Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
aus 
Zweite Beilage zur Königlich privilegierten 
Berlinischen Zeitung, Nr. 305, 1871,Dez.21 
S. 1 
Zehn ausgewählte Essays zur Einführung in daS 
dium der modernen KunftvonHermanu Grimm. Berlin, 
erd. Dümmler. — Essay nennt man eine eigenthümliche kri- 
tische Kunstgattung, den Versuch einem vielleicht oft behandelten 
Gegenstände, neue und charakteristische Seiten abzugewinnen, 
und möglichst den allgemeinen Inhalt, den Geist der Sacke, 
Allen sichtbar, herauszutreiben. Darum wenden sich die Essays 
mehr den Geistcswerken, als den Personen, die sie hervorbrach, 
ten, zu, und ziehen die Lebcnkverhältnisse und Eigenthümlichkeiten 
derselben nur so weit heran, als sie geeignet erscheinen, die er 
steren mit aufzuklären. Die grenzenlose Freiheit dieser Form 
erfordert neben vollständiger Zeit- und Personen-Kenntniß 
vor Allem eine sehr geschickte Hand, um anS der Fülle deö vor- 
liegenden Materials das Wesentliche glücklich herauszuschälen; 
denn ihre Fassung soll so kurz und gedrängt sein, wie möglich. 
Hermann Grrmm hat feit vielen Jahren dreie Kunstgattung mit 
stets wachsender Meisterschaft behandelt, und wir können als Be 
leg dafür den in der vorliegenden Auswahl enthaltenen Aufsatz 
über Raphael und Michelangelo anführen, der beinahe alle die 
Hauptgesichtöpuntte so zu sagen autieipirt, welche in seinem 
großen Werke über Michelangelo die leitenden geblieben sind. 
In das Studium der modernen Kunst einzuführen, lautet die 
ausgesprochene Absicht dieser Auswahl, und wir glauben, daß 
sie in ihrer zum Selbstdenken anregenden geistvollen Darstellung 
hierzu ganz besonders geeignet sein möchte, viel mehr, als aus- 
v führliche Compeudien der Kunstgeschichte, nur massenhaftem 
erdrückenden Material und voller ftupender Gelehrsamkeit. Nach- 
den, ein kleiner feurig geschriebener Aussatz über die „VenuS 
von Milo" gezeigt, warum die antike Kunst bei aller ihrer Er- 
habenheit uns ferne bleiben muß. werden wir sogleich in die 
Dlüthczeit der italienischen Kunst — Rapbael und Michelan 
gelo — versetzt, um darauf den Verfall derselben in einer be 
sonders gedankenreichen Schilderung „Carlo Seraccni" zu ver 
folgen. In einem vierten Essay gelangt Grimm bereits zur 
deutschen Kunst, und zeichnet uns im liebevollsten Eingehen das 
herrlicke Wirken unseres „Dürer". Dann dw spanische, nieder 
ländische, französische Schule völlig bei reite lassend, ver 
weilt er kurz bei dem „Einfluß Gocthe's auf die bil- 
dende Kunst", um sogleich dw neue klassische Richtung 
in „Cmstcnö" und besonders in „Cornelius" zu feiern, 
dessen Bedeutung in zwei längeren Essays verständlich 
zu machen versucht wird. Diese, wie der foigende Versuch über 
„Schinkel" und der Schluß-Aufsatz über Kunstmuseen sind gleich, 
sam Zugab n speziell für den Berliner Leserkreis, denn eigent 
lich mußte der Verfasser wohl die Reihe seiner Essays mit Cor 
nelius schließen. Diese Anknüpfung an 5 oder 6 bedeutende 
Namen mag sehr fragmentarisch erscheinen, allein cs kam vor 
Allem darauf an, zu zeigen, daß Cornelius in gerader Linie 
von Michelangelo abstammt, und ihn in ideeller Hinsicht viel 
leicht wirklich überragte. Grimm's Verehrung für den vielfach 
verkannten großen Meister ist so absolut, daß er einige seiner 
letzten Werke, die ihm nicht wie die früheren zusagen, nicht zu 
verstehen fürchtet. Im klebrigen kann die hier und noch an 
einzelnen andern Stellen hervortretende Erclusivität seines Stand- 
Punktes uns nicht im Mindesten verhindern, den Werth dieser 
in verschiedenen Zeiten verfaßten Essays nach ihrer Gedanken- 
! fülle, ihrer voüenbeien Form und ihrer überaus ansprechenden 
Darstellung vollkommen zu würdigen, und sie auf das Angele- 
gütlichste allen Kunstliebhabern zu empfehlen.
	        

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