Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 36 
Deutschland. 
H Berlin,-16. November. Die in München erscheinende 
„Süddeutsche Presse" hat allmälig die Ansichten stark 
modifizirt, mit denen Herr Froebel bei ihrer Begründung 
hervortrat. 3n einem längeren Leitartikel wird auf die Be 
trachtungen eingegangen, welche die „Nordd. Allg. Ztg." vor 
Kurzem der Fortbildung des „weiteren Bundes" widmete. 
Es heißt darin: 
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung' hat Recht, daß die 
Zeit gekommen ist, ernstlich an die Feststellung des Verhalt, 
nisses der süddeutschen Staaten zum norddeutschen Bunde zu 
gehen. Die Entwickelung der Dinge in Deutschland und 
außer Deutschland hat den gegenwärtigen Augenblick zu 
einem günstigen gemacht. Auch wir halten es für geboten, 
daß diese Gunst der Umstände genutzt werde. . . . Die 
deutschen Angelegenheiten haben eine so geringe Zahl von 
Möglichkeiten übrig gelassen, daß sie aufgehört haben, eine 
Sache der Parteien zu sein, und zu einer Sache des un- 
Parteiischen Verstandes geworden sind. Auf fromme Wünsche 
kann es jetzt nicht mehr ankommen. Daß unsere Bestrebungen, 
so lange sich irgend eine Möglichkeit des Erfolges darstellte, 
einer föderativen Gestaltung Deutschlands gewidmet waren, 
kann nichts an der Thatsache ändern, daß jetzt keine solche 
Möglichkeit mehr vorhanden ist, wenigsten- insofern -von der 
Ausführung echt föderativer Grundsätze die Rede sein 
soll. Mit diesen Thatsachen haben wir zu rechnen.... 
Wenn einige der treuesten Anhänger des Föderativshstems seit 
den Ereignissen des vergangenen Jahres sich noch mit der 
Hoffnung auf eine republikanische Ausführung dieses Systems 
zü trösten suchen, so müssen wir auch diese Hoffnung als eine 
fromme Täuschung bezeichnen. Wir sind von der absoluten 
Sicherheit und Richtigkeit unseres Urtheiles überzeugt, wenn 
wir sagen, daß selbst in einer großen republikanischen Umwäl 
zung das Föderativsystem in Deutschland nicht mehr zur Herr- 
schaft kommen würde. Weder der Kampf der Parteien noch die 
in den Weltverhältnisfen liegenden Bedingungen würden es 
noch zulasten. Der Gedanke des Einheitsstaates, in einem 
großen Theile der Nation zur fixen Idee geworden, würde sich 
republikanisch noch viel entschiedener geltend machen, als es jetzt 
monarchisch geschieht. 
Hiernach kommt Herr Froebel zu dem Ergebniß, daß die 
bisherige föderalistische Partei nurnochalseine„autonomistische" 
Zweck und Ziel haben kann; sie kann, den Exzessen unitarischer 
Centralisation gegenüber, noch für »ine entweder provinzielle 
oder territorielle Selbstständigkeit wirken, welche die ver- 
schiedensten Grade zuläßt. „Die Thals «che der in Deutsch 
land eutscheidenden preußischen Macht und des mit ihr ver 
bündeten nationalen Emheitsdranges suchen wir mit der Er 
haltung aller wertbvollen Elemente örtlicher und landschaft 
licher Freiheit und Selbstbestimmung in nationalen Einklang 
zu bringen." 
In Beziehung auf den „weiteren Bund" stimmt die 
„Süddeutsche Preste" dann weiter fast durchweg den Aus 
führungen der „Nordd. Allg. Ztg." bei. Baden und Hesten 
könnten allerdings in den norddeutschen Bund eintreten, 
ohne daß derselbe dadurch noch in einen deutschen ver 
wandelt würde. Der Eintritt Baierns und Würtembergs 
dagegen würde eine Revision der norddeutschen Bundesver 
fassung nothwendig machen. ES sei ein weiterer Bund zu 
erstreben mit dem Zollparlament als Mittelpunkt, während 
der norddeutsche Reichstag Mittelpunkt des engeren von 
Preußen neu gegründeten Systems bleibe. Es heißt am 
Schlüsse: 
Ein solcher Gang der Dinge erscheint uns, wie sich einmal 
die Verhältniffe gestaltet haben, als der tvünschenswerthe. Er 
setzt den deutschen Gedanken an die Stelle des preußischen; er 
stärkt das Prinzip d^r Autonomie in dem Ganzen des so ge 
bildeten neuen deutschen Systems und läßt einen Anflug föde 
ralistischen Geistes zu, der als innerlich belebendes Element in 
der Nation nützlich wirken kann; und er läßt dabei doch im 
einstweilen fortbestehenden norddeutschen Bunde jene Macht- 
konzentration ungestört, deren die preußische Politik bedarf. 
In einem einzigen Punkte würden wir, .renn dieser Weg 
wirklich eingeschlagen werden sollte, mit der „Norddeutschen 
und scheitert an dem Widerspruch, der zwischen seinen An 
schauungen und den Reden und Handlungen feiner Helden 
biegt. Was sind „unüberwindliche Mächte?" Der Dichter 
wußte es selbst nicht und läßt uns in Zweifel, ob er das 
Geschick überhaupt, oder nur unsere Erziehung, daS 
Angeborene und Angelernte, den Zwang und Bann 
unserer Umgebung und unserer Verhältnisse als die 
„unüberwindlichen Mächte" betrachtet. Ein Mann fetzt 
nun grade seinen Stolz darin, diese Mächte zu überwin 
den; man braucht nicht einmal ein Anhänger Schopenhauers 
zu sein, sondern nur ein offenes Auge für die ErscheinungS- 
welt zu hab/n. um die Einsicht zu gewinnen, daß wahrhafte 
Ruhe und dauerndes Glück nur in der Bekämpfung des selbst 
süchtigen Willens, nicht in der maßlosen Ueberhebung der 
eigenen Persönlichkeit zu finden ist „Unüberwindlich" können 
diese Mächte der Gewohnheit, der Sitte nur in S>em Falle 
werden, wo ihnen ein AeuherlicheS, die Kirche, der Staat, die 
Form der Gesellschaft hülfreich zur Seite steht, und der Ein 
zelne, der sich von ihnen befreien will, an diesem Aeußerlichen 
zu Grunde gebt. In diesem Sinne ist die Gewohnheit 
„eine heilige Macht." Aber■ werH verbietet einem Grafen 
ein bürgerliches Mädchen zu heirathen? Welcher Staat, 
welche Kirche, welche Gesellschaft verschließen sich ihm darum? 
Legt man die „Unüberwindlichkeit" der Geburisvorurtheile, 
wie Grimm eS thut, in die Seele des Helden, so stellt sich 
dieser im schärfsten Widerspruch zu der Auffassung der Zeit: 
er wird, wie er sich auch wenden und drehen mag, komisch. 
Nennt man aber nicht die Vorurtheile und Anschauungen, 
sondern das Geschick und den Charakter des Menschen un 
überwindlich, so muß, wenn beide einen ernsthaften Eindruck 
auf unö machen sollen, ihr Wesen, ihr Zusammenwirken auch 
für den ferner Stehenden den Zug des Großartigen und Gi 
gantischen haben. Maximilian von Mexiko kämpfte so mit 
„unüberwindlichen Mächten", tragisch wurde fein Schicksal, trotz 
der Größe seines Unternehmens und dem Adel seines Charak 
ters, dennoch erst, als er sein Leben für den Traum seines 
Ehrgeizes einsetzte. Wohlbehalten, mit einer geretteten Geld 
summe nach Miramar zurückgekehrt, wäre er ein Stoff für 
Possen gewesen. Die „unüberwindlichen Mächte", die Arthur 
ängstigen, sind dieselben, die Kotzebue's Don Ranudo hungern 
ließen: der Hochmuth und die Faulheit. Die Komik des 
ganzen Vorwurfs steigert sich noch, wenn man erwägt, daß 
als größtes Heldenstück von ihm gefordert wird: ein reiches 
Mädchen zu heirathen. Denn, kn Amerika thut er nichts, 
als auf Kosten des wackern Smith zu leben und bei Sadowa 
wird er verwundet, um bessere Männer, als er einer ist, im 
Lazareth sterben zu sehen. Es saß nun einmal ein neckischer 
Geist während dieser Arbeit auf dem Schreibtisch des 
Dichters; am Tage schrieb der Dichter ernsthafte, tra- 
gische Gedanken nieder, deS Nachts raunte ihm das 
Wichtelmännchen allerlei Tollheiten inS Ohr. Der Anfang 
des RomanS, wie einer im fremden Frack, Stiefeln und 
Handschuhen zwei Damen im frenden Wagen nach ihrem 
Hotel begleitet, den Thee mit ihnen trinkt, um 11 Uhr aber 
fortstüizt, weil er um diese Stunde seine Kleider wieder ab 
liefern ließ, ist eine Posseneröffnung, wie wir keine bessere 
gesehen. Oder wie der hochgeborne Graf in Newyork in 
einer Volksversammlung als Redner auftritt, sich zum Holz», 
ufseher bei Smith u. Comp, ernennen läßt und eine Stunde 
- Allgemeinen Zeitung" nicht übereinstimmen, — wir meinenHdas 
Veto. Ein Kölleklivveto der nur dem weiteren Bund ange- 
hörigen Staaten (unter der gemachten Voraussetzung also nur 
Würtembergs und BaiernS, da Baden und Hessen als in den 
engeren Bund eingetreten gedacht sind) scheint uns nur eine 
gänzlich zwecklose weitere Komplikation der großen Maschine 
zu - sein, welche auf diese Weise hergestellt werden soll. 
Wir würden die Ausschließlichkeit des preußischen Veto's 
entschieden vorziehen. Indessen sollte, um für die wei 
tere organische Ausbildung — waS hier soviel wie Ver- 
emfachung heißt — fruchtbar zu werden, dieses preußische Veto 
in dem ganz bestimmten Sinne aufgefaßt werden, daß es nicht 
das Veto eines bevorzugten Bundesgliedes, sondern das 
des Bund.esoberhauptes ist. Nur in dem Sinne, in 
welchem der Präsident der Vereinigten Staaten dem Kongresse 
gegenüber ein Veto hat, dessen Nothwendigkeit, trotz alles 
jetzigen Widerspruches von Seiten der radikalen Partei in der 
Mtion, jedem unbefangenen und weiter denkenden Politiker 
klar ist: — nur in diesem Sinne kann Preußen vernünftiger 
und billiger Weise ein Veto im Zollverein in Anspruch nehmen; 
aber in dtesem Sinne wird auch jeder unbefangene Deurtyeiler 
ihm dasselbe zusprechen müssen. 
Ziemlich gleichgültig ist es nun wohl, ob man dem preu 
ßischen Veto diese oder jene formelle Grundlage giebt, wenn 
nur seine Nothwendigkeit anerkannt wird. Dagegen ist es 
bemerkenswerth, daß das von der „N. A. Z." zur Sprache 
gebrachte süddeutsche Veto nicht einmal den Beifall der 
„Südd. Presse" findet. 
Hc Berlin, 16. November. In der heutigen Sitzung des 
Herrenhauses wurde das Resultat der in der gestrigen 
Sitzung erfolgten Schriftführerwahl mitgetheilt. Eine vom 
Ministerium des Innern eingegangene Mittheilung über den 
Personalbestand des Haufeö wurde an die Matrikel- 
Kommission überwiesen. Ueber die aus den neuerwor 
benen Laudcstheilen zu berufenden Mitglieder bleibt 
eine besondere Mittheilung vorbehalten. — Der Präsi 
dent theilte zunächst das Resultat der heute Vormittag er- 
folgten Konstituirung der Abtheilungen mit. Die nächste 
Sitzung wird stattfinden, sobald von Seiten der Regierung 
Vorlagen zu erwarten stehen. (Vergl. hinten den besonderen 
Bericht.) 
Im Abgeordnetenhause haben sich heute Vormittag 
die A bth eilungen konstituirt (Vergl. hinten Parlam. Nachr.); 
dieselben treten am Montag Vormittag zur Prüfung der 
Wahlen zusammen; der erste Bericht darüber wird darauf 
sofort in der Plenarsitzung um 1 Ubr erstattet werden. Bis 
jetzt sind übrigens erst sehr wenige Wahlakten eingegangen. 
München, 14. November. Der erste Ausschuß der 
Kammer der Reichsräthe beantragt, entsprechend dem 
Vorschlag seines Referenten, des Herrn v. Bomhard, mit 
3 gegen 2 Stimmen (Erzbischof v. Deinlein und v. Bayer) 
dem Gesetzentwurf bezüglich der Abänderung der gesetz 
lichen Bestimmungen über die Zinsen, mit der von der 
Kammer der Abgeordneten beschlossenen Modifikation zuzu 
stimmen. — Derselbe Ausschuß hat, unter Zustimmung des 
königl. Staatsminifters der Justiz, mit Einstimmigkeit be 
schlosten: daß. auf den Antrag der Kammer der Abgeordneten 
auf Vorlage eines Gesetzentwurfs zur Aufhebung der To 
desstrafe nicht einzugehen fei. Nach dieser Einstimmigkeit 
deS Ausschusses dürste es kaum zweifelhaft fein, daß der An 
trag von der Kammer selbst abgelehnt werden wird (s. tel. 
Depeschen). (A. A. Z.) 
ivesterrelchischer Kaisevstaat. 
ZZ Wien, 14. November. Das Einladungsschreiben zur 
Konferenz ist hier bereits eingetroffen, aber noch nicht 
übergeben worden, da der französische Botschafter angewiesen 
worden ist, die besondere Ermächtigung zur Ueberreichung 
abzuwarten. Die Angelegenheit selbst befindet sich noch in 
dem Stadium der Vorberathung und eine unbedingt stim- 
darauf wahnsinnig wird, weil ihm erzählt wird, sein Vater 
wäre möglicherweise nicht sein Vater! Oder wie er an. Tage 
vor seiner Hochzeit in den Wald geht, um sich mit einiger 
Absichtlichkeit von seinem Vetter todtschiehen zu lasten! 
Diese Dinge können nur scherzhaft genommen werden, oder 
sie sind ungenießbar: eö sind die fixen Ideen eines Kranken, 
der des Arzes, aber nicht des Dichters bedarf. Sollten sie 
künstlerisch gestaltet werden, so war ihnen die Form der 
Tieck'schen Novelle in „Wcldeinsamkcit", die „Reise in's 
Blaue", in der „Ahnenprobe", wo der alte Tkeck das 
Grimm'sche Problem einfach und demokratisch gelöst hat, 
gleichsam aus ihrer Statur heraus vorgeschrieben. Auch be 
wegt sich der erste Theil ganz in der Tieck'schen Weise: 
„viel Lärmen um nichts!" Da werden Mappen mit 
Kupferstichen besehen, die Ateliers der Bildhauer be 
sucht, ein wenig gemeißelt und einmal Modell gestanden, 
heute hört man eine Oper, man sitzt am Theetisch beisammen 
und plaudert, wenn das Geld zu Ende geht, verkauft 
Arthur, genau wie Tiecks Helden, alte Bilder; eine Schule 
von Nichtsthuern und Schwätzern. Wie eine edle uud echte 
Amerikanerin an diesem Treiben und Geschwätz, von dem 
das Wort Maria Antoniette's über Florian's Geschichten 
gilt: „Es ist Milchsuppe!" Gefallen finden kann, ist mir 
wenigstens ein Räthsel geblieben. Ja wenn Emmy schon im 
ersten Theil schwindsüchtig wäre, so könnte man ihre Vor 
liebe für diese ästhetischen Theeabende eher begreifen, aber 
die Krankheit erfaßt sie doch erst im dritten Theil! Dennoch» 
gekürzt, vereinfacht ließe sich das Motiv wohl novellistisch 
leicht und frei, mit einem romantischen Anfing verarbeiten 
und zu irgend einer befriedigenden Lösung führen; hinein 
gestellt aber in die großartige Scenerie eines Romans, zeigt 
cs seine ganze Schwäche und Leere. 
Diesem Arthur, dem verunglückten Kandidaten des Bür- 
gerthumS und der Liebe, treten nämlich die Republik der 
Vereinigten Staaten und der Feldzug des'vergangenen Som 
mers gegenüber. Der mächtigste Staat, die mächtigste Be 
wegung, die Deutschland seit fünfzig Jahren erfahren, arbei 
ten in der Absicht deS Dichters an der Charakterbildung eines 
Schwächlings. Es ist, als ob der Sänger der JliaS nicht 
die Leiche des herrlichen Hcktor, sondern die des ThersiteS in 
ihrer ganzen Erbärmlichkeit von den göttlichen Rosten des 
Achill um die Mauern Trojas schleifen liehe. So viel des 
Schönen, Ergreifenden und Erhabenen verpufft der Ver- 
fasser nutzlos und spurlos für seinen Helden. Als Arthur nach 
Amerika eilt, um Emmy die Beleidigung abzubitten, die er 
ihr angethan, erfüllt uns eine freudige Hoffnung: die stolze 
rauschende Woge deS Lebens dort werde auch ihn erfaßen 
und chn nöthigen, schwimmen zu lernen. Eine Weile hat es 
auch diesen Anschein; man sieht, wie Arthur immer stärker 
auS^ seinem Traumleben und romantischen Nichtsthun empor- 
gerüttelt wird, wie allerlei Fäden ihn umspinnen, welch'wohl 
thuenden Einfluß Männer wie Smith in seiner praktischen 
Rührigkeit, Wilson in seiner milden, allumfastenden und vor- 
urtheilsfreien Weisheit auf ihn üben. Diese Schilderungen 
deS amerikanischen Lebens, von Land und Leuten, verdienen 
daS höchste Lob, sie sind von einer bewunderungswürdigen 
Anschaulichkeit und Frische, von einer Freiheit und Kühn 
heit der Lebensanschauung getragen, die den Gegensatz 
zwischen diesen Seiten \ und den Thorheiten deS ersten 
wende Antwort ist bis jetzt von keiner Seite eingetroffen. 
Die zunächst betheiligtm Mächte sind Frankreich, Italien und 
die Kurie. Die Forderungen der beiden letzteren sind aber 
diamentral entgegengesetzt und die Auffindung einer gemein 
schaftlichen Basis fast unmöglich. Die reaktionäre Partei 
meint, daß Oesterreich und Frankreich jetzt unter allen Um» 
ständen für die weltliche Macht deS Papstthums einstehen 
werden. ES ist dieS eine Täuschung und man muß cs dem 
Herrn v. Beuft nachsagen, daß nicht er cS ist, welcher diese 
Täuschung veranlaßt. Er hat vielmehr vor Kurzem 
erst einem sehr einflußreichen Mitglieds des hohen 
Klerus gegenüber erklärt, daß die Regierung die 
Nothwendigkeit nicht einsieht, sich für die weltliche 
Macht des Papstes irgendwie zu engagiren. Die römische 
Frage, soll er hinzugesetzt haben, sei noch immer eine Sache, 
die Frankreich und Italien miteinander abzumachen haben. — 
Vvn Seite der Regierung ist bis jetzt die Kirchengüterfrage 
noch nicht mit der Finanzfrage in Verbindung gebracht wor 
den, neucstens scheint sich aber auch im Finanzministerium die 
Ansicht immer mehr Bahn zu brechen, daß sich o'hne 
Heranziehung des Besitzes der todten Hand für die Staats- 
zwecke eine Krisis schwer vermeiden lassen werde. ES han 
delt sich jedoch hierbei keineswegs um die Einziehung und um 
den Verkauf dieser Güter, sondern um eine Steuer, die, ana 
log der CouponSstkuer, das bewegliche Gut der Kirche auf 
40—50 Jahre lang belasten würde. Die ganze Angelegen 
heit ist jedoch erst im ersten Stadium der Entwicklung und 
dürste noch manche Phasen durchzumachen haben, ehe sie reif 
wird. — Die Kommission des Herrenhauses, welche die 
konfessionellen i Vorlagen zu berathen hat, wird kaum vor 
Ende d. M. ihren Bericht erstatten. In Betreff des Schul 
gesetzes dürste die Kommission sich für die Beschlüsse deS 
Abgeordnetenhauses aussprechen, dagegen den Paragraph deS 
EhegesctzeS, welcher die Noih-Civilehe festsetzt, ablehnen. 
* Wien, 15. November. In der gestrigen Sitzung des 
Abgeordnetenhauses wurden die Verhandlungen über 
das Delsgationsgesetz fortgesetzt. 
Obgleich die Generaldebatte bereits geschloffen war, ver 
stattete das Haus doch noch zweien Rednern gegen die Vorlage 
das Wort, da sich Beide über die Wahl eines Generalredners 
nicht zu einigen vermocht hatten. Abgeordn. vr. Hanisch 
lBöhmifchcr Centralist) polemistrte gegen die Ausführungen 
BergerS, deffcn Rede er eine „Meister- oder besser Minister 
rede" nannte; er erklärte gegen die Vorlage zu stimmen, weil 
sie den Absolutismus und die Barbarei instituire. — Abg. ?. 
G reut er stellte sich auf den föderalistischen Standpunkt; er 
gab eine Geschichte der Tiroler LandeSversaffung, die so ehr- 
würdig fei wie die ungarische, aber freilich nicht von 200,000 
Bajonetten gestützt werde. Auf die Bemerkung des Or. Berger 
über das Konkordat übergehend, sagte Redner, man schaffe das 
Recht ab, einem schwachen Greise gegenüber und halte es, wenn 
200.000 Bajonette gegenüberstehen, aufrecht. Würde so borge- 
gangen, so gratulire er dem Reich zu seinem künftigen Justiz- 
minister (Zischen), dann sei es zu Ende mit dem Satze: 
„Oustula regnorum snndamentmn.“ Dixi. — Abg. Or. Herbst 
suchte die centralistischcn Redner zu widerlegen; dir. für die 
Vertagung aufgeführten Gründe wies er als nicht stichhaltig 
zurück; er halte das DtlegationS-Gesetz zwar auch nicht 
für etwas Vorzügliches, es sei aber das den gegenwär- 
tigen Verhältnissen am meisten entsprechende; der Parla 
mentarismus werde von den Delegationen wenig prostti- 
ren; andrerseits könne er aber auch nicht die geschilderte abso- 
lule Spitze in derselben erblicken. In Betreff des Vorwurfs, 
daß gewiffe Abgeordnete das ihnen angebotene Portefeuille nicht 
angenommen hätten, bemerkte der Redner: Hätten sie es an 
genommen, so hätten sie die Situation so nehmen müffcn, wie 
sie sie vorfanden, und cs wäre ganz gleich geblieben, ob sie oder 
wer anderer die Geschäfte leitet. Uebr''genS sei Wohl de" 
Punkt nicht ferne, wo an diese Abgeordneten die 
herantreten wird, die Zügel der Regierung zu erg^ ^i 
er habe die Ueberzeugung, daß, wenn dies geschehet: t:. 
es dem Abgeordneten aus Mähren (Skene) auch 
fein werde. (Große Heiterkeit.) Nicht als Anhc 
Mannes (deS Herrn v. Brust), wft insinuirt worbet 
und des dritten Bandes um so unbegreiflicher j:;., „r~ 
heimlicher macht. Als hätte sich ein Lebendiger 
unfern Augen in ein Gespenst verwandelt. Grause r .. 
die Theilnahme, die uns Arthur jetzt einzuflößen ausä..,,., 
getäuscht: jene unglückliche Geschichte, die ihn glauben läßt, er 
sei nicht der Sohn eines Grafen, stürzt ihn in die alten 
Verkehrtheiten. Nicht einmal, und dies beweist die Entartung 
feiner Natur, steigt seiner Mutter wegen ein Zweifel in ihm 
auf. Wo giebt es einen Ehrenmann, der auf eine Er 
zählung ohne jeden genügenden Beweis hin seine Mutter 
für eine Ehebrecherin hält? Offenbar war die Geschichte 
mit der Rückkehr Arthur'S nach Europa zu Ende. 
Denn daß eine vernünftige Amerikanerin in Liebestollheit 
einem solchen Narren nachreisen werde, ist ein romantischer 
Spuk, und daß bald nach Arthur's Heimkehr der Krieg zwi 
schen Preußen und Oesterreich ausbricht, ein glücklicher Zu 
fall, welchen die Weltgeschichte dem Dichter darbot, als ihm 
der Faden zerriß. Weder mit dem Früheren noch mit dem 
Späteren steht die Kriegsepisode auch nur in der losesten 
Verbindung. Wie Amerika bleibt der Krieg ohne jeden wahr 
haft fördernden und erziehenden Einfluß auf Arthur. Nach 
einem ergreifend geschilderten Vorgang in einer Kirche, in der 
Verwundete und Sterbende liegen und die Begeisterung für 
das Vaterland in hellen Flammen ausbucht, versandet der 
Strom wieder. Zweimal ein Ansatz zu einem zeitgeschicht 
lichen Roman, zweimal ein Rückfall in die Novelle. Dann 
wieder wie im ersten Theil sitzen wir aus dem Schloß der 
schlesischen Gräfin, wohin Arthur als Verwundeter gebracht 
worden ist, in einem Kreise von Schalten. Wie die Figuren 
in Goethe's „Natürlicher Tochter" kcineZNamen tragen und 
nur als der „König", der „Herzog", der „Gerichtsralh" sche 
menhaft vorüberwandeln, so sind auch die Gestalten Grimm'S 
keine Persönlichkeiten. In Berlin heißen sie der „Bild 
Hauer", der „alte Kunstfreund", das „adelige Fräulein", in 
Schlesien: „Mademoiselle", der „Maler", der „Musiker", der 
„Profestor". Oft wird Verständiges und Sinniges gespro 
chen, aber es paßt weder für den Schatten, der es sagt, noch 
überhaupt in den Verlauf der Geschichte. Zuweilen kann man 
den Gedanken nicht abweisen, der Dichter, in dem die Welt 
ironie Solger's mächtig ist, habe sich mit dem Publikum, daS 
er an der Nase herumführt, einen Scherz erlaubt und 
schütte sich hinter den Seiten vor Lachen auö. Die „Wand 
lungen" Arthur's in diesem letzten Bande überschreiten 
das erlaubte Maß der poetischen Freiheit. Heute wendet er 
sich als „Namenloser" stolz von der jungen Gräfin Josephine, 
morgen liegt er in Emmy's Armen, um drei Wochen nachher, 
da sich nun doch ergeben, daß er ein echtes Grafenkind ist, 
wieder an Josephine zu denken: „ein ,vernichtender Ekel vor 
ihm selbst erfüllte ihn", sagt der Dichter einmal von dem 
S elben. Hundert Seiten weiter sind wir wieder bei diesem 
kel angekommen. „Er saß wieder da, stützte das Kinn in 
die Hand, schüttelte manchmal mit dem Kopfe und stieß ein 
paar lachende Laute aus. Mit ironischer Schärfe zerlegte er 
sich vor sich selber. Und wenn er sich in seiner ganzen Er 
bärmlichkeit langsam so zusammengesetzt, wie ein Kind ein 
Geduldspiel, warf er die Stücke durcheinander und begann 
von neuem". ES stimmt gut zu der Zerfahrenheit der ganzen 
Komposition, wenn der Held von einem Mann erschossen 
wird, von dem er und der Leser erst wenige Tage vor dem 
undjsseine politischen Freunde für den Ausgleich stimmen, son 
dern als österreichische Patrioten. (Lebhafter Beifall.) — Nach 
einer scharfen persönlichen Auseinandersetzung zwischen den 
dalmatinischen Abgeordneten Ljubiffa und Lapenna, ergreift 
der Reichskanzler v. Beust das Wort. Derselbe spendete zu 
nächst den „glänzenden Reden der bewährten Patrioten" (Berger 
und v. Kaiserfeld, welche für die Delegationen das Wort er 
griffen hätten, Hobes Lob; er könne den Ausführungen 
derselben vom Standpunkte der Regierung aus nur wenig 
Neues hinzufügen. Es sei unnöthig, fick jetzt noch erst 
besonders über die Berechtigung des Dualismus in 
Oesterreich auszusprechen; was die Centralisicn an seiner 
-Stelle intendirten, sei bekanntlich von Ungarn wieder- 
holt und beharrlich abgewiesen worden; es müßte also ein ganz 
neuer Weg versucht werden; nichts sei aber nach der allgemei- 
nen Ansicht aller Parteien für Oesterreich verderblicher als das 
häufige Wechseln der Wege, die man wandle. Auch er halte 
das Delegationsgesetz nicht für dar Ideal konstitutioneller Voll 
kommenheit. Die mit apodiktischer Gewißheit hingestellten Be 
hauptungen aber, daß die ungarische Delegation stets in sich 
einig, die diesseitige stets in sich getheilt und gespalten sein 
werde, wären nicht stichhaltig. Die Parteiungen, welche im 
Reichsraih hervortreten, würden im engeren Kreise der Dele 
gation sich weniger fühlbar machen, weil die dort zu behandeln 
den Gegenstände weit weniger Stoff zu Partcidiffcrenzen böten. 
Am schwierigsten würde der Delegation gegenüber die Lage der 
Regierung sein, wenn sie einmal in den Fall ffäme, an die 
Kriegsfrage heranzutreten; da werde es viel schwerer sein, 
die Gemüther für die Unabweislichkeit des Krieges zu erwärmen 
und zu begeistern; dies sei wohl in einer größeren Ver>amm- 
!ung möglich, nicht aber in einem engeren Kreise, wo eine nüch 
terne Anschauung viel mehr die Oberhand gewinne, und wo 
außerdem jeder Delegirt« sich einer gewissen moralischen 
Verantwortlichkeit gegen den Reichsrath bewußt sei. 
Die Delegirten versprächen, die Sendboten des 
Frieden- für das Innere zu werden. Der Mi 
nister wandte sich darauf einem Rückblick auf die 
als „Zwangslage" bezeichneten Verhältnisse zu, deren Be 
sprechung er lieber vermieden gewünscht hätte; er wies auf 
seine Ausführungen in der Adreßdehaite hin, die damals den 
Beifall des Hauses gefunden hätten. Seine Thätigkeit bei den 
Ausgleichsverhandlungen im Januar d. I. sei mehr eine diplo. 
malische gewesen, diese Verhandlungen in Fluß zu bringen und 
zu erhalten; für den materiellen Theil der Verhandlungen habe 
ihm damals noch die Befähigung gefehlt. Aber auch wenn 
hervorragende Mitglieder deS Hauses damals schon im Mini 
sterium gesessen hätten, würde dies am Gang der Dinge nichts 
geändert oder aber die ganze Verständigung mit Ungarn über 
den Hausen geworfen haben. Der Minister erörtert daraus die 
Verhandlungen über die Revision deS 15er OperatS; es sei 
Ungarn damals zugesichert worden, daß, wenn die 67er Kom 
mission ihr Elaborat im entsprechenden Sinne ausarbeite, das 
ungarische Ministerium ernannt werde und das vom ungarischen 
Landtag zum Beschlusse erhobene El-aborat die Sanktion erhal 
ten werde. Es habe sich also um sehr bestimmte, Ungarn gegen 
über eingegangene Verpflichtungen gehandelt; wie aber in Un- 
gärn die Verfassung wieder hergestellt sei, so müsse sie auch 
diesseits wieder hergestellt und ehrlich gehandhabt werden; die 
Regierung bedürfe in dieser Beziehung keiner Ermahnungen. 
Der Minister verwahrte sich ln Betreff seiner Bezeichnung als 
„Mädchen aus der Fremde"; er habe als vom Kaiser berufener 
Minister, als Ehrenbürger vieler böhmischen Städte, als Mit- 
? >Iied des böhmischen Landtags (für die Reichenbcrger Handels 
ammer) und als von demselben gewähltes Reichsraths- 
Mitglied, Anspruch darauf?, nicht als ein eingewanderter 
Fremder, sondern als ein eingebürgerter Oesterreicher be 
trachtet zu werden. (Allgemeiner Beifall.) Zum Schluffe 
erklärte der Minister, daß die Regierung sämmtliche 
Gesetze, die sich auf den Ausgleich und auf die Verfassung 
beziehen, als ein untrennbares Ganzes auffasse, welches 
auch zusammen der Sanktion unterzogen werden müsse. (Bravo!) 
Das Haus möge nickt dem Ministerium, sondern dem Zu 
standekommen des VecfaffungSwerkes durch Annahme deS 
Delegationsgesetzes ein Vertrauensvotum ertheilen. — 
Der Berichterstatter des AusschuffeS vr. Brest! empfiehlt 
die Annahme des Gesetze- in der Fassung deS Ausschusses. — 
Abg. Skene gestellte Vertagungsantrag wird 
;en 15 Stimmen abgelehnt. 
Abg. S 
15 
I - Mtzvollen 
lßvollen Schusse eine Kunde erfahren, und daß 
Emmy in Montreux an der Schwindsucht stirbt, an der sie 
bis dahin nicht gelitten. Ein Possenspiel: toll beginnt es, 
entwickelt sich immer mehr in seiner ganzen Nichtigkeit und 
endigt mit einem Knalleffekt. Dunkel in den Wolken schweben, 
wie das griechische Fatum, die „unüberwindlichen Mächte", die 
wenigstens im AuSgang deS RomanS die Adelsvorurtheile 
bezeichnen: dafür mag Erwin Zeugniß ablegen, der sein 
„Von" ausstrich, um Arzt zu werden, den alten Titel aber 
wieder annimmt — in der Aussicht, Gräfin Josephine zu 
heirathen. 
Sieht man von den amerikanischen Scenen, der Eisen 
bahnfahrt im Schneesturm, der Nacht in der Kirche—Schil- 
derungen, die in ihrer Wahrheit, Kraft und Plastik eine 
Vjeisterhand bekunden — ab, so bewegt sich der Roman in 
dem ausgefahrenen Geleise der Tieck'schen Romantik in den 
Jahren 1820—40. Dies und daS wird auS Politik und 
Aesthetik herbeigezogen, den dürftigen Stoff aufzuputzen. Die 
Darstellung einer seelischen Krankheit nimmt den ganzen 
Vordergrund ein. Gering ist die Verwickelung, durch ein 
beständiges Gehen und Kommen, von Europa nach Amerika, 
von dort wieder nach der alten Welt zurück, durch den 
Wechsel des Schauplatzes, der bald in Berlin, in 
Schlesien, in Italien, in Montreux ist, wird der 
Schein einer Bewegung hervorgebracht; immer dieselben 
Personen sind zur Hand, der alte Wilson muh aus seinem 
Urwalde nach Montreux kommen, um Emmy sterben zu sehen. 
DaS erinnert an die Kindheit der Kunst. Man vergleiche 
doch einmal im Ernst das Kartenhaus dieser Komposition 
mit dem Aufbau eines Romans von Gutzkow, Auerbach, 
Freytag oder Spielhagen! Bei all' seinen Mängeln, die wir 
gewiß nicht verkennen, welche Fülle des Lebens birgt Spiel- 
hagens Roman „In Reih' und Glied", der die Kehrseite der 
Medaille der „unüberwindlichen Mächte" bildet. Bei 
Grimm überall die Absicht, einer kleinen, ausschließlicher! 
Gesellschaft zu gefallen; das Behagen, gebildet zu sprechen, 
überall ein ängstliches Fernhalten vom Markt dcs Lebens, 
von dem Volke: daneben dann wieder der unversöhnbare 
Gegensatz Amerikas zu diesem Treiben. . . „Zwei Seelen 
wohnen ach! in meiner Brust!" Wenn nicht eine feine 
ironisch lächelnde Seele als eigentlicher Schöpfungsgeist über 
den beiden untergeordneten Seelen schwebt! Zwiespältig wie 
Handlung und Idee des Ganzen, ist auch die Darstellung. 
In den Tagebuchblättern von Arthurs Mutter, in den Natur- 
schilderungen klingt eine bezaubernde Harmonie, in lyrischen 
Tönen, aus; einige Auseinandersetzungen Wilfon'S, des Privat-- 
docenten, deS Professors, lebhaft angehaucht, enthalten einen 
Reichthum trefflicher Gedanken in edeler Form, welcher der 
vornehm akademische Ton keinen Abbruch thut. Andere 
Sekten dagegen find in dem alten, schleppenden Goethe- 
fchen Geheimrathsstil gehalten, in einer Künstelei, die 
in Geschmacklosigkeit ausartet. Man höre diesen Satz: „Jeder 
Einzelne unter der Dienerschaft einmal der Favorit gewesen, 
dem über die Uebrkgen geklagt wurde, jeder Einzelne einmal 
Gegenstand gewesen ganz spezieller Freigiebigkeit, jeder zugleich 
aber auch mehr als einmal tüchtig gekränkt worden dafür; 
und durch dies Gemisch von Gefühlen an die hohe Gönnerin 
in fast sklavenhafter Abhängigkeit gebunden, obgleich jeder 
wiederum alle Jahre einmal den ganz festen Entschluß gefaßt 
hatte, definitiv den Dienst zu verlassen." Auch an häßlichen 
Das HauS hm hierauf in die Spez'aidebatte ein. 
die §§ 1 und 2 werden ohne eigentliche Diskussion mit mehr' 
als Zweidnttkl Majorität angenommen, und wird darauf die 
Sitzung geschlossen. Nächste Sitzung, Dienstag 19. Novem 
ber, T.-O.' das Delegationsgesetz. 
Schweiz. 
^ Bern, 14. November. Die französische Note, welche 
sämmtliche europäische Mächte, somit auch die Schweiz, zur 
Theilnahme an einer Konferenz Behufs Lösung der „rö 
mischen Frage" einladet und welche so eben der französi 
sche Gesandte dem Bundespräsidenten vr. Dubs mitgetheilt 
hat, ist ihrer Form nach eine Verbal-Note, von welcher dem 
Bnndesrathe jedoch auf seinen Wunsch eine Abschrift zuge 
stellt wurde, und sagt ausdrücklich, daß die französische Re» 
gierung sich nicht veranlaßt sehe, für dis projektirte Konfe 
renz ein festes Programm aufzustellen, eben so bezeichnet sie 
auch nicht Ort und Zeit für dieselbe, sondern spricht nur in 
allgemei« gehaltenen Ausdrücken von der Nothwendigkeit 
einer baldigen Lösung der römischen Frage im Interesse der 
Ruhe und Ordnung in Italien und im Interesse des Frie 
dens und Beruhigung der Gcmüther in ganz Europa. Erft 
in der nächsten Sitzung wird der Bundesrath einen bezüg 
lichen Beschluß fassen, zu welchem Zwecke die Note dem po- 
litischenDepartement, dessen Chef sich vorerstbinsichtlich dieser An- 
gelegenbeit in Vernehmen mit den Repräsentanten der Großmächte 
fetzen dürfte, zur Prüfung undBerichterstattung überwiesen wurde. 
— Am 9. d. wurde, wie schon erwähnt, der neuernannte ita 
lienische Gesandte in Bern, Herr Melegari, vom Vizeprä 
sidenten deS Bundesrathes zUr Ueberreichung seiner Beglau 
bigung empfangen. Der „Bund" nimmt heut Veranlassung, 
darauf hinzuweisen, daß seit seinem Entstehen daS Königreich 
Italien der benachbarten Schweiz in der Auswahl seiner 
Vertreter eine besondere freundschaftliche Aufmerksamkeit be 
wiesen habe und daß der Reihe nach es Männer von großem 
Ansehen und ausgezeichneter Begabung waren, welchen es 
seine Vertretung bei der Bundesregierung übertrug. Alle 
diese Repräsentanten, so wie die Geschäftsträger hätten ihre 
Achtung und Zuneigung für die Schweiz besonders dadurch 
bewiesen, daß sie nicht blos den formellen Verkehr mit den 
Behörden in freundlicher und gefälliger Weife unterhielten, 
sondern auch mit Aufmerksamkeit unsere freien, demokratischen 
Institutionen ftudirten, sowohl um für ihr eigenes Gemeinwesen 
aus deren Kenntniß Nutzen zu ziehen, als um ihre Regierung 
mit derjenigen Vertrautheit des Charakters und der An 
schauungen eines republikanischen Staates zu repräfentlren, 
welche einem freundschaftlichen und fruchtbaren Verkehr zwi 
schen Nachbarvölkern so nützlich ist. Das Nämliche sei wie 
der bei Herrn Melegari der Fall, der, wie sein Vorgänger 
Ritter Ceruttk, Generalsekretär des Ministeriums beS Aeußern 
gewesen, also eine in den italienischen Staatsgeschäften er 
fahrene, ausgezeichnete Persönlichkeit sei und überdies die 
Schweiz aus eigener Erfahrung kenne, indem er früher län 
gere Zeit in derselben als akademischer Lehrer zu Lausanne 
gewirkt und sogar eine Waadtländerin zur Frau hat. Der 
„Bund" sieht daher mit Vergnügen einer erfolgreichen Thä 
tigkeit des neuen italienischen Ministers entgegen und fährt 
dann fort: 
Der unglückliche Ausgang der nationalen Bewegung', welche 
das Recht Italiens aus den Besitz seiner natürlichen Haupt- 
stadt und auf die Vollendung seiner nationalen Einheit gel 
tend machen wollte, hat der liberalen schweizerischen Presse in 
jüngster Zeit Veranlassung gegeben, ihre Zweifel unverhohlen 
auszusprechen, ob die italienische Regierung in diesem Falle 
mit der möglichen Festigkeit und Entschiedenheit die selbstän 
dige Stellung Italien- gewahrt habe. Diese Meinungsäuße- 
rung ist der aufrichtige Ausdruck der freisinnigen Anschauungen 
eines republikanischen Volkes, den sich deffen Presse stets und 
vollständig wahren muß. Er entstammt keinem anderen Ge- 
fühle, als demjenigen der Sympathie für Italien und der An 
Bildern ist kein Mangel. „Hast Du daS auch empfunden 
damals", fragt Emmy — eS handelt sich um unglückliche Liebe 
— „als wäre Dir aus der Seele alles Lebendige darin aus 
genommen, wie man einem Fisch mit einem Riß in der 
Küche alles auö dem Leibe nimmt, und dann liegt er da 
und zuckt und schnappt nach Lust und hat die Augen weit 
auf?" Um das Verhältniß Deutschlands zu Preußen nach 
dem Tage von Königgrätz zu schildern, braucht der Privat- 
docent dies Bild: „Denk-n Sie ein Mädchen, das gegen sei 
nen Willen und sein Gefühl einem Manne verbunden wird, 
der eines Morgens, mag sie ihn nun hassen oder lieben, ihr 
Gatte ist, der sie in den Armen gehabt hat und der der 
Vater ihrer Kinder sein wird — was will sie machen, sie 
kann, nicht wieder loS von ihm für alle Ewigkeit!" Wer 
empfindet die Entwürdigung eines solchen Verhältnisses nicht? 
Die Kritik hat der Dichtung nichts zu gebieten, sie kann 
nur warnend den Finger emporheben, wenn sie ein großes 
Talent, nicht in ungestümem Jugenddrang, sondern mit vollem 
Bewußtsein, an den Abgrund taumeln sieht. K. Fr. 
Königliche Oper. 
In der Aufführung von Meyerbeers „Hugenotten" 
gab am Donnerstag Frl. Frankenbcrg als Gast die Mar 
garethe. Die Besetzung dieser Partie wie der ihr nah ver 
wandten der Isabelle im Robert bereitet unserer Bühne 
immer neue Verlegenheiten. Zwar besitzt Frau HarrierS, die 
legitime Inhaberin beider Rollen, alle dafür nur wünschenS- 
werthen Eigenschaften, aber das anderweitige Rcpertoir 
der Künstlerin hat schon längst eine solche Ausdehnung 
gewonnen, daß man auf eine Stellvertreterin bedacht 
sein mußte. Seit einer Reihe von Jahren sehen 
wir uns daher nach einer Meyerbeerschen Prinzessin um, un 
zählige Gastspiele sind zu dem Zweck veranstaltet worden, bis 
jetzt ließ sich jedoch keine Sängerin ausfindig machen, die in 
Rücksicht auf Gehalt und Umfang der Stimme, Koloratur 
fertigkeit und gewandte Darstellung den. anspruchsvollen An 
forderungen auch nur einigermaßen genügt hätte. Auch der 
neueste Versuch theilte das Schicksal aller früheren. Wir 
machten die Bekanntschaft eines, durch falsche Behandlung 
oder übermäßige Anstrengung im innersten Kern angetasteten 
Organs. Gleich die, ersten Töne konnten aus der völligen 
Erschöpfung der Stimme kein Hehl machen und der Eindruck 
war ein um so peinlicher, da es der Darstellerin, die sich im 
ungleichen Kampfe unter der Wucht der Aufgabe wand und 
krümmte, an künstlerischer Einsicht, technischem Geschick, und 
theatralischer Routine keineswegs fehlt. Warum man ihr 
und dem Publikum daS unerquickliche Experiment nicht lieber 
ganz erspart, ist uns unerklärlich, denn über das Unvermögen 
der Sängerin, sich mit den erbarmungslosen Dimensionen 
unseres Opernhauses zu messen, hätte doch, wie hier die 
Dinge standen, die vorangegangene Probe nicht den mindesten 
Zweifel lassen müssen. 
Am Freitag trat Herr Niemann als Mafaniello in 
der Stummen von Ander auf. Zur Charakteristik des 
Sängers bot uns die Darstellung kaum irgend welches neue 
Material. Durchweg erkannte man wieder eine Künstler 
natur, die feurig jeden Stoff ergreift und in übermüthjger 
Freude an dem ihr eingeborenen Gestaltungsvermögen keine 
Gelegenheit vorbeigehen läßt, dieses voll und kräftig zu bl- 
erkennung seines nationalen Rechtes. Die diplomatischen Be- 
Ziehungen zur italienischen Reaierung und den freundnachb.tr- 
Uchen Verkehr von Staat zu Staat berührt diese freimüthige 
Kritik der Ereignisse in einem Nachbarstaate nicht und wir 
wollen im Gegentheil hoffen, daß derselbe Mittel und Wege 
finden werde, sein Haupt in einer Weise zu voller nationaler 
Selbständigkeit wieder zu erheben, welche die ungetheilte Billi 
gung des freisinnigen Europa's verdient. 
Mrztzland und Polen. 
*** St. WeterSburg, 14. Novbr. Die zur Revision 
des Zolltarifs und zur Prüfung der betreffenden Vor 
schläge eingesetzte Kommission sollte gestern ihre Thätigkeit 
beginnen. Wie ich Ihnen schon vor einiger Zeit meldete, 
ist Herr v. Nebolsine, früherer Adjunkt des FlnanzmintsterS, 
ein Mann, der sich viel mit Handelsstatistik befaßt hat, zum 
Präsidenten ernannt; die Kommission in ihrer Zusammen 
setzung ist eine befriedigende; der Moskauer Manufakturrath, 
welcher seinerseits zwei Mitglieder zu ernennen hat, wird 
natürlich Protektionisten senden. Die englische Gesandtschaft 
hier hat, wie ich Ihnen schon früher berichtete, ein reiches 
Material einaesandt, um sowohl die jetzigen als die neu vor 
geschlagenen Tarifposten inS rechte Licht zu setzen, und gehl 
die Tendenz namentlich dahin, nachzuweisen, daß man die 
Waarenpresse, welche dem Tarif-Entwürfe zur Basis dienten, 
viel zu hoch gegriffen, daß also, wenn die vorgeschlagenen 
Tarifsätze angenommen werden, die beabsichtigte Hintertreibung 
des Schmuggels kaum zu erreichen wäre. Von Seiten Preu 
ßens ist hingegen bis jetzt wenig geschehen und cs scheint auch 
nicht, daß weiterhin noch Schritte gethan werden sollten, um 
manchen für Deutschland besonders ungünstigen Tarifposten 
geändert zu sehen. Es hat sich überhaupt hier bei unserer 
Zollbehörde eine ganz eigenthümliche Stimmung gegen 
Preußen herausgebildet, weil man dieses anklagt, den 
Schmuggel an der Grenze zu begünstigen. Als ob Ihre 
Regierung irgendwie interessirt oder auch nur berechtigt 
wäre, anders zu handeln! Und als ob nicht jeder andere 
Staat, wenn er der Nachbar Rußlands auf solch ausgedehn 
ter Strecke wäre, eben so wenig in der Lage oder geneigt 
wäre, diesem durch unsere Gesetzgebung provozirten, ungesetz 
lichen Handel ein Ziel zu setzen. Jener Mißmulh gegen 
Preußen manifeftirt sich in ganz eigenthümlicher Weife in 
den nachfolgenden Zeilen, welche der soeben in deutscher und 
russischer Sprache erschienene „Petersburger Kalender für 
1868" in dem vom Vicedirektor des Zolldepartements, Herrn 
v. Tbörner zusammengestellten „Tabellen über Rußlands 
auswärtigen Handelsverkehr" enthält. 
„Am ausgebreitetsten ist der Handelsverkehr Rußlands mit 
Großbritannien und Preußen; doch gestalten sich für letzteren 
Staat die Verhältnisse noch ungleich vortheilhafrer als für 
England. Denn während Großbritannien über die Hälfte der 
sämmtlichen russischen Exports bezieht und dagegen im Ein 
fuhrhandel Rußlands mit nicht über 33 Prozent vertreten ist, 
so beträgt der Antheil Preußens an unserer Einfuhr 25 Proz., 
an Ausfuhr aber nur 14 Prozent. Außerdem umsaht unser 
Import aus England, bis zur Hälfte seines GesammtwerthS, 
Rohstoffe und Produkte transatlantischer Länder, als Baum 
wolle, Kolonialwaaren, Steinkohlen, Wolle, rohe Metalle, 
Farbstoffe und dergleichen; Fabrikwaaren werden direkt nur in 
geringer Menge aus England eingeführt. So beschränkte sich 
z. B. der Import von Webewaaren im Jahre 1865 auf etwas 
über 1 Million Rubel. Die Einfuhr dieser Gattung Waaren 
unmittelbar aus Großbritannien nimmt fortwährend ab; so ist 
beispielsweise der Werth der direkt von England bezogenen 
Baumwollenwaaren von 1,510,000 Rubel im Jahre 1861 auf 
350,000 Rubel im Jahre 1865 gefallen. Unter den Gegen 
ständen der Einfuhr aus diesem Staate nehmen die Maschinen 
im Werthe von 4—5 Mill. die Hauptstelle ein, und scheintauch 
deren Import eher fallen zu wollen als sich zu steigern. — 
Ganz im Gegentheil wächst die Bedeutung Preußens in 
unserem Einfuhrhandel immerfort; der Gesammtwerth der 
Einfuhr aus diesem Staate hat sich von 26 Mill. im Jatzre^ 
Fortsetzung im ersten Beiblatt. 
thätigen. Solche anregende dramatische Frische und Schlag' 
fertigkeit, sonst gerade die allerseltenste unter den Eigenschaften 
eines ersten Tenors, hat aber hier zur leidigen Kehrseite eine unver 
hohlene Gleichgültigkeit gegen daS spezifisch musikalischeElement. 
Es wird uns zugemulhet, nicht allein auf die Schönheit, sondern 
selbst auf die allerunenibehrlichste Korrektheit des Vortrages 
zu verzichten. Wenige Dinge giebt es, über welche die Ge-^ 
sangSgelchrten völlig untereinander einig sind, zu den Punkten, 
die noch nie in Zweifel gezogen worden, gehört aber die 
Reinheit der Intonation. Sie ist die Grundlage aller musi 
kalischen Gestaltung, wer sie antastet, versetzt daS Ohr in 
einen Nothstand, der jeden wahren künstlerischen Genuß aus 
schließt. Auch diesmal instrumentirte der Sänger gleich den 
ersten A; stritt so stark, daß im ferneren Verlauf von keiner 
weiteren Steigerung die Rede sein konnte. In bcr Barca 
role vernahmen wir Töne, die sich jedem ästhetischen Maße 
entzogen, ununterbrochen wurde hier der Stimme im Wider 
spruch gegen den Charakter der Situation wie der Melodie 
der höchste Kraftaufwand abgetrotzt. Als das Beste, waS 
wir empfingen, galt uns das Recitativ, daS den vierten Akt 
eröffnet und das folgende um einen Ton nach der Tiefe 
gerückte Schlummerlied. Sympathische Weichheit beS Klan 
ges und milde Innerlichkeit der Auffassung, die jedem senti 
mentalen Anflug fern blieb, vereinigten sich hier zu wohl 
thuender Harmonie. 
Frl. Börner gab die Elvira. Die jugendliche Frische 
des Organs und die ansprechende Natürlichkeit deS Aus 
drucks fetzten die große, keineswegs leichte Arie in ein recht 
gefälliges Licht. Von den eigenwilligen Koloraturen gelan 
gen manche über Erwarten gut, das erste Finale wurde da 
gegen durch eine naturalistisch zerflossene Skala verunziert. 
Unter sämmtlichen Aufführungen der Stummen entsinnen 
wir uns keiner, in welcher der Chor auf der Bühne nicht 
einen viertel Ton tiefer als der hinter den Kouliffen gesungen 
hätte. Könnte diesem Uebelstand nicht endlich abgeholfen 
werden? 
Wie unsere Bühne vor fünf Jahren nicht ermangelt hat, 
dem Gluckschen Orpheus eine würdige Säkularfeier zu ^be 
reiten, ebensowig gedenkt sie in diesem Jahr das Jubiläum 
der Alceste sang- und klanglos vorübergehen zu lassen. Daß 
das Werk, welches zum letzten Male am 19. November 1852 
vor uns erschienen, im Rcpertoir sich dauernd behaupten 
werde, ist kaum zu erwarten, eS bezeichnet indessen einen zu 
wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des musikalischen 
DramaS, enthält zu viele Züge von unvergänglicher Schön 
heit, um nicht den unabweisbaren Anspruch zu er 
beben, an seinem Ehrentag einmal wieder an das 
Licht der Lamven zu treten. WaS nun aber daS 
Datum des Jubiläums anlangt, so berichtet der fleißige 
und gewissenhafte Gluck-Biograph Schmid, die erste Auffüh 
rung der A! ceste habe in Wien Samstag, den 16. Dezem* 
ber 1767 stattgefunden. Ein Schreib- oder Druckfehler muß. 
stch aber in diese Angabe cingeschlichen haben, denn der 
16. Dezember jenes Jahres fiel auf einen Mittwoch. In 
Folge von neuerdings angestellten Ermittelungen ergiebt sich 
nun Anzweiselhaft, daß die Oper Sonnabend, den 26. De» 
zember 1767 zum erstenmal in Scene gegangen. —t.
	        

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