Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Jacob und Wilhelm Grimm

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 32 
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Der unseligste Krieg, der jemals über Deutschland ausbracb, 
ich meine den dreissigjährigen, hat nicht allein unsre spräche in 
unerhörte roheit gesenkt, sondern auch ihre ehrwürdigsten alter- 
thünier vernichtet oder in fremde band gebracht. Noch als er 
eben zu ende gieng fiel in Prag der dahin aus Werden am Ixhein 
geflüchtete Codex argenteus des Ulfilas*) in der Schweden gewalt, 
die schönste handschrist Otsrieds muste 1623 aus der Pfalz nach 
Rom wandern und die reichste kostbarste unsers minnesangs wurde 
sei es zu gleicher zeit, sei es nachher den Franzosen zu theil. 
Mit dem Eisass fiel im westfälischen frieden an Frankreich die 
abtei Murbach, wahrscheinlich aufbewahrerin eines Codex der von 
Carl dem grossen gesammelten deutschen liederdort mag er 
unbeachtet und unausgesucht gelegen haben bis zur französischen 
revolution, er soll nach Zerstörung des Klosters endlich in Col 
mar abhanden gekommen, unbestimmtem gerächt zufolge aber dort 
noch versteckt sein. Aber im siebzehnten jahrhundert erscholl 
kein laut der klage um solcher schätze verlost, kein deutscher 
fürst that das geringste, um ihn abzuwehren oder sie zu retten 
und zurückzubringen, der bairische herzog Maximilian und sein 
Tilly hatten hinweggegeben an den pabst, was die Welschen nicht 
brauchen konnten, den Baiern nicht gehörte, die vom brüderli 
chen hause Pfalz mühsam errungene Sammlung deutscher gedichte 
der vorzeit. Oder dürfen wir das walten einer höheren vorsieht 
erkennen, die nach Rom und Paris flüchtete was vielleicht der 
mordbrennerische Louvois 1693 zu Heidelberg in asche gelegt 
hätte? möge sie auch gewacht haben oder noch wachen über je 
ner Murbacher handschrist, deren fund unsrer spräche und un 
serm alterthum unberechenbare gewinne bringen würde. Ruhm 
und dank aber gebühren der preussischen regierung dafür, dass 
in einer grossartig bewegten zeit hauptsächlich durch ihren 
mächtigen einflufs die altdeutschen dichter aus Rom wiederge 
kehrt sind in die heimat, und es kann nicht gesagt werden, sie 
habe zu Paris die liederhandschrist ausser acht gelassen. 
Berlin 29. merz 1845. Jacob Grimm. 
*) vgl. jedoch Massmann in Haupls zeilschr. I, 320- 342. 
«) Porti archiv 7,1018. 1019, vgl. über eine davon vcrschiedne, wo nicht dieselbe hand- 
schrift in Reichenau meine vorrede iu den lateinischen gedichtet» des X. XI. jh. seife vn. 
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Auszug aus dem Schreiben des Königl. Geheimen Staats- 
Ministers Freiherrn von Altenstein an den Königl. Französischen 
Minister und Staats - Sekretair Herzog von Richelieu, d. d. Pa 
ris, den 24'°" November 1815. 
II s’agit principalcment de la cession d’un certain nombre 
de manuscrits ä tirer du fonds de la bibliotheque royale de Paris. 
Loin de nous I’idee de depouiller cct ctablissement d’aucune de 
ses veritables richesses, la Presse porte trop de respect aux let- 
tres pour ne point menager un depöt litteraire grandement utile 
et si precieux. Nous ne jettons de devolu que sur ces doubles 
emplois dont il en existe taut ä la Bibliotheque des manuscrits. 
Elle peut s’en passer sans inconvenient et sans jamais s’apperce- 
voir du sacrisice qu elle aura fält. Quant aux choix, nous nous en 
abandonnons volontiers ä l’arbitrage de M. M. Ies Conservateurs 
charges d’y proceder conjointement avec nos Commissaires. II 
n’y a que deux pieces qui nous tiennent eminemment ä coeur. 
L’une c’est le manuscrit de Winkelmann. Comme l’ouvrage se 
trouve imprim<3, il ne peut y avoir au manuscrit qu’un meritc 
de fantaisie. Winkelmann est untre compatriote. Nous attachons 
un interet de famille ä obtenir le manuscrit qu’il a laisse. L’au- 
tre objet que nous sommes egalement jaloux de posseder, c’est 
la collection des troubadours allemands (Minne Sänger). Les re- 
cherches des savans frangais ne portent gueres sur Ies origines 
de la langue et de la litterature allemande, et ils fönt generale- 
ment fort peu de cas d’un monument, qui s’accorde si parfaite- 
ment avec nos gouts. 
Getto collection qui nous est indispensable pour completter 
l’histoire du developpement de notre langue et de untre littera 
ture, constitue avec le manuscrit de Winkelmann les deux articlcs 
sur lesquels nous mettons un grand prix. 
Für die Richtigkeit der Abschrift. Berlin den 1. März 1845 
Poll 
Königl. Hofrath und Kanzlei-Director im Ministerium 
der auswärtigen Angelegenheiten. 
Vorgelegt wurden folgende von dem hohen vorgeordneten 
Ministerium an die Akademie gerichteten Schreiben:
	        

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