Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
/ 
aus : Kieler Zeitung-Morgenausgabe,Nr* 2429,2431, 
1871,Dez.14,15,21, S. 1 2441 
Asmus Jacob Carstsus. 
Zehn ausgewählte Essays zur ^Einführung in 
das Studium der modernen Kunst von Hermann 
Grimm. Berlin. Dümmler 1871. 
Von Klaus Groth. 
Unter dem obigen Titel hat Hermann Grimm 
(der Pater, Wilhelm, ist jedem deutschen Kinde 
bekannt als der eigentliche Märchenerzähler, der 
jüngere von dem berühmten sprachforschenden 
Brüderpaar Jacob und Wilhelm Grimm) eine 
Auswahl aus seinen Abhandlungen über Kunst 
und Künstler zusammengestellt, die mir allerdings 
bis auf Einen schon bekannt waren, die ich aber, 
zumal in diesem Zusammenhange gern wieder 
gelesen habe, und die ich hiermit dringend Jedem 
empfehle, der sich für bildende Kunst ernstlich zu 
unterrichten strebt. 
Es gewährt mir immer einen hohen und 
reinen Genuß, einen Esiay von Hermann Grimm 
zu lesen. Ich lese ihn mit der ruhigen Erwar- 
tung: eine selbst gewonnene Ueberzeugung voll 
und klar ausgesprochen zu finden, so weit sie 
sagt stets das letzte Wort, das aus dieser un 
mittelbar als die Wahrheit für ihn emporsteigt. 
Daher spricht er ohne Furcht und sagt manch' 
kühnes Wort, aber ohne Haß, denn er spricht 
nur in der Sache. Wer in neuerer Zeit den 
Controversen zwischen Kunstkennern und Künst 
lern über die Holbeinschen Madonnen von Dres 
den und Mannheim und zugleich Grimm's Auf 
satz in den Preuß. Jahrbüchern gelesen hat, der 
mag ein Urtheil gewinnen über die Schwierigkeit, 
eine objective Ueberzeugung über das wirklich 
Schöne zu bekommen (denn natürlich: es läßt 
nicht kalt, sondern fordert heraus zu Liebe und 
Haß, zu An- oder Ablehnung) und Zutrauen zu 
einem Führer in diesem Reiche, wie Hermann 
Grimm es ist. Dies beruht zum Theil auf 
höchst feiner Organisation dieses Mannes. Wer 
in seinen „Unüberwindlichen Mächten" die Schil 
derung des Gemäldes erinnert von der Mutter 
des Helden, den wird diese Schilderung noch 
anfassen wie wenn er das Bild selbst geschaut 
und den Geist, der es geschaffen, wie den, besten 
körperliche Hülle es vergegenwärtigen soll. Ich 
serm Lande besonders zu empfehlen, das ist der 
Aufsatz über Asmus Jacob Carstens, unsern 
Landsmann. 
Jeder Schleswig-Holsteiner wird den Namen 
Asmus Jacob Carstens mit Stolz nennen, mit 
demselben Stolz, womit der Däne den seines 
Thorwaldsen ausspricht. Denn er war unser, 
wie Goethe von Schiller sagt. Es wächst kein 
Gravensteiner auf einem Dornstrauch. Es er- 
hebt sich kein Genius so über seinen Stamm 
h'naus, daß nicht die Wurzeln noch im beimi 
schen Boden stehen. Etwas wird der große 
Künstler wohl aus der Hcimath mitbekommen 
haben. War eS vielleicht auch bloß die Zähig 
keit und Auedauer, die wir unL doch wohl ohne 
Ueberhebung zuschreiben dürfen, der Mannesstolz, 
der ihn über das Gemeine erhob. Tie Mitgift 
wäre keine kleine gewesen, wenn auch zugleich 
eine verhängnißvolle. „Carstens war der erste 
bildende Künstler seit Michelangelo/ sagt Her- 
man Grimm, „bei dem Charakter und Thätigkeit 
ein einziges Ganzes ausmachten, und das Ge 
fühl von der Nothwendigkeit dieser Vereinigung 
war es, aus dem die Generation, die nach ihm 
sich voll und klar durch Worte aussprechen läßt. 
Es findet sich deshalb niemals eine leere Phrase 
in irgend einem Aufsatze von Hermann Grimm. 
Er sucht vielmehr immer nach dem reinsten Aus 
druck seiner Gedanken, und sein Stil kann daher 
mitunter den Eindruck des Gesuchten machen, 
wenn er z. B. zur genaueren Bestimmung seiner 
Meinung noch ein beschränkendes oder verstärken 
des Adverbium gegen die gewöhnlichen Regeln 
der Topik an das Ende des Satzes schiebt. Ge 
sucht freilich nur in dem Sinn, daß er auch 
gefunden. Denn auch sein Stil ist im Ganzen 
klar, ja schön. 
Ich habe jahrelang am Rhein und in Dresden 
im Kreise von Künstlern, Malern und Bildhauern 
gelebt, gewohnt, täglich verkehrt, vor Kunstwerken 
aller Art in Ateliers und Gallerten in tage 
langen Gesprächen mich zu belehren das Glück 
gehabt. An diese mündlichen Belehrungen von 
Ritschl, Ehrhardt, Bendemann erinnern mich die 
Aufsätze, erinnert mich die Sprache Grimm's. 
Er spricht — auch in der Schrift — immer wie 
aus der unmittelbaren Anschauung heraus und 
kenne nichts so Meisterhaftes in dieser Art, durchs 
Wort ein Bild zu geben. — Es beruht zum 
Theil auf der umfassenden Bildung des Ver- 
fassers, dem geistige Mittel zu Gebote stehen, 
daß er oft die Summe ziehen darf der gegen 
wärtigen Bildung. 
Die zehn Essays handeln über die Venus von 
Milo, Raphael und Michelangelo, Carlo Sara- 
ceni, Albrecht Dürer, Goethe's Verhältniß zur 
bildenden Kunst, Asmus Jacob Carstens, 
Berlin und Peter von Cornelius, die Cartons 
von Peter von Cornelius, Schinkel, E. CurtiuS 
über Kunstmuseen. 
Sie beginnen also mit dem schönsten antiken 
Kunstwerk, das auf uns gekommen ist — gleichsam 
als Einleitung — und gehen von den italieni- 
scheu Meistern des Cinquecento über unsere größ- 
ten deutschen bis an die Gegenwart. Man 
möchte nur bedauern, das Mittelglied der Nie 
derländer nicht durch einen Repräsentanten — 
Rubens, Rembrandt, van Dyk — vertreten zu 
sehen. 
Was mich aber veranlaßt, das Buch in un 
genannt werben muß, sich bildete. Denn was 
die moderne Thätigkeit, wo sie groß und nach 
haltig auftritt, in allen Fächern hoch über die 
früheren erhaben binstellt, ist diese allgemein 
als nothwendig anerkannte Verbindung zwischen 
Leben und Thun, daß jedes Werk ein Denkmal 
sei der gesammten Existenz. Das giebt Goethe's, 
Schiller's und Lessivg's Schriften ihre Wirkung, 
das erhebt Beethoven, ja das leuchtet deute selbst 
aus Wissenschaften bcraus, bei denen in früheren 
Tagen ein dem Charakter des Gelehrten nach 
eigenthümlicher Antrieb kaum denkbar war. Und 
das auch kennzeichnet beute die echte bildende 
Kunst, und wo dieser Zusammenhang zwischen 
Werk und Meister fehlt, da ist das Werk in 
unserer Zeit machtlos. Denn sei immerhin zu 
gegeben, daß es gelingen kann, für Wachen, 
Monate, ja für kurze Jahre auch heute kirnst- 
lichen Ruhm aufrecht zu erhalten: keine Macht 
dennoch ist stark genug, zu verhindern, daß nach 
Ablauf dieser Zeit all' der Ruhm sich in be 
schämende Lächerlichkeit verwandle. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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