Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
Asmus Jacob Carstens. 
Zehn ausgewählte Essays zur Einführung in das 
Studium der modernen Kunst von Herman Grimm. 
Berlin, Dümmler. 1867. 4 
Von Klaus G r o t h. 
Wodurch mach und nach Kunstsinn und Ge 
schmack bet uns zu Grunde gingen, darüber ließe 
sich ein langes Trauerlied anstimmen. Die ge 
bildeten Stände haben aber am wenigsten Ur 
sache, auf die unteren herabzusehen. Sie haben 
jedenfalls am meisten Schuld. Die Gleichmacherei 
und Glattmacherei kam von Oben herab. AuS 
den Kirchen warfen zuerst die Prediger pietäts- 
los den „barbarischen" Schmuck, aus ihren Häu 
sern entfernten die Beamten die Schnitzwerke 
ihrer Vorväter wie ihre platte Sprache. Dann 
folgten die Bauern nach. Sprechen ja jetzt auch 
schon, wie jener Wilstermarschbauer sich rühmte, 
zur Uebung mit ihren Kindern schlechtes Hoch 
und werden dafür auch im „Jtzehoer Wochen 
blatt" von dem Prediger aus der Cremper-Marsch 
belobt. So geht es zusammen. Die friesische 
: Kleidung z. B. wird ganz sicher aufgehört haben 
i zu existiren, sobald die friesische Sprache am 
Ende ist. 
Man könnte davon eine Reihe tragi-komischer 
Geschichten erzählen. Für eine sei nur hier der 
Raum gestattet. Daß man allmählich übers 
ganze Land die alten zum Theil werthvollsten 
Schnitzwerke aus den Kirchen entfernte, sie auf 
die Kirchenböden warf, verbrannte, verkaufte, ist 
bekannt, hat doch Prof. Thaulow die schönsten 
Sachen seiner Sammlung noch vor wenig Jahren 
auf einer Auction in Bordesholm erstanden, die 
dort Zufall oder Pietät noch an dem bezeichneten 
Platze erhalten hatte. Aber daß auch eine ganze 
Kirche wegrestaurirt werden konnte, muß wohl 
als geschichtliches Curiosum aus der damaligen 
Zeit erzählt und aufbewahrt werden. 
Husum besaß eine schöne gothische Kirche, in 
deren Nähe ein höherer Beamter wohnte. Es 
geschahe eines Tages, daß dieser Beamte be 
merkte, wie der Thurm der Kirche nicht bloß 
schief geworden, sondern sich zu ihm herüber 
neigte und sein Haus, Heerd und Haupt bedrohe. 
Setzte sich alsobald und berichtete nach Kopen- 
Hagen an die Kanzlei von diesem drohenden Un 
heil, vorfcagend um Erlaubniß und Geld, selbi 
gem Unheil vorzubeugen. 
Nachdem darüber hin und her berichtet und 
die Sache wohl erwogen, sahen die Husumer 
eines Tages mit Erstaunen, wie man anfing, 
ihren Thurm abzutragen. Aber es blieb nicht 
beim Thurm, die ganze Kirche verschwand nach 
vieler Arbeit und Mühe, denn das alte ehrwür 
dige Gemäuer war so wohl gefugt, daß es der 
Aexte und Kuhfüße bedurfte, um es in Stücke 
zu zerbrechen und wegzuführen. 
Das war gründliche Restauration, wenigstens 
der Anfang dazu, gründlicher als an den meisten 
Orten, wo man bloß die Wände innen glatt 
machte und mit Kalk anstrich. 
Freilich hatte sie viel Geld gekostet, so viel, 
daß für eine neue Kirche neues Geld beschafft 
werden mußte. Woher? das mag uns wenig 
interessiren, uns geht nur der ästhetische' Unsinn 
hier etwas an, die Barbarei der damaligen sog. 
Bildung. Denn sie beging diese Frevel. Der 
Bauer ist passiv und conservativ. Er hätte es 
schon beim Alten belasten, der Thurm wäre 
sicher nicht gefallen und die Husumer besäßen 
jetzt noch ihre schöne Kirche. Jetzt baut man 
denn einen Kasten wieder, den der Fremde schon 
aus der Ferne mit der Frage beschaut, was es 
wohl bedeuten möge? Schauspielhaus? Circus 
Renz? Biertrichter? Sägemühle? Irgend etwas 
Sonderbares müsse es sein. Und er nimmt die 
Idee mit zu Hause: welch ein geschmackloses 
Volk in diesen friesischen Marschen wohne. Frei 
lich, das sei, meint er, ja auch ganz natürlich, 
denn die Leute sprächen plattdeutsch. 
Zur Zeit von AsmuS Jacob Carstens, vor 
nun bald 100 Jahren, mag von dem alten 
Kunst- und Formensinn noch etwas im Volke 
übrig gewesen sein, das ihm sich offenbarte. 
Gezeichnet hat er schon sehr früh. Auch hatte 
er im schleswiger Dom das größte Kunstwerk 
friesischer Holzschnitzerei, den herrlichen Allar von 
Brüggemann, der vollständig mit den berühmten 
Ghuibertischen Broncethüren in Florenz wetteifern 
kann, ein Kunstwerk, das für sich allein beweisen 
würde, daß hier eine lang trainirte Schule und 
ein lange erzogenes Volksurtheil ihin vorherge 
gangen und zur Seite gestattden, dies hatte 
Carstens beim Kirchenbesuch und gewiß auch in 
den Spielstunden vom nahen Gymrtasium ans 
vor Augen. 
Der directe Einfluß dieses Bildwerks auf 
Carstens ist niemals nachgewiesen. Doch finden 
sich, wie ich meine, Beweise dafür in den Ge 
stalten deL Malers. Er ist freilich Brüggemann 
gegenüber selbständiger als z. B. Thorwaldsen es 
ihm gegenüber ist. Beim Thorwaldsen möchte 
man fast in jeder Linie die Conturen Carsiens'- 
scher Erfindung erblicken, einzellie Gestalten wie 
die herrliche Nacht und Morgen gehören der 
Hauptsache nach Carstens ganz und gar an. 
Aber z. B. in dem schönen Carstens'schen 
Blatt, wo der Socrates im Korbe am Boden 
hängend darstellt, ist der Sophist, der mit Süffi 
sance zu ihm ausblickt, ganz dieselbe Figur, welche 
sich bei Brüggemann in dem Felde von den 
ausziehenden Juden findet. 
Mit Recht also dürfte sich Schleswig-Holstein 
des Mannes als des Seinen rühmen, da es ihm 
nicht blos das nackte Dasein gegeben, sondern 
ihn reich ausgerüstet aus dem Schatze uralten 
Besitzthums, aus dem Erbtheil seiner Vorväter 
mit den Gaben des Geistes und Gemüths, mit 
denen er gewuchert, als deren treuer Verwalter 
er aber auch einsam dasteht in unerkannter Größe 
und untergeht in der Fremde. 
Denn wenn man es den Dänen gönnt, daß 
sie ihren Thorwaldsen hoch halten, sich seiner 
rühmen als Landeswunder, wenn utan es als 
die reinste. Fornt des Patriotismus, als edelste 
Seite ihres Characters lobt: daß sie ihre großen 
Männer hoch halten, wenn man es nicht anders 
als natürlich findet, daß jeder Italiener die Fla 
men Raphael und Michelangelo im Munde führt, 
so wird man uns schon ein ähnliches gönnen. 
(Schluß folgt.)
	        

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