Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Leben Michelangelo's

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gegenüber auszusprechen. Dieser rächte sich, indem er nach Michelangelos 
Tod eine neue Bearbeitung seiner Werke herausgab, und darin Condivi 
oft wörtlich benutzte, ohne aber seiner nur zu erwähnen. Es exiftirt noch 
eine große Anzahl hinterlassener Papiere im Besitz seiner Nachkommen zu 
Florenz, deren Veröffentlichung vorbereitet, jedoch noch nicht erfolgt ist. *) 
Grimm glaubte dessenungeachtet seine Biographie nicht zurückhalten zu müssen, 
und dieselbe wenigstens bis zum Jahr 1520 allem auf Grund des vorhan 
denen Materials geben zu können, „weil Michelangelo's politisches Auftreten 
erst von da an datirt, und für die Zeit vorher fast einzig seine Werke wichtig 
erscheinen." 
Der Verfaffer beschränkt aber seine Darstellung nicht auf das Leben 
Michelangelo's. Er führt uns in die Entwicklung der Stadt Florenz, in 
den Kampf ihrer Parteien, in die Geschichte der Mediceer und der Kriege 
Karls VIII mit den Päpsten, wie in das Wirken der künstlerischen Vor 
gänger und Zeitgenossen Michelangelo's ein; wir verfolgen Savonarola's 
geistiges Schaffen von dessen Eintritt in Florenz bis zum Scheiterhaufen, 
wir rufen uns an der Hand einer lebensvollen Schilderung der Farnesini- 
fchen Deckengemälde diese selbst in rege Erinnerung zurück, und bewundern, 
aufblickend in den beseligenden Götterhimmel und vergessend des trostlosen 
Zustands der ihn einschließenden Villa, den Genius Raffaels, wie reizend 
er das Märchen Amors und Psyche's zu gestalten verstand. Solche Schil 
derungen fügt Grimm episodenartig in die Biographie Michelangelo's ein, 
und zwar räumlich so umfangreich, daß sie weitaus die Hälfte des Buchs 
einnehmen. Es hätte Grimm darum wohl passender dem letztem einen dem 
Inhalt mehr entsprechenden weiteren Titel gegeben. Zur Rechtfertigung 
des von ihm gewählten Titels führt er an: wenn sich sein Werk auch mit 
der Blüthe der Florentinischen Kunst im ganzen beschäftige, so trage es doch 
Michelangelo's Namen an der Stirn, weil dieser sammt seinen Werken, 
gleich einer Erscheinung die sich von allen Seiten darbiete, emporrage, und 
sich zu Lionardo da Vinci und Raffael verhalte wie eine Statue zu zwei 
prächtigen Bildnissen; der Name Michelangelo's umfasse das 15. und 16. 
Jahrhundert. 
Wir zweifeln ob allgemein diese Rechtfertigung für genügend erachtet 
und diese Auffassung getheilt wird. Unsererseits bekennen wir wenigstens 
daß wir, bei möglichster Verehrung Michelangelo's, doch neben ihm Lionardo 
da Vinci und Raffael einen gleichberechtigten Platz einräumen; vor diesem 
hat er nur durch günstige Fügung des Schicksals ein langes und darum 
sruchtreicheres Leben, vor jenem das Glück voraus daß seine Werke minder 
der Zerstörung durch die Zeit ausgesetzt waren. In unsern Augen stehen 
die großen Drei, wenn wir auf Grimms Vergleich eingehen wollen , als 
drei prächtige Bildnisse von verschiedener und doch hoher, wechselsweise sich 
ergänzender Schönheit neben einander, gerade so wie sie uns die Gallerie 
der Uffizien in den von eigener Hand der Meister gefertigten Porträten dar 
stellt. Hier wird uns gelehrt daran zu glauben daß das Antlitz der Spiegel 
der Seele ist; denn wo wäre die in Stürmen des Lebens erprobte großartige 
Manneskraft, oder der Adel des Geistes, gepaart mit Ruhe und Milde, 
oder das vollendete Schönheitsideal, getragen von jugendlicher Begeisterung, 
herrlicher ausgeprägt als in den Zügen Michelangelo's, Lionardo's und 
Raffaels? Und wenn wir auf Michelangelo und Raffael allein blicken, 
dann tritt uns der Gedanke an Goethe und Schiller so wie an den Streit 
nahe: wer von chnen der größere sey? Vyn allgemeinerer Wirkung für die 
gesammte Menschheit oder ihr gesummtes Volk waren unzweifelhaft Raffael 
und Schiller, von intensiverer für die Kunst oder Litteratur Michelangelo 
und Goethe. 
Aus den äußern Lebensschicksalen Michelangelo's, soweit Grimm sie 
berührt, theilen wir folgendes mit: Die Buonarotti waren eines der ange 
sehensten Florentinischen Geschlechter: nach einer Familientradition stamm 
ten sie von einer Schwester Kaiser Heinrichs II ab. Michelangelo's Vater, 
Ludovico Buonarotti, war Mitglied des Bürgerausschusses von Florenz, 
*)Dr. Herman Grimm hatte die Güte über die Frage nach den ungedruckten 
Papieren Michelangelo's an die Redaction zu schreiben: „Vor dem Drucke des 
ersten Bandes meiner Arbeit über das Leben Michelangelo's wandte ich mich 
nach Florenz um Einsicht in die vom letzten Buonarotti dem Municipio von 
Florenz vermachten Papiere. Erwiedert wurde daß dieselben unzugänglich seyen 
und wahrscheinlich noch lange Zeit bleiben würden. Im Begriff zum zweiten 
Theile meines Buches überzugehen, wiederholte ich die Anfrage. Der Erfolg 
war derselbe. Endlich jetzt, nach Erscheinen des Artikels im Archivio $to- 
rico, worin mir zum Borwurf gemacht wird die wichtigen Buonarotü'schen 
Documente unbenutzt gelassen zu haben, schrieb ich aufs neue: Ich wollte so 
gleich nach Florenz kommen, dort meinen zweiten Theil vollenden und den ersten 
umarbeiten. Man bedeutete mich daß eine solche Reise durchaus keinen Erfolg 
haben würde, und daß vor der Veröffentlichung der Quellen durch das Mu 
nicipio selbst dieselben niemanden mitgetheilt werden könnten. Da nun aber 
der Druck dieser, wie uns der Artikel des Arebivio storieo belehrt, geord 
neten und copirten Schriftstücke sich ins unbestimmte verzögern kann, ja sogar 
noch Zweifel obwalten ob es überhaupt zur Herausgabe kommen wird, so bin 
in der Lage auch den zweiten Theil meines Buches ohne dieses Hülfsmittel 
Publiciren zu müffen. Hochachtungsvoll Herman Grimm." 
zeitweilig auch Podestu nahe liegender Landstckdtchen. In feine»! 3 . ,M>r 
wurde ihm Michelangelo am 6 März 1475 geboren. Anfänglich zum Ge 
lehrten besttmmt, setzte es der 13jährige Knabe durch daß er den Meistern 
Domenico und David Ghirlandajo in die Lehre gegeben wurde; sein erstes 
Bild war eine vergrößerte Copie der Versuchung des heiligen Antonius von 
Martin Schongauer (es soll noch in Bologna exrstiren. doch ist der Besitzer 
unbekannt)/ Durch einen Jugendgespielen kam Michelangelo öfter in 
den Garten von San Marco, wo Lorenzo de' Medici junge Leute in der 
Kunst unterrichten ließ: hier begann er die (jetzt in der Gallerie der Uffizien 
aufgestellte) Faunsmaske auszuhauen, welche den Fürsten auf-nerksan: auf 
ihn machte, so daß er Michelangelo unter die Zöglinge von Sän Marco 
aufnahm. Als solcher arbeitete er zunächst das (im Palast der Buonarotti 
gegenwärtig befindliche) Basrelief „Hercules mit den Centauren;" hierauf 
goß er eine Madonna nach Donatello, und zeichnete rmter Filipino Lippi 
an den Fresken der Capelle Brancacci. Bis zum Tode Lorenzo's blieb er 
in dessen Palast; dann schaffte er auf eigene Hand, wurde aber von Piero 
de' Medici in Kunstangelegenheiten häufig zu Rath und später wieder an 
den Hof gezogen. Ein Traum des Lautenschlägers Cardiere, dem Lorenzo's 
Geist zweimal befohlen hatte Piero zu sagen er würde in kurzem aus dem 
Hause vertrieben, und sonstige verhängnißvolle Zeichen, die man anderswo 
gesehen haben wollte, bestimmten Michelangelo mit zwei Freunden nach 
Venedig zu fliehen. Mangel an Geld zwang sie bald zur Rückkehr; in 
Bologna, wo sie wegen ungenügender Legitimation festgehalten wurden, 
nahm sich ein angesehener Bürger Michelangelo's an, und bewirkte sogar 
daß ihm die Vollendung der Figuren übertragen wurde welche auf dem be 
rühmten Sarkophag des heiligen Dominicus in San Petronio knieen soll 
ten. Diesen Auftrag führte er binnen Jahresfrist aus, sah sich dann aber 
durch die Eifersucht einheimischer Künstler veranlaßt nach Florenz zurückzu 
kehren. 
Inzwischen war der Traum Cardiere's in Erfüllung gegangen: Piero 
war gestürzt; Michelangelo trat in wesentlich veränderte, trübe und 
drückende Zustände ein. Eigenthümlicher Weise wurde auch jetzt wieder ein 
Medici sein Beschützer, ein Nachkomme von einem Bruder Cosimo's, Na 
mens Lorenzo, den Piero verbannt und zur Flucht genöthigt hatte, und der 
nun im Gefolge Karls VIII zurückkehrte. In dessen Auftrag schuf Michel 
angelo einen kleinen Johannes und einen Cupido in Marmor. Letzteren 
kaufte der Cardinal Riario in Nom von einem Unterhändler als eine Antike 
für 200 Ducaten; Michelangelo erhielt davon nur 30 Ducaten als angeb 
lichen Kaufpreis. Riario bekam bald Kunde von dem doppelten Betrug, 
und sandte einen Vertrauten nach Florenz um der Sache auf den Grund 
zu kommen; dieser bewog Michelangelo zur Uebersiedlung nach Rom. Bei 
Riario scheint der Künstler aber keine Unterstützung gefunden zu haben 
seine erste bekannte römische Arbeit war der trunkene Bacchus für einen 
römischen Vornehmen, Jacopo Galli, in deffen Palast die Statue aufge 
stellt wurde. Jetzt steht sie in den Uffizien, gegenüber dem Bacchus San- 
sovino's. 
Uns will es bedünken als mache letzterer in diesem Fall Michelangelo 
den Preis streitig; Grimm, der einen Vergleich zwischen beiden nicht zieht, 
stellt den Bacchus Michelangelo's sehr hoch. Dem Bacchus folgte die Pietä, 
durch welche Michelangelo zum berühmtesten Bildhauer Italiens wurde. 
Ihre gegenwärtige üngünstige Aufstellung (in der ersten Capelle des St. 
Peter, rechts vom Eingang) stört jeden Genuß am Anblick: nach Burckhardt 
hat der Meister die hier gegebene reine Schönheit des Christus- und Ma 
donnenkopfes später nicht wieder erreicht. Als Nachklang der Pietü be 
trachtet Grimm die Madonna mit dem Kind in der Kirche Notre-Dame zu 
Brügge, welche in die Zeit des Wiederaufenthalts Michelangelo's in Flo 
renz fällt. Zur Rückkehr bestimmten ihn nach Condivi häusliche Verhält- 
niffe. Dann folgt das einzige Staffeleibild von seiner Hand, die figuren 
reiche, wenig ansprechende heilige Familie in der Tribüne der Uffizien und 
— epochemachend — sein David. Seit Jahren befand sich im Besitz der 
Wollenweberzunft von Florenz ein hoher Block carrarischen Marmors; nie 
mand glaubte aus ihm etwas rechtes fertigen zu können, bis sich Sansovino 
dazu meldete, unter der Bedingung daß er andere Marmorstücke ansetzen 
dürfe; man fragte Michelangelo, und dieser übernahm es ohne Zuthat zu 
arbeiten. Zwei Jahre Zeit wären ihm contractlich zugestanden ; er brauchte 
einige Monate mehr; am 25 Jan. 1504 war der David fertig. Weitläuf- 
tige Verhandlungen wurden über seine Aufstellung gepflogen. Grimm 
theilt das noch vorhandene Protokoll darüber der Hauptsache nach mit. 
Michelangelo's Ansicht schlug durch: man entschied sich für den Platz vor 
dem Palazzo Vecchio, den der David heute noch einnimmt. Die Statue 
wiegt 18,000 Pfund; vierzig Mann schafften sie auf einem eigens erfunde- 
j nen Gerüst an ihre Stelle; drei Tage dauerte der Transport; Nachts 
mußten Wachen ausgestellt werden, weil von Neidern oder Frevlern mit 
Steinen nach dem Kunstwerk geworfen wurde. Dem ganzen Volk aber 
war die Aufstellung ein Ereigniß nach welchem es zu rechnen begann.
	        

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