Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

Literarische Revue. 
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Chronik der Gegenwart. 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 36 
sich wiederholen muß, wo mit dem Princip der Staatshülfe der praktische Versuch ge 
macht wird. Was aber den Gegensatz, die Selbsthlllfe betrifft, so ist sie gar nicht in 
Handlung umgesetzt, es sind nur Declamutionen und Predigten, in denen sie zur Gel 
tung kommt. Der Lehrer Walter, ein Liberaler, der Leichenredner Arzt Paulus und 
der Verfaffer selbst stehen auf ihrer Seite, wie der Titel seines Romans „In Reih und 
Glied" beweist, für den der Schlußsermon die folgende Erklärung gibt: „Richt tragen 
sollt ihr einander, sondern stützen und schützen wie die Bäume im Walde, wie Soldaten 
in Reih und Glied. Denn wenn jeder redlich sich selbst zu helfen versucht, wird er 
auch den andern helfen können, wo es noththut." So sagt auch der Arzt Walter: „Der 
einzelne ist nichts als ein Soldat in Reih und Glied. Als einzelner ist er nichts, als 
Glied des Ganzen unwiderstehlich." „Wo bleiben die Feldherren?" hätte Leo erwidern 
können; denn noch hat das taktische Genie größere Bedeutung als die Kugelspritze. 
Insoweit der Spielhagen'sche Roman argumentirt, kann man ihm daher, wie gesagt, 
keine Beweiskraft zuschreiben. Immerhin aber bleibt es ein Verdienst, uns bedeutsame 
Richtungen einer gärenden Zeit nach verschiedenen Seiten hin vorgeführt zu haben. Die 
Arbeiterbewegung ist in Deutschland noch in ihren Anfängen, was aber an ihr praktisch 
ist, erscheint wenig poetisch. Warum hat Spielhagen kein Kapitel für den Consum- 
verein oder Vorschußverein übrig? Das sind doch Resultate, die in „Reih und Glied" 
erkämpft wurden. 
Wenn dem Roman indeß auch die künstlerische Lösung seines Problems nur halb 
gelungen ist, so hat er doch große Vorzüge der Darstellung; der Stil ist elegant, pikant 
und glänzend; einige Charaktere, z. B. Sylvia, sind originell und geistvoll durchgeführt. 
Die geistige Atmosphäre ist durchleuchtet von allen Reflexen moderner Bildung; der 
Salonton ist von ihrem Rasflnement durchdrungen und in den Volksscenen ist Leben und 
Bewegung. So ist der Roman immerhin ein anerkennenswerthes Spiegelbild unserer 
Tage und Zustände. 
Die Schopenhauer'sche Philosophie, ein nicht unbedeutendes Ferment des geistigen 
Lebens der Gegenwart, hat Max Ring in seinem bereits erwähnten Roman „Ein ver 
lorenes Geschlecht" zu einem der verschiedenen Factoren gemacht, welche dieses moderne 
Culturbild zusammensetzen. Der Vertreter derselben, der gleich am Anfange des Ro 
mans aus den Fluten der Seine gezogen wird, wo er daS Nirwana sucht, kommt freilich 
nicht über die Bedeutung eines Chorus hinaus, der mit seinen pessimistischen An 
schauungen und Theorien die Handlung begleitet. Daß dieser Philosoph eine Epoche des 
Wahnsinns durchmacht, erinnert an Schoppe in Jean Paul's „Titan". Man würde 
ihn indeß für eine, wenn auch intereffante, doch müßige Episode halten müssen, wenn 
nicht die Handlung selbst dieselbe pessimistische Färbung trüge. Denn wenn auch die 
entgegengesetzte Weltanschauung zum Ausdruck und zum endlichen Siege gelangt, so knüpft 
sich doch das romanhafte Interesse an Verwickelungen, die auf denselben Ton gestimmt 
sind, wie Enrico's lebensmüde Reflexionen. Uebrigens geht der Autor in Bezug auf 
dieselben ganz gewissenhaft zu Werke; denn es sind viele Sätze aus Schopenhauer wörtlich 
unserm Philosophen in den Mund gelegt. 
Der Roman ist indeß nicht nur bei weitem das Beste, was Max Ring producirt 
hat; er gehört überhaupt zu den besten neuen Romanen. Die Sittenschilderungen aus 
Paris wie aus den oberschlesischen Bergwerksdistricten sind lebendig und voll von Wahr 
heit. Man sicht, daß der Verfasser hier vielfach aus eigener Anschauung geschöpft hat. 
Die Katastrophe in dem Bergwerk, der Hungertyphus, das Brandfeld und das auf dem 
selben hausende Vagabundenthum, der Zinkkönig — das sind Bilder, welche die Phan 
tasie des Dichters nicht so markig hätte zeichnen können, wenn nicht die Anlehnung an 
das reale Leben ihr einen festen Halt gegeben hätte. Oberschlesien ist keineswegs ein 
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der Julian Schmidt'schen Kritik erhalten. Problematische Naturen sind zwar den Herren 
ein Greuel, welche auf die Tüchtigkeit, Gesundheit, und wie die andern Stichwörter 
dieser Richtung heißen, allein die Berechtigung zu Ansprüchen auf künstlerischen Werth 
gründen. Gleichwol liegt in dem ganzen Zeitalter viel Problematisches, und die mo 
dernen Menschen einer Uebergangsperiode, in welcher der Kampf zweier Zeitalter auS- 
gefochten wird, können sich auf ihren Katechismus nicht immer verlassen, da für die 
überreiche Casuistik der Zeit seine Paragraphen nicht ausreichen, oder eine weitgehende 
Interpretation verlangen, die sich von ihnen emancipirt. 
Spielhagen hat sich gleich in seinem ersten Roman als meisterhafter Darsteller „pro 
blematischer Naturen" bewährt, und so wenig er diesen ersten Roman in seinen spätern 
übertrofsen hat, so wenig hat er es ausgegeben, diese Art von Charakteren in den Vorder 
grund zu stellen. Auch in dem neuen Roman „In Reih und Glied" hat sein Held Leo 
manchen Zug, der an den interessanten Hauslehrer erinnert. Offenbar hat dem Autor 
Ferdinand Lassalle vorgeschwebt, als er diesen Helden schuf. Seine Principien sind die 
selben, ebenso sein Tod im Duell. Dagegen gehört auch vieles der freien Erfindung an: 
der siebenjährige Aufenthalt in Amerika, die Beziehungen zu dem Könige u. a. Wenn 
sich Spielhagen die Aufgabe gestellt hat, den Kampf der beiden Socialprincipien, Staats 
hülfe und Selbsthülfe, in romanhafter Einkleidung darzustellen, so hat er diese Aufgabe 
durch das Hereinziehen vieler fremdartigen Elemente getrübt. Wir wissen zwar, daß 
der Romandichter die Breite des Lebens wiederzugeben und nicht blos eine Formel mit 
Fleisch und Blut zu bekleiden hat; doch je schärfer das Problem in der Handlung sich 
darstellt, je mehr es ohne Rest in derselben aufgeht, desto künstlerischer erscheint der 
Roman. Leo, jener Hannibal des Socialismus, der in seiner Jugend bereits den 
Schwur that, sich der armen Klassen nicht etwa im Sinne wohlthätiger Fürsorge, sondern 
einer rauh zugreifenden Thätigkeit anzunehmen, bcthciligt sich an einem Bauernaufstand, dessen 
Symbol der alte „Bundschuh" mit modernem Aufputz ist, flüchtet dann nach Amerika, 
wo er sieben Jahre verweilt, ohne daß die amerikanischen Zustände, in denen das Princip 
der Staatshülfe doch sehr in den Hintergrund tritt, auf eine Umgestaltung seines Glau 
bensbekenntnisses Einfluß gewinnen, ja ohne daß der Dichter überhaupt diesen „sieben 
Jahren" irgendeinen Einfluß zuschreibt, die nur wie ein großer Zwischenact erscheinen, 
gewinnt dann Ohr und Neigung eines wankelmüthigen Monarchen für seine Bestrebungen, 
die Geldmacht zu brechen und die Herrschaft des Kapitals zu zerstören, cxpcrimentirt 
dann mit industriellen Etablissements, welche die Stellung der Arbeiter verbessern sollen, 
bildet sogar ein reactionäres Ministerium, das er zu beherrschen sich rühmt, bis seine Plane 
scheitern, seine Einrichtungen überall Misvcrgnügen erwecken, die Arbeiter selbst sich er 
heben und mit dem Tode des Königs auch der letzte Schatten von Leo's Einfluß ver 
schwindet. Er fällt im Duell mit einem Gegner, welcher der Arbeiterfrage ganz fern 
steht, nachdem er sich mit einer Koketten > verlobt und ein geistig bedeutendes Mädchen 
verlassen hat. Dieses Ende erscheint uns besonders unkünstlcrisch — wozu das Abschreiben 
der Anekdote aus der Zeitchronik? Leo mußte statt des Onkels Gutmann in dem Ar- 
beiteraufstandc fallen; dann gewann der Roman an innerer Einheit und das Geschick 
des Helden an tragischer Bedeutung. Wir sehen also den Bankrott des Princips der 
„Staatshülfc"; aber wir sehen ihn nicht in einem beweiskräftigen Fall. Der Causalnexus 
in der Casuistik des Romandichters muß eine allgemeingültige Bedeutung haben; wir 
müssen an die objective Nothwendigkeit der Verwickelungen glauben; wenn wir ihre zu 
fällige Schale abstreifen, müssen wir einen Kern von dauernder Gleichartigkeit in der 
Hand behalten; sonst ist das Problem nicht gelöst. Dies ist aber hier nicht der Fall. 
Weder der Charakter des Helden, noch der Charakter dcsKönigs, noch die andern Ver 
hältnisse und Einrichtungen geben uns eine Bürgschaft dafür, daß derselbe Miserfolg
	        

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