Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Herman Grimm: Leben Michelangelo's

Freitag 
Beilage z« Nr. S4S der Mlg. Zeitung. 
6 September 1861 
v 
& 
Ueb erficht. 
Leben 
Prinz Eugen von Württemberg. (II.) — Herman Grimm: 
Michelangelos. — Eine deutsche Colonie in Galiläa. 
Nkerreste Posten. München. (Einweihungsworte des Bischofs 
von Linz bei der Eisenbahnfeier in Wels. Den Gesammtbeschlüffen der Ge 
setzgebungsausschüsse die königl. Genehmigung „mit Freuden" ertheilt. 
Max Emmanuels Standbild.) — Bruchsal. (Die nächste Schwurge 
richtssitzung.) — Wien. (Aus dem Abgeordnetenhaus. Die künftigen 
Comitate Ungarns.) 
Die französische Gesellschaft und die russischen Eisenbahnen. 
Crrröbericht. 
AugSvnrg, 5 Sept. 
Köuigl. bayer. Staatspapiere. 
3%proc. Obligationen 
4proc. Oblig. . . 
4%proc. Oblig. . . 
4%proc. Oblig. halbj. 
877/s G. 
101«/* P- 
m 
Sproc. vierte Emission 
Grnndr.-Ablös.-Obl. 
Bankactien mit Div. II. S. 
102% G. 
101«/* P. 
819 G. 
Bayer. Lsibahu . . 
„ mit 30 Proc. Einzahl. 104 «/z G. 
Mech. Spinn-u. Web.AugSburg 195 S. 
Kammgarn-Spinn. „ 108 G. 
Baumw.-Sp. Stadtbach 179 G. 
„ 5proc. Part.Obl. 102 G. 
Bamnw.-Fem.Spinn. . . 108 P. 
„ 5proc. Part-Obl. 102% G. 
Mech. Weh. Fichtelbach . . 106 G. 
Häunstetter Weberei ... 99 1 / 2 G. 
103% G. 
103% G. 
Industrielle Aktien. 
105«/2 G. Mech-Baumw.-Spintt. Kempten 117 G. 
„ 5proc.Part.-Obl. 102% G. 
Mech. Baumw.-Spinn. u. Web. 
Bamberg 104«/-» G. 
5proc.Part.-Obl. . . 103 %P. 
Mech. Baumw.-Spinn. Bay 
reuth Zins vom 1 Jul. . 135 G. 
Mech. Baumw.-Spinn. Blaichach 128 ©. 
Gasbeleucht.-Gefells. Augsburg 145®. 
Maschinenfabrik Augsburg . . 119 G. 
Prinz Gngen von Württemberg. 
II. •' • * 
*** Die Erzählung die der Prinz dann von demMord und denNebenumstän- 
den gibt, beruht, wie er selbst angibt, auf einem Aktenstück das aus den De 
positionen des Generals v. Benningsen, einigen eigenen Angaben des Für 
sten Platon Subow und aus den persönlichen Angaben mehrerer anderer 
Verschwornen mit möglichster Treue zusammengestellt ist, und in einem spä 
ter erhaltenen schriftlichen DocuMent des Generals v. Benningsen fast Wört 
lich bestätigt ward. Der erste Zweck welcher der Verschwörung zu Grunde 
lag war die Ernennung des Großfürsten Alexander zum Mitregentcn. 
Alexander wies die an ihn gelangenden Anträge zwar mit gebührendem 
Widerwillen zurück, wurde aber täglich durch das Gchühl der Menschenliebe 
einem Beschluß näher gedrängt den er am Ende selbst zu den unabänder 
lichen Nothwendigkeiten zählen mußte. Direct an die Spitze des Unternehmens 
zu treten verweigerte Alexander; es wurde daher die Vermittlung^des Se 
nats vorgeschlagen, vermöge welcher der Kaiser zur Einwilligung in die 
Mitregentschaft seines Sohns bewogen, und der Großfürst dabei nicht an 
derweitig compromittirt werden sollte als durch die Erklärung daß er sich 
geneigt fühlen würde den Antrag des Senats anzunehmen sobald er an ihn 
gelange. > 
Gleichzeitig wurden von Mitgliedern alter großer russischer Familien 
Anträge an die Kaiserin beabsichtigt, welche sie nach Katharinens Vorbild, 
wo nicht zur unbedingten Herrscherin, wenigstens zur Regentin im Na 
men des gemüthskranken Monarchen bezeichneten; ihr als gekrönter Kaise 
rin gebühre nach altem Recht die Uebernahme der Regentschaft unter den 
gegenwärtigen Umständen. So kreuzten sich die .verschiedenen Ansichten der 
Parteien wohl schon ehe weder Alexander noch Marie ihre TendenzemLebil- 
ligt, vielleicht sogar kaum noch dm ganzen Umfang der angesponnenen 
Verbindungen erfahren hatten. Die Zahl der Verschwörer wurd^.immer 
größer, namentlich durch die beitretenden Gardeofficiere. Schon der 23 Jan. 
(alten Styls) war, wie man behauptete, zur Ausführung des Plans 
bestimmt gewesen. Der gesteigerte öffentliche Mißmuth,, die geringe Ols- 
cretion der Verschwornen, anonyme Andeutungen, der IMstand- Haß Da 
men um das Geheimniß wußten, alles truß dazu bei den Kaiser aufmerk 
sam zu machen. Man erinnere sich daß in jene Zeit die Ankunft Eugens 
siel. Nun warf Paul auf einmal den ganzen Haß aus die eigene Familie, 
und sey es wirklich daß ihm über die Theilnahme des Großfürsten Alexander 
an sich bereitenden Umtrieben Anzeigen zugekommen waren, oder daß 
er die Sache nur geahnt hatte, so bleibt es doch gewiß daß er sich schon 
von Ende Januars 1801 an mit dem Gedanken trug seinen NtvhfolKr zu 
enterben, und daß sein Argwohn dann auch auf den GroWM'N Eonstan- 
tin und zuletzt auf- die Kaiserin übergieng, so daß er letztes beschuldigte 
eine andere Katharina spielen zu wollen. Mehrere Wochen lang wm^ 
der Kaiser nur durch Pahlen von der Entfernung dieser drei abgehalten. 
Zugleich verbreiteten sich beunruhigende Gerüchte über das Mißbehagen mit 
welchem Paul seit kurzem selbst die jüngern Zweige seines Hauses betrachte, 
und sie für die vermeinte Schuld der Mutter büßen lassen wolle. Das stete 
Schwanken Alexanders, seine entschiedene Abneigung gegen alle Zwangs 
maßregeln scheinen endlich (als positiv gibt dieß das Memoire nicht an) Pah 
len zu dem kühnen Entschluß gebracht zu haben die Sache Paul anzuzeigen. 
Andererseits ist es sehr wahrscheinlich daß Graf Pahlen das der Kaiserin 
bestimmte Schicksal in den Augen Alexanders als dringendstes Argument 
zu dessen Entscheidung benützte, ja man sagt sogar daß er die beiden Groß 
fürsten aus Befehl des Kaisers arretirt, und dem Thronfolger als letzten 
Antrieb zum Entschluß das Beispiel des Alexis vorgehalten habe. Paul 
soll dagegen Pahlens Versicherungen unbedingten Glauben gewährt, und 
zunächst der Fürstin Gagarin vertraut haben daß ihm einst theure 
Häupter demnächst fallen müßten. Diese Aeußerung wurde unmittelbar 
darauf dem Grafen Pahlen und, wie es scheint, durch diesen dem Großfür 
sten Alexander mitgetheilt, und letzterer dadurch endlich zur Einwilligung in 
die Mitregentschaft unter der Bedingung bewogen daß Pahlen und Subow 
den Kaiser durch die Macht der Ueberredung für diese Maßregel gewinnen 
würden. Bei dem allem ivurde jedoch sorgfältig die Mitwissenschaft und 
Genehmigung der Kaiserin beseitigt, da die Verschwornen theils ihre Recht 
lichkeit, ihre religiösen Begriffe über die strengen Pflichten der Frau gegen 
den Gatten, und mithin die augenblickliche Entdeckung ihres Vorhabens, 
theils und vorzüglich wohl aber auch das Geltendmachen ihrer eigenen An 
sprüche auf die Regentschaft fürchteten, Keineswegs schien man auch eine 
ruhige Fügung Pauls in den ihn erwartenden Antrag vorauszusetzen. Dieß 
war der Stand der Dinge vor Ausbruch der Verschwörung. Der Hergang 
bei der Ermordung selbst ist folgender. 
„Am Abend des 11 (23) März versammelten sich die Verschwornen bei 
dem General Talüsen, Chefdes ersten Garderegiments, später Preobraschensk, 
zu einem stürmischen Gelage, wo im Rausch des Champagners der Name 
Brutus von allen Lippen tönte. Pahlen soll dort auf die Frage: was Wohl 
im Fall des Widerstandes zu thun sey, geantwortet haben: Quand on veut 
faire des ommelettes, il saut casser des oeufs. Hier setzte nun der ge 
heime Rath Troschinsky ein Manifest auf, in welchem der Kaiser krankheits 
halber dem Großfürsten Alexander die Mitregentschaft übertrug, doch sah 
man voraus daß Paul nur gezwungen sich fügen werde, und beschloß daher 
gewaltsam ihn nach Schlüsftlburg zu entführen. Als man sich hierüber 
geeinigt hatte, wurde bestimmt daß Subow und Benningsen dem Kaiser an 
der Spitze des größeren Theils der Verschwornen persönlich entgegentreten, 
Pahlen Md Uwaroff die Anordnungen der gleichzeitigen äußern Sicher- 
heitsmaffregeln in Ausführung bringen sollten. Diesen letztem war, durch 
denBefehl daß alle Truppen unter den Waffen stehen und das Regiment 
des^Großfürsten Alexander alle Schloßwachen besetzen solle, bereits vor 
gearbeitet. Zur Vorsicht wurden aber noch die wichtigsten einzelnen Posten 
durch Ofsiciere besetzt die als Soldaten verkleidet waren. In der Nacht 
zwischen 11 und 12 Uhr setzten sich die Verschwornen in Bewegung nach 
dem Michailow'schen«Palast. Man behauptet daß sie unterwegs durch das 
Geschrei eines Nabenschwarms erschüttert und dadurch fast auf andere Ge 
danken gebracht worden^^m; sicher ist es dagegen daß sie unter der Lei 
tung dk^GeneraladjutmhbAxaamakoff, welcher an diesem Tag dujourirte, 
Ungehindert bis. in das Vorzimmer des Kaisers gelangten, welches auf Be 
fehl fenes Generals e.iyDMMmerhuftir öffnete. Nun drang der Haufen 
hinein, und da die Mehrzahl der jüngern Offttiere betrunken war, so stürzte 
der Husar unter den Streichen des einend Boden, worauf er laut auf 
schrie, und ein? Pistole auf ihn losgedrückt wurde, welche aber versagte. 
Unterdessen hatten Subow und Benningftn die Degen gezogen, und begaben 
sich in das Schlafzimmer des Kaisers, wo ersterer sogleich an das Bett trat, 
es aber leer fand. Jn-.der Meinung der Gesuchte sey entflohen, gerieth der 
Fürst in die höchste Bestürzung, und diese theilte sich den übrigen Verschwor 
nen mit. Bei der vox^usgesetzten Ankunft der Schloßwache entwichen sie 
alle, bis auf vier welche im Vorzimmer verweilten. Unterdeffen hatte aber 
Benningsen den Kaiser hinter einem Schirm entdeckt. Nach vergeblichen 
Versuchen eine Tapetenthür zu öffnen, die ihm bisher immer den Ausgang 
in den nächsten Corridor sicherte, null aber seinen Tritten trotzte, trieb ihn 
erfchuMrt. Benningsen trat an ihn heran, und da der wieder zurückgekommene 
Platon Subow, welcher das Manifest überreichen sollte, sehr außer Faffung 
|gu seyn schien, so sagte Benningsen dem Kaiser: „Sire,* Vous etes arrete ! u 
^Dieser, hierauf nicht achtend, fuhr aber g«Gn Subow mit den Worten auf: 
„Que iaites Platon, Aiexandrowitsclr?“ worauf derselbe, gleichzeitig 
durch die Meldung ersö^M ddß die Schloßwache sich gegen die Vdrschwor- 
nen feindlich zeige, plötz^MavoneM, und Benningsen allein ließ. Dieser 
wiederholte seipe ersten -Wke. Der Kaiser erwiederte nichts, sondern suchte
	        

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