Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 36 
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und Tochter der verwitweten Frau Förster ist, viel reiner 
und treuer als der wirkliche Liebhaber, der am Ende des 
ersten Bandes sich so weit vergißt, seine Geliebte mora 
lisch zur Thür hinauszuwerfen. Dieser erste Liebhaber, 
Graf Arthur, ist ein seltsam wunderliches Wesen. Ist 
er ein Typus, oder ein Original? ist er der Repräsentant 
einer Gattung, oder steht er einzig in seiner Art da? 
Das erstere soll er sein, für das zweite halte ich ihn. 
Von Natur ist er edel und geistig begabt. Anerzogene 
Vorurtheile haben seinen Charakter geschwächt, sind aber 
nicht im Stande gewesen, den guten Keim zu ersticken. 
So lebt er in einem beständigen innern Kampfe. Seine 
Vorurtheile binden ihm die Arme, welche seine bessere 
Natur gern zum thätigen Eingreifen in die Welt regen 
möchte. Seine Vorurtheile machen ihn taub gegen das 
Gebot der Liebe, welches in allen Menschen Brüder und 
Gleiche zu erkennen vorschreibt, und er denkt im stillen: 
wer nicht ein Graf ist, wie ich, der ist ein Lump. Seine 
Vorurtheile endlich verleiten ihn, das Mädchen, welches 
ihn vergöttert, von sich zu stoßen, obgleich er sie liebt, 
weil er sie für eine seines Namens und seiner Hand un 
würdige — bürgerliche Jüdin hält. So weit der erste Band. 
Ich machte eine Pause im Lesen und fragte mich: 
ist das möglich? Die Vorurtheile, ja. Es laufen heut 
zutage noch genug Grafen und Barone in der Welt her 
um, die sich für etwas Besseres halten als die bürger 
liche Canaille, die lieber hungern, als sich der Arbeit 
unterziehen, welche ihrer Ansicht nach des Adels un 
würdig ist, die vielleicht in ihrem Adelsstölze so weit gehen, 
eine reiche bürgerliche Partie mit Schmähungen von sich 
zu weisen. Aber wo die nichtsnutzigsten Vorurtheile so 
stark sind, da haben sie auch den Keim des Guten, wenn 
ein solcher je vorhanden war, erstickt, da ist von dem 
ganzen Kerl nichts übriggeblieben als Eitelkeit und 
Hochmuth. 
O, es gibt genug Vorurtheile, die noch etwas Gutes 
übriglassen in dem, den sie erfaßt haben. Nur gerade 
nicht diese Vorurtheile, die Grimm seinen Helden haben 
läßt. Die Einbildung auf angeborene Titel, das Ver 
schmähen der Thätigkeit, das Ignoriren einer ganzen 
Cultur und der ganzen Gegenwart — denn unsere schwin 
delnd hohe Cultur ist lediglich das Product der bürger 
lichen Arbeit — ist der Beweis einer stumpfen, dunkeln 
Seele. 
Im zweiten Bande kommt der Autor zu derselben 
Einsicht, und er beschreibt, wie diese ganz verblendete 
Handlungsweise seines Helden nur ein momentaner Irr 
thum war, aus dem er sich befreit, sobald er die ver 
derblichen Folgen desselben einsieht. 
Freilich, im Grunde bleibt es immer ein egoistisches 
Motiv, das ihn zur Einsicht bringt. Er kommt nicht durch 
eigene bessere Ueberzeugung dahin, sondern die eigennützigste 
Leidenschaft der Welt, die Geschlechtsliebe, erfaßt ihn und 
stößt ihn mit der Nase auf die Wahrheit. Der Ver 
fasser und wir sehen hier ganz ab von dem andern kaum 
minder egoistischen Motiv, das den Grafen Arthur hätte 
eines Bessern belehren können, seiner Armuth: diesem Mittel, 
dessen sich die Vorsehung zu bedienen liebt, um den Jun 
kern ihren Dünkel auszutreiben. 
Graf Arthur ist wirklich arm, und vielleicht thaten 
wir ihm unrecht, wenn wir nur seinem aristokratischen 
Hochmuth zur Last legten, daß er die Bürgerliche nicht 
heirathen mochte. Grimm sagt es uns ja: Arthur ist 
zu stolz, sich mit dem Gelde eines Mädchens bereichern 
zu wollen — Emmy ist nämlich sehr reich —, er will 
nicht als „der Mann seiner Frau" erscheinen. Sind diese 
Beweggründe nicht edel, wenn auch thöricht? O ja. Nur 
trauen wir ihnen nicht recht, und daran ist der Autor 
selbst schuld. Läßt er nicht seinen Helden, außer von 
der Leidenschaft für Emmy, fast nur von jenen Standes- 
vorurtheilen von Anfang bis zu Ende erfüllt sein? Kränkt 
es nicht diesen Grafen Arthur noch im dritten Bande, 
nachdem er Gott weiß was für traurige Erfahrungen ge 
macht, durch die ein Nilpferd klug werden müßte, daß 
man seinen Titel nicht respectirt? Und wir sollen an seine 
Uneigennützigkeit mehr glauben als an seinen Hochmuth? 
Graf Arthur gelangt im zweiten Bande wenigstens 
einigermaßen zu der Einsicht, daß hinter dem Berge, vor 
dem er bisher gestanden, auch Leute wohnen, und daß 
er eigentlich in einer Art stillen Wahnsinns gelebt habe, 
wie Don Quixote, der Vater der Junker. Er wird nach 
Amerika geschickt und lernt die Neue Welt kennen, diese 
Welt der praktischen Thätigkeit. Man kann diese Welt 
nicht anschaulicher schildern als Grimm, der überhaupt 
ein Meister in der Schilderung ist. Er hat es bewährt 
in seinen Novellen, die dem Leser liebliche Gegenden vor 
das Auge zaubern, in deren Sonuenäther ideale Gestal 
ten sich bewegen. Grimm schafft fast nur ideale Gestal 
ten. Caricaturen will oder kann er nicht machen. Seine 
Menschen sind alle schön, graziös, nobel. Er geht darin 
so weit, daß er selbst ihre Fehler ihnen zur Zierde ge 
reichen läßt. Sein Mann hat einen Buckel und übrigens 
Apollo-Glieder. 
Ein solcher buckeliger Apollo ist Graf Arthur. Hier 
weicht der Autor von der Natur ab, die Natur macht 
auch zuweilen vollkommen Schönes; aber der kleinste Fleck, 
den sie auf ein Wesen drückt, verändert die ganze Gestalt 
desselben, und ein großer Mangel verunstaltet bis in die 
kleinsten Theile. Diesem Gesetze ist der Geist unterwor 
fen wie der Körper. 
Wir wollen dem Grafen seine guten, großen Eigen 
schaften lassen; wir haben genug Caricaturen, in der 
Kunst und in der Wirklichkeit. Aber raube diesen guten 
und großen Eigenschaften nicht die Kraft, so zu wirken, 
wie sie wirken müssen; laß sie im ersten gegebenen Mo 
mente den ganzen Plunder von Vorurtheilen, der sich 
durch Unglück in der jungen Seele eingenistet hatte, hin 
ausfegen; laß diese tüchtige Natur zum Durchbruch kom 
men: so schaffst du einen glücklichen, in seiner Liebe und 
seiner Thätigkeit glücklichen Menschen, der wol noch manch 
mal Kummer haben wird, aber, bei Gott, nicht solchen, 
wie ihn elende Standesvorurtheile bereiten. Und mehr 
noch, du schaffst einen wahren Menschen. 
Etwas Aehnliches, wie gesagt, fühlt auch Grimm,
	        

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