Volltext: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Goethe

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 38 
L 
5J* tfwnt ta Me ÄUefe föfirt, ftt efnct fleten ©etoeaung «weift 
3a, et tritt gelegenttf# in ben .fclntergrunb. Siber au# all 
£intergrunbßfigur De^crrfdst er no# baß Sßorlfegenbe, wie bie 
©cftalt Sutlers auf tem Steformationßbilbe 58aulba#’ß. 
So ba&en mir in biefen ©rimm’f#cn Vorlefmtgen ein 53u#, 
baß, an baß £cben unb ©#affen ©cetbe’ß anfnitpf°nb, guglci# 
gu einer £iterar«.?>iftctie, mtb wicberum in ©ntwicflnng biefer gu 
einer ©ef#i#t8barfienung ber gweitcn Jpftlftc beß »origen Saht* 
bunbertß überhaupt wirb. 3« ben glänjeubften spattien gehören 
jene 2lbf#nitte, bte baß Slbftcrben bcß 9Jtitte!aIterß, bann bie 
Stagnation, bcn ©ünEelunb baß Si#erhcitßgcfühl bcß »origen 
Sahihnnbertß f#ilbem&, bajit übergeben, befonberß in ber ©e« 
ftalt SRouffeauß, baß ßebeitbigwerben eineß netten, rabiEal auf« 
täumenben ©eifteß anfchauli# gu wa#en. €Riö3t bloß bie ©tuge, 
au# ber ©ruttb ber ©tnge wirb nnß gegeben. Slüeß cntwitfelt 
ft# auS berir Vollen ttnb Sirigemetncn. 3« biefer 3nt ber fpecial« 
»riffcnf#aft!i#en f5orf#ung ein wahres Sabfal. 
©in fehl’ glücfli#cr ©ebanfe »cn Seiten beß &crrn Vctfafferß 
mar eß, »cn »orn heiein, lute t»ir ic&oit ©iitgangß anbeuteten, 
auf VottiiänbigEeit gu »ergi#ten unb ft# baß Sledjt uorgubebalten, 
rclati» Umcefcntli#eß gu ü&erjpringcn. ©abur# gewarnt er Seit 
unb SRaurn für jene Sftatertcn, bie i&m alß bie mafegebenben er« 
f&iercn. Sluß ber Sabi ber ©oeiljc'fcbcn ©i#’tungen wählt« er 
betf»ielßi»ei|e mir ©oetj, ©Seither, Sßilhelm iffteifter. Sphigenie, 
Kaffo, SBat)Iöeriüa«btf#aften unb fjaufi gu näherer 83etra#tung. 
Sluß bem überKaffo ©efogten (.in ber 17. SSorlcfung) flehe hiet 
baß golgenbe: 
„3m Kaffo lernen t»ir rcdjt Fennen, maß baß fagen »»in „ftjra« 
bolii#e ©iäjtung". 23aß ©oethe hier barfteflt, finb bie ©ebanEen, 
bie tagtägli# in feiner Seele auf» unb nicrergingcn, unb bo# 
haben bie ©reigniffe bcß Stücfeß nicht einen Scbtauncr realer 
©rlebniffc. Unmöglich, auß ben ©efialten beß Kaffo eine einzige 
wirfluhc gigur hcraußguf#älcn. ©3 »raren gang neue ©jefett, 
alle ralteinanbcr gef#affen, nur um ©egriffc unb Vcrhäliniffe 
ju perfenifteiren. Unb gcrabe beßhalb, fc mehr tiefe fsiguren nur 
roiHEitrli#c ©reatureit ©oethe’ß »raren, um fo wahrhaftiger finb 
fie. ©oetlje hat mit ihnen eine neue SBelt ber»orge&ra#t, in bie 
er bie ©ebanfen nieberlegte, bte feine Seele bewegten. Unb hätte 
er ein Stütf jdjrcibeu wollen mit bcn fPerfonen: epergog, £er;c« 
pin, ©oethe, ton Wutfd), fsrau ». Stein, Seng u. f. »». unb 
23ort für SBort Säfte b?neiiige&ra#t, bic i»irfii# gefpro#en »»or 
ten waren, fo würbe bieß, ßtrgli#en mit Saffo, Do# nur eine 
tergängli#e reale fPuppencomöbie geworben fein, geeignet, einige 
Liebhaber fogenannten eyacten SHatcrialß in ©utjüaeu gu feiert, 
fonft aber nicht mit einem Schimmer ber gangen ©Jaftrfteit in 
ft#, bie unß auß Kaffo cntgegenlcu#tet. 
„3nbcm ©oethe Ferrara »erherrlichtc, h a * « ©Seimat ein in« 
birecteß Sob gefpeubet, baß fdjöner ni#t benfbar ift unb auf 
bircctem äöege uiemalß möglich war. So hätte fScimat fetn 
fönnen: er hat eß bargefteOt alß fet cß fo. ©aß ädjte ^errara 
felber ift baburd» 5»t uuperbieutem JRuhme gelangt. Sluß e;ner 
oben ^ürficnrefibcnj gweiten Slangcß ift ein wieberauflebenbcr 
SlbfenEer alten periEleifch'athenifchen Oebenß eutftrtnben. ©ie 
gremben laufen heute in ten langweiligen Strafen »on ^errara 
umher, bie wohl au# im 16. Sahrhunbert niä)t anberß waten, 
mit fu#en bie grofje Vergangenheit ben SKauern ab3uf#nüffe(n. 
©oethe hat au# bie fPerion Saffo’S neugef#affen. Sluß einem 
für beutf#en ©ef#atai leeren Siebter, beffen 2Bcrfe bur#ju« 
lefett he» te wenigen gelingen türfte, fo glängenb 
ihr SLonfatt ift, hat er eine heroifdjc ©eftatt gema#t, 
einen ©eniitß, bem man bie beeilt#{tat SSetfe att»er‘ 
muthet. Unb bieß fjcrrara auß ©oethe’ß ?)hantafie, 
^ürftenfamilie barin, biefen £of unb J^ofbt#ter hat er fo übet 
ü'eugenb wahr gef#affen, ba| bie SBirllidtfcir bagegen ni#t auf« 
Fommt; tie gauge crbi#tete 5)errlt#!eit ift ua#träglt# »on 
©cethc in bis .^iftetie hincmgebra#t uttb bermafeen barin feft- 
gcuagelt worben, bag au# bte ftärffte Frilif#c jlneipgangc ni#tß 
»ricbcr baren loßbefommt. Vtögen wir ftubiren wie wir wollen, 
©octhc’ß Ferrara wirb bie Vlüthe bcß italicnif#en ©afeinß im 
16. Sahrhunbert reptäfentiren, baß »on hier auß mit bem ©lange 
ntilbcr ©efinnung unb ©eftttung überftrahU baftebt, bie wir 
bcrgebUdj fu#en, wenn wir bie wahrhaftigen ©oFumeute ber 3«it 
gu Slathe gichcn. 
Ur.b bo# muffen Wir au# bem gegenüber Wtebcr unß fagen 
©oethe hatte 9te#t. ©§ lebte im Stalicn bcß ©inguecento ein 
©eift, ber fi# perfonificiren lieg, wie im Saffo ge[#el;en ift. 
gjtan tefe wie cß in ©eutj#lanb bamalß guging. ©egenither ben 
büftren SBUbnijfcn ber übrigen Stationen, henf#te im Stalien 
jener «eit eine gepflegtere, fonnigere ©artenttirtf)f#aft, wo golöne 
§rü#te ftitt au bcn Spalieren reiften. 2iut baft bie Seelen ber 
2Jlenf#cn ri#t fo glatt unb offen balagcn, wie fle tm Xaffo fi# 
unß aufthun. 
,3m 23an ber 8lfte, in ber Rührung ber Scenen, im SluBbrmfe 
bet ©ebanFett ift biefcß 23erE »oaenbet unb unübertrefflich. 3«b«8 
2öort ein ©ebatiFe. 
©aß Stücf enthält ni#t§, »»aß SUgiffcurcn ©elegenheit geben 
fönntc, ihre ©cf#icfli#Eeit gu bewciien. ©ß enthält faurn hel 
fen für S#aufpfeler. ©ie ©haraEtcrc finb gn fein außgearbeitet. 
©er hätte am beften gefpiett, tcr fte am wenigfte« perbarb. 
glut langfam fonnte in ©eutf#lanb begriffen werben, maß ©oethe 
mit bem Stücfe gewoüt unb geleiftet hatte, ©er ©ebanEe, bag 
eß überhaupt aufführbar fei, beburfte Saht?« um gut Steife gu 
femmen' ©enn wenn au# bic @#aufpieler ft# fänben, wo fanb 
ft# baß ©it&liEum? Seopolb Stolbcrg f#rieb an Sacobi: „SSaß 
fagen Sie »u ©oethe’ß Saffo? SJiir migffißt bet Kon eminent, 
alarum giebt er bem fleinli# ftolgcn, grogmüthelnben Slntonto 
tiefe ©uperiotät über bcn Sßgling btt SRufeit unb ©ragten?" — 
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