Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Goethe

$ nod? fo feljr bent ©ewüljl ber 9Renfd)en unb ber ©e* 
fd)i$e hingcben: etnfam ift er gu gleicher 3eit unb nur baS 
bewegt feine (Sinfamteit, lr>aß er ba, auS eigener Äraft, gu 
unflerblidjer Sauer gefchaffen hat. ©tiicf für ©tücf werben 
feine irbifdjen ©chtdfale für unfere Bltcfe ft<h gufamnten* 
gtehen. 2Rit immer einfacheren Borten wirb man fie 
abttjun. Sntmer einfamer wirb er bagufteljett fd)cinen 
unb enblidj nichts übrig bleiben, als ©oetbe, ber ©d)öpfer 
bon ©eftalten non ewiger Sugenbfraft." Siefcm ^oloffalbilb 
beS SidjterS, baS er bie beutfdft Brunft bcljerrfdjen fielet, ftellt 
©rimm bie ©djilberung {RomS gegenüber. {Roch gur 3<üt 
©oetlje’S mar {Rom bie ewige ©tabt, bie #auptftabt ber Belt* 
^ fuitnr, jefct burch feinen 2liifgang in Italien ift e$ eine Eonig» 
liebe $aüvtflabt geworben, wie aubere mehr. ©oetbe aber fab 
fie noch tn ihrem 2lbenbrotf)e, in bem wunberbaren, fo nie 
wieber an einem fünfte vereinigten Soppelglange gweter Äul* 
Euren, ber antifen Belt unb ber {Renaiffance. Ser ßreiS ber 
Bilbung mar nod) nicht mcit über bie ©rengen binauSgegogen, 
in benen fie ftd) mäbrenb ber gmeitaufenb einfjunfcert 3a()re von 
bem 3nge 2lleranber’S beS ©ro&en bis gu bem 2luSbrucb beS 
norbamerifanifdjen Unabl)ängigfeitSEriegeS, ber Stellung ÜJolenS 
unb ber ©roberuncj 3 n ^ cnö burd) bie ©uglänber gebalten batten. 
{Rom mar ibr natürlicher SRittelpunft, von feinen Riegeln auS 
batten nach einanber Äaifer unb fPäpfte, bie ©ötter beS 
Capitols unb bie {Reliquien auS ben ßatafomben über 
bie Belt, bie ©eftnnungen unb bie fpbantafle ber SRenfdjen ge* 
berrjdjt. „©oetbe umfing bie $-ütle ber gcfdndjtlicben ©rinne* 
rungen, bie biefe ©tabt auSatbmete, toie ein Staunt, ben er mit 
madjenben Slugen erlebte. 3 n einem enblofen ©eutälbe rollten 
bie ©efebiefe ber SßÖffer vor feinen Slitgen vorüber. Siefe 
Sräurne merbett bent, ber fie gu beqen fähig ift, auch feilte in 
{Rom nod) auffteigen. Beleb’ ein ©efübl, nun ba ber ©d)utt 
von taufenb fahren fortgeräumt tvirb, baS alte ausgetretene 
SRarmorpflafter beS Forums unter ben ©ol)len gu fitbien, über 
baS fo viele Seutfd)e als §elbberren, ßaifer unb ©Haven, als 
©ieger ober S3efiegte einbergefebritten !" ©oetbe ift in ber 
SDRorgcnrötbe beS univerfalen 3*italterS geftorben, in bem bie 
9Renf<bb*it burch ©ifenbabnen unb Selegrapbenbräbte mie in 
einem magifeben {Refce gu einem großen Bunbe vereinigt ift, 
tvo eine gemeinfattte ftultur über il;re früheren engen 
©rengen binauSmacbfenb, allen Bölfern ihr ©epräge auf* 
i brüefen Wirb. Seijt bei bem Sobe unfereS ÄaiferS Bilhelm 
haben mir eine 2leufjerung biefcS univerfalen Zeitalters, ein 
3ufaittmengucfen ber 9Rcnfd)heit erlebt, mie fie in biefer 
Unmittelbarfeit unb ©inftimmigfeit Eein {ReligionSftifter, fein 
•Poet unb Eein fPhilofoph geträumt bat Sie nachhaltige Bir*l 
Eung, bie {Rom in feiner 2Rifd)ung beS Jpeibnifcbcn unb ipäpft* 
lid)en auf ©oetbe ausübte, würbe* mie ©rimm bervorbebt, nod) 
fcabureb verftärft, bafj er in feiner anbern groben ©tabt, unter 
£unberttaufeubcn, ben vielfältigen, unwägbaren unb uitbe* 
fd)reiblid)en ©lententen ber Bilbung, ber {Beobachtung ttttb ber 
2Inregung, bie aus bem Züfammenflufj unb ber {Reibung fo 
Bieler mit {RothweiibigEeit hervorgehen, auSgefefct gelebt bat: 
Berlin bat er nur flüchtig, Bien, fPariS unb fiottboit niemals 
gefeben, nie bat er einem groben, taufenbEöpfigen fPubliEum 
fleh gegenüber unb ihm verantwortlich gefühlt. 
©oetbe’S fPerfönlid)Ecit ift eine fo vielfeitige, fein ßeben 
bei aller Befdjeibenheit unb ©ngigEeit beS {Rahmens, ber eS 
umfdjliebt ein innerlich fo bewegtes, feine Sichtungen ein fo 
unerfhöpflidjer S3orn für bie Betrachtung pnb ben ©enub, bab 
ber ßefer natürlich nicht mit febem fünfte in ©rimrn’S ©d)ilbe* 
rungen unb Urtheilen übereinftinunen Eann, bab er hiev nicht 
eine gröbere SluSführlichfeit, bort ein fhärfereS 3n?ammeufaffen 
münfd)eit fönte, ©o mürbe ich, um eins, toaS mir als baS 
Bidjtigfte erfdjeiut, angubeuten, eine flärlere Betonung ber 
lt)rifd)en Äunft ©oethe’S, ein ©efammtuttheil über feine ©e* 
bichte bem gelegentlichen ©tretfen berfclben vorgegogen haben. 
3n feuer gufammenflellung ber vier Beltbid)ter möchte idj 
Corner ben epifdjen, Sante ben pl)ilofopl)ifd)en, ©hafefpeare 
ben bramatifhen, ©oethe ben Iprifhen Sinter nennen. StUeS, 
maS unS in ©oethe fortreibt, beraufdjt, entgüctt unb gu 
Shräiten rührt, hat ben Iprifhen 3«(J, $au^ uub SDuft. 
{Rieht nur in ben ©ebidflen; and) tm f$auft, im Saffo, 
in ber Iphigenie unb in Bevther flnb bie fehönften ©teilen 
Iprifdber iflrt, {IRignon ift bie verEörperte ©legie, ©hiline bie 
reigenbfte Operettennielobie. Sie ftorm unb ber ©til feiner 
Berenntniffe modite medjfeln unb ihm, bem groben ifünfller, 
mar biefer Bedjfel vieKeid)t eine ebenfo nothmenbige mie an* 
genehme Bcfd)äftipnng, ein gefälliges ©piel ber Kräfte, aber 
ber Äern blieb immer berfelbe: baS ©elegenheitSgebicht, ber 
Iprifche Sluffchret beS ^ergenS: „Unb wenn ber ÜRenfch in feiner 
Öual Verftummt, gab mir etn ©ott gu fagen, maS ich leibe." 
3n biefer Uebermadjt ber ©mpflnbung liegt bie geringe bra* 
matifche ©dflagfraft feiner Sramen, bie nur ergreifen, aber 
niemals crfchüttent, unb ber öbe SluSgang beS Romans Von 
Bilhelm {Öieifter’S ßehrjahren, bem mit bem Sobe ÜRignon’S 
unb bem Untertaud^en {j)l)ifiuenS bie Iprifche ©eele genommen 
mar. 210er wohin habe ich mich vevirvt? „©oetl)e — unb 
Eein ©nbe", unb ich Wollte bodj nur bie Vortrefflichen Bor* 
lefungen ©rimm’S bei ihrem neuen ©rfdjeinen benen empfehlen, 
bie fte noch nicht Eennen. 8. gr. 
kleine 3Jlittheilmtgcu. 
21IS £). von Dberfamp, bamals noch urttev bem 
fPfeuboupm DSEar BerEamp, vor mehreren fahren einen Banb 
{Roveöen unter bem Sitel „Äarhatibcn" hvrauSgab, mürbe bie 
Betfafferin von ber ^ritif als ein eigenartiges Salent begrübt, 
bejfcn weiteren ©djöpfungen man mit Sntereffe entgegenfehen 
müffe. 3cht liegt uns eine neue ©annnlung ihrer {Rovetten 
vor: „Bogen ber ©iinbfluth" (Berlin, Bevlag von 
Bilhelm fsfjleib, ©uftav ©^uhr). Stuf bem einmal ge 
wählten fPfabc ift £>. von Dberfamp meitergefdhvitten; an 
$raft unb ©inbringlid)Eeit hat bie ©barattergeid)nung nichts 
eingebüht, bie ©rflnbungSgabe hat aber aud) nichts 
gewonnen, bie SfitSavbeilnng ber Sabel hält fleh nach mie vor 
in befdjeibenen ©rengen. SaS neue Buch gerfältt in gmei 2lb* 
theilungen, beren febe brei Novellen enthält. SaS Berhältnift 
beS BeibeS gum 9)tanne wirb in fämmtlidhen fed)S ©efchidhteu 
erörtert, währenb aber in ben erften brei als eherner ©runbton 
mieberl)aüt: „SaS Beib ift beS ORanneS ©djitffal unb fein 
ftluch\ prebigen bie brei folgenben ©rgäljlungen bie ßehre vom 
^>eil, bai von ber licbenben ftvau ausgeht unb von. ber ©r* 
löfung brirdh bie 2IUeS füljnenbe unb StUeö vergciheitbe ßiebe. 
£)ber!amp’S ganger bichterifdjer 2lnlage gemäh ift bieferfte 2lb* 
theilung bie weitaus gelungenere. 3« ber gmeiten ift giemlidj 
2lüeS tünftlich gurcdjtgelegt, gegltebcrt unb geformt, Währenb 
in ben elften brei ©efd)id)ten ber ßefer burch bie faft 
bämonifche taft erfchüttert wirb, bie in feffellofer 
©djönheit, in fdhranEenlofer Kühnheit gum 2luSbrutf 
Eonimt. 3n ber 3*i<h ttun 9 folcher ungebärbtgen Äraft* 
naturen ift £). von iOberEamp Bleifterin; bie SetailS 
getingen ihr minber gut; fomie ihre Bauern fpredhen, pflegen 
Bauern ihren ttnflchten nidht SluSbrud gu geben, unb wenn fie 
in ber {RoveUe „{Ruffalfa" nun gar einen fProgef) fchilbert, 
Eommt fle mit ber BtrElichfeit arg in’S ©ebränge. Sic ^elbin 
legt, um ben ©eliebten gu retten, vor ©erlcht ein fte felbfl 
EompromittirenbcS 3eugni| ab unb bie ©efehworenen fpred)en 
ben 2lngeflagten frei; baS ift Ijübfch gefchilbcrt uub Elingt fehr 
romantifd), in BtrElichfeit aber Eommt 3vmattb, ber ein* 
father Unterfdflagung angcflagt 
nicht vor bie ©efehworenen. 
bie {Roveüe „©in Sag ohne 
eines jungen DiflgierS fd)ilbernb, 
häufer — feine Pflicht verfäumte, 
Segen mit Unehve bebeefte unb 
freiwilligem Sobe 
baS Satereffe ber 
hervovtagenber Beife gu Sheil geworben ift ©-rti 
ift, wie hiw ber $elb, 
2lm heften gelungen ift 
2lbcnb", bie ©eelenqualen 
ber — ein mobenter Sann« 
feinen {Rarnen unb feinen 
bie ©chulb f^liehlid) mit 
fübnt. SaS Budh verbient in reichem SRafce 
ßeferEretfe, Weld)eS feinem Borgänger in fo 
bilden lya^iat ber 
aHe»Bittenbevfl, ©eheimen KegierungSrath Dr.ßüljn, 
liUcUiiung befi ©tromeS be{rt)äftigt. Sie anberen 
beiben ©iSbrech« bleiben einftmeilen ^in {Rejerve, um bie SRünbung 
&ortfejjung im erften Beiblatt.
	        

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