Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

Politische Correspondenz. 
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Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
ein Mittel geboten ist, Frankreich gegenüber Fühlung zu gewinnen, ein Umstand, 
auf welchen doch auch immer einige Rücksicht zu nehmen ist. Jedenfalls hat die 
beabsichtigte Ständeberufung nur den Zweck, daß Preußen auf Grund seiner 
Februarforderungen verhandle^ nicht den, daß es über dieselben verhandle. Von 
ihnen kann und — wie wir hoffen — wird Preußen nicht zurückweichen. Es 
hat es Oesterreich gegenüber abgerungen, diese Forderungen den Ständen vorzu 
legen; es hat sie in der dem Landtage vorgelegten Denkschrift als das Minimum 
bezeichnet, woran unter allen Umständen festgehalten werden müsse, während die 
Annexion das allerdings Wünschenswerthere Ziel sei, es hat sie festzuhalten in 
seinem wie in Deutschlands Interesse, es ist an dieselben gebunden mit hundert 
Ketten. Preußen wird auf Grund der Februarforderungen entweder die Ver 
ständigung oder den Bruch mit Oesterreich herbeiführen. Die letzte Eventualität 
mögen wir nicht zu Ende denken; wer spräche ruhigen Blutes von einem dro 
henden Bürgerkriege, dessen Schrecken uns vier Jahre lang die transatlantischen 
Zeitungen geschildert? Allein es handelt sich für den preußischen Staat um die 
Existenz und die Ehre und keine Regierung, die ihm nicht den Todesstoß geben 
will, kann von den Februarforderungen etwas Wesentliches herunterlassen. Viele 
Federn sind geschäftig zu erzählen, daß die Umkehr bereits erfolgt sei, daß Preu 
ßen vor französischen Drohungen den Rückzug angetreten habe. Manche von 
den Urhebern dieser Gerüchte sind dem preußischen Staat feindselig gesinnt; 
sie wollen ihre Wünsche erreichen, indem sie dieselben als bereits erreicht dar 
stellen. Andere aber, und diese thun mehr Schaden, sind die Preußen, welche 
ihren Kleinmuth hinter der Abneigung gegen das Ministerium Bismarck ver 
stecken. Weil ihnen der Muth fehlt, ein würdiges nationales Ziel, das einmal 
fest und offen ausgesprochen ist, unbeirrt zu verfolgen, benutzen sie das in Preu 
ßen herrschende System, um -aus demselben den Beweis zu führen, daß gegen 
wärtig dies Ziel nicht erreicht werden könnte. Sie vertrösten uns auf eine ferne 
Zeit, in der ein liberales Preußen Deutschland einigen werde, und bedenken nicht 
daß, was in dieser Frage heute versäumt wird, in keiner Ewigkeit nachgeholt 
werden kann. Sie prophezeien täglich ein neues Olmütz und vergessen, daß der 
Mangel an Selbstvertrauen im preußischen Volke allein uns nach Olmütz führen 
kann. Das Ziel ist gesteckt für die Regierung und für das Volk; giebt die Re 
gierung es auf oder vermag sie es nicht zu erreichen, so bricht die Regierung 
zusammen, und eine andere, fähigere und glücklichere tritt an ihre Stelle. Giebt 
aber das Volk dieses Ziel auf, so bricht das Volk zusammen, und wer soll an 
dessen Stelle treten? Grade die, welche von der Unfähigkeit des Herrn von Bis 
marck den Mund so voll nehmen, welche am liebsten durch die reine Logik be 
weisen möchten, daß Schleswig nicht befreit sei, daß die Siege von Düppel und 
Alsen nicht gewonnen seien, grade sie sollten am eifrigsten dahin trachten daß 
man dem Ziele unverwandt nachgeht, grade sie sollten sich freuen, wenn an die 
ses Ministerium unerbittlich eine Aufgabe herantritt, der es nach ihrer Meinung 
nicht gewachsen ist; sie würden ja dadurch den Sturz dieses Ministeriums be 
fördern. 
Je mehr in dem preußischen Volke die Ueberzeugung verbreitet wird, daß 
ein Zurückweichen schlechthin unmöglich, ein Vorwärtsgehen um jeden Preis ge- 
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