Full text: Zeitungsausschnitte über Werke von Jacob und Wilhelm Grimm

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handschristen und biicher zu ermitteln und zurückzufordern, 
die aus sämtlichen jetzt zu Preussen gehörigen theilen Deutsch 
lands nach Frankreich entführt worden waren. Wie dieses ge- 
schäfts ich mich entledigt, welche handschristen ich erkundet und 
zurückgeschafft habe, gehört nicht hierher. Die fragliche hand- 
schrift der minnelieder konnte aber nach dem feststehenden grund- 
satz, dass nur was von handschristen, büchern, kunstgegenständen 
im revolutionskriege und unter Napoleon erbeutet worden war, 
wiederzuerstatten sei, gar nicht gefordert, höchstens auf dem 
wege gütlicher Unterhandlung erlangt werden. Sie war, wie all 
bekannt ist, zu viel früherer zeit in die königlich französische 
bibliothek gerathen, genau weiss man weder wann noch wie. 
Aus der geschichte dieser handschrift sei nur angeführt, dass 
sie erst im jähr 1607 von kurfürst Friedrich IV, einem eifrigen 
beschützer der Wissenschaften, erworben und nach Heidelberg ge 
kommen war. Er hielt sie aber unter seinem besonderen Ver 
schluss *) und gab sie nicht zur grossen pfälzischen bibliothek: 
ihn selbst mochte erfreuen in den liedern zu blättern und die 
vielen bilder zu betrachten; es ist glaublich dass sein unglückli 
cher nachfolger, Friedrich V, an dieser aufbewahrung nichts än 
derte. So erklärt sich, warum der Codex im jähr 1622 nicht 
mit allen übrigen der Pfälzer bibliothek an den pabst verschenkt 
wurde und nicht den weg über die alpen im ansang des jahrs 
1623 anzutreten batte. Ob er aber noch eine zeitlang in Hei 
delberg geborgen blieb, oder in welche bände übergieng, ob so 
gleich oder erst späterhin er nach Frankreich gelangte, ist bis 
her unerforscht, und zu wünschen wäre, dass einmal aus acten 
und catalogen der Pariser bibliothek zeit und Ursprung seines 
erwerbs nachgewiesen würden. Hätte Friedrich des fünften en- 
kelin, die lebendige Elisabeth Charlotte, in deren gedächtnis alle 
pfälzischen erinnerungen treu hafteten, noch in ihrer jugend das 
schöne buch zu Heidelberg angeschaut, oder gar 1671 als ge- 
schenk hinüber nach Frankreich mitgenommen, in einem ihrer 
vielen briefe (obwol lange noch nicht alle gedruckt sind) würde 
uns nachriebt davon auftauchen. Möglicherweise wurde die band- 
*) Boclmers vorrede tum ersten theil s. xvn. Willens geschichte der Heidelberger biicher- 
Sammlung s. 129. 
schrift erst 1688 bei der eroherung oder 1693 bei der einäsche- 
rung des schlosses von Heidelberg des feindes gewaltsame beute. 
Erste Meldung ihres aufentbalts zu Paris bietet uns Schilters vor 
rede zum dritten theil seines thesaurus p. XXVI. xxvii; Schilfer 
starb 1705, ich weiss nicht in welchem jähr er diese vorrede 
entwarf, im Wörterbuch ist die hs. nirgends genutzt, künde von 
ihr kann ihm schwerlich vor den letzten jähren des XVII jh. ge 
worden sein. Jene vorrede erschien 1728 gedruckt; zu Eccards 
obren war irgend eine unsichre nachricht vor 1711 gedrungen, 
denn in der historia studii etymologici s. 167 vom ersten theil 
der Bremer abschritt redend drückt er sich sehr unbestimmt aus: 
sequentia vero in tomo secundo sive deperdito sive alicubi et 
forte Parisiis latente continentur. Ist es wahrscheinlich, dass das 
neugierigen ausfallende buch schon seit 1622 in Paris aufgeho 
ben worden und in den folgenden sechzig, siebzig jähren nie 
manden zu gesicht gekommen wäre? das scheint für die spätere 
eroherung zu reden. 1726 sah Johann Philipp von Bartenstein 
zu Paris den Codex und machte sich auszöge, die an Scherz und 
Breitinger gelangten, und sie waren es die Breitingers und Bod- 
mers heilsame thätigkeit erregten. Schöpflin war ihnen zu dem 
Codex selbst beholfen, 1748 traten die Zürcher proben hervor, 
zehn jähre darauf erchien endlich der beinahe vollständige ab- 
druck, wie ihn zu ansang des 17 jh. Goldast und Freher nicht 
hatten bewerkstelligen können. 
1805 erblickte ich den Codex das erstemal, und man wird 
mir glauben, dass zehn jähre später ich nichts unversucht liess 
um ihn für das Vaterland wieder zu gewinnen. Die preussische 
behörde, stolz auf den erfolg ihrer bemühungen um die zur al- 
lergiinstigsten zeit in Rom unterhandelte riiekgabe der dem va- 
tican einverleibten bibiiotheca palatina, that auch bei dem fran 
zösischen ministerium alle geeigneten schritte und suchte drin 
gend wenigstens als ersatz für andre von den Franzosen in Deutsch 
land mitgenommene denkmäler der Wissenschaft und kunst die 
handschrift der minnesinger und originale Winkelmanns zu er 
langen. Aber die Unterhandlung scheiterte. Es ist mir gestattet 
worden im anhang den beglaubigten auszug eines Schreibens zu 
veröffentlichen, das der minister von Altenstein unterm 24. Nov. 
1815 an den herzog von Richelieu erliess.
	        

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