Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

Chronik der Gegenwart. Literarische Revue. 
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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 36 
Weltgeist verschlingt seine alten Gebilde immer nur, um sie neu zu gebären, und aus 
diesem wildwirren Getreibe geht still und sicher eine lichte Gestalt auf, eine neue Ge 
burt des Universalgeistes, deren inneres substantielles Drängen die Triebkraft in dem 
anscheinend planlosen Getümmel war". 
Chronik der Gegenwart 
Literarische Revue. 
Von den beiden Aufgaben, welche dem Roman der Neuzeit zufallen: ein Culturbild der 
Gegenwart zu entrollen, oder ein Gemälde geschichtlicher Vergangenheit, hat der deutsche 
Roman in jüngster Zeit vorzugsweise die erstere zu lösen gesucht. Gutzkow's „Die Ritter 
vom Geiste" und „Der Zauberer von Nom", Freytag's „Soll und Haben" und „Ver 
lorene Handschrift", Auerbach's „Auf der Höhe", die Romane von Fanny Lewald, Spiel 
hagen, Hackländer u. a. sind moderne Culturromane, welche die Strebungen und Rich 
tungen der Zeit, die staatlichen und socialen Verhältnisie und Probleme, die Stellung 
der Stände und ihre gegenseitigen Beziehungen, die confessionellen Unterschiede und ihre 
feinsten Nuancen in freierfundener Handlung wiederspiegeln. Man darf sogar sagen, 
daß die deutschen Schriftsteller die Aufgabe, den Roman als ein Culturcpos aufzufassen, 
ernster genommen haben als die französischen, mit Ausnahme von Eugene Sue und Victor 
Hugo, indem die besten Romane einer George Sand und der meisten andern Schrift 
steller nicht viel mehr sind als Novellen, welche einen einzelnen psychologischen oder so 
cialen Conflict ausbeuten und auf die umfassende Darstellung des modernen Lebens ver 
zichten. 
Der historische Roman ist in jüngster "Zeit am wenigsten künstlerisch behandelt wor 
den, in der Regel nur als Memoirenroman, als ein Zwitterding von Geschichte und 
freier Erfindung, sodaß von seiten der Leser meist der Hauptnachdruck auf die bequeme 
Aneignung des geschichtlichen Stoffes gelegt wurde, ohne Rücksicht auf Wahrheit und 
Treue, da diese von den Autoren oft wieder den Zwecken der Unterhaltung zum Opfer 
gebracht werden. Eine Ausnahme macht namentlich „Der deutsche Krieg" von Heinrich 
Laube (Leipzig, H. Häsiel), ein in Stil und Ausführung von künstlerischen Intentionen 
durchdrungener Roman, und wird jedenfalls auch Karl Gutzkow's „Hohenschwangau" 
(Leipzig, F. A. Brockhaus) machen, ein Roman, über den sich vor seiner Vollendung 
kein Gesammturtheil fällen läßt, so sehr man auch bisher schon im einzelnen die leben 
dige und saubere Ausführung der Genrebilder und das Hineinleben in den Geist der Re 
formationszeit, mit welchem auch der naiv-treuherzige Stil der Darstellung gesättigt 
ist, rühmen mag. 
Der moderne Roman hat in jüngster Zeit bedeutsame geistige Richtungen der Gegen 
wart in sich aufgenommen, wie die von Lasialle ausgehende sociale Reformbewegung und 
die Schopenhauer'sche Philosophie. Das erstere ist der Fall in dem neuen Roman 
Friedrich Spielhagen's: „In Reih und Glied" (5 Bde., Berlin, Otto Ianke), das zweite 
in dem Roman von Max Ring: „Ein verlorenes Geschlecht" (6 Bde., Berlin, Otto 
Ianke). 
Friedrich Spielhagen ist ein Autor von durchaus modernem Zuschnitt, geistreich, 
pikant, von jenem wühlenden Skepticismus in Gefühl und Reflexion, wie er einmal 
diesem Zeitalter eigen ist trotz der Solidität und Charakterfestigkeit der Freytag'schen 
Commis und all der guten Leute und schlechten Musikanten, welche die Tugendprämien
	        

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