Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Leben Michelangelo's

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in ein Nebenzimmer M rnM-ehe-a; aber die während dessen sich wieder sam 
melnden Verschwornen vertrate n ihm den Weg, und verschlossen diese Thüre. 
Als Paul dieß sah, fragte er auf russisch: „Arretirt? was heißt das arretirt?" 
und indem er zur noch-geöffneten Hausthür hinauszukommen versuchte, schrie 
er dann laut nach Wache -und Hülfe, worauf ihn aber eine Menge betrun 
kener Ofsiciere, und unter ihnen namentlich Fürst Jaschwil, ein Bruder des 
nachherigen Artiüeriegenerals, und der Major Tarotinow wieder hinter die 
spanische Wand zurückdrängten, und ihm Benniirgsen dann zweimal zurief: 
„Restez tranquille, Sire, car il y a de vos jours ! u Aber Paul war nun 
schon so außer sich vor Angst und Wuth, daß er, taub für diese Warnung, 
unaufhörlich schrie: „Arretirt?" Was heißt das arretirt?" Es erfolgten 
nun die gröbsten Flüche von Seiten der Verschwornen, aus denen Unheil 
verkündend die Worte hervortraten: „Schon längst hätte man dir ein Ende 
machen müssen!" Die Erwiederung des Kaisers: „Nun, was habe ich euch 
denn gethan?" verlor sich in dem Geräusch einer ins Vorzimmer tretenden 
Schaar vom zweiten Garderegiment. Von neuem Schrecken ergriffen, woll 
ten die Verschwornen abermals entweichen, doch Benningsen trat ihnen mit 
entblößtem Degen entgegen daß es nun zu spät zum Zurücktreten sey. Dem 
Fürsten Jaschwil trug er dann auf den Kaiser ferner zu bewachen, und eilte 
selbst aus dem Zimmer, um sich von der Lage der Dinge zu überzeugen. 
Unterdessen stand Fürst Subow nebst seinen beiden Brüdern und mehreren 
andern Verschwornen in der zunächst der Auffahrt und großen Treppe be- 
legenen Wachstube, die dort im Dienst befindlichen Soldaten vergeblich auf 
fordernd den Großfürsten Alexander zum Kaiser auszurufen. Der Erfolg 
des Unternehmens stand somit noch immer kritisch, als Benningsen, nachdem 
er sich überzmgt hatte daß die vermeinten Vertheidiger des bedrängten 
Monarchen Mitverschworne vom zweiten Garderegrment waren, sich in das 
kaiserliche Schlafzimmer zurückbegeben wollte. An der Thür stürzte ihm 
aber schon ein betrunkener, wuthschnaubender Officier mit dem Zuruf ent 
gegen: „liest acheve!“ Benningsen stieß ihn zurück, und obgleich er den 
Kaiser auf dem Boden liegen, doch nicht bluten sah, so wollte er zuerst an 
den Tod desselben nicht glauben, aber die furchtbar schauerliche Scene hatte 
wirklich mit dieser Katastrophe geendigt. Die stets erneuerten Versuche des 
Kaisers zu entfliehen, mehr als alles aber wohl auch die Furcht der Bethei 
ligten eine schreckliche Rache gewärtigen zu müssen, wenn es dem Monarchen 
gelänge so viel Zeit zu gewinnen bis seine Befreiung durch die von ihm 
unaufhörlich herbeigerufene Schloßwache erfolgte, erzeugten endlich ein 
förmliches Ringen, wobei die spanische Wand umfiel. Jaschwil wollte den 
Kaiser am Vortreten hindern, dieser stieß ihn aber zurück, und in dem näch 
sten Handgemenge stürzten beide zu Boden. Jetzt wirrte alles bunt durch 
einander. Der Kaiser erhob sich, fiel dann aber gleich wieder am Kamin 
nieder, und verletzte sich bedeutend. Er schrie nochmals laut auf, und rief 
immer heftiger nach Hülfe, während Fürst Wjesemsky, Sartorinow und 
Serjaetin ihn festhielten. Endlich legte ihm einer derselben die Hand vor 
den Mund, und der Kaiser, jetzt gewahrend daß man ihm ernstlich ans Le 
ben gehe, entfernte mit letzter Anstrengung die ihn bedrohende Hand, und 
sprach: „Meine Herren ! verschonen Sie mich! gönnen Sie mir Zeit 
zu Gott zu beten!" Dieß waren seine letzten Worte, die von Mi wenig 
sten verstanden wurden. Serjaetin hatte sich die Schärpe herunter 
gerissen und wand sie dem Kaiser um den Leib, während andere ihm^hre 
Tücher in den Mund preßten um ihn am Schreien zu hindern. , Jaschwil 
hielt ihn an den Beinen fest, und viele andere, in der Dunkelheit heran 
gedrängt, stürzten sich auf die scheußliche Gruppe. Auf diese Art wurde 
Paul erdrückt und erstickt, vielleicht auch mit der Schärpe um den Leib zu 
Tode geschnürt. Eigentlich wußten die wenigsten der Gegenwärtigen wie 
die Sache zugegangen war, und erkannten daAn nur den Erfolg als Ben 
ningsen unter Beleuchtung eintrat, und die KMe des Gemordeten völlig 
nackend am Boden liegend, seine Mörder aber, jetzt zur Besinnung gelangt, 
außer sich vor Bestürzung sah." ^ 
Allem nach scheint weder-Alexander noch ^Kaiserin den Tod Pauls 
gewollt zu haben; von der letzjmr bemerkt Eugen: „Ihr Mitwirken zu einem 
wirklich durch die Gemüthskrankheit des Kaisers gebotenen Schritt hätte 
dem unglücklichen Monarchen sicher das Leben erhalten." Aber die Aus- 
flibrung des Complotts war Männern übertragen welche des Entsetzlichsten 
fäbig, und, wie die Aeußerung Pahlens beweist, sich bewußt waren. 
bai sie zum Aeußersten schreiten müßten. Alexander selbst fühlte das Ge- 
bässige jeder Theilnahme an einem Complott das,''auf welche Weise es auch 
immer sey, gegen den eigenen Vater gerichtet war. Er sah sich in dasselbe 
nur als leidender Mitschuldiger verwickelt, aber eben seine Schwäche, sein 
Schwanken, sein Mangel an eigenem festen Willen das zu thun was hier 
einug recht war, kostete seinem Vater das Leben. „Man kann sich denken 
mit' welchem Entsetzen der iast gewaltsam in den urspM^krchen Plan ver 
stecktem Thronfolger der Todesnachricht seines Vater^ntgegensah^ und 
L' unter der Lckst der Vorwürfe seines Gewissens erlag. Diese mlc 
ridhtenbe Stimme Hot wohl niemals ganz in ihm geschwiegen, und die ern- 
Ini Betrachtungen über diesen Gegenstand, sem vortreffliches Herz nütz 
Kern umzogen, dMein Gemüth oft verfinsterten." Er schieb 
außcrsich vor Schnicrz fr füflt Bmningstn) «ls bic XtkHMfr# 
M Al-raiHr sogleich As «aisMiusichrm, und die Kai- 
scrin-Wittwe, welcher der Gedanke der Führung«: Regentschaft entschieden 
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vorgeschwebt zu haben scheint, mußte alsobald erfahren wohin die Gewalt 
gefallen sey. Pahlen erhielt den Auftrag den Tod des Monarchen der Kai 
serin bekannt zu machen; sie gerieth bei dieser Nachricht in Wuth, und 
drohte den Mördern ihres Gemahls mit den härtesten Strafen, indem sie 
an das durch Schlagfluß erfolgte Ableben, von dem man ihr sprach, nicht 
glauben wollte. Sie verlangte durchaus den Leichnam zu sehen, und da 
ihr dieß verweigert wurde, so begab sie sich zu ihrer Schwiegertochter, der 
Gemahlin Alexanders. 
Als General Benningsen zu ihr gieng, um sie im Namen des neuen 
Kaisers zu ersuchen demselben in den Winterpalast zu folgen, rief sie: 
„Wer ist Kaiser? Wer nennt Alexandern Kaiser?" worauf Benningsen er- 
erwiederte: „Die Stimme der Nation." Sie antwortete: „Ich werde ihn 
nicht anerkennen;" und als hierauf der General schwieg, fügte sie leise 
hinzu : „bis er mir Rechenschaft über sein Betragen abgelegt haben wird." 
Bei diesen Worten ergriff sie den Arm des Generals Benningsen, und be 
fahl ihm ihr zu gehorchen, und sie in das Zimmer des Kaisers zu führen. 
Benningsen aber, der noch immer die Soldaten fürchtete, die fest an Paul 
hiengen, ließ sich hiedurch nicht erschüttern, sondern hielt die Kaiserin zurück. 
Sie drohte darauf ihn einst dafür büßen zu lassen, sieng endlich an zu wei 
nen, und schien sich zu beruhigen. Benningsen schlug ihr darauf nochmals 
vor sich in den Winterpalast zu begeben, und die junge Kaiserin unterstützte 
seine Vorstellungen durch ihre Bitten. Dieß nahm aber die Kaiserin-Mutter 
sehr übel auf, und fuhr sie mit den Worten an: „Que me dites-Voue? 
Ce n'est pas ä moi 4 obbir: allez, ob^issez si Vous voulez. u 
Da sie durchaus nicht aus dem Schloß gehen wollte ohne den Körper 
ihres Gemahls gesehen zu haben, so befahl Alexander nach davon erhaltener 
Anzeige dieß zu genehmigen, wenn es ohne Gefahr geschehen könne, worauf 
Benningsen bat auch Pahlen noch herbeizuschicken. Mit diesem hatte die 
Kaiserin-Mutter eine heftige Scene. Er ertrug aber alle Ausbrüche ihres 
Zorns mit kaltem Blut, und sagte ihr geradezu daß er von allem unterrich 
tet gewesen sey, das Wohl des Staats und der ganzen kaiserlichen Fami 
lie aber das Geschehene rechtfertige. Nachdem sie auch noch Benningsen 
hart angelassen, faßte sich endlich die Kaiserin, und in dem Zimmer wo die 
Leiche des Kaisers in Gardeuniform auf dem Bett lag, erfolgte nun eine er 
schütternde Scene. Nachdem sie Trauer angelegt, fuhr sie in den Winter 
palast ohne daß das auf dem Weg zahlreich versammelte Volk, wie sie es er 
wartete , etwas für sie unternommen oder nur irgendeine ihr günstige Be 
wegung zu erkennen gegeben hätte. 
Allerdings schien es unmöglich, fügt Eugen dem Bericht Ben- 
ningsens über die Scene der Leiche des Kaisers bei, daß die Kai 
serin dem ihrem Herzen durch das Maß seiner Vergehungen noth 
wendig entfremdeten Gemahl noch mit einer andern Empfindung als 
der des Mitleids angehangen haben könne, aber gesetzt dann auch, der Ge 
danke einer Regentschaft sey ihr früher nicht fremd geblieben, so überhob sich 
über alle kalten Berechnungen in solch einem Augenblick doch noch gewiß 
das Gestühl, und zwar dasselbe welches sie 85 Jahre später bei der Nach 
richt vom Tode Alexanders sinnlos zu Boden streckte. 
„Wie sich nun aber der von den eigenen Empfindungen schwer bedrängte 
Sohn vor der Mutter persönlich gebeugt, wie ihm die Kaiserin vergeben, 
und wie dann nach und nach wieder das innige Verhältniß der Liebe und 
Eintracht zwischen beiden seine frühere Stellung eingenommen habe, ist mir 
nicht in allen Umständen bekannt, wohl aber theilte ich immer die 
Meinung einiger wohlunterrichteten Zeitgenossen daß das 
Gefühl des Abstandes zwischen einerseits zwar unvorsätzlicher, doch aus den 
Umständen hervorgegangener Schuld, und andererseits einem völlig reinen 
Bewußtseyn stets eine finstere Erinnerung in dem edlen Herzen Alexanders 
zurückließ, und ihn mit unwillkürlichem Widerwillen gegen alles erfüllte 
was mit jenen sein Gewissen verletzenden Beziehungen in Berührung stand." 
Herman Grimm, ^eben Michelangelos. 
Erster Theil. Hannover, 1860. 
r^.. Den Sohn Wilhelm Grimms scheint der Zauber italienischer 
Kunst istehr zu fesseln als die mühevolle Arbeit deutscher Sprachforschung. 
Er gibt uns in dem überschriftlich genannten Werk eine Frucht seiner Stu 
dien, die offenbar während seines Aufenthalts in Italien (im Jahr 1857) 
gHttigt ist, und deren Vortrefflichkeit wir ebenso anerkennen müssen wie die 
des unlängst in Msen Blättern besprochenen Werkes von W.Lang, über Michel 
angelo als Dichter. Grimms Werk ist auf einen größeren Umfang berech 
net, auf mehrere Bände. Bi^jetzt ist nur der erste erschienen. Die hiefür 
benutzten Quellen, soweit sie den eigentlichen Gegenstand des Werkes an 
gehen, sind hauptsächlich Vasari und Condivi nebst den eigenhändigen Ge 
dichten, Notizen und sonstigen Actenstücken Michelangelos, welche der 
neuesten Ausgabe Vasari's angefügt sind. Beide Zeitgenossen Michel- 
angKo's^stand Condivi als Schüler in der unmittelbaren Nähe des Mei 
sters, und'schrieb nach Grimms Annahme auf des letzteren Veranlassung, 
um Vasari, oer hier wie überall ungenau und unwahr sich zeigte, zu wider 
ten, jedoch ohne diesen Zweck dem hochstehenden Md begünstigten Vasari 
>>
	        
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