Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

etwas weiter hinunter. Es war eine alte sogenannte Bockmühle, 
das Gebäude vielleicht noch malerischer, die Aussicht über die 
Stadt, den Dom, das Schloß Gottorf, die Schlei und Haddebye 
mit der ältesten Landeskirche ebenso schön wie jetzt. Dort wird 
man das Denkmal setzen. Kein Wunder wenn hier ein großer 
Landschafter geboren worden. — 
Aber so klar sind nicht immer die Beziehungen zwischen Jugend 
eindrücken und Entwicklung. Was Carstens dargestellt, das sind, 
was er hier nicht, was er mit leiblichen Augen überhaupt nicht 
sah, fast nur griechische Menschengestalten: Homer, Achill, 
Odysseus, Alcibiades, Socrates, die griechische Unterwelt mit ihren 
mythischen Figuren. Was hat er dazu zu Hause empfangen? — 
Wer kann cs sagen? Vielleicht doch den Grundstoff zu allem: 
Poesie, als Empfindung für Reinheit, Wahrheit und Tiefe. Denn 
in seinen Arbeiten ist, wie Goethe sagt, das Verdienst, welches 
seine Quelle in der Brust des Künstlers, in den schönen Eigen 
schaften seines Geistes und Herzens hat. — Seine Mutter war 
eine gebildete Frau, sie trieb unter andern etwas Blumenmalerei, 
von ihr bekam er also wohl die erste Anregung zum Zeichnen 
und zum Farbengebrauch. Welche Anregung konnte er auch 
sonst bekommen in einem Lande, wo man nur Butter macht, 
Ochsen gräs't oder Rappsaat und Weizen erzeugt, wo für die 
Künste kein Boden, für Künstler keine Luft, wo man nicht 
fingt — wie das ja alles längst geschrieben steht. Italien er 
zeugte Bildhauer und Maler, der Geist wuchs in Frankreich wie 
bei uns die Gerste, am Rhein der Wein und die Sänger. So 
hat man uns gelehrt. Oder hätten wir's nicht glauben sollen? 
Oder war vielleicht das unsere wahre Schuld, daß wir's geglaubt? 
Asmus Carstens besuchte die'Domschule, oder vielmehr er 
besuchte, den Dom, denn in der Schule hat er nichts gelernt 
noch empfangen. In dessen weiten Hallen verzehrte er sein 
Butterbrod, und dann sprach zu ihm ein hoher schleSwig-holstei- 
nischer längst abgeschiedener verwandter Geist vom Altare her 
unter, dem auch das Vaterland noch ein Denkmal in seinen 
Herzen schuldig ist, denn das Monument hat er sich selber ge 
setzt : Hans Brüggemann aus Husum, der Schnitzer des Altar- 
blattes in der Schleswiger Domkirche. An ihm ist Carstens 
zum großen Maler, zum Gründer geworden einer neuen Rich 
tung der Kunst, die nach Raphael's und Michelangelo's Zeit mit 
einem neuen Princip einsetzte und eben auf diesem fußend eine 
frische Blüthe statt der absterbenden künstlichen Blumen möglich 
gemacht, ja ihre höchste Entfaltung gewiß noch nicht erreicht hat. 
— Doch darüber lasse ich besser nachdem Hermann Grimm als 
Autorität sprechen. — Also eine heimische Wurzel! Und von 
Schleswig-Holstein aus wäre der Anstoß gekommen zur neuen 
Kunst, die dann in Rom Wurzel faßte, deren Zweige in Frank 
reich, Belgien, England und Deutschland, auch in Dänemark 
durch einen Thorwaldsen aufgeblüht? Und wir hätten kaum auch . 
nur davon sagen hören? Wie wär es möglich/ Und doch ist es 
einfache Thatsache. Gerade in der allerprosaischsten Marsch und 
ihren Grenzen, um Husum, Bredstedt herum, nach Eiderstedt 
und Ditmarfchen hinein muß sich im 13. und 16. Jahrhundert 
wie in Holland eine Malerschule so hier eine Schule der 
Bildschnitzerei entwickelt haben, von der Brüggemann 
nur die Spitze war. Ein solches Genie kann niemals einsam 
stehen, cs bedarf einer Unterlage an Heuern und Theilnehmern, 
begeisterte Mitarbeiter und Abnehmer, mit einem Worte Schule 
und Publikum, um so hoch zu ragen und doch zu stehen, so gut wie 
ein Thurm einen Unterbau bedarf. Damals ist das halbe Volk 
dort ein künstlerisches gewesen. Dies wird auch bestätigt durch 
die Unzahl von Schnitzwerken, die leider feit 30 Jahren aus dem 
Lande verkauft sind, verschleppt nach England und Frankreich, 
bis nach Pau in den Pyrenäen. Manche Pariserin wiegt sich 
üppig in einem Lehnstuhl, neu mit Seide gepolstert, den vielleicht 
ein Bredstedter oder Ostenfelder Bauer für seine Braut oder 
Tochter geschnitzt hat. — Brüggemann's Altarblatt aus Eichen 
holz aber ist in seiner Weise so vollendet, wie nur (dem Mate 
rial angemessen) die berühmten Thüren von Ghiberti an der 
St. Johanniskirche in Florenz, wie sie in genauer Nachbildung 
im Krystallpallast in London zu sehen sind, von denen Hermann 
Grimm in seinem „Michelangelo" schreibt: „Am 19. April 14*24 
wurden die beiden Thüren in ihre Angeln gehoben. Ghiberti's 
Ruhm verbreitete sich jetzt in ganz Italien. Ghiberti nebst drei 
anderen sind die Gründer einer neuen Kunst, die in Raphael 
und Michelangelo zur Blüthe kam." — Ich scheue mich fast 
hinzuzusetzen: Brüggemann und Carstens wurden vergessen. 
(Schluß folgr.)
	        

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