Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Essays

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Magazin für die Literatur des Auslandes. 
No. 51. 
No. 51. 
Magazin für die Literatur des Auslandes. 
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© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 34 
welcher die Mitglieder des Vereins erfüllt sind, bewährt sich bei 
vielen der leitenden Persönlichkeiten in einer schriftstellerischen 
Beredsamkeit, die einen Vergleich mit dem Wirken der Apostel 
nicht zu kühn erscheinen läßt. Der Verleger des Vereins, R. L. 
Friderichs in Elberfeld, kann mit Fug und Recht schon von 
einer Literatur des Protestanten-Vereins sprechen, die, indem ste 
sich in der evangelischen Welt gleich Flugblättern verbreitet, nicht 
zu geringem Theile dazu beiträgt, daß die protestantische Be 
wegung der Gegenwart etwas von dem Charakter der späteren 
Reformations-Zeit an sich trägt. Einen glücklichen Gedanken hat 
die Leitung des Vereins durch die Herausgabe des „Jahrbuchs" 
ausgeführt, von welchem kürzlich der durch die Kriegsperiode um 
ein Jahr zurückgehaltene zweite Jahrgang erschienen ist. Der 
selbe enthält eine Reihe höchst gediegener, nach vielen Seiten 
hin anregend wirkender Artikel, von denen ein jeder Zeugniß 
davon ablegt, daß die von Deutschland errungene glücklichere 
politische Lage nicht ohne günstige Rückwirkung auf die Ziele : 
des Protestanten-Vereins bleiben kann. 
Eingeleitet durch ein Vorwort aus der Feder des Berliner 
Predigers Dr. Thomas, worin namentlich auch, aus Veranlas 
sung der neuerdings an den Geistlichen Schröder im Nassauschen 
und Dr. Hanne in Kolberg begangene Härten, auf die parallele 
infallibilistische Richtung des evangelischen Oberkirchenraths und ! 
des Papstthums hingewiesen wird, bietet das Jahrbuch zunächst j 
eine kirchenpolitische Rundschau von Lic. Hoßbach in Berlin, 
welche die Stellung des Protestanten-Vereins zu den Ereignissen 
der letzten beiden Jahre darlegt. Es folgt ein aufklärender Ar 
tikel „die Grundanschauung der Urgemcinde" von R. A. Lipsius, 
ferner ein von Dr. D. Schenkel, wie jedes Produkt seiner Feder, 
frisch und kraftvoll geschriebener Aufsatz „Zur Erinnerung an 
E. M. Arndt", den eisernen, gläubigen Mann, den der Pro 
testanten-Verein mit Recht als einen Vorläufer auf seiner Bahn 
betrachtet. Prof. Baumgarten ist mit einem beredten, tief in 
die Verhältnisse eingehenden Vortrage „ProtestantischesZeugniß 
wider das Neulutherthum" vertreten. Ein Aufsatz „Der Dar 
winismus und die Religion", von Dr. Zittel in Heidelberg, 
sucht eine vermittelnde Stellung zwischen den beiden anscheinen 
den Gegensätzen. „Zwei Ketzer-Prozesse", von Dr. Ni pp old, 
gewähren eine historische Parallele zwischen dem Verfahren gegen 
Leon, den spanischen Katholiken, und gegen Sinstra, den nie 
derländischen Protestanten von Seiten der dort katholischen und 
hier evangelischen Inquisition. Den Schluß bildet der Jahres 
bericht, welcher in Verbindung mit der angefügten Statistik, ins 
besondere im Südwesten Deutschlands ein erfreuliches Wachs 
thum des Vereins und seiner Wirksamkeit ersehen läßt. Möge 
der Verein muthig fortfahren — Deutschland wird ihm einst 
dankbar sein für seine That: die Rettung der deutschen Bekennt 
niß- und Gewissens-Freiheit! 
Eine neue Schiller-Ausgabe. 
Zn den vielen neuen Editionen, welche seit dem Aufhören 
des ausschließlichen Verlagsrechtes der Cotta'schen Buchhandlung 
von Goethe's und in noch weit beträchtlicherer Anzahl von Schillcr's 
Schriften veranstaltet worden, ist in diesem Augenblicke eine 
neue getreten, welche wir aus mehr als Einem Grunde mit be 
sonderer Freude begriißen und warm empfehlen möchten.*) 
*) Schiller’s sämmtliche Werke in zehn Bänden. Druck und 
Verlag von Karl Prochaska. Leipzig und Teschen. 
Von dem Augenblicke an, wo das Privilegium der Cotta'schen 
Verlagshandlung aufhörte, schienen die Werke unserer Dichter, 
namentlich Schiller's, erst recht eigentlich das Eigenthum aller 
Deutschen, des gestimmten Volkes geworden. In den verschiedensten 
Ausgaben, vollständig und in Auszügen, mit und ohne Erläu 
terungen, in höchster Eleganz und in anspruchslosester Einfachheit 
erschienen Schiller's Werke auf dem Büchermärkte, es Jedem 
ermöglichend, seinen Verhältnissen, seinen Bedürfnissen und 
seinem Geschmacke nach, sich den Lieblingsdichter unseres Volkes 
als bleibendes Eigenthum, als unvergänglichen Schatz zu erwerben. 
Die uns heute vorliegende Ausgabe geht noch einen Schritt 
weiter. „Ad nationes“ ist ihr Motto; nicht nur an das deutsche 
Volk, sondern an die Nationen wendet ste sich. An Alle, 
welche, seien sie germanischen, romanischen oder slavischen Ur 
sprungs, die deutsche Sprache lieben, lesen und so weit verstehen, 
daß sie wissen, welch reiches Gut nicht nur Deutschland, sondern 
die gesammte gebildete Welt an Schiller's Werken besitzt. 
Die Art und Weise wie diese Vermittelung geschieht, ist sehr- 
einfach und doch von ganz immenser Tragweite. Die Ausgabe 
ist nämlich in Antiqua-Schrift gedruckt, und wer da weiß, welche 
Schwierigkeiten allen Ausländern, selbst solchen, die mit unserer 
Sprache innig vertraut sind, unsere Lettern und Schriftzeichen 
machen, der wird zugestehen, daß hier wirklich der Weg gefunden 
ist, „den Nationen", die sich ja jetzt, sei es fteundlich, sei es 
feindlich, mehr denn je mit der deutschen Sprache beschäftigen, 
eine ihrer edelsten Blüthen leichter zugänglich zu machen. 
Die Ausstattung des in zehn Bänden erschienenen Werkes 
ist eine ganz vortreffliche. Jedem Bande ist als Titelkupfer eine 
Photographie von Bruckmann, nach Zeichnungen von C. Jaeger 
beigegeben, die sämmtlich von großer künstlerischer Vollendung 
zeugen. Wir möchten als ganz besonders gelungen „Laura am 
Klavier" und die Gruppe „Schiller in Weimar" hervorheben. 
Schriften über den Krieg. 
Die zahlreichen, den Krieg von 1870—71 behandelnden Werke 
zerfallen in zwei Klassen: die einen wollen durch Schilderungen oder 
Beschreibungen der Aktionen, an denen sie handelnd oder zuschauend 
Theil genommen haben, Beiträge für Bearbeitungen des Ver 
laufes des gesammten Feldzugs liefern; die andern glauben es 
schon jetzt an der Zeit, aus offiziellen Berichten und jenen Detail 
darstellungen eine umfassende Geschichte des riesenhaften und 
weitverzweigten Krieges zu schreiben. Die Schriften, die uns 
vorliegen, sind Vertreter dieser beiden Richtungen. 
Herr Dr. Adolf Zehlicke hat seine Kriegsberichte für die Schle 
sische Zeitung revidirt, Manches unterdrückt, was von nur tem 
porärem Interesse war, andererseits Bereicherungen und Ausfüh 
rungen nach seinen Aufzeichnungen und den Mittheilungen An 
derer gegeben.*) 
Uns scheint nun zwar eine Veröffentlichung derartiger per 
sönlicher Erinnerungen auch noch jetzt keineswegs ungerechtfertigt 
eben weil das Material zu einer Geschichte des Krieges herbei 
geschafft werden muß, welche militärisch sowohl, als im Einzelnen 
schildernd, ein vollständiges Bild der Ereignisse geben könne. 
*) „Von Weißenburg bis Paris." Kriegs- und Siegeszug der 
deutschen Heere in Frankreich 1870—1871. Nach seinen Berichten für 
die „Schlesische Zeitung" dargestellt von Dr. Adolf Zehlicke. Breslau 
W. G. Korn. 463 S. 8. 
Indessen haben wir ein Bedenken in Bezug auf die Form solcher 
Darstellungen; wir meinen nämlich, daß die Verfasser derartiger 
Beschreibungen sich nun auch auf das beschränken sollten, was ste 
wirklich beobachtet haben und aus eigener Erfahrung erzählen 
können. Ziehen sie dagegen auch das mit in den Bereich ihrer 
Darstellung, was sie nur durch Erkundigungen erfahren haben, 
um ihre eigenen Beobachtungen zu vervollständigen, so machen 
sie eben damit schon den Uebergang zur Geschichtsschreibung, 
ohne ihn indeß zu vollenden. Ein solches Werk wird ein Mittel 
ding zwischen Tagebuch und anschaulicher Schilderung und an 
dererseits einer umfassenden Darstellung. Von diesem Stand 
punkte aus scheinen uns z. B. alle Einleitungen, welche die Ent 
stehung des Krieges, die Vorbereitungen dazu, den Aufmarsch 
der beiden Armeen darstellen, völlig überflüssig; es sind bekannte 
Dinge, und sie gehören wohl zu einer Geschichte des Feldzugs, 
nicht aber in Schriften, welche beanspruchen, nur Beobachtungen 
zu geben, die zu machen nicht jedem Anderen möglich ge 
wesen ist und welche in ihrer Art einzig und schätzbar als Vor 
arbeit und Material sein sollen. 
Andererseits ist es gewiß irrig, anzunehmen, daß viele rein 
persönliche Erinnerungen jetzt ihren Werth verloren hätten. Die 
Geschichte eines Feldzugs besteht nicht allein in der Darstellung 
alles streng zu den eigentlichen Aktionen Gehörigen, etwa in der 
Weise, wie Rüstow taktisch und statistisch seine Geschichte ver 
faßt; sondern für uns Leser, mögen wir Theil genommen haben 
an den Operationen oder nicht, wird jetzt und später auch alles 
das von großem Interesse sein, was, sozusagen, die Qualität der 
Begebenheiten, den Charakter der kriegführenden Parteien und 
Völker, die individuellen Züge, an denen ein solcher Krieg nach 
allen Richtungen des Seelenlebens hin so reich ist, irgendwie be 
trifft. Daher glauben wir, gerade in der Zusammenstellung vieler 
solcher einzelnen Züge und Erfahrungen liegt für immer ein 
Werth und sie sind zugleich eine Quelle für eine Geschichtsschrei 
bung, welche eine sorgsame wissenschaftliche Darstellung in an 
ziehender Form geben und zugleich ästhetisch und charakteristisch 
beftiedigen will. 
Das Gesagte trifft auch dasBuch von Zehlicke, welches aber trotz 
dem recht lesenswerth und vor allem unbefangen geschrieben ist. Be 
sonderes Interesse wird es ftir Diejenigen haben, welche bei den 
entsprechenden Ereignissen zugegen gewesen sind und durch solche 
Aufzeichnungen sich gern das Ueberstandene und ihre Thaten in 
die Erinnerung zurückrufen lassen; wie denn überhaupt alle diese 
Bücher, mögen sie auch die von uns angeführten Fehler der 
Methode und andere treffen, immer ihren Leserkreis finden werden 
und mit ihm zugleich eine Rechtfertigung ihres Erscheinens; denn 
der Soldat wird gern jetzt das klar und ausführlich dargestellt 
lesen, was er zum Theil mit ausgeführt, oder worüber er sich im 
Felde bei der Enge des Gesichtskreises nicht hinreichend orientirt hat. 
Wir schließen daran gern auch die gesammelten Kriegsberichte 
eines anderen Zeitungskorrespondenten, des Herrn Herrn. Uh de, 
Berichterstatters der „Hamburger Nachrichten", an; seine „Streif- 
züge auf dem Kriegsschauplatz"*) schildern nur selbst Gesehenes 
und werden namentlich Denjenigen, die unter der Führung des 
Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin in Frankreich kämpften, 
eine willkommene Erinnerung sein. 
Der zweite Theil von A. Niemann 's Buch**) verdient das 
*) Hamburg, Otto Meißner, 1871. 
") Der französische Feldzug 1870-1871. Militärische Beschrei 
bung von A. Niemann; dem deutschen Heere gewidmet. Zweite Ab 
theilung. Mit 12 Karten. Hildburghausen, Bibi. Institut. 
Lob, das schon dem ersten auch in diesen Blättern ertheilt 
worden ist. Das Einzige, was Referent bedauern möchte, ist, 
daß die Darstellung nicht ein wenig umfangreicher, da manches 
Ereigniß auf diese Weise zu kurz behandelt ist. Der Ver 
fasser hat die bis jetzt zu Gebote stehenden Hülfsmittel ver 
werthet, auch die französischen Darstellungen, wie u. a. 
Faidherbe's „Campagne du nord“, sorgsam verglichen. Be 
sonders hervorzuheben ist in dieser Beziehung die Unpartei 
lichkeit, mit der er auch dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren 
läßt. Die Ereignisse, bei denen Ref. selbst zugegen gewesen 
ist, kann er als getreu dargestellt bezeugen. Die 12 Karten 
sind sorgsam und genau entworfen; außerdem ist dem Werke der 
Wortlaut der Konvention von Versailles, sowie der über die 
Uebergabe Belforts, ein Feldzugskalender, eine Erklärung tech 
nischer Ausdrücke und ein Register beigefügt. Das nun voll 
endete Werk wird gewiß Anerkennung finden und in einer zweiten 
Auflage manche Bereicherung erfahren, vielleicht überhaupt eine 
etwas ausführlichere Bearbeitung mancher Abschnitte, über welche 
das Material sich reichlicher ansammeln wird. 
Frankreich. 
Tagebuch eines Bfjhiers der französischen Rhein-Armee.*) 
Nicht um sich von einer vorgeworfenen Schuld zu reinigen, 
oder den Verdacht einer verrätherischen Handlung abzuwehren, 
hat der Verfasser zur Feder gegriffen, sondern vielmehr um ein 
fach seine Erfahrungen und Eindrücke, vom Anfange des Feld 
zuges bis zur Kapitulation von Metz, wiederzugeben. Es sind 
größtentheils Klagen über den Gang der Mobilmachung und 
über die Organisation, Bedenken, Befürchtungen, Vorwürfe, die 
der tüchtige und vorhersehende Soldat seinem Tagebuche anver 
traut hat, und die nun — hofft er — beitragen sollen zur 
Wiedergeburt einer tapfern französischen Armee. Im General 
stabe der sogenannten Rhein-Armee befindlich, hatte Oberstlieute 
nant Fay vollauf Gelegenheit, jene Mängel ans nächster Nähe 
zu sehen, und sehr bald kommt er zu der Ueberzeugung, daß die 
preußische Armee in jeder Beziehung der ftanzöstschen überlegen, 
daß erstere der letzteren bei ihrer künftigen Reorganisation überall 
als Muster dienen müsse. Fah's Darstellung zeugt von einem 
gesunden Verstände, und was wir bei den heutigen Franzosen 
so selten anzuerkennen Gelegenheit finden, von Gerechtigkeitssinn 
und Billigkeitsgefühl; denn was er auch über die deutsche Krieg 
führung — zuweilen nach falschen Berichten — sagen möge, es 
verschwindet völlig gegen die, wenn auch möglichst zurückgehalte 
nen Klagen über die eigene Heerführung. 
Nachdem er zunächst die unendliche Langsamkeit, mit welcher 
der angreifende Theil die Kriegsbereitschaft erreichte, kritistrt, 
schildert er die gänzliche Rathlosigkeit jenes in Frankreich all 
mächtigen, aber keineswegs auf der Höhe seiner Aufgabe stehen 
den Institutes der Intendantur. Mit drei Worten: überall 
fehlte Alles. Der vorwitzige Kriegsminister wird in Paris mit 
eineni Hagel von Telegrammen überschüttet; überallhin werden 
*) Von Charles Fay, Oberstlieutenant im Generalstabe. Mit einer 
Karte vom Kriegstheater bei Metz. Nach der dritten französischen Aus 
gabe deutsch von Dr. Oskar Schmidt. Posen, Louis Merzbach, 1871. 
276 S. in 8.
	        

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