Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

Literarische Revue. 
397 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 36 
man vielen, in mancher Hinsicht nicht unbedeutenden Romanen der jüngsten Zeit das 
gleiche Lob versagen muß. Dies gilt auch von dem Roman Hermann Grimm's: 
^Unüberwindliche Mächte" (3 Bde., Berlin, Wilhelm Hertz), einem Werk, dem man 
das ZaPMn und Streppeln nach Classicität allzu sehr anmerkt und bei dem die vor 
nehme Geste des Stils ost ins Affectirte und Manierirte übergeht. Wir stellen die 
Novellen Hermann Grimm's hoch wegen ihrer stimmungsvollen Darstellung und der 
Vollendung des Details; doch es ist noch eine große Kluft zwischen dem Novellisten und 
Romandichter. Letzterer muß mehr aus dem Vollen schöpfen; er bedarf des umfassenden 
Compositionstalents, der nachhaltigen Begeisterung. Ein Roman darf nicht aus anein 
andergereihten Novellen bestehen; er muß aus einem großen Wurf hervorgehen und mehr 
die Breite des äußern Lebens in sich aufnehmen, während die Novelle für ihre psycho 
logischen Aufgaben nur den stimmungsvollen Hintergrund sucht. Die Erfindung nament 
lich muß reich und bedeutend sein, Gruppen ordnen und ineinandergreifen, in eine Fülle 
von Lebensbildern den Gedanken der künstlerischen Schöpfung aufgehen lassen. Hermann 
Grimm's Roman ist in Wahrheit nur eine in die Länge gedehnte Novelle; die Erfindung 
ist dürftig und unwahrscheinlich; die Irrfahrten des Helden und noch mehr der Heldin 
diesseit und jenseit des Oceans sind unmotivirt und die Katastrophe wird durch einen 
Zufall herbeigeführt, durch einen veus ex machina, der dem Verfasser das Zeugniß 
ausstellt, daß er mit dem Roman sonst nicht zu Ende kommen konnte. Die Heldin selbst 
stirbt, nachdem der Held von dem Autor zu Pulver und Blei begnadigt worden ist, an 
der Schwindsucht, so wenig Talent das frische und gesunde Mädchen vorher zu dieser 
Krankheit zeigte. Kurz, es sind fadenscheinige Motive, die in einer kurzathmigen No 
velle, wo der psychologische Proceß allein das Interesse gefangen nimmt, vielleicht an 
wendbar waren, in der breiten Ausführung eines Romans sich aber zu sehr als Esels 
brücken für die Verlegenheit des Autors offenbaren. 
Die Tendenz des Romans ist eine durchaus berechtigte. In demselben Berlin, wo 
Hermann Grimm heutigentags neben Paul Heyse die Töchter der Geheimrathsfami 
lien entzückt, dichtete einst Chamisso sein Lied von dem unglücklichen Manne, dem, wie 
er sich auch drehen mochte, der Zopf immer hinten hing. Ein solcher Mann ist auch 
Arthur, der Held des Romans; der Zopf, der ihm hinten hängt, ist der Zopf des ari 
stokratischen Vorurtheils, den der Dichter im erhabenen Stil der Tragödie das Prädicat 
„Unüberwindliche Mächte" zukommen läßt. Seit den Zeiten deö Kotzebue'schen Don 
Ranudo de Colibrados haben die Dichter aber einen derartigen Zopf meistens mit dem 
Draht der komischen Muse zurechtgedreht, und man muß einräumen, daß das aristokratische 
Vorurtheil für die Frisur der Melpomcne einen wenig geeigneten Schmuck trägt. Auch 
in diesem Roman zeigt es sich meistens in genreartigen Zügen; der Held gewinnt, dem 
Leben und der Liebe gegenüber, eine ungemeine Schwerfälligkeit. Ihm misglückt alles, 
er führt alles verkehrt aus und als er endlich in den Hafen gelangen will, läßt ihn 
der Dichter scheitern. Auch die folgenschwere romanhafte Vorgeschichte, das Kammer 
mädchen, das um seinen guten Ruf gebracht wird, indem ein Sünder, der ganz andere 
Intentionen hatte, ohne ihr Wissen in ihr Schlafgemach gesperrt wird, verträgt in Wahr 
heit doch nur eine komische oder humoristische Behandlung und nimmt sich in der falten 
schweren Toga der Grimm'schen Darstellung auffallend genug aus. 
Was diese Darstellung selbst betrifft, so ist ihr wol Sauberkeit, Eleganz und An 
schaulichkeit nachzurühmen; einzelne Genrebilder, die Nachtfahrt im Schneefall, die Ver 
wundeten in der böhmischen Kirche u. s. w. verdienen alles Lob; in den Gesprächen und 
Betrachtungen zeigt sich feine Bildung in gewählter Form; doch erreichen auch die Ein 
zelheiten in diesem Roman nicht die stimmungsvolle Beleuchtung der frühern Novellen. 
Es fehlt die Fülle und Frische einer frei sich ausströmenden Productionskraft, Vorzüge,
	        
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