Volltext: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

Diesen Einfluß und damit die Große des Mannes zeichnet 
Grimm am besten in folgenden Worten. Nachdem er gesagt, 
daß ein widriges Schicksal ihn spät habe beginnen lassen und 
früh durch den Tod abgerufen, fährt er fort: »Das Wenige, 
was er in dieser geringen-Zeit leistete, ist bedeutend genug und 
hat ungemeine Frucht getragen. Denn obgleich Carstens keinen 
Schüler hatte und seine Werke nicht in öffentlichen Besitz ge 
langten, um in spätern Zeiten dem Volke sich einzuprägen: sie 
und der Charakter des Mannes haben dennoch in großen Künst 
lern fortgelebt, Malern und Bildhauern, und in ihnen wie eine 
neue Incarnation des hinweggeschwundenen Meisters arbeitend, 
die moderne Kunst geschaffen und ihr Inhalt, Namen und 
Würde verliehen. Thorwaldsen in erster Linie, Wächter, 
Schick und Cornelius empfingen in dieser Schule den ent 
scheidenden Anstoß. Auch Schinkel ging aus ihr hervor. 
Carstens war der erste bildende Künstler seit Michelangelo, 
bei dem Charakter und Thätigkeit ein einziges Ganze ausmach 
ten, und das Gefühl von der Nothwendigkeit dieser Vereinigung 
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war es, aus dem die Generation, die nach ihm genannt werden 
muß, sich bildete." Dürfen wi" uns rühmen, daß er von die 
sem Charakter etwas aus der engeren Heimach mitgebracht? 
Fast scheint es. Hebbel zeigt.Jch in mancher Beziehung ähn 
lich, auch Roß wie mir scheinen will; die Gegenwart, in der sic 
leben mußten, nannte es natürlich Stolz. 
»Es giebt ein Wort, mit dem man das zu bezeichnen pflegt, 
was vor Carstens' Zeiten in der Kunst geherrscht. Man sagt, 
er und seine Schule hätten dem Zopf ein Ende gemacht. Was 
ist das eigentlich, das so genannt wird?" Doch für die Antwort 
auf diese Frage muß ich den Leser auf Grim m's Brochüre ver 
weisen, mich freuend, wenn ich seine Neugier erregt habe. Nur 
noch zum Schluß ein Citat in Bezug auf Carstens' letztes Werk: 
»Alles ihm verwehrt vom.Schicksal, Alles trug er in seiner 
Seele, und was er niemals selbst genoß, stellte er schöner und 
wahrhaftiger hin, als die selber, die es besaßen oder besitzen, es 
nur zu empfinden im Stande wären. Und auch dies letzte 
Werk, alle früheren überragend, es wäre, hätte Carstens weiter 
schaffen dürfen, nur eine Vorstufe , gewesen zu dem, was er dann 
erst, in voller Meisterschaft vielleicht, der Welt geschenkt, und es 
konnte in diesem Sinne an seiner Gruft von Fernow gesagt 
werden, ein Künstler werde hier in die Erde gesenkt, der von ihr 
habe scheiden müssen, ehe er sich durch ein großes monumentales 
Werk, das einmal zu schaffen seine ganze Sehnsucht gewesen, 
den Eintritt in die Unsterblich^'? erkaufte. Diese Unsterblichkeit 
wird, denk ich, die Zukunft Carstens dennoch nicht streitig 
machen; heute schon kann das mit Sicherheit gesprochen werden. 
Je weiter wir fortrücken von den Tagen, in denen er arbeitete, 
um so einsamer wird er über diese Zeit hinauswachsen. Schon 
jetzt steht er groß genug da. Aber es genügt nicht. Deutlicher 
noch als heut' wird einst erkannt werden, wie viel die Nach 
folgenden ihm verdanken. Selbst wenn seine Werke untergingen, 
sein Name würde bestehen und Jeder wissen, was er bedeutet." 
Noch empfehle ich „die Zeichnungen von A. I. Carstens in 
der großherzogl. Kunstsammlung zu Weimar. In Umrissen ge 
stochen rc. von W. Müller. Mit Erläuterungen von CH. 
Schuchardt, ! l Hefte Weimar und Leipzig & Heft V* Thlr., 
auf chines. Papier I Thlr." Sie sollten bei jedem Wohlhaben 
den nicht auf dem Tische fehlen, wenn diesen Sommer die Künst 
ler Deutschlands erscheinen, unserm großen Landsmann zu Ehren. 
Kiel, Mai 1865.
	        

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