmen, 
gu erfragen, gu f(hauen unb gu hören, bis ich 
guleht bahin gelangte, mir fein Silb perfön? 
lieh in allen Situationen Porgaubern gu föunen. 
Ser getreue ©dermann mab an meiner eige? 
nen Perfon ab, mie ho<h gemachten er gemefen. 
B<h lieh mir eS fdhon gefallen mit einem ©e? 
fühl, als ftänbe ber grobe fUtann neben mir. 
Senn bie Stugen ©dermannS leuchteten auf bei 
ber ©rinnerung als fäh er feinen ©chatten. 
©S mar hier in Kiel auf ber alten herrlich 
ibpllifchen Pabeanftalt, bie jebem alten Kieler in 
ber ©rinnerung in ihrem SBedhfel ben SBechfel 
ber Beiten Porfpiegelt. 2ßir manberten unb fahen
	        

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