Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Unüberwindliche Mächte

SB e 11 f tt; 
Somtag. 17. Aovbr. 
Abonnement: für Berlin vicrtelj. 2 ^ 1\ tyt. 
für ganz Preußen 3^, für das übrige Deutschland 
3H 5l^i — In ferate die Petitzeile 
1867. 
Inhalt. 
Die russischen Ostseeprovinzen. 
Deutschland. Berlin: die «Süddeutsche Presse* über die 
Fortbildung des «weiteren Bundes*; aus den Kammern. 
München: aus. der Kammer der Reichsräthe. 
Otsterreichifcher KaiferKaat. Wien: das Konferenzprojekt; 
die Kirchengüterfrage; aus dem Abgeordnetenhause: die Debatte 
über das Delegationsgesetz. 
Schweiz. Bern: das Einladungsschreiben zur Konferenz; die 
Beziehungen zu Italien. 
Kutzlarrb und Polen. Petersburg: zur Revision des Zoll 
tarifs; der Nothstand in Finnland. 
Asien: Ueberlandpost. 
Amtliche Nachrichten. 
Herrcnhaussitzung. 
Berliner Nachrichten. 
Provinztalzeitung. 
Die russischen Ostsee-Provinzen. 
Die russische Regierung bat sich in den letzten Monaten 
zu einigen Entschlüssen hinreißen lassen, worin man die Um 
sicht und Ruhe des Urtheils, die von der Regierung eines 
«roßen Reiches erwartet werden, doch allzu sehr vermißt. 
Jeder politisch gebildete Mann in Europa sah mit Achsel 
zucken auf den Taumel der Eiderdänen, als diese in Schles 
wig die deutsche Sprache ausrotten wollten, und nur auS 
dem lähmenden Drucke, den eine verkommende Kleinstaaterei 
auf das Denkvermögen der Ihrigen ausübt, glaubte man 
daS Treiben eines Orla Lehmann, eines Monrad erklären zu 
können. Monrad hat sein Ende gefunden in Neu-Seeland; 
zu seiner Entschuldigung sprach indessen, daß wenigstens der 
Norden von Schleswig eine gemischte Bevölkerung hat, so daß 
die dänische Sprache, die er möglichst schnell im Lande 
einführen wollte, einem guten Theil der Einwohner schon be 
kannt war. Eine ähnliche Rechtfertigung steht jetzt der russi 
schen Regierung nicht zur Seite. In Esthland, Livland und 
Kurland versteht niemand Russisch, außer wer eS schulmäßig 
erlernt hat, in welchem Falle auch der Berliner Russisch ver« 
sieht. Die halbamtliche „Russische Korrespondenz" in Peters 
burg sagte am 12. v. M. selber, daß die lettische oder 
esthnische Sprache, welche von den Bauern und sonstigen 
„Nichtunterrichteten" geredet wird, der russischen eben so 
fremd und unähnlich ist wie die deutsche, welche die Mutter 
sprache „des Adels, der Geistlichkeit und der meisten Bewoh 
ner der großen Städte" ist. Ja auch von den Bauern und 
Handwerkern esthnischen Stammes sprechen die „Unterrichte 
ten," wie das Blatt hinzusetzte, im Allgemeinen Deutsch, so 
daß dieses etwa dem zehnten Theil der Gesammtbevölkerung 
-er drei Ostseeprovinzen geläufig und den Allermeisten dar 
unter angeboren ist. Es zählen diese Provinzen, wie bekannt, 
gegen 1,700,000 meist lutherische Einwohner auf 1700 Qua 
dratmeilen. 
Entschluß der kaiserlichen Regierung, solche Länder 
7 brauch der russischen Sprache anzuhalten, muß uns 
::::: : ;rabe so vorkommen, als wenn feiner Zeit die öfter - 
7: Regierung die deutsche Svrache hätte in Jfalken ein 
rollen. DaS hat sie doch aber, wie hart sie auch sonst 
.—'niemals ernstlich versucht, sondern hat immer mit 
ibarden und Venezianern in ihrer einheimischen 
r verhandelt. Sie sah wohl ein, daß eine 
g;: welche Trägerin ist einer alten und feinen 
M?.rung, selbst von einer überlegenen Gesittung nur 
sehr allmälig überwunden werden kann; und dasselbe 
würde jetzt auch in Petersburg erwogen zu werden 
Ein Roman von Herman Grimm. 
Unüberwindliche Mächte. Roman von Herman 
Grimm. (Berlin, Wilhelm Hertz, 1867. 3 Bände). 
Wäre daS Stilgesetz des RomanS so fest durch eine be 
stimmte Wirklichkeit bedingt, wie das Drama durch daS 
Wesen und die Form der Bühne und der scenischen Dar 
stellung so hörte auf der einen Seite die Behauptung auf, 
daß der Roman keine Kunstform fei, und auf der andern die 
Willkürlichkekt, mit der jede Erzählung für einen Roman 
ausgegeben wird. Wir erleben wohl romanhafte Vorgänge, 
in einem besondern Fall ist die Wahrheit vielleicht roman 
tischer als die Dichtung, aber auch das bewegteste Leben kann 
erst der Künstler zu einem Roman umschaffen. Wie unter 
scheidet sich der Roman von der Novelle? ist eine Schul 
aufgabe, die schließlich dahin gelöst wird, daß der 
Roman eben eine „längere Novelle" sek. So wenig 
sind sich selbst manche Schriftsteller über den Begriff 
des RomanS klar, daß sie mit beneidenswerther Harm 
losigkeit „biographische Romane" veröffentlichen. Da 
Niemand jetzt in der „Gelehrtenrepublik" solche allge 
meine Anerkennung genießt, wie Lessing und Goethe sie be 
faßen, wird die Willkür gerade auf diesem Gebiet der Dich 
tung, dem größten und umfasiendsten, durch keinen Macht- 
spruch zu beseitigen sein. Während die einen sich bemühen, 
in ihren Romandichtungen Kunstwerke zu gehen, wird die 
Mehrzahl nach wie vor die ausgetretene Bah» der Alltags 
erzählung verfolgen, find wir doch auf diesem Wege schon 
dahingekommen, landschaftliche Schilderungen und Reise- 
beschreibungen mit einer Staffage von schattenhaften Helden 
und Heldinnen mit dem Namen des Romans geehrt zu sehen. 
Ist die Darstellung einer eigenthümlichen Thatsache aus 
den Schicksalen oder dem Seelenleben eines Einzelnen das 
Ziel der Novelle — und dies finden wir als ihre Besonder-- 
heit bei Boccaccio wie bei Heinrich von Kleist — so soll der 
Roman diesen engen^Kreis zu einem Bild des Gesammt- 
lebens erweitern und den Einzelnen in Beziehung und Gegen 
satz zu der ihn umgebenden Welt sitzen. „Werther" und die 
„Wahlverwandschaften" möchte ich darum Novellen, „Wil 
helm Meister'S Lehrjahre" einen Roman nennen. Die No 
velle kann von dem Hintergrund absehen; wo „Marron 
Lescaut" spielt, ob in Paris oder London, ist gleich 
gültig, ebenso wie das Liebesverhältniß in der „Neuen 
Heloise" dadurch keine wesentliche Aenderung erführe, wenn man 
cs von dem Genfer- nach dem Comer-Sce versetzte. Der 
Roman dagegen braucht für feine Helden diesen Hintergrund, 
die Schilderung des Zuständlichen, der Masse. Schon im 
Don Quixote und den Novellen des Cervantes tritt dieser 
Gegensatz bestimmt und entscheidend auf: Don Quixote geräth 
in Berührung mit dem ganzen spanischen Volke; alles, was 
einen Spanier des 16. Jahrhunderts bewegen konnte, klingt 
leise im Roman wieder. Hierin liegt eine Wurzel dieser 
Dichtungssorm, hierin beweist sich die Abstammung des 
RomanS von dem Heldenepos. Ariosto's „Rasender Roland" 
verdienen. Ueberdrcs sind von der Wiener Regierung 
die Sprachen sämmtlicher Völkerschaften im Reiche fast 
immer geschont worden. Unter allen Ministerien, die seit 
Bach und Schwarzenberg da gewesen, mochte „Centralisation" 
oder „Föderalismus" an der Mode sein, ist z. B. das Czcchische 
begünstigt worden, sogar auf Unkosten des Deutschen. Mag 
es nun auch sein, daß an der Newa andere Staatsgrundsätze 
herrschen als an der Donau, so giebt es doch gewisse Pflich 
ten, die allen Regierungen gemeinsam sind und allen obliegen. 
Die erste Pflicht ist überall die, das Wohl des Volkes zu beför 
dern und keinem eingebildeten Staatsberuf dasselbe wie 
einem Götzen zum Opfer zu bringen; — wie stimmt das 
gegenwärtige Verhalten der russischen Regierung zu dieser 
Pflicht? Die genannten drei Provinzen unter ihrer Botmäßig 
keit sind vor sechs- bis siebenhundert Jahren in derselben 
Weise der europäischen Gesittung erschlossen worden, wie 
unsere angrenzende Provinz Preußen; deutsche Ritter und 
Bürger zogen zahlreich hin, die Ureinwohner wurden gebän 
digt und haben sich nur nicht so vollständig ihrer ursprüng 
lichen Natur entäußert, wie ihre Stammverwandten, die auf 
unserm heutigen Boden wohnten. Unter der russischen Kröne 
stehen Esthland und Livland erst seit dem Anfang, und 
Kurland gar erst' seit dem Ende des achtzehnten Jahrhun 
derts; vorher waren sic zu Zeiten von Schweden abhängig, 
von Polen bedrängt. Die Zusagen und die Bestätigungen 
ihres Herkommens, die ihnen von Seiten der Czaren zu Theil 
wurden, wollen wir immerhin unerörtert lassen; nicht etwa 
weil wir sie für nichtsbedeutend hielten, sondern um lediglich 
nach den gegenwärtigen Bedürfnissen deS russischen Reichs 
zu fragen und nack den Bedürfnissen seiner Angehörigen. 
Wenn nun die Bewohner jener Länder nur Deutsch 
und Esthnisch oder Lettisch verstehen, wie durfte da der 
Ministcrrath in Petersburg im September d. I. plötzlich 
verfügen, daß die Staatsbehörden daselbst fortan in russischer 
Sprache, sowohl unter sich wie mit der Bevölkerung, ver 
handeln sollen? Der schon erwähnte Artikel des Petersburger 
Regierungsblattes antwortet darauf, daß schon einUkas vom 
3. Januar 1850 zu Gunsten der russischen Sprache entschieden 
habe, und daß die neuerlichen Maßregeln dessen Ausführung 
bewirken sollen. Aber jener Ukas war gerade, weil ihn der 
damalige Generalgouverneur der Ostfeeprovinzen für unaus 
führbar erklärt hatte, zurückgelegt worden, und seitdem haben 
sich doch die Verhältnisse der Provinzen nicht geändert. Wie 
esheißt, soll derMimsterrath beiseincrneulichenBeschlußfassung 
ein dem jetzigen Generalgouverneuc abgefordertes Gutachten 
gar nicht abgewartet haben und der soll selber nicht einmal 
vollzählig gewesen sein. So wäre eS denn in jedem Sinne 
eine übereilte Maßregel. 
Zu ihrem Schutze hat man einstweilen der baltischen 
Presse jede Besprechung derselben verboten, während die 
russischen Eiferer in Petersburg und Moskau nach Belieben 
die Deutschen angreifen und verleumden dürfen; dadurch be 
weist man doch aber nur, daß man die Unverarrtwortlkchkeit 
seines Vorgehens selber fühlt. Und wie hält man den ge 
faßten Beschluß auch nur für ausführbar, von feiner Härte 
ganz abgesehen? Das Kaiserreich hat keinen Ueberfluß an 
guten oder brauchbaren Bcan.icu russische- Abstammung; 
es hat keine übrig, um die Ostfeeprovinzen damit zu ver 
sorgen , im Gegentheil widmeten sich bis jetzt nicht 
wenige Männer aus den letzteren dem russischen 
Staatsdienst, und wenn sie auch von der altrusstschen 
Parte! nicht geliebt wurden, so galten sie doch in Petersburg 
für unentbehrlich. Geborene Russen, die man nach Kurland 
isi nur eine lose verknüpfte Reihe von einzelnen Novellen, 
Tasso's „Befreites Jerusalem" wie die Odyssee, ein Roman. 
Wer Hermann Grimm'S „Unüberwindliche Mächte" 
gerade nach der künstlerischen Seite hin betrachtet — und 
diese Seite muß um so mehr hervorgehoben werden, je weni 
ger man von dem Talent und der Ausschließlichkeit des Ver 
fassers stofflich Anziehendes und Ergreifendes erwarten darf 
—, gewahrt beständig diesen Kampf zwischen Novelle und 
Roman. Ein Geist, so fein besaitet, mit solch' künstlerischer 
Empfindung und solch' eindringlichem Scharfsinn in daS 
Wesen der Kunstformen begabt, wie der Herman Grimm's, 
konnte sein Werk nicht unternehmen, ohne sich Rechenschaft 
über die Kunstgattung abzulegen, der er cs zuschreiben 
wollte. Auch er erkannte, daß der Roman der beständigen 
Wechselbeziehung deS Einzelnen zum Ganzen bedarf, 
daß sich das Geschick des Helden hier in einem gro 
ßen Zusammenhang mit seinem Volk und seiner Zeit 
darstellen, entwickeln und lösen soll, aber seine Kraft 
reichte nicht aus, diese Verbindung, die er als noth 
wendig begriff, in der Dichtung auszuführen. Die Fabel 
seines Romans ist eine wunderliche Novelle, ein psychologisches 
Problem. Ein junger Graf Arthur verliebt sich in eine 
Amerikanerin; er ist durch die Schuld feines verschwenderi 
schen Vaters arm geworden und vermöge seiner Ansichten 
über die Erhabenheit feines Standes, feiner mangelhaften 
Erziehung zu jeder Arbeit, zu jedem Staatsdienst untauglich, 
sie unermeßlich reich. Rein und klar stellt sich die Frage: 
kann ein ehemaliger Netchsgraf eine Bürgerliche heirathen? 
Schon hier springt das reine Novellistische der Erfindung, 
der seltsame, besondere Fall hervor. Ein einziger Blick 
in die wirkliche Welt hätte Grimm belehren müssen, 
daß der höchste Adel Preußens mit Bürgerlichen verschwägert 
ist, ja daß selbst „getaufte Jüdinnen", vor denen Graf Arthur 
einen solchen Widerwillen hat, in diesen Kreisen nicht zu den 
Seltenheiten gehören. Dieser Ahnenstolz giebt Arthur eine 
leise komische Färbung, die immer stärker wird, je weiter er 
sich entwickelt. Aus der Erzählung eines Freundes und einem 
zufälligen Zusammentreffen von Umständen schöpft er den 
Verdacht, daß er gar nicht der Sohn seines Vaters, sondern 
der eines „Unbekannten"fei, und verliert nun vollends das Gleich 
gewicht seines Wesens; nachher stellt sich dann heraus, daß 
dieser Verdacht nur ein Irrthum gewesen: Arthur und der 
Leser befinden sich auf demselben Fleck—„der Zopf hängt ihm 
hinten". Und wenn zuletzt, nach Ueberwindung aller Hinder 
nisse und Mißverständnisse, Arthur und Emmy ein glücklich 
verlobteö Paar sind, eine mrmotivirte Kugel, aus der Büchse 
eines, wie das Volk sagt, „nebenbei gefallenen" Vetters des 
wunderlichen Grafen, den Lebensfaden desselben abschneidet: 
so fragt man sich mit Recht, welch' allgemeinen Werth kann 
eine solche Geschichte beanspruchen? Zugegeben, daß sich die 
Thatsachen ereignet haben, daß in unsern Tagen ein Leben 
wie das Arthur's möglich sei, so gehört diese psychologische 
Entwickelung in eine Wochenschrift für Seelenheilkunde, sie 
mag als Anekdote an einem Thcctisch der Aristokratie erzählt 
Bestellungen nehmen alle Postanstalten deS 
In- und Auslandes an; in Berlin die Expedition 
Französische Straße 51. 
, und Livland zur Uebernahme der Verwaltung schicken könnte, 
sind michin in ausreichender oder auch nur in nennenswerter 
Anzahl nicht vorhanden; die eingeborenen Beamten ihrerseits 
sind der russischen Sprache nicht mächtig und allenfalls errr- 
zelne, aber doch nicht alle, würden diese Lücke in kurzer Zeit 
ausfüllen können; — waS für Leute sollen denn nun eigentlich 
die Beschlüsse des Petersburger Ministerraths inß Werk 
setzen? Es bleibt nur übrig, daß die bisherigen deutschen Be 
amten männiglich einen Versuch machen, Russisch zu stammeln, 
wo es dann aussehen würde, als wenn man allüberall in den 
drei Provinzen Komödie spielte. Und wenn selbst ihre Er 
gebenheit gegen die Befehle von Oben sie bis dahin brächte 
— welches Landeskind würde sie verstehen und aus ihren 
Reden klug werden? Seltsam! der Beamte und der Mann 
aus dem Volke können Beide eine Sprache, in welcher sie 
sich verständigen könnten; sie dürfen sie aber auf Befehl der 
Obrigkeit nicht anwenden, sondern sollen sich einer anderen 
bedienen, welche sie beide nicht verstehen. Wie aus diesem 
Wege überhaupt noch ein Verkehr zwischen den Behörden 
und dem Volke stattfinden soll, ist nicht wohl abzusehen. 
Aber gesetzt auch, daß sich eine Anzahl Männer finden, welche 
russische Schriftflücke in den Kanzleien aufzusetzen wissen, und 
andere, welche dem Volke als Uebersetzer dienen, so müssen 
doch die Geschäsisbehandlung und die allgemeine Wohlfahrt 
aufs mannigfaltigste unter solchen muthwillig geschaffenen 
Hindernissen leiden. 
Man kann sich kaum vorstellen, daß die kaiserliche Regie 
rung abgeneigt sein sollte, die Sache nochmals in bessere 
Erwägung zu ziehen. Die Unzweckmäßigkeit, die Schädlich 
keit ibreö früheren Beschlusses ist offenbar. Die Ersetzung 
einer Sprache durch eine andere läßt sich nicht im Handumdrehen 
bewirken, oder glaubt man etwa: weil vor einigen Atonalen 
das Russische für die Baltischen Gymnasien als VortragS- 
fprache in einem Theile des Unterrichts bestimmt worden ist, 
habe sich diese Sprache jetzt schon im Lande eingebürgert? Auch- 
jene Anordnung war eine Verkehrtheit, wobei aus den Nutzen 
der Schüler eben so wenig Rücksicht genommen wurde, wie 
auf den Nutzen und das Wohl deS Volkes bei der späteren 
Anordnung in Betreff der Sprache, deren die Behörden sich 
bedienen sollen. In solchen Gesetzen und Verfügungen ver 
räth sich nicht die Thätigkeit einer wohlwollenden und umsichtigen 
Regierung, sondern diejenige einer überspannten Partei., Sollte 
aber diese Parteirichtung sich festsetzen, so würde rn ganz 
Europa die öffentliche Meinung über Rußland davon berührt 
werden. Allen gesitteten Völkern erscheint eS als eine er 
schreckende Unduldsamkeit, will man die Menschen nicht reden 
lassen in ihrer angeborenen Sprache. Begeht gar dre Re- 
gicrung eines großen Reiches eine solche Schroffheit, so ist 
der Eindruck davon auf alle Zuschauer desto stärker und desto 
unwillkommener. Eine Nation, welche sagt, daß sie keine an 
dere Sprache hören will als die ihrige, erklärt die sich nrcht 
alS Feindin aller Nationen? Will sie auch fürs erste 
nur in ihrem Reiche Sprachcinheit erzwingen: man .furchtet, 
daß sie ihre Grenzen überschreiten würde, sobald wre sie dre 
Macht dazu hätte. In allen gesitteten und auch in manchen 
sehr wenig gesitteten Reichen bestehen mehrere oder viele 
Sprachen neben einander und werden geduldet. Zumal in 
den großen Staaten giebt es stets Völkerschaften an den 
Grenzen, die nicht von gleicher Abstammung mit dem Kern 
der Staatsbevölkerung sind. Die Regierungen behandeln 
solche überall mit Rücksicht auf daS Herkommen und auf die 
Ueberlieferung und nehmen keinen Anstoß daran, daß Nebcn- 
sprachen so lange fortleben, als noch Lebenskraft in ihnen ist. 
werden, eine Bedeutung nach irgend einer Seite hin hat die 
Darstellung eines Narren nicht — eines Narren wohlgemerkt, 
der kein Don Quixote ist. Denn Don Quixote ist ein Rrtter, 
ein Mann der That, er vertheidigt wie Hektor eine 
verlorene Sache: Arthur ist ein Nichtsthuer, ein vornehmer 
Umhertreiber, ein „Garnichts" würde daS Löwenarmerl 
Auerbach'S sagen, mit Zügen, die aus der hochgeborenen 
Ritterlichkeit heraus doch hart an daS Lumpenthum streifen. 
Daß der Erzähler mit einer gewisien Sorge uns wiederholt 
die Schönheit Artbm's, den zauberhaften Emdruck, den ferne 
Persönlichkeit ausübt, schildert, vergrößert nur den Zwiespalt 
zwischen uns und seinem Helden. Denn in grellem Wider 
spruch zu diesen glänzenden Schilderungen stehen die Hand 
lungen Arthur's, die bald durch ihre empörende Härte ver 
letzen, so wenn er die liebende Emmy von sich stoßt 
oder das Bildniß einer Jugendfreundin seiner Mutter 
zerschlägt, weil sich ergießt, daß sie nicht von Adel, 
sondern nur eine Kammerzofe gewesen, bald ihm das 
Ansehen eine- Schwindlers oder Gecken geben. In dem 
Letbrock und mit den lacktrten Stiefeln eines Freundes 
führt er sich bei den Amerikanerinnen, die er auf 
einer italienischen Reise kennen gelernt hat, ein; spa 
ter, als ihn das wunderliche Hirngesvlnnst über seine 
Geburt beschäftigt, treibt er ein kokettes Spiel bald mit dem 
Verschweigen, bald mit dem Hervorheben seines Grafenthums. 
In seinen besseren Augenblicken erkennt Arthur die Schwache 
und Erbärmlichkeit seiner Natur und geräth dann in jene 
Selbstanklagen und jene Selbstverzweislung, die uns allen rn 
ergötzlichster Weise aus Don Quixote's Buße im schwarzen 
Gebirge bekannt sind. Aber die unangeneymen Seiten 
seines Charakters treten stärker hervor, als die unfrei 
willige Komik feines Wesens, und statt uns ein Lächeln zu 
entlocken, stößt er uns ab. Die Phantasie des Dichters hat sich 
vergebens bcmüht, glaubhafte Motive für die Wandlungen 
dieses Narren zu erfinden, sie ist mit dem Blödsinn des 
Helden in die tollste Phantastik gerathen. Eine abenteuerliche 
Geschichte verbindet Arthur's Mutter und Emmy's Vater, 
der nach' einem unglücklichen Liebesabenteuer nach Amerika 
gegangen ist und dort eine reiche Miß Evelyne geheirathet 
hat; in dies Abenteuer ist jene Kammerzofe verflochten, deren 
Bildniß Arthur zerschlug, und die ebenfalls in Amerika 
Mutter eines trefflichen Sohnes, Mr. Smith's geworden ist:' 
daS Ganze erinnert an die greisenhaften Novellen Tieck s, bte 
in ihrem romantischen Halbdunkel, aber nicht aus dem Boden 
Amerika's möglich sind. Dem urtheilenden Leser erscheint 
diese ganze Verwickelung um so ungereimter, je weniger 
die Figuren der Meinung, die der Dichter von 
ihnen hat, entsprechen. Jene reizende ätherische 
Evelyne zeigt sich vor uns als eine echte Schwieger 
mutter, wie wir sie aus Benedrx' „Störenfried" kennen und 
nicht lieben; der dämonische Haß gegen Arthur und ferne 
Mutter, der ihr angedichtet wird, macht sie noch komischer. 
Und hier steckt ein Grundirrthum des Dichters: er will ern 
komisches, ein Lustspiel-Motiv zu einer Tragödie emporheben
	        

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