Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Jacob und Wilhelm Grimm

Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 32 
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Auswahl von alten Kernliedern, die allenfalls nur citirt zu 
werden brauchten, eine Angabe der biblischen Abschnitte, 
welche in der Schule durchgenommen werden sollen, die christ 
liche Haustafel, und besonders eine Sammlung von Mor 
gen-, Abend- und Tischgebeten. Denn ehe das Gebet 
nicht wieder in die Herzen und Häuser eingeführt wird, ist auf 
keine gründliche Hülfe für das Volk zu hoffen. 
Die Sprachforscher und das Wort Gottes. 
Ein Zeichen der Zeit. 
Wir hatten gemeint, daß die Zeit vorüber sey, in der es 
an der Tagesordnung war, das Wort Gottes von den Heroen 
menschlicher Wiffenschaft und Weisheit auf offenem Markte mit 
der entschiedensten Nichtachtung behandelt zu sehen. Wir hatten 
geglaubt, es sey eine Scheu und Scham selbst in ungläubige 
Gemüther, zumal in den letzten Jahren der offenbarten Gerichte 
Gottes, gefahren, die es ihnen wehrte, mit freier Stirn einen 
Standpunkt zu dem Worte Gottes zu vertreten und eine Lehre 
zu verkünden, von denen gesagt werden müßte, daß sie dem 
Christenglauben ins Gesicht schlagen. Doch wir haben geirrt, 
und es sind in dem vergangenen Jahre in der That an einer 
Stelle und aus einem Munde Zeugnisse erklungen, wo und wie 
man sie für unmöglich hätte halten sollen; Zeugnisse, die uns 
über die jetzige Stellung des Zeugen und seiner Wissenschaft zu 
der heiligen Schrift keinen Zweifel weiter gestatten. 
Es ist eine traurige Pflicht, von solchen Erscheinungen Act 
zu nehmen und sie einzuzeichnen in das Bewußtseyn, in das 
Gewissen der gläubigen Christenheit, um so trauriger, je lieber 
sich die Verehrung für den, wider den zu zeugen ist, frei und 
frank ergehen möchte. Diese Pflicht muß aber erfüllt werden. 
Denn wir dürfen nicht schweigen, wo dem Worte Gottes offen 
widersprochen und der Unglaube mit gewaltigem Ansehen, getra 
gen von persönlichem und wissenschaftlichem Ruhm, und der 
Sicherheit proclamirt wird, welche nur zu leicht unbefestigte Ge 
müther zu verführen vermag. Wir dürfen nicht schweigen, 
ohne uns der Lüge theilhaftig zu machen oder dem Priester tind 
Leviten im Evangelio eS gleich zu thun, welche, Gott fey's ge 
klagt, nur zu viele Genossen in der evangelischen Christenheit 
sinden. 
Der Mann, dem wir entgegentreten oder vielmehr nachfol 
gen müssen mit unserm Klageruf, ist Jacob Grimm, dieser 
anerkannte HeroS der Sprachwissenschaft. Und das Zeugniß, 
das von ihm ausgegangen, ist die am 9. Januar 1851 in der 
Akademie der Wissenschaften zu Berlin verlesene Abhandlung 
„über den Ursprung der Sprache."*) 
°) Berlin, Ferd. Dümwler's Buchhandlung. 1851. in 4to. <3.38. 
Dem Ergebniß dieser Abhandlung werden wir ein ander Mal na 
her treten. 
Wir stellen zunächst diejenigen Stellen der Abhandlung zu 
sammen, welche die Behandlung des Wortes Gottes Seitens 
dieses Meisters klarlegen, und lassen sodann einige Betrachtun 
gen folgen: 
1. Von dem Thurmbau zu Babel heißt es S. 14: 
„Da die Zersplitterung der Sprache über die ganze Erde und ihre 
endlose Mannigfaltigkeit höchst naturgemäß war, und die größten 
Zwecke der Menschheit förderte, darf sic bloß wohlthätig und noth 
wendig, keineswegs verwirrend heißen, und ist sicher") auf ganz an 
dere Weise erfolgt, als uns diese, einem lauten Einspruch der Sprach 
geschichte überhaupt ausgesetzte Erzählung zu verstehen gibt." 
und S. 34: 
„Statt daß von den Stufen jenes Babylonischen Thurmes herab, 
der gen Himmel strebte, wie es Ägyptische Pyramiden, Griechische 
Tempelballcu und der Christen gewölbte Kirchen auch thun"), alle 
Menschensprachen getrübt und zerrüttet ausgetreten seyn sollen, könn 
ten sie einmal, in unabsehbarer Zeit, rein und lauter zusammen- 
fließen." 
2. Über den Umgang Gottes mit den ersten Men 
schen lesen wir S. 15: 
„Des Alterthums kindliche Vorstellung pflegte unmittelbaren Verkehr 
der Gottheit mit den Menschen anzunehmen, dessen Wirklichkeit un 
serer Vernunft unbegreiflich und so unzulässig ist, wie die der mei 
sten anderen Mythen. Denn hat die Gottheit Anfangs sichtbar sich 
gezeigt, warum sollte sie je nachher aufgehört haben, es zu thun? 
dies ist dem ihr nothwendig beiwohnenden Begriff der Stätigkeit *"") 
entgegen; das Unerschaffene kann keine Geschichte haben, muß sich 
ewig gleich bleiben." 
3. Von den Engeln und ihrem Verkehr mit den 
Menschen heißt es S. 16: 
„Alle Vorstellung von Dämonen und Engeln ist in der Natur der 
Weit unbezcugt, in der Geschichte, so glaublich man f) sie zu machen 
gestrebt hat, unbegründet." 
4. Von Gott als einem redenden steht S. 17 Fol 
gendes geschrieben: 
„Redete, d. h. spräche er menschliche Worte, so müßten wir ihm 
auch menschlichen Leib, zumal alle jene leiblichen Organe beilegen, 
von welchen gegliederte Rede abhängt, ff) Es scheint mir aber 
gleich widersinnig, einen vollkommenen Mcnschenleib ohne eines seiner 
Gliedmaße, z. B. ohne Zähne, als die Gottheit mit Zähnen, 
folglich essend, sich vorzustellen, da die Zähne nach unserer wei 
sen Natur zwar mit beholfen sind zum Sprechen, hauptsächlich aber 
zum Zermalmen der Speise dienen. Auf solche Weise würde es ganz 
*) Sicher? Dieses „sicher" scheint aus dem Gewissen zu stam 
men und von seiner Stimme Zeugniß zu geben. Eine andere Bedeu 
tung hat cs nicht. 
") Welche Parallele! in dem Munde eines evangelischen Christen! 
°") Also deshalb „unzulässig", daß Gott mit den Menschen 
verkehrte! 
f) Dieses „man" umfaßt den Sohn GotleS (Matth. 26, 53). 
ff) Müßten wir das wirklich? 
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unmöglich seyn, eins der andern Glieder des Leibes, deren innerer 
und äußerer Einklang unsere höchste Bewunderung rege macht, irgend 
der schaffenden Gottheit abzusprechen oder beizulegen. 
Wenn aber überhaupt ein Leib, mindestens ein menschlicher, der 
Gottheit gar nicht anstände, wie könnte Rede oder Bedürfniß") der 
Rede ihr beigcmessen werden? Was sie nur denkt, das will sie auch, 
was sie will, hat sie ohne Aufenthalt und Zweifel mit mehr als 
Blitzesschnelle vollführt. Wozu hätte sic sich eines Boten bedient, 
um langsamer auszurichten, was sie mit einem Wink, wenn es ihrer 
Weisheit gefällig gewesen wäre, vollbringt? rinnen in dem göttlichen 
Sein alle jene von uns gesondert betrachteten Eigenschaften, Allmacht, 
Urplan und Ausführung nicht zusammen? ohne ihres Gleichen doch 
uncinsam waltet die Gottheit allenthalben in der unendlichen Natur 
fülle, des Behelfs einer der menschlichen auch nur von ferne ver 
gleichbaren Sprache bedarf sie nicht, wie ihre Gedanken nicht den 
Weg des Menschendenkens gehen. 
Daß an eines Menschen Ohr jemals, so lange die 
Welt steht, ein unmittelbares Wort Gottes gedrungen 
sey, kann alle menschliche Geschichte") mit Nichts er 
weisen. Seine Verlautbarung wurde keiner Menschensprache nahe 
kommen, eine Harmonie der Sphären seyn."") Wo, daß Gott 
redete, aufgezeichnet ist, bat der Geschichtsschreiber einer 
Sage gefolgt, die für die Dunkelheit der Vorzeit eines 
gangbaren Bildes sich bediente; wer wollte buchstäblich neh 
men, wenn gesagt ist, daß Gott das Gesetz mit seinem Finger in die 
hernach von Moses zerbrochene Steintascl geschrieben habe? Die 
heilige Schrift, die wir Gottes Wort nennen, ist uns ehrwürdig durch 
ihr hohes Alterthum und die edle Einfachheit ihrer Darstellung; allein 
wer sic auch zuerst abfaßte, stand von dem Anfang der Schöpfung 
bereits allzuweit ab, als daß er anderes als Bild und Sage davon 
mitzutheilen vermocht hätte. Was von der heidnischen Sage 
Zeder allenthalben zugesteht, muß er auch für die des A.T. 
einzuräumen wahrheitliebend und besonnen sevn."f> 
„Das Verhältniß Gottes zur Natur beruht auf gleich festen, 
uncrschülterbaren Gesetzen, wie die Bande der Natur unter sich, und 
da diese ihr Geheimniß und Wunder nur in sich selbst, nicht außer 
sich tragen, so muß jedes nicht natürliche Mittel von ihnen ausge 
schieden seyn. Ein Geheimniß, bei dem es unnatürlich her 
ginge, gibt es nicht." ff) 
5. Über Inspiration heißt es S- 20: 
„Alles, was die Menschen sind, haben sie Golt, alles, was sie über 
haupt erringen in gutem und bösem haben sie sich selbst zu dan 
ken. fff) Die Inspiration des Propheten ist nur ein Bild für den 
in ihm erweckten und wachen Gedanken. Weil aber die Sprache 
Anfangs unvollkommen war und ihr Werth erst steigt, kann sie nicht 
von Gott, der Vollendetes prägt, ausgegangen seyn." 
°) „Gott ist die Liebe!" 
°°) „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." 
°"°) Abermals: „Gott ist die Liebe." Und: Der das Ohr gepflanzt 
hat, sollte der nicht hören? u. s. w. 
f) Dies ist deutlich genug! 
ff) Dies klingt ganz wie Uhlich oder Non ge 
fff) Welch ein Maß für das evangelische Dankgebet! 
6. Über das erste Menschenpaar heißt es S. 22: 
„Das ist anzunehmen, daß Mann und Weib zusammen, vollwüchsig 
und zeugungsfähig erschaffen wurden, denn nicht setzt der Vogel das 
Ei, die Pflanze den Samen, sondern das Ei den Vogel voraus, das 
Korn die Pflanze; Kind, Ei, Samenkorn sind Erzeugnisse, folglich 
unurerschaffen: der erste Mensch war also nie Kind, doch das erste 
Kind hatte einen Vater. Aber daß von jedem Thier, von jedem 
Kraut nur ein Paar, nicht mehrere neben einander erschaffen wor 
den, daß alle Gräser in ihrer Fülle aus eines Halmes Wucher ver 
vielfacht seyen, hat wenig für, mehr gegen sich. Die ein Paar ent 
stehen lassende schöpferische Kraft konnte unbehindert auch mehrere 
zusammen schaffen, wie sie schon im ersten Paar das Gleichartige 
zweimal hervorzubringen genöthigt war. Gegen den Ausgang der ge- 
sammtcn Thiermcnge aus einem Paar jeder Gattung hat man auch 
nicht ohne Schein den Gescllschafistrieb der Ameisen und Bienen 
eingewandt, der ihnen muß angeboren gewesen, nicht allmälig ent 
wickelt seyn, folglich nicht erst auf die entwickelte Menge gewartet 
haben kann. Auf den Menschen und die Sprache angewandt, ist es 
sogar wahrscheinlich, daß mehr als ein Paar erschaffen 
wurde, schon aus dem natürlichen Grunde, weil die erste Mut 
ter möglicherweise') lauter Söhne oder lauter Töchter 
hätte gebären können, wodurch alle Fortcrzcugung ge 
hindert worden wäre, noch mehr ans dem sittlichen, um Vermi 
schung von Geschwistern, wovor die Natur ein Grauen hat, zu ver 
hüten. Die Bibel geht darüber still hinweg, daß Adams und Evas, 
wenn sic allein standen, Kinder unter einander sich begatten mußten." 
„Auch erklärt sich der Sprache Ursprung viel leichter, wenn 
alsogleich zwei oder drei Menschenpaare, und bald ihre Kinder, an 
ihr bildeten, so daß alle Sprachvcrhäitniffc auf der Stelle sich zahl 
reich vervielfachen konnten; die Einheit der entspringenden Regel 
läuft darunter keine Gefahr, weil auch schon bei einem Menschenpaar 
zwei Individuen, Mann und Frau"), die Sprache erfinden mußten, 
und hernach ihre Kinder sich mit daran betheiligtrn." 
") Dies wäre also bei der zweiten Mutter nicht möglich gewesen! 
Werden unsere Kinder denn ohne göttliche Fügung als Söhne und 
Töchter geboren? Hört die Macht Gottes hier auf? 
°") Adam war also stumm, bevor Eva geschaffen wurde. 
Wem fällt, wenn er solches liefet, nicht das Wort des ' . , 
Apostels Röm. 1, 22 auf das Herz? Es ist schmerzlich, tief < ,. 
schmerzlich, aber es ist wahr, daß, wenn dies der Standpunkt 
unserer philologischen Wissenschaft ist, kein anderes Wort der 
Schrift gerechtere Anwendung darauf findet, als eben dieses. 
Denn wie klein werden doch die großen Meister, wenn sie es 
wagen, anzulaufen gegen das Wort Gottes! Wie verkehrt sich 
ihre Weisheit sofort in das Gegentheil, und die Klugheit der 
Klügsten muß zu Schanden werden. 
Es kann nicht unsere Absicht seyn, diesen Standpunkt nä 
her zu beleuchten, die erhabenen Gründe, die ihm als Säulen 
dienen, zu widerlegen; denn das Alles richtet sich selbst. Aber 
das müssen wir als ein Zeichen unserer Zeit und als
	        
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