Volltext: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Goethe

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 38 
jcflicfjc <$efefeüudj« 
ber tfommiffton für bie SluBarbeitung 
eB beutfä)en bürgerlichen ©efefcbucbeB vor einigen Sftonaten 
bent 5Reid)Bfangler ben fertig gefteUten ©ntrourf übergeben batte, 
Jftadjbrud verboten. 
fernem ©Hmnt wüev ©octlje» 
Sn ber ^Berliner üniverfttät bat Herman ©rimm vom 
5. ©tärg 1874 bis in ben SJtärgmonat beB SaljreB 1875 fünf* 
unbgwangig Sßorlcfungen über ©oetbe gebellten, bie, im Sabre 
1876 gum elften Stale im SDrud erschienen, einen lebhaften 
Entlang in SJeutfcblanb, ©nglanb «nb Slmerifa gefunben haben. 
S)ie englifebe Ueberfehung von Siifj Sarai) ^ouanb StbamB ift 
©merfon gewibmet «nb 1879 in erfter, 1881 in gWeiter Auflage 
unter bem Sitel The life and Times of Goethe berauB* 
gefommen. 33on bem Original liegt jefct bie vierte burd) einen 
JBorbericbt vermehrte Auflage: „©oetbe. SBorlefungen, ge* 
halten an ber fgl. Univerfität gu 93erlin von Her* 
man ©rimm" (^Berlin, SBtlbelm Herb) vor. 
Unmittelbar nad) bem ©rfebeinen ber SBorlefungen bat fie 
Sulian Scbmibt in ber „?RatiottaI*3eitMtg" in feiner eingeben* 
ben, bie ^ernpunfte febarf bervorbebenbe«, ein wenig nüchternen, 
aber Karen «nb buv<bft$ttgen SBeife befprodjen. Sefet eröffnet 
german ©rimm bie vierte Stuflage feineB 33u<beB mit einem 
Jürgen Sßorwort „3« Sulian Sdwiibt’B ©ebäcbtnijj." ©in tafd)er, 
plöfclicber Sob bat Sultan Scbmibt Sonnabettb ben 27. Üftärg 
beB SabreB 1886 über 9tad)t a«B feiner unennüblidjen literari* 
feben Arbeit bittWeggerijfen; er batte baB adbtunbfed&jigftc 
Sabr nur um Wenige Sage übevfdritten. 3twei feiner 
SBerfe, bie ihn bu<r<b baB Ceben begleitet, feine „©ef<bid)te 
ber Stomanti!" im 17. «nb 18. Sabrbtutbert — eB ift 
fein erfteB, originalfteB «nb tieffinnigfteB 33ncb — «nb feine ,,©e* 
fdjicbte ber beutfeben Citeratur von Ceibnig biB auf unfere Sage" 
Werben fein Slttbenfen in unferer Literatur erhalten. Seine 
greunbe ©uftav fjre^tag «nb german ©rimni haben ihm nun 
aud) ein WürbigeB SDenfmal gefegt. „3)em SBebürfniffe beB 
SageB gu genügen", fdjreibt ©rimm von ihm, „war bie Slufgabe, 
bie er ftd) gefteltt batte. «Seine Steinung geltenb gu madjen, 
erfd)ien ihm alB baB Sßornebmfte, «nb er fanb, Wie mit bem 
Sluge beB geübten SßaibmannB, ben SDtonient berauB, Wo ber 
Sdjufj fallen rnufete. Sßar er einmal für etwaB eingetreten, 
bann lieb er nicht wieber ab. Hier ftanb ihm bie ©abe, in 
einem barten Stamm einen barten Äeil ju treiben, gu ©ebote 
«nb eB erfüllte il)n mit SSefriebigung, wenn bie Schläge getroffen 
batten. Sludj wu&te man, baj) er folcbe Äämpfe burebfübrte. 
«w m munm 
rbmtfd)en «nb beB gemeinen | beuijd)en IRecbteB tbeilt. Sin 
biefe ©ruppe fdlliefit ftcb, weil Wefentlid) auf bem gemeinen 
Rechte berubenb, baB bairifdbe jSanbrecbt «nb baB fäcbfifdje ©e* 
•) SBerlag von 3. @uttentag> SBerlin «nb Ceipgig. 
Sieben aller ftreitbaren ©efmnung hegte er ein tiefeB SSebürfnij) 
nach greunbfdhaft, baB fid) biB auf bie Äinber erftredte, bie ifi'm 
befonberB anhänglich waren. Sßenn ich auf ber (Strafe guweilen 
mit ihm ging, bemerJte id), wie bie Sangen in ber 
©egeitb, wo er wohnte, bie Stü^en vor ihm gogen." Sin* 
febaulieb hat ©«ftav Drehtag fein erfteB 3ufammentreffen mit 
Sulian Scbmibt gefd)ilbert: „©B War in ben erften Stonaten 
beB SöbreB 1848, alB id) bei einem S3ef«d) in fieipgig eine 
Keinen £errn gegenüber fajj, bem bübfebe blonbe Coden ein 
runblicbeB, rofigeB ^inbergeftdbt einfabten, «nb ber hinter 
groben JöriUengläfern ftarr «nb febweigfam auf feine Umgebung 
fab- ©B würbe mir gefagt, bab bieB 3«lian Sd)mibt, Sßerfaffer 
beB gelehrten SöerJeB „©efdhicbte ber IRomantif" fei. fiängere 
3eit hörte er febweigenb bem politifeben ©efpräcb mit Gelaunten 
g«, ^löblich ober, alB ihm irgenb eine S3eha«bt«ng mibftel, brach 
ber Strom ber (Rebe auB feinem Swern, wie fdiäumenber 
Söein auB entforfter fjlafcbe. SdjneU «nb fräftig floffen bie 
Söorte im febarfen oftpreubifeben JDialeJt. 2BaB er fagte, war fo flar, 
energifd) «nb warm, bab 8ul* verwunbert guhörten, «nb bab 
bie Unterhaltung nid^t wieber in ghtb Jam, auch alB er geenbet 
hatte «nb ftdh fd)Weigenb hinter feine SSrille gurüdgog." SröeB 
Sßort biefer Sdjilberung möd)te ich unterfd)reiben; genau jo 
habe ich 3«lion Scbmibt viergebn Sabre fpäter in SBerlin 
fennen gelernt. JDamalB in ben jungen Sagen «nfereB SJereinB 
„SSerliner treffe" bin ich oft, munter «nb gefelltg an heiteren 
Slbenben mit ihm gufammen gewefen. ©r war ein guter Srinl* 
genoffe «nb hielt lange auB. £>ie Coden Waren nicht mehr 
jugenbblonb «nb baB Äinbergefidht batte f^hon bie eine «nb bie 
anbere gälte, ©r war bamalB gu unB berübergefommen, um 
bie Ceitung einer neu aegrünbeten ^jolitifd^en SagcBgeitung ber 
Sllt*Ciberalen gu übernehmen. £>ie 3eitung war in ber bamaligen 
Strömung ein tobtgeboreneB Uinb, aber auch water günftigeren 
SSerhältniffen Wäre 3«lian Sdjmibt nid)t ber tintige Sjtann 
an ihrer «Spi^e geWefen. SDie juriftifdhen «nb national=öfono* 
mif^en wie bie politiid)=biftorifd)en Äenntniffe, bie ein politifcher 
Sieöalteur befi^en m«b, fehlten ihm, «nb waB fcblimmer ift, er 
brachte bafitr «nb für bie SDetailfragen, bie jeber Sag aufwirft, 
fein recbteB Satereffe mit. Sein politifdjeB ?)athoB, «nb er hatte 
ein ftarfcB «nb IebeitbigeB, ging immer nur auf bie großen «nb 
allgemeinen gragen; er war and) in ber fPolitil ein äftbetifdjer 
geinfebmeder. 93efreunbet wobb aber nicht einen greunb Sulian, 
meimepr tn eimgett ^aiietT and) gang neue 
S3eftimm«nggn aufgenommen. ©B ift bieB ba gefdjehen, wo bie 
in jepiger 3^it fo rafd) fortfdhreitenbe SSeräitberimg ber SSer- 
bältniffe «nb 33ebürfniffe beB CebenB baB beftehenbe 9icd)t alB 
«ngenitgenb crfdljeineit lieb, inBbefonbere Wo baB le^tere mit 
SRüdfidjt auf bie veränberten SSerbältniffe bereits felbfi 
Scbmibt’B fann ich mich nennen: mein SSerbältnifj gu ©ufcfow, 
meine Neigung «nb SSerebrung für biefen h^rvorragenben unb 
fcböpferifcbeti ScbriftfteHer, ben Saltan Scbmibt, namentlich in 
ben erften Sluflagen feiner Citeraturgefd)id)te unbillig «nb in 
einer mir noch b^te bei einem fo fcbarfftitnigen Äopfe 
febwer begreiflichen SSerfennuitg von ©n^fow’B eigenftem 
SBefen «nb Salent beljanbelt batte, lieb eine inni* 
gere Slnnäberung nicht gu. Slber wir ftnb immer gut mit 
einanber auBgefominen. Sulian Sd)mibt, ber feine 6icbe fo 
wader «nb unvergagt auBgntheilen wufete, brach aud) nicht 
gleid) gufammen, wenn ber #ieb eineB ©egnerB ihn traf. S)a» 
malB nun batte er ber boBbaften «nb in einigen fünften 
gerabegu verniebtenben 93rofchüre CaffaUe’B «nb Cothar SBudjer’d 
,,^crr 3«Iian Scbmibt ber Citerarhiftorifer mit Sejjer*Scholieit" 
1862 gegenüber baB S3ebürfnib eineB SlnfcbluffeB, er ift feit« 
bem einer ber treneften «nb biB gu feinem Sobe tätigen 
ffiftitarbeiter ber „National *3eitung" gewefen. SBie viel# 
ber Von ©uftav greptag fo treffenb gefebilberten S3lätter 
— „bie Von oben biB unten voll betriebenen, auf 
betten nur feiten ein Sßort forrigirt war, bereit Sftüd* 
feite mit algebraize« gormeln befcbricben waren: foldjeB 
öiedhnen trieb er unabläffig alB Privatvergnügen gur ©rbolung" 
— mit ihrer flaren, beutlidjen Schrift, voll verftänbiger, geift* 
reicher ©ebattfen, ohne Sßortpomp «nb Äünfteiei ftnb mtr in 
mehr alB gwangig fahren bureb bie £änbe gegangen. SJtir 
gur greube «nb ©rquidung «nb ben Cefern oft gur ©r* 
bauuttg, immer pr S3elehrung. 3a Saltan Sdjmibt’B Äritif 
herrfebte, gu einfeitig für mein ©efühl, bie Sßerftänbigfeit «nb 
eine gewtjfe Stüdlternheit vor; ihm felber mtbewubt fpielte ber 
©nbgwed, bie Utühlidjleit ober Sdhäblicbfeit eineB literarifchen 
SßerteB eine Hauptrolle in feiner S3e«rthrilung, bentt il)tn 
fehlte ber Sinn für baB anmuthig Säitbclnbe, baB rein 
Sjjielerifche «nb Phantaftifdhe in ber 2)id)tfunft «nb bie greube 
an bem giellofen Slbentcuergang ber ©iubilbung; er war mehr 
auB ber Philafvphte, alB a«B ber Äunft gur Äritif gefommen. 
Slber biefen SJtangel «nb «nüberwinblidje Slntipathien — obgleich 
tdh auch hier wieber greptag’B Urtheil betätigen fanit, bah „er 
mit ben Sahren nidht abfprechettber «nb ntürrifdjer, fonbern 
ntilber, vielfeitiger «nb anerfemtenber würbe" — billig alB 
menfehiidje Schwädjen gitgugeben, wirb Sultan Scbmibt immer 
gu unferen bebeutenbften wudjtigften unb muthiflften Äritifera
	        

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