Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Leben Raphael's

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Abfertigung. 
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Die Dresdener Kunstsammlungen. 
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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 37 
Sache, daß er versichert, „seine Darlegung hätte nur be 
zweckt, den Beweis zu liefern, es könnten die von Vasari 
namhaft gemachten Meister 1507 nicht im Vatican 
thätig gewesen sein." Wenn die Behauptung des Herrn 
Herman Grimm, von einer Reise Perugino's nach Florenz 
um die Zeit, da Raphael für Cittä di Castelle Bild er 
matte, „sei faktisch nichts bekannt" (S.65,Z. 6 v. o.) 
durch die Hinweisung auf eine bei Gaye publicirte Ur 
kunde zurückgewiesen wird, so reitet sich Herr Herman 
Grimm so aus der Noth, daß er erklärt, er habe diese 
Urkunde gleichfalls gelesen und an einem anderen Orte 
citirt. Solche Kunstgriffe müssen einem Menschen, der 
eine verlorene Sache vertheidigt, nachgesehen werden. 
Herr Herman Grimm geht aber noch weiter. Er besitzt 
die Dreistigkeit, sogar was schwarz auf weiß vor Aller 
Augen steht, zu bestreiten. Er wird getadelt, daß er den 
Zeitpunkt des Eintrittes Raphael's bei Perugino nicht 
genau bestimme, da sich derselbe doch aus bekannten Ur 
kunden mit Sicherheit feststellen lasse. Gegen diese Un 
gerechtigkeit verwahrt er sich feierlich, er führe das Jahr 
1500 als den zweifellosen Zeitpunkt des Eintrittes 
Raphael's bei Perugino an. In seinem Buche heißt es 
aber wörtlich (S. 57, l. Z. v. u.) so: „Wenn wir das 
Jahr 1500 als dasjenige des Eintritts Raphael's bei 
Perugino annehmen, so verdanken wir dieses Datum nur 
der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Pungileoni, dem Passa- 
vant folgt, läßt Raphael bereits 1495 bei Perugino in 
die Lehre gehen." Herr Herman Grimm versichert in 
seiner Entgegnung, meine Kritik seiner „Theorie" von 
der Entstehung der Raphaelischen Grablegung berühre 
ihn nicht, weil ich mich aus seine Darlegung „gar nicht" 
einlasse. Die Vergleichung mit meinem Aufsatze zeigt, 
daß Herr Herman Grimm hier abermals das Gegentheil 
der Wahrheit ausfpricht. Schritt für Schritt wird da 
selbst seine sogenannte Theorie verfolgt, es wird nach 
gewiesen, daß Raphael nicht, wie Herr Herman Grimm 
meint, ein antikes Relief als Quelle benützte, am wenigsten 
das von Herrn Grimm dafür ausgegebene, den Tod 
Meleager's im Museo Capitolino, daß die Raphaelische 
Zeichnung: „Tod des Adonis" nicht zu den Skizzen für die 
Grablegung gerechnet werden dürfe u. s. w. Das heißt 
in der Sprache des Herrn Grimm: sich gar nicht auf 
seine Darlegung einlassen! Nicht genug daran. Mit 
sittlicher Entrüstung weist Herr Herman Grimm den Vor 
wurf zurück, daß er ein und dieselbe Urkunde zu verschie 
denen Zeiten verschieden lese. Seine Ungläubigkeit zwingt 
mich, noch deutlicher mich über diesen Punkt, als ich es in 
der Kritik gethan habe, ansznsprechen. Dort wies ich 
nach, daß Herr Herman Grimm Raphael's Vollmacht an 
Canigiani einmal auf das Jahr 1502 und Raphael's 
Thätigkeit in Siena, das andere Mal aus das Jahr 1507 
und Raphael's Wirksamkeit in Rom beziehe. Das war 
zu schonend ausgedrückt. Nicht zu verschiedenen 
Zeiten, sondern gleichzeitig in seinem Buche über 
Raphael benützt Herr Herman Grimm beide 
Datirungen und gründet auf jedes Datum weit 
gehende Folgerungen. 
Herr Herman Grimm schloß seine erste Publikation 
des Dokumentes (K. u. K. II, S. 117) mit folgenden 
Worten: „Und so hätten wir denn von Raphael's Hand 
die Bestätigung, daß er im Juli und December 1502 in 
Pintnricchio's Diensten arbeitete." Er hatte vollkommen 
recht. Wenn die von ihm beliebte (erste) Leseart ange 
nommen wird, so kann kein Zweifel über Raphael's Auf 
enthalt in Siena und seine Mitwirkung an Pinturicchio's 
Malereien im Jahre 1502 walten. Auf Grund dieses 
Dokumentes wurde nun auch die Chronologie Raphael's 
geregelt. Crowe und Cavalcaselle (Gesch. d. I. M., d.A., 
IV. Bd. S. 307. A. 92) heben ausdrücklich hervor, daß 
durch Grimm's Entdeckung „die Gemeinschaft der Künst 
ler in dieser Zeit (d. h. 1502) bestätigt würde." Und 
zwar allein und ausschließlich bestätigt. Alle 
anderen Umstände sprechen gegen das Jahr 1502. Pintu- 
ricchio macht sich in seinem Kontrakte vom 29. Juni 1502 
anheischig, Zeichnung und Uebertragung auf die Wände 
mit eigener Hand zu liefern, und schon am folgenden Tage 
soll er Raphael die Anfertigung von Zeichnungen über 
lassen haben. Raphael's Antheil bezieht sich nicht auf 
die Deckenmalerei in der Libreria, welche allein im Jahre 
1502— 1503 vollendet wurde, sondern auf die Wand 
gemälde, welche erst seit 1504 angefangen wurden. Nichts 
wahrscheinlicher, als daß auch Raphael erst, nachdem sein 
alter Lehrer Perugino Perugia verlassen hatte, nach 
Siena ging. Aber im Angesichte des von Grimm (aus 
dem, wie wir freilich jetzt sehen, überaus verdächtigen 
Urkundenschatze eines Majors Kühlen) publicirten Doku 
mentes mußten diese Zweifel zurücktreten. Ist dieses 
ächt und Grimm's erste Leseart richtig, so bleibt es bei 
dem Jahre 1502. Sobald man die Leseart ändert, 
muß auch das Jahr 1502 als die Zeit des 
Sienenser Aufenthaltes Raphael's gestrichen 
werden. Dieses gibt auch jetzt Herr Herman Grimm 
in seiner „Abwehr" zu; er rechtfertigt sein vollständiges 
Uebersehen der ersten, in der Literatur bereits angenom 
menen Leseart mit folgenden Worten: „Hiermit war alles 
von mir an die Zahl 1502 Geknüpfte derart hinfällig 
und überflüssig geworden, daß ich es bei der Benutzung 
des Dokumentes im ersten Theil meines Buches über 
Raphael einfach fortlassen zu dürfen glaubte." Hat aber 
Herr Herman Grimm wirklich, wie er jetzt behauptet, das 
Dokument in seinem Raphael nur für das Jahr 1507 
(neue Leseart) als Quelle angezogen? Nein. Er hat es 
in demselben Buche über Raphael auch für das Jahr 1502 
(alte Leseart) verwerthet. Im Raphael (S. 79, Z. 3 v. u.) 
heißt es wörtlich: „Vasari weiß weder, daß 1502 das 
Datum der Sienenser Arbeiten, noch 1504 das 
des Sposalizio ist." Das Jahr 1502 als Datum der 
Sienenser Arbeiten ist aber einzig und allein durch das 
von ihm publicirte Dokument gegeben. Hier also hält 
Herr Herman Grimm noch an der ersten Leseart fest, hier 
ist sie ihm also nicht, wie er versichert, hinfällig geworden. 
Dasselbe Dokument dient ihm in seinem Raphael (S. 79) 
dazu, Raphael's Aufenthalt in Siena 1502 zu beweisen, 
in demselben Buche (S. 183) dazu, Raphael's Ankunft 
in Rom schon im Jahre 1507 zu bestimmen. 
.Nach diesen Ausführungen überlasse ich es getrost 
jedem unbefangenen, von der Sachlage unterrichteten Leser, 
sich sein Urtheil über Herrn Herman Grimm als wissen 
schaftlichen Arbeiter zu bilden. Ich bin leider nicht in 
der Lage, die gegen Herrn Herman Grimm erhobenen Vor 
würfe und Anklagen zurückzunehmen, muß dieselben viel 
mehr in ihrem vollen Umfange aufrechthalten. 
15. Februar 1872. Anton Springer. 
Die Dresdener Kunstsammlungen. 
4 In diesen Tagen ist ein officieller „Bericht über 
die Verwaltung der königl. Sammlungen für Kunst und 
Wissenschaft zu Dresden in den Jahren 1870 und 1871" 
erschienen, ans welchen, bei der Bedeutung dieser Samm 
lungen, hierdurch hingewiesen sei. Den Mittheilungen 
über die beiden Verwaltungsjahre sind einige geschicht 
liche Bemerkungen vorausgeschickt. Von Interesse da 
runter ist besonders das, was über den Ursprung der 
Sammlungen gesagt ist, da nach dieser Richtung in der 
Geschichte derselben eine Lücke besteht und manches Un 
genaue und selbst Falsche vorliegt. Die Sammlungs 
objekte waren demnach ehemals theils zum Schmuck in den 
Wohn- und Festräumen der Schlösser, theils in besondern 
„Kammern" aufgestellt. Einige dieser „Kammern" waren 
bereits im 16. Jahrhundert den Reisenden zugänglich. 
Die ersten Einrichtungen für die öffentliche Benutzung 
der Sammlungen als Mittel der Belehrung wurden jedoch 
erst unter August dem Starken in's Leben gerufen, und als 
das eigentliche Stiftungsjahr der öffentlichen k. Samm 
lungen ist das Jahr 1727 zu betrachten. In schätzbarster 
Weise geben diese Feststellungen weiteren Forschungen 
Anregung und Halt. 
Unter den allgemeinen Angelegenheiten, mit welchen 
sich die Generaldirektion in der Verwaltungsperiode 1870 
und 1871 beschäftigte, sind besonders die Maßregeln für 
die Erweiterung des öffentlichen Besuchs der Sammlun 
gen hervorzuheben, Maßregeln, die von den günstigsten 
Erfolgen gekrönt worden. Nur bei der Porzellan-Samm 
lung sind noch ausschließlich sogenannte Führungen üblich; 
aber auch diese Sammlung soll, in derselben Weise wie die 
übrigen, von nächstem Frühjahr ab dem Publikum geöffnet 
sein. Die Porzellan-Sammlung wird, ebenso wie das 
historische Museum, künftig ein geeigneteres Ausstellungs 
lokalin dem alten Galeriegebäude sinden, welches gegenwär 
tig zu diesemZwecke umgebaut wird. Von dem vielfach ange 
regten Projekte, das historische Museum und die Porzellan- 
Sammlung zu einem Kunstgewerbemuseum zu verschmelzen, 
hat man geglaubt Abstand nehmen zu sollen, weil — wie 
der Bericht sehr richtig ausführt — das vorwiegend ge 
schichtliche Interesse zahlreicher Gegenstände des historischen 
Museums in demselben keine Stätte finden würde, wäh 
rend die in dieser und der Porzellansammlung befindlichen 
eigentlich kunstgewerblichen Gegenstände wiederum nicht 
hinreichen, um den Grundstock einer auch nur an 
nähernd systematischen Reihe von mustergiltigen Vor 
bildern für die Kunstindustrie zu bilden. Bei der nahen 
räumlichen Vereinigung beider Sammlungen, wobei die 
an das Gebäude anstoßende Gewehrsammlung in orga 
nische Verbindung mit der reichen Waffensammlung des 
historischen Museums treten wird, sind jedoch von der 
neuen Aufstellung alle diejenigen Anregungen zur Benutzung 
> von Seiten der Kunstindustrie zu erwarten, zu denen der 
Inhalt der Sammlungen überhaupt Anlaß bietet. Als 
künstlerischer Schmuck des neuen Lokals des historischen 
Museums sind die Schnorr'schen Kartons zu den Wand 
gemälden der Kaisersäle in München bestimmt, welche 
von der Regierung angekauft wurden. 
Die Vorkommnisse bei den einzelnen Museen und 
Sammlungen werden sodann in dem Berichte mit der 
Bemerkung eingeleitet, daß Verluste und Beschädigungen 
für die erwähnte Verwaltungsperiode nicht zu beklagen 
sind. Was zunächst die Gemälde-Galerie betrifft, so ist 
über die Aenderung in der Aufstellung der Gemälde wie 
über deren Vermehrung in diesem Blatte (in einer Dres 
dener Korrespondenz) bereits berichtet worden. Im 
Uebrigen ist zu erwähnen, daß eine Reihe von Vorsichts 
maßregeln gegen Feuersgefahr, zu denen der unglückliche 
Brand des Hoftheaters Anlaß gegeben, in Aussicht ge 
nommen und zum Theil im Laufe der Verwaltungsperiode 
durchgeführt worden sind. Ferner ist die Herstellung 
photographischer Originalaufnahmen nach den Gemälden 
der Galerie eingeleitet, ein Unternehmen, über welches 
ebenso wie über die neue Einrichtung der Kabinete der 
Rasfael'schen und Holbein'schen Madonna die nächste 
Mittheilung berichten wird. Auch die Sammlung der 
Kupferstiche und Handzeichnungen wurde, wie die übrigen 
Sammlungen, mannichfach vermehrt. Während der Winter 
halbjahre ward unter zahlreicher Theilnahme des Publi 
kums ein Theil der Handzeichnungs-Sammlung in kunst 
geschichtlicher Folge zur Ausstellung gebracht. Das in 
neuester Zeit wieder aufgenommene Unternehmen der 
Herausgabe von Kupferstichen nach Gemälden der hiesigen 
Galerie, als Fortsetzung und Abschluß des im vorigen Jahr 
hundert durch von Heinecken unternommenen Galerie 
werkes, gelangte bis zur Vollendung von Blatt 49 des 
gleich den beiden früheren auf 50 Blatt berechneten III.
	        

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