Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

aus : Illustrierte Zeitung, Leipzig, 1867,Nov.9 
Unüberwindliche MäÄi^ Roman von Hermann Grimm. 
Drei Bände. Berlin, MMelin Hertz (Besser'sche Buchhandlung). 
Der vorliegende Rmitn» .Hermann Grimm's gehört zu jenen seltenen 
literarischen Werken/J/fyfh bereits vor ihrem Erscheinen mit guter Zu 
versicht entgegcnaesE^vard. WaS auch sein absoluter Werth sein mochte, 
cs verstand sich eben Don selbst, daß man von einem Grimm'schen Romane 
eine wirkliche -nud durchgeistigte Composition, eine künstlerische Durchfüh 
rung des Vorwurfs erwarten mußte. Daß der Verfasser zu den wenigen 
Schriftstellern der Gegenwart zählt, denen höhere Bildung und künstlerische 
Gewissenhaftigkeit als Verpflichtungen des Talents gelten, ist weit weniger 
ein Lob für ihn als ein Vorwurf gegen die Bildungslosigkeit und Unkunst 
nicht nur der modernen Tagcsbclletrislik (die wol zu allen Zeiten nicht 
besser war), sondern auch vieler gepriesener Autoren und Werke der Jüngst 
zeit. Nach der Seite der ernsten Intention und der sorgfältigen Durch-i 
bildung, die unter solchen Umständen zuerst in Betracht kommt, vermag 
der Roman „Unüberwindliche Mächte" vollste Befriedigung zu gewähren. 
Er gehört ohne Frage zu den bcstgeschriebenen Werken, die in den letzten 
Jahren hervortraten. Was aber mehr ist: er zeigt das poetische Talent 
seines Verfassers weit ausgiebiger und stärker als man nach den frühern 
Novellen und Gedichten Grimm's annehmen durfte. Der Roman ist ein 
Lebensbild aus der modernen Welt, auS der unmittelbarsten Gegenwart, 
insofern der Hintergrund des großen preußisch-österreichischen Kriegs von 
1866 im letzten Theile die Zeit genau bestimmt, in der das Ganze spielt. 
Der eigentliche Held des Romans, neben dem allerdings mehre andere Ge 
stalten zu bedeutender, ja zu überwiegender Geltung gelange», ist ein 
junger Graf Arthur aus einer ehedem reichsgräflichcn Familie, der, vom 
Boden seiner Existenz und seines Wesens, vom Besitz der väterlichen Güter 
losgerissen, in schweren Conflict mit allen modernen Verhältnissen und zu 
letzt durch eine eigenthümliche Verkettung von Umständen selbst mit seinen 
eigenen Lebcnsanschauungeu gcräth, durch die freudige Theilnahme an dem 
großen Entschcidungskriege des vorigen Sommers und die bevorstehende 
Vereinigung mit seiner Geliebten, einer jungen Amerikanerin, für ein neues 
Dasein gerettet scheint, aber im letzten Augenblick »och durch eine Kata 
strophe, die langsam aus seinen frühern Verhältnissen hervorgewachsen ist, 
den Untergang findet. 
Die „Unüberwindlichen Mächte" für ihn waren nicht die Dorurtheilc 
seines Standes, die Voraussetzungen seiner Erziehung, die er männlich, 
unter ernsten Kämpfen und reichen Lebenserfahrungen, überwand, son 
dern jene, die er in der eigenen Brust trug. In das Schicksal dieses 
Helden ist eine Gruppe von Persönlichkeiten, Deutsche und Amerikaner, 
verflochten, oder gewinnt auf dasselbe Einfluß, Persönlichkeiten, unter 
denen Mrs. Förster und ihre Tochter Emmy, Mr. Smith, der Typus des 
amerikanischen Gentleman, ferner der Arzt gewordene Graf Edwin, Mr. 
Wilson und der junge Docent, der in der Königgrätzcr Schlacht tödtlich 
verwundet wird, hervorragen. Sie bilden im Verein mit mancher Neben 
figur einen Kreis, der ganz geschlossen erscheint, und in dem jede Gestalt 
derart aus dem Vollen und Ganzen ist, daß der Hauptheld unwillkürlich 
durch sie herabgedrückt wird. Grimm erweist in der Anlage und Durch 
führung dieser Gestalten eine Meisterschaft feiner Charakteristik und scharfer 
LebenSbeobnchtung, und dabei sind alle seine Menschen weit entfernt, un 
mittelbare Daguerrotypbilder zu sein; es ist neben sehr realistischen Einzel 
heiten ein freier, schöpferischer Zug, ein gewisser Schwung in allen, der sie 
zu Typen ihrer Gattung inacht. Zu dieser Feinheit der Charakteristik ge 
sellt sich in den meisten Partien des Romans ein seltenes Vermögen, Si 
tuationen rein, klar und außerordentlich stimmungsvoll mit wenigen Zügen 
vor das Auge des Lesers ;» stellen. Wir erinnern nur beispielsweise an 
die Eingangsscene des ganzen Romans, den Besuch Arthur's bei MrS. Förster 
und ihrer Tochter in dem berliner Hotel, an die Nacht im Schnee auf der 
Reise nach Hamburg, an den ersten Eintritt Gras Arthur'S in Nenyork 
und in Astorhouse und den Besuch bei Mr. Wilson, könnten aber eine ganze 
Reihe von Situationen voll ähnlicher Unniittelbarkcit, Kraft und Eigen 
thümlichkeit namhaft machen. 
Der Dialog ist überall lebendig und durchgeistigt, der Stil im gan 
zen, bis auf einige bedenklich gekünstelte Wendungen, von großer An 
muth und einfacher Anschaulichkeit. Neben solchen Vorzügen macht sich 
allerdings auch ein Element von Reflexion, die nicht in Fleisch und 
Blut übergegangen ist, von gewaltsamer Sicherheit geltend, welches 
der Autor für seine Helden zu verantworten hat. Mehr als einer der 
selben spricht, als ob alle Räthsel und Geheimnisse des Lebens gelöst 
wären, und als ob es nur einer gewissen geistigen Vornehmheit bedürfe, 
um mit den Mächten des Lebens nach Belieben schalten und rechnen zu 
können. Ja mehr noch: die unfehlbare Sicherheit, mit welcher einzelne 
Personen des Romans in gewissen Situationen ihre Anschauungen vor 
tragen, bewirkt dag Gegentheil. Man denke an den sterbenden jungen Do 
centen im schlesischen Hospital, der für Preußens neue Mission Zeugniß 
ablegen will und ausruft: Deutschland stehe fortan zu Preußen in einem 
Verhältniß wie ein Mädchen, das mit Zwang einem Mann vcrheirathct 
worden sei, wider Willen in dessen Armen geruht habe, wider Willen die 
Mutter seiner Kinder sein werde. Der Autor und sein Held wollen hiermit 
offenbar für die neuste Gestaltung der deutschen Dinge plaidiren, im Eifer 
vergessen beide, daß der schlimmste Gegner derselben kein schlimmeres Bild 
hätte finden können als das angeführte, was die tiefste Entwürdigung, deren 
ein Menschendasein fähig ist, das brutalste Verbrechen, das an einem fremden 
Leben begangen werden kann, vor die Phantasie des Lesers ruft! Derartige 
seltsame Entschiedenheiten finden sich mehr und verkümmern stellenweise den 
hohe» Genuß, den die „Unüberwindlichen Mächte" sonst gewähren, und 
wofür wir dem Dichter im großen und ganzen einen Dgnk schulden, den 
nur wenige Bücher neusten Datums verdienen. Der Grimm'schc Roman ist 
keiner von denen, die nur einmal gelesen werden können, und was auch 
die individuelle Empfindung jedes einzelnen seinen Problemen und An- 
sch"u^'>8»n gegenüber sei, das fühlt wol jeder, daß etwas entschieden 
Werthoollez un b Bleibendes in diesem Buche wie in der ganzen literarischen 
Thätigkeit d.g gtutorö vorherrscht.
	        
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