Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Jacob und Wilhelm Grimm

2002 Göttin gische gel. Anzeigen 
allen Geschäften und Unternehmungen hervor. 
Hier haben unsere Schritte und Tritte festen Halt, 
I die auf fremder Erde leichter ausglciten, unsere 
' Phantasie ist von Kindesbeinen an mit vaterlän 
discher Sage und Geschichte genährt worden, un 
sere unauslöschlichsten Erinnerungen haften daran, 
selbst die Gräber ermuntern uns den Tugenden 
der Vorfahren nachzueifern. In keinem Stück 
aber zeigt sich das Band der Vaterlandsliebe 
stärker, als in Gemeinsamkeit der Sprache und 
es war Hauptzweck der Rede, darzuthun, wie 
sich durch Entfaltung und. Ausbreitung der hoch 
deutschen Mundart über unser gesammtes Volk 
das Bewußtseyn unserer Deutschheit, unbeküm- * 
mert um die inneren Grenzen unserer Landschaf 
ten, erhoben, erwärmt und gekräftigt hat, und 
wie jetzt jeder Deutsche von Heimweh befallen 
wird, wenn er seiner ausgebildeten Schriftspra 
che entbehren sollte. Vor Alters waren die ver 
schiedenen Stamme unseres Volks familienähn 
lich weit abgeschlossener, eben weil ihre Mund- 
, /l arten noch sinnlich vielfältiger waren. Geistiges 
Aufblühen und politisches Erstarken eines Volks 
scheinen mit der Entwickelung seiner Sprache 
innig zusammen zu hängen. Es ist wahr, die 
sinnliche Macht der Sprache wird allmählich ge 
schwächt oder gedämpft, sie läßt manchen ein 
zelnen Vortheil fahren, doch eben darauf beruht 
>■ ihre allgemeine Ausbildung. Jedes Volk, dem 
in der Weltgeschichte eine größere Rolle zuge 
dacht ist, muß sich aus jenen engeren Stamm 
und Familienbanden lösen und nach einer höhe 
ren Einheit ringen. Dieß wurde an dem Bey 
spiel mehrerer heutigen Völker bargethan,' vor 
züglich aber aus der deutschen Geschichte erläu 
tert. Bereits im dreyzehnten Jahrhundert be 
gann, nachdem ältere deutsche, zum Theil treff- 
20l. Sl., den 20. December 1830. 2003 
lieh begabte. Mundarten untergegangen waren, 
dann aber der hoch- und niederdeutsche Dialect 
eine Zeitlang sich fast die Wage gehalten hatten, 
ersterer ein sehr entschiedenes Uebergewicht zu 
behaupten. Vermuthlich damals schon wäre das 
Niederdeutsch von dem Hochdeutsch überwältigt 
worden, hatten die politischen Schicksale unserer 
Nation keine anhaltenden Hemmungen hcrbcy- 
geführt. Dfe Kaiserwürde, welche früher ab 
wechselnd hier und da, aber doch immer im Her 
zen Deutschlands ihren Sitz gehabt hatte, fiel 
nachher, lange Jahrhunderte, einem Hause zu, 
das auch über fremde Völker herrschte und durch 
fremde Interessen vielfach angeregt wurde. We 
der zu Prag noch zu Wien vermochte die reine 
deutsche Sprache zu gedeihen, und durch Oest 
reichs gänzliche Ausschließung von der Reforma 
tion, welche Deutschland innerlichst ergriffen 
hatte, wurde das Mlsverhaltn iß noch schreyen 
der. Unterdessen hatte gerade auch Luthers ge 
waltige Sprache die Herrschaft des hochdeutschen 
Dialects von neuem angefacht und für immer 
entschieden. Von diesem Augenblick an unter 
lag der niederdeutsche unabweudlich; und es 
heißt nicht nur das ganze historische Verhältniß 
sondern auch den über alles gehenden Werth 
nuferer Volkseinheit kleinmüthig verkennen, wenn 
einzelne Schriftsteller das Zurückweichen der nie 
derdeutschen Mundart beklagt oder gar ihre Wie 
derherstellung für möglich gehalten haben. Im 
Einzelnen und unvermerkt hat sie zwar einen 
noch nicht gehörig gewürdigten Einfluß auf die 
hochdeutsche Schriftsprache geübt und zu deren 
Schmeidigung mitgewirkt; allein zu öffentlicher 
Rede und zu jedem Gebrauch, wo es auf Adel 
und Würde der Worte ankommt, konnte sie 
fortan nicht langer taugen.
	        
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