Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
698 Notizen. 
ten Eigenthümlichkeiten der Schüler beeinträchtigen mußte. Dem geht Grimm's 
Vorschlag aus dem Wege, indem er den Schüler von der Lehranstalt in dem 
Augenblicke emancipirt, wo die Technik erworben und die allgemeine Bildung 
weit genug fortgeschritten ist, sich nach eigener Wahl und mit Erfolg an ein 
zelne Ateliers und Meister zu wenden; ein erleichterter Aufenthalt in Nom 
werde Technik und Anschauungen vollenden. Endlich ein Drittes. Der Ver- 
faffer legt ein großes Gewicht auf die elementare und höhere allgemeine Bil 
dung der künftigen Künstler. Der verstorbene Guhl bemerkte als Lehrer an der 
Königl. Akademie der Künste in Berlin bedenkliche Lücken in dem Wissen seiner 
Zuhörer und sah sich genöthigt, unter Anderem einen Cursus von Geschichts 
vorträgen einzurichten, damit der künftige Historienmaler einmal wisse, an wel 
cher Stelle des großen Ganzen der ihm vielleicht sehr zufällig zugekommene 
Vorwurf seine Stelle habe. Die^ Rafael, Michel-Angelo, Lionardo da Vinci, 
Albrecht Dürer stehen mitten inne im Strom einer großen allgemeinen Bil 
dung, so daß alle ihre Wirkungen durch tausend feine Fasern nicht allein mit dem 
intuitiven, sondern auch mit dem intellectuellen Leben der Menschheit zu 
sammen zu hangen scheinen; aber nicht alle Zeit fällt solches Manna in das 
arbeitvolle und zerrissene Leben, und dann mag man sich wohl hüten zu mei 
nen, daß Barett und Mangel an Orthographie das Genie machten. Die uni 
verselle und freie künstlerische Bildung der Künstler zu fördern ist der Verfasser 
auf alle Weise bedacht; in dem drittletzten, an feinen kunstgeschichtlichen Bemer 
kungen und nachdrücklichen Warnungen reichen Effay „der Verfall der Kunst in 
Italien" dringt er auf großartige Sammlungen photographischer Nachbildungen 
„aller vorhandenen Gemälde, begleitet jedes einzelne Blatt von Angaben über 
Größe, Herkunft, allgemeinen Zustand und besondere Eigenheiten des Werkes;" 
in dem Februarheft seiner allen Künstlern und Kunstfreunden dringend zu em 
pfehlenden Monatsschrift „Ueber Künstler und Kunstwerke" (Berlin, Ferd.Dümm- 
ler's Verlagsbuchhandlung, 1865) kommt er ebenfalls auf die Nothwendigkeit einer 
photographischen Bibliothek für das gesammte kunstgeschichtliche Material zurück. 
Er sieht die Gefahren, welche die Nachahmung niit sich führen kann: aber er 
schätzt sie mit Recht gering gegen den ungemeinen Vortheil der Belehrung. 
Diese Vorschläge gehen nicht hervor aus kleinlich praktischen Erwägungen, 
sondern aus einer tiefen Achtung der Würde der Kunst. Nirgends redet der 
Verfasser deutlicher und wärmer von ihr als in den beiden Essays „Berlin 
und Peter von Cornelius" und „die Cartons von Peter von Cornelius" und 
hier wird der Leser mit uns innig empfinden, was vorhin von der individuell 
lebendigen Wirkung des Essay überhaupt gesagt wurde. Dieser einsame unter 
den Malern, in seiner persönlichen Erscheinung mehr einen Niesen im Denken 
darstellend, von Grimm als Biographen Michel-Angelds ganz verstanden und 
empfunden, tritt hier unserem herzlichsten Interesse nahe. Wir sehen ihn, wie 
einen Helden, nicht beirrt durch die stumme Theilnahmlosigkeit der Menge, fast 
wie einen tragischen Helten, der ernst und gefaßt seine Ideale in der Ruine 
des Berliner Campo santo (das nicht ist und nicht sein wird) und in den, Sär 
gen gleichenven Holzkisten auf Berliner Boden und Kammern oder sonstwo be 
stattet, ohne Aussicht, daß die herrlichen Cartons, diese Skelette der Gemälde, 
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sich jemals mit Fleisch umkleiden und durch die Jncarnation der Farbe Leben 
finden werden! Das hebt Grimm ergreifend hervor, fein skizzirt er die wunder 
baren Schönheiten dieser vereinsamten Kunstleistungen; aber es ehrt ihn, daß 
er vor dem jüngsten Gericht der Ludwigskirche sein Urtheil frei bewahrt, die 
Einmischung Luther's unter die Verdammten tadelnd und Michel-Angelo's 
Schöpfung in ihrer Superiorität anerkennend. 
Bei einem fast ausschließlich Kunstinteressen erwägenden Werke ist eS na 
türlich, daß es seine Hauptaufmerksamkeit Italien zuwendet. Auch die beiden 
ersten Hefte der genannten Knnstzcitschrift bringen vorwiegend italienische Themen, 
unter denen besonders die Zurückführung des den: Correggio beigelegten Ant 
litzes Christi im Berliner Museum auf Lionardo da Vinci sich durch glückliche 
Combination auszeichnet. Von den Essays greift der fünfte „Dante und die letz 
ten Kämpfe in Italien" mit lebendigster, würdiger Bezugnahme auf die neueste 
Geschichte, in die arbcitvolle Epoche des Anbruchs der modernen Zeit, welche 
für Italien man könnte fast sagen ästhetisch verfrüht begann, zurück. Es thut 
wohl, dem Verfasser hier als Gegner Witte's zu begegnen. Der große Dante 
forscher hatte in seinem Lieblingsdichter einen Antipoden der letzten italienischen 
Bewegungen aufgezeigt; sehr wahrscheinlich, weil er seine persönliche Ansicht 
ohne eine solche litterarische Autorität in die Welt gehen zu lassen nicht den 
vollen Muth besaß. Man kann verschieden über das Königreich Italien denken, 
welches noch einige Jahrzehnte wird leben müssen, bis daß nach allen Seiten auch 
sein historisches Recht anerkannt werde, und bereits sind auch die von einem 
sogenannten conservativen Geschichtslehrer als äußerster Termin seiner Existenz 
gesetzten fünf Jahre verflossen; aber das ergiebt sich aus Grimm's eingehender 
Besprechung als sicheres Resultat, daß Dante nicht einmal für sein Zeitalter 
eine „gliedschaftliche Unterordnung Italiens unter das römisch-deutsche Kaiser 
thum" als höchstes national-politisches Problem aufgestellt haben würde, und 
daß, wenn von Mißverftändniß und Fälschung Dante'scher Anschauungen die 
Rede sein soll, die Parteileidenschaft Witte weiter geführt hat als Mazzini und 
Tommaseo, welche in dem Dichter der Commedia eine Autorität für die italie 
nische Einheit finden wollten. In daö concrete Leben. der classischen Epoche 
der italienischen Kunst führt der siebente, den Lesern dieser Blätter bereits be 
kannte Essay „Raphael's Disputa und Schule von Athen, seine Sonette und 
seine Geliebte," der ausgeführteste von allen; ergiebt zahlreiche Beweise, wie 
Pasiavant's Darstellung stofflich und ästhetisch-kritisch könne berichtigt und be 
reichert werden. Wir erhalten nicht allein scharfsinnige Aufschlüsse zur Deutung 
der beiden großen Rafael'schen Werke, deren mächtiger gedankenvoller Inhalt 
so weit von dem Phantasieleben eines Künstlers und insonderheit von dem achil- 
lisch-frischen Wesen dieses nie gealterten Malers abzuliegen scheint; sondern auch 
als eine reine ganze menschliche Persönlichkeit tritt er uns entgegen, unter den 
großen Gedanken für die Disput« eines schönen Weibes nicht vergessend, welche 
er in vier schönen Sonetten grüßt. Kunst und Leben hängen bei den großen 
Genien organisch zusammen: darum dürfen biographische Einzelheiten beleuchtet 
werden, doch soll man sich nicht grämen, wenn sich für namenlose Persönlichkei 
ten keine „bürgerliche Auskunft" findet. Eigenthümliche Verhältnisse mußten in
	        

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