Full text: Rezensionen von Herman Grimm im Literarischen Zentralblatt (1864 - 1870)

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
567 —- 1870. — Titerarisches C e 
ist das Buch in dem niichternen Tone eines Mannes geschrieben, 
der nicht mehr zu scheinen wunscht als er ist. 
Mrs. Charles Heaton hat ihr Thema mit unbeschrankterem 
Reichthunre air Zeit und Worten erfasit. Heller und v. Eye 
bilden auch fur sie die Grundlage; was nach letzterem in Deutsch 
land publiciert worden ist (von Hausmann, Thausing, v. Zahu 
u. A.), scheint sie nicht zu kennen. Diejenigen Punkte, auf die es 
-der deutschen neueren Forschung ankommen musi, blieben deshalb 
meist unberuhrt. Grosien Werth legt die Vers, auf ihre Bear- 
beitung der Venetianischen Briefe, die „strictly from the original 
German 1 ' in Nurnberg selber, wo Mrs. Heaton arbeitete, uber- 
setzt wurden. Eine Anzahl Misiverstandnisse verhinderte dies aber 
doch nicht. Von eigentlichem Werthe fur uns ist das beigegebene 
Facsimile des Briefes auf dem Britischen Museum, leider nur 
Anfang und Ende desselben. Auch hier ubersetzt Mrs. Heaton 
aus dem Originale und scheint Waagen's erste Mittheilung (in 
den Recensionen) sowie was K. u. K. I, 168 und danach von 
Thausing (Zahn's Jahrb. I, 184) gebracht worden ist, nicht ge- 
sehen zu haben. Auffallend ist ihre Behauptung, das Ende fehle, 
das sie ja im Facsimile selber mittheilt, allerdings aber zum Theil 
unubersetzt lciht. Wir benutzen die Gelegenheit, es abzudrucken. 
— gewachsn vnd dz ich mich also stenter ich mein ich sey 
dortzw gep(orn) dz ich uh ell zeitt foil habn. Mein frantzos- 
fischer màtell dy husseck vnd der prawn rock lafsn ewch 
fast griissn aher gern w(irt) ich fehn was ewer ftubn kiin dz 
fy fieli als hoch pricht. 
Datò 1506 ior am mitwoch nach mat(thàus) 
Albrecht Diirer. 
Alles durchweg ebenso verstandiich wie eine Anzahl anderer als 
dunkel augemerkter Stellen. Die S. 50 Note 1 besonders ab- 
gedruckte Passage freilich konnte und brauchte die Versasserin 
nicht zu verstehen, die bekannte Stelle, Campe S. 30, von der 
wir nicht wiffen, ob Dr. Thausing (Seemann'sche Ztschr. IV, 41) 
sie als eine „derbe Zuruckweisung" Pirckheymer's recht auffasit. 
Auch Mrs. Heaton bespricht das Capite! von Diirer's Fr.au (Ma 
dame Diirer, sagt Mr. Scott S. 187, Note) eingehend. Uns 
scheinen die uns uberlieferten Punkte einen Charakter zu um- 
grenzen, fur den die allgemeine Erfahrung immer wieder be- 
legende Beispielebeibringen wird. Pirckheymer's Brief uber Diirer's 
Tod enthalt die Darstellung einer abgerundeten Personlichkeit 
von, fiir uns, riberzeugender Wahrheit. Im Allgemeinen iibrigens 
ist die Frage von wenig Belang: Diirer's Kunst scheint unab- 
hangig von seinen Hauslichen Erfahrungen gewesen zu sein. Er, 
der niemals Kinder hatte, ist unerschopflich in Darstellungen 
reizender Familienscenen. Er musi einen gliicklichen Humor be- 
sessen haben und in seiner Phantasie mehr als in der Wirklich- 
keit zu Hause gewesen sein. 
Kleinere und grosiere Versehen beider Bucher anzumerken, 
wiirde der Muhe nicht lohnen. Im 8. Briefe schreibt Diirer: 
^Itern vitrurn usturn wird ewch pringen ferber pott," Narrey 
iibersetzt (1. c. p. 118): „Le messager Ferber vous apporterà 
la glace de Venise“, Scott (p. 60): „Pott the messenger will 
bring the Venetian glass", Mrs. Heaton (p. DO): „The next 
messenger will take you your vitrurn usturn". I eden falls am 
bequemsten so. Dergleichen eine Menge. In Antwerpen kauft 
Diirer's Frau einen „plasspalch“. Mrs. Heaton nimmt das 
Wort als unverstàndlich mit eiuem ? dahinter in den Text auf. 
Bei Narrey wiirde sie (p. 364) „un soufflet" gefunden haben. 
Scott hat ebenfalls richtig „a pair of bellows". Der Einband 
des Buches der Mrs. Heaton ist ein Kunstwerk. Die beigegebeneu 
Photographien find auffallend schlecht. Das Gauze macht den 
Eindruck einer mit grosier Sorgfalt uitb Muhe, aber unzu- 
reichenden Kràften gemachten Arbeit. 
Mn. Grn. 
n t r a l b l a t t. — M 20. mai 7. — 568 
tzermischtes. 
Fries, Dr. Emil, das Latrinen-System der Kreis-Trren- 
anstalt Wemeck. Mit 2 lithogr. Taff. Wurzburg, 1869. Stuber. 
(24 8. gr. 8.) 15 Sgr. 
Das Heine Schriftcheu bildet einen Beitrag zur Losung der 
Frage liber die Beseitigung der Verunreinigung des Bodens vom 
hygienischen Standpunkte aus und glaubt in' dem, 1865 in der 
obengenannten Anstalt vom Director Gudden und dem verstor- 
benen Baubeamten Oehl zur Ausfiihrung gekommenen Latrinen- 
system ein empfehlenswerthes Mittel zu erblicken. Nach Vor- 
fiihrung der allgemeinen Principien des Wernecker Systems, die 
in Verunreinigung des Bodens, Verbreitung von Emanationen 
und Verlust an Urin und Faeces unter seiner Bedingung be- 
stehen, wird die ausfiihrliche Besprechung der Sitzanlagen, der 
Rohrenleitung und der Grube gegeben. Sodann folgen die mit 
der Wirkung der Cloakengase auf organische Wesen (Kaninchen, 
Tauben) angestellten Versuche, deren Veranlassung die durch 
Unvorsichtigkeit herbeigefuhrte Erstickung eines Arbeiters beim 
Rciumen der Grube war, und zum Schlusse die Erklàrung der auf 
zwei Figurentafeln beigegebenen Anlagezeichnungen. Indent wir, 
neben der Neuheit, die Wirlsamkeit und Vorziiglichkeit des hier 
beschriebenen Systems anerkennen, glauben wir, dasi dasselbe 
zwar fiir Anstalten obiger Art, wie Kraukenhauser, Kasernen, 
Gefanguisse rc. ganz geeignet, einer allgemeineren Anwendung 
jedoch, seiner Kostspieligkeit und genauen Beaufsichtigung wegen, 
trotz der aufgestellten Rentabilitàtsberechnung, nicht wohl fàhig 
ist. — Die Ausfiihrung der Figurentafeln ist lobenswerth. A. 6. 
Monatsbcricht der K. Preusi. Mad. d. Miss, zu Berlin. Januar. 
. Die mit einem * bezeichneten Vortràge stud ohne NuS;i>g. 
Jnh. : * Mommsen, uber einige bet Assuan aufgefundene ro- 
mische Jnschriften. — Niesi, uber die Theorte der neuesten Elektro» 
phormaschinc und der iìberzàhligen Conductorcn. — Mommsen, 
Bericht fiber den Fortgang der Arbeiten am Corpus inscriptkmum 
Latinarum. — *Persi, uber den 21sten Band der 8cripl»re8 der 
monumenta Germamae. — P eters, nber den Duetus pneumati- 
eus des Untcrkiefers bei den Crocvdilen.— ^Trendelenburg, zur 
Geschichte des Wortes Person. — Ders., Festrede: aus Friedrich's 
d.'Gr. politischen Vermachtuissen. — duBois-Reymond, Bericht 
des Curatoriums der Humboldt-Stiftung. — Kirch Hoff, fiber eine 
jungst publicirte, vermuthlich lakonische Nrkunde. — Bericht uber die 
Handschriften von Arborea. 
Schulprogramme. 
Breslau, Magdalenen-Gymnasium, R. Peiper: Praelatiouis in 
Senecae tragoedias nuper editas Supplementum. (36 S. gr. 4.) 
Chemnitz, kgl. hoh. Gewerbschule (O.Pr.). Prof. Dr. Wunder: 
Bevbad)tungen uber die Bildung von Kryftallen in Glasfliissen bei 
Behandlung derselben vor dem Lothrohr. (22 S. u. 6 Taff. 4.) 
Dessau, herzogl. Gymn. (O. Pr.), Prof. Ad. Nicolai: fiber 
Xenophon's Hiero. (26 S. ft. 4.) 
Eisenach, Karl-Friedr.-Gymnaflnm, Prof. Dr. Alsr. Kunze: zur 
Geschichte deS Regenbogens. (8 S. gr. 4.) 
Gustrow, Domschule, Director Dr. Raspe: der Lehrplan der 
Domschule seit Ostern 1869. — Die Einweihnng des neuen Domschul- 
gebaudes am 4. October 1869. (43 S. gr. 4.) 
Hamm, kgl. Gymnasium, Dir. Dr. E. Cauer: zur Geschichte der 
Wortbedeutungen in der deutschen Sprache. (25 S. 4.) 
Hildburghausen, herzogl. Gymn. (O. Pr.), Dr. M. H cyn: fiber 
die NnsterblichkeitSlehre des Alten Testaments. (20 S. 4.) 
Konigsberg i. d. N., Friedrich-With.-Gymn. (O. Pr.), Dr. Carl 
Zeidler: einige Probleme aus der Dyuamik des Punktes. (18S.4.) 
Leipzig, Nealschule, Dr. H. O. Zimmermann: Leipzigs Vorzeit 
bis zum 15. Jahrhundert. (38 S. 8.) 
Lubeck, Catharineum(O.Pr.), Dr. Schubring: der historisd)en 
Topographic von Panormns erster Theil. (42 S. 4. u. 2 Karten.) 
Mainz, grosiherz. Nealsch. (O. Pr.), Dir. Dr. F. Schodler: die 
Schulfreundschaft. (Rede. 6 S. 4.) 
Naumburg a.S., Domgymnasium, Dir. vr. Fortsch: Emenda- 
tionum Valerianarum III. (34 S. gr. 4.) 
Osnabruck, Gymnasium, Fr. Meyer: der Name Meyer it. seine 
Zusammensetzungen.
	        

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