Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
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bare Literatur in spanischer, französischer und englischer Sprache beschäftigt sich 
mit dieser Periode. Allein Franzosen und Engländer ließen die politische Be 
wegung fast ganz außer Augen. Wie sich das von seiner Dynastie 1808 ver 
lassene Volk in dem ungeheuren Kampfe gegen die Fremdherrschaft organisirte, 
wie die Provinzialjunten und wie die Centraljunta thätig war, welchen An 
theil an der Erhebung reformatorische oder revolutionäre Tendenzen hatten, wie 
mit Einem Äorte inmitten des Kampfes gegen das Ausland Spanien zugleich 
eine bedeutsanie innere Krisis durchzumachen hatte — von dem Allen findet 
-man bei Southey, Rapier, Thiers u. s. w. so gut wie nichts. Franzosen und 
Engländer wie die wenigen Deutschen, welche Unbedeutendes über dieselbe Zeit 
geschrieben haben, berücksichtigen fast einzig die militärischen Begebenheiten. Wir 
danken es dem Verfasier, daß er sich nicht durch die Fülle dieses Materials zu 
einer detaillirten Schilderung des Kriegs verleiten ließ, sondern statt dessen be 
dacht war, vie bisher vernachlässigten Partien, die politischen Hergänge, in ihr 
gebührendes Recht einzusetzen. Die Arbeit war nicht leicht und nicht ohne die 
umsichtigste Kritik zu vollbringen. Denn die Spanier, die Arguelles, Toreno 
u. s. w., auf deren Darstellung er sich für den Gang der inneren Entwickelung 
zunächst angewiesen sah, waren bei der Revolution selbst in hervorragender Weise 
beiheiligt; ihre Werke konnten wohl als Quelle, aber in keiner Weise als un 
mittelbar zu benutzende objective Darstellungen betrachtet werden. Ein wie aus 
gedehntes Material nun zur Ergänzung und Berichtigung dieser Quellen von 
dem Verfasser herangezogen worden ist, davon legt fast jede Seite in den be 
treffenden Capiteln seiner Schrift Zeugniß ab. Er schöpft theils aus den 
großen Sammlungen' der Depeschen von Wellington und Castlereagh, theils 
aus den Memoiren von Llorente und Iovellanos, von Dalrymple und Sir 
John Moore, den Denkwürdigkeiten des Marques R. Wellesley und des jun 
gen Louis Philippe, so wie aus der Correspondenz König Ioseph's. Damit 
nicht genug. „Um den wahren Charakter der Bewegung von 1608 bis 1814 zu 
erkennen," sagt er uns selbst in der Vorrede, „habe ich die höchst werthvolle 
Sammlung von spanischen Flugschriften, Aktetistücken und Zeitungen aus jenen 
Jahren, welche die Berliner Bibliothek besitzt, sodann vor Allem die Cortes 
verhandlungen und das jüngst erschienene Tagebuch Villanueva's über die gehei- 
nren Sitzungen der Cortes zu Rathe gezogen, in seiner Gesammtheit ein sehr 
umfasiendes Material, in das wohl noch kaum ein Historiker einen Blick ge 
worfen hat." Seines Fleißes darf sich Jedermann rühmen. Wie freilich auch 
all' diese Hülfsmittel noch nicht ausreichen, um den Gang der Dinge in allen 
Einzelheiten aufzuhellen, deutet gleichfalls der Verfasser selbst an. Genug aber 
— zum ersten Male ist doch hier der preiswürdige Versuch gemacht, eine histo 
rische Schilderung der Kräfte und Umstände zu geben, welche die merkwürdige 
politische Umwandlung des spanischen Volkes in einer Zeit von sechs Jahren 
herbeiführten, der Versuch, die Genesis der Verfassung von 1812 zu 
schreiben, jener wunderlichen, ja abenteuerlichen Verfassung, welche dann bis in 
die zwanziger Jahre die Fahne des europäischen Liberalismus blieb. Fortwäh 
rend begleitet den Leser, während er sich von dem reichen Stoffe und von der 
Lebendigkeit der Darstellung gefeffelt findet, das Gefühl, daß er an der Hand 
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Politische Correspondenz. 
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Berücksichtigung der berechtigten Stellung Oesterreichs. Ein sachliches Interesse 
hat sie nie dargeboten; Oesterreich hat keine Veranlassung und keinen ernsten 
Willen, Preußen in dem Genusse der Vortheile zu stören, welche der Besitz des 
Kieler Hafens ihm darbietet. — Der ganze Streit, wie überhaupt das wider 
wärtige Auftreten des Herrn von Halbhuber haben nur den Zweck, dem preußi 
schen Cabinet recht ernst zu Gemüthe zu führen, welche Bedeutung der „Mit 
besitz" hat. Zu spät, jetzt noch Reflexionen darüber anzustellen, ob Preußen 
recht und klug daran that, im December 1863 sich in eine Lage zu stürzen, die 
nach Jahr und Tag dahin führen mußte, sich wegen diese« Mitbesitzes ausein 
anderzusetzen. Die dem Abgeordnetenhause vorgelegte Denkschrift bietet keine 
Gründe dafür, die uns befriedigen könnten. Jndeffen der Mitbesitz ist da und 
muß zur Erledigung gebracht werden. Oesterreich sucht ihn so hoch wie mög 
lich zu verkaufen, und läßt ihn zu diesem Zwecke den Preußen so lästig erschei 
nen wie irgend möglich. Preußen darf und wird nicht mehr dafür zahlen, als 
er werth ist. Das Interesse, welches Oesterreich jetzt für das Augustenburgische 
Erbrecht an den Tag legt, ist hohler Schein. Dasselbe Oesterreich, welches im 
November 1863 durch Herrn von Nechberg's Mund erklärte, es sei im Grunde 
gleich, ob Christian oder Friedrich in Schleswig-Holstein regiere, welches im Ja 
nuar 1864 den Prinzen Friedrich von Kiel ausweisen wollte, welches durch ein 
erst vor Kurzem bekannt gewordenes Actenstllck vom 30. April 1864 sich die von 
Herrn von Scheel-Plessen über das schleswig-holsteinische Erbrecht entwickelten 
Ausführungen aneignete, kann jetzt keinen Grund haben, für das Recht Herzog 
Friedrich's einzutreten. Ebenso wenig kann es ihm Ernst sein mit dem Eifer, 
den es zur Schau trägt, dem deutschen Vaterlande einen neuen vollsouveränen 
Mittelfürsten zuzuführen. Kein Zweifel, die Kleinstaaterei in Deutschland dient 
der österreichischen Machtstellung zum Piedestal. Indessen auch ein Mittelstaat 
kann unter Umständen Oesterreichs Gegner sein. Bei der Abstimmung vom 
6. April sah Oesterreich sich gegenüber Hannover, den Concurrenten Preußens 
zur See, Mecklenburg, dessen erlauchter Herrscher sich einst gehorsamst meldend 
zum Mitgenusie des historischen Ochsen einfand, Kurhessen, dem Oesterreich einen 
Feldmarschall-Lieutenant sandte, als Preußen es mit einem Feldjäger versuchte. 
Die Schöpfung eines neuen Mittelstaates ist ein zu geringer Gewinn für Oester 
reich, als daß es ihn hoch erkaufen sollte. Alle diese Schachzüge sind Mittel, 
um Oesterreich der Verlegenheit zu überheben, für seinen Mitbesitz einen Preis 
zu fordern, und Preußen in die Nothwendigkeit zu versetzen, einen Preis zu 
bieten. Jeder von beiden Contrahenten versucht, sich den anderen „kommen zu 
lasten," um günstigere Bedingungen zu erzielen. Oesterreichs Partie steht etwas 
günstiger, als vor einigen Monaten. Die Handelsvertragsfrage, lange Zeit hin 
durch ein Vehikel für politische Anstrengungen beider Theile, ist nach den Ab 
stimmungen in den Abgeordnetenhäusern beider Staaten als erledigt anzusehen. 
Die Finanzfrage, die ungarische Frage, beides zwar noch offene Wunden, bren 
nen doch in diesem Augenblick nicht; in Italien sieht cs ruhiger aus als seit 
Jahren. Oesterreich übt seine alte Stärke aus: „es kann warten," kann auch 
in Schleswig warten. Nun, und dennoch, — Preußen hat keine andere Ent 
schädigung an Oesterreich zu bieten, außer dem Bewußtsein, daß es nach langer 
Preußische Jahrbücher. Bd. XV. Heft 6. 46
	        
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