Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
äftit Rücksicht auf die bevorstehende Jubelfeier der großen Iunitage von 
1815 machen wir unsere Leser auf eine Darstellung aufmerksam, welche so eben 
bei S. Hirzel in Leipzig erscheint. Der Titel ist: „Der Krieg von 1815 
und die Verträge von Wien und Paris, von Julius Königer,' 
Hauptmann im Gr. Hess. 3. Infanterieregiment." Die Schrift, etwa 
30 Bogen stark, umfaßt die folgenden drei Bücher: „Der Wiener Congreß 
und die Wiederaufrichtung des französischen Kaiserreichs; der Feldzug von Belle- 
Alliance; der zweite Pariser Friede." Die Arbeit beruht zum Theil auf Akten 
im Archiv des Generalstabs in Berlin, bereu Einsicht dem Verfasser gestattet 
war. Während die neueren Quellenwerke über diesen wichtigen Zeitabschnitt 
meist besondere Zwecke verfolgen, während z. B. bei Pertz sichrer reiche Stoff 
um das Leben Stein's gruppirt, während Bernhardt sich die kritische Aufklärung 
der entscheidenden politischen und militärischen Momente zum Ziele gesetzt und 
erreicht hat, will die vorliegende Darstellung ein übersichtliches, nach allen Sei 
ten gleichmäßig ausgeführtes Bild der großen Thaten geben, in Welchen die 
Befreiung Deutschlands ihren Abschluß fand, und der ersten Versuche für die 
Neubegründuug unseres staatlichen Daseins, welche daraus hervorgingen. Der 
Verfasser hat sich durch seine im vorigen Jahr erschienene „Völkerschlacht bei 
Leipzig" die Anerkennung erworben, daß er für solche Stoffe befähigt ist. 
Die Bedeutung der Feier, welche die Rheinlands im verflossenen Monat 
begingen, ist nirgend schöner dargestellt worden als in der Festrede, welche 
Heinrich von Sybel in der Aula der Bonner Universität hielt. Shbel hat 
drei Jahre hindurch zu ren Führern unserer parlamentarischen Opposition gehört, 
er hat schneidiger, leidenschaftlicher als irgend ein Anderer den Kampf gegen das 
reactionäre Regime geführt. Und doch feiert er im wärmsten Dankgefüht den Tag 
der Vereinigung des Rheinlandes mit Preußen, und doch erklärt er: „wie dieses 
Preußen einmal ist, mit seinen Schroffheiten und Schwächen, mit seiner Tüch 
tigkeit und Kraft, mit seiner großen Geschichte und seiner gewaltigen Zukunft, 
— wir gehören zu ihm, wir wollen zu ihm gehören und zu keinem andern." 
Das macht: die Kämpfer in den Reihen der Opposition sind sich nicht gleich. 
Die Einen treibt eine reine Vaterlandsliebe, ein ernster historischer Sinn, sie 
streiten um das Ideal, das sie aus den geschichtlichen Lebenszügen des Staats 
herausgelesen haben. Die Anderen sind die Philistermaffe, deren Gedanken nicht 
weiter reichen, als auf Hinwegschaffung der Staatslasten, Verminderung der 
Steuern, Verminderung der militärischen Pflichten und Machtmittel, Herbei 
führung eines, von den Ordnungen und Anforderungen des Ganzen möglichst 
ungestörten sinnlichen Behagens, nach dem Wahlspruch: udi bene, ibi patria. 
Dem großen Historiker erscheint es als ,,ein Ausdruck niedriger Gesinnung," 
wenn die rheinische Hochschule an jenem festlichen Tage „in stumpfem Schweigen 
verharren wollte.« Dem Gemeinderath der ersten Stadt am Rhein erschien es 
als eine Pflicht der Opposition, in solchem stumpfen Schweigen zu verharren. 
Notizen. 
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eines Mannes geführt wird, der mit männlicher Einsicht und mit politisch geüb 
tem Blick den Kern der Dinge und dgs innerste Wesen des großen Processes 
zu durchschauen weiß, den er Schritt für Schritt verfolgt. Mit der Einsicht in 
die politischen Kräfte wird aber auch ein neues Licht für das Verständniß der 
Kriegsbegebenheiten gewonnen. Daß Spanien in sechs Jahren nicht dazu kam, 
ein respectables Heer regelmäßiger Soldaten in's Feld zu stellen, während doch 
etwa durchschnittlich eine halbe Million Menschen den Volkskrieg führte, das 
hört auf uns ein Räthsel zu sein, indem wir von der Lage der spanischen Regierung 
und Verwaltung ein anschauliches Bild bekommen. Wir geben gern dafür die 
Relation der militärischen Details preis, mit denen Rapier dreizehn Bände ge 
füllt hat und finden ebenso die Kürze'zu loben, mit der sich der Verfasser be- 
schied, die wichtigsten Actionen und den Gang im Großen hervorzuheben, wie 
das Geschick, mit dem er, zum Theil in ergreifender Schilderung, an einzelnen 
Beispielen, wie an der wiederholten Belagerung Saragossas, die wunderbare 
Art des Kampfes zu illustriren verstand. 
Die vorliegende Arbeit greift weit hinter die Zeit zurück, welche nach dem 
Plan der ganzen Sammlung den Anfangspunkt der einzelnen Staatengeschichten 
bilden sollte; der Band schließt mit dem Jahre, von dem wir im Ganzen und 
Großen die „neueste Geschichte" der europäischen Staaten zu datiren gewohnt 
sind. Niemand wird darin eine willkürliche Abweichung von der allgemeinen 
Regel sehen. Wir sind vielmehr gewiß,, daß^das Buch selbst für jeden Leser den 
Beweis führen werde, wie dieses Zurückgehen auf das Jahr 1788 eine in der 
Natur der Sache begründete Nothwendigkeit war. Die einzelnen Staaten und 
Völker sind ja wohl ebensoviel eigenthümliche Individuen; ihre Stufenjahre und 
Entwickelungsperioden fallen nicht ohne Weiteres mit weltgeschichtlichen Epochen 
zusammen, die Geschichte jedes Volkes folgt eigenen Gesetzen, und zwar um so 
mehr, je eigenartiger sein Charakter, je abgelegener seine Bildung und Entwick 
lung von dem allgemeinen Weltgetriebe war. In der That, auch wenn es dem 
Verfasser nicht gelingen sollte, dem zweiten Bande seines Werkes, der Geschichte 
von 1814 bis auf unsere Tage, ein gleiches Interesse zu verleihen wie dem jetzt 
vorliegenden — schon durch diesen würde die neuere und neueste Geschichte Eu 
ropas eine unschätzbare Bereicherung erhalten haben. Denn soviel ist gewiß: 
die neueste Geschichte Spaniens konnte entweder gar nicht oder sie mußte in der 
von Baumgarten gewählten Begrenzung gegeben werden. Es ist so, wie er 
sagt: „die Kenntniß der zwanzigjährigen Regierung Karl's IV. ist für denjeni 
gen unentbehrlich, welcher die große Erschütterung verstehen will, der das alte 
Spanien in den denkwürdigen Jahren 1808 bis 1812 erlag." Und wiederum. 
Niemand wird verstehn, was seit 1814 in Spanien geschehen ist, wer nicht jene 
Jahre genau kennt, die den großen Wendepunkt seines Lebens bildeten. In ih 
nen offenbart sich wunderbar deutlich und unendlich anziehend die innerste Na 
tur des spanischen Volkes, der spanischen Zustände, der spanischen Regierung, 
Verwaltung und Politik. Die Quellen, welche dem Historiker über die Jahre 
nach 1814 zu Gebote stehen, sind unseres Wissens um Vieles mangelhafter als 
die, welche für jene merkwürdigen sechs Jahre der Erhebung benutzt werden 
konnten. Wir irren uns vielleicht, aber fast möchten wir glauben, daß diese
	        

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