Full text: Rezensionen von Herman Grimm im Literarischen Zentralblatt (1864 - 1870)

aus : Literarisches Zentralblatt , Nr. 26 
1869, Jun.19, S. 761-762 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
Entgegnnug. 
Am Gasthof zum Elefanten in Brixen fteht: „Wcr will bauen 
an die Strahen, der must von sich reden lassen": gleichviel—- fami 
man hinzusetzen — ob vcrstàndig oder unverstàndig, ob nber leibliche 
oder nber geistige Sveise. Wird's freilich dem Wirth zu bunt, so 
spricht er auch ein Wort drein. Herr lln. Om. anhert sich im Lite- 
rarischen Ccutralblatt Nr. 22, S. 646 nber den I. Band meiner 
italienischen Kunstgeschichte in einer Weise, basi in einem àhnlichen 
Falle anch der Wirth zum Elefanten nicht schweigen wnrde. Herr 
Un. 6m. zahlt mich zu den Begrundern der italienischen Knnst- 
geschichte, nennt mich einen geubten Zeichner und technischen Kritifcr, 
ruhmt mein Leben voli Ersahrnug und den italienischen Dust meiner 
Darstellnng, und nennt mich „eincn alien Pionier, gegen den nndank- 
dar zu sciti citi Unrecht ware." Und nun spricht er semen Dank ans 
in der Ueberzeuguug, „dah ein leidlich geschulter jnngerer Mann, der 
niemals in Jtalien war, heute mit Hnlse sogar nur der oberslach- 
licheren Hiìlfsmittel ein Buch nber das gleiche Thema wnrde zusam- 
menstellen konnen, das Forster'S Arbeit in seder Hiusicht nbertràse; 
dah der Werth des Buches fur hentige Zwecke sich schwer wnrde nach- 
weisen lassen, und dah es zu bedauern ware, wenn Anfanger heute 
glauben sollten, Kunstgeschichte konne so noch geschrieben werden." 
Diese jedenfalls sehr eigenthumliche Art der Danksagung motiviert 
er mit der Ansicht, dast alle die von ihm mir zngeschriebenen Vor- 
zuge (zu denen er ohne Besorgnih vor Verschwendung auch das Ver- 
stàndnih der Kunstwerfe und das Eingehen aus die Eigenthnmlichkeit 
ihrer Urheber Hatte zahlen dursen) durch ben Mangel an Belesenheit 
ausgewvgen werden, wobei er die Dreistigkeit hat — gegenuber mei- 
nen literarischen Nachweisnngen und Qucllenangabcn— auszusprechen, 
dah ich die Onellen gewih nie stndiert; dah ich namentlich das Werf 
von Crowe und Cavalcascllc (nber Welches ich bereits im II. Bande 
meines „Raphael" aussnhrlich mich ansgesprochen und aus das ich bei 
seder Gelegenheit hinweise) „wohl kàum ernfter angesehen habe." 
Solchen grundlosen nnd widersprnchsvollen Ansichten und Beschuldi- 
a en setzt Herr Un. 6m. die Krone aus, indent er als „das vor- 
^ chste Hktlssmittel der moderne» Kunstsorschung die Photographic" 
nennt, sie somit sogar nber die von ihm mit Recht hochgehaltene 
Belesenheit stelli, und von mir „als Zeichner nicht bcgehrt, dah ich 
varans irgend welche yistcksicht nehme"; ohne jedoch anzndenten, 
worin diese Nncksicht bei einem Buche ohne Abbildnngen zn beftehen 
habe und woran er erkennen will, dah ich seine stincksicht aus sie 
genommen habe, da denn doch meine „Denkmale der deutschen Knnft" 
hinlànglich Zengnih ablegen, wie gern ich mich ihrer vorfommenden 
Falls bediene. — Nach alle diesem wnrde ich den Undank des sungen 
Pioniers dem Danse gegen den alien vorziehen. Den Ansangern 
aber, welche Herr bln. 6m. bedanert, wenn sie glauben sollten, Kunst« 
geschichte konne so noch geschrieben werden, sowie denen. Lie nber 
die Ansange bereits hinans sind, wiederhole ich mein Schluhwort 
aus der Vorrede des I. Bandes: „Jch dense bei Losung der vorlie- 
genden Ausgabe vornehmlich Varan, zur Ausbreitnng der Kenntnih 
und Erfenntnih der herrlichsten Lcistungen eines hochbegabten Volfes 
im begluckenden Bereich des Schonen nach besten Krasten beizutra- 
gen." ' Unì) varans hin fami man es wagen, trotz des mit dem Be- 
wuhtsein pàpstlicher Unsehlbarkeit ansgesprochenen TodesurtheilS nber 
mein Buch, dasselbe in Angelegenheiten der italienischen Kunstgeschichte 
zu Rathe zu zichen. " ‘ Ernst Forster. 
Gegenbemtrlmng des deferente». 
Der Erwiedernng E. Forster's branchie ich, da sie allgemein ver- 
neinender Natur ift,' nur entgegenznsehcn, dah ich bei meiner Mei- 
nung verbleibe, welche von mir, mag diese Ansicht anch von Herrn 
Forster nicht getheilt werden, fur eine wohlwollende angesehen 
wird. Ich suge der Sache wegen jedoch noch einmal hinzn, woranf 
es hier ankommt. 
Soll in der wissenschaftlichen Behandlung der modernen Kunst 
geschichte mit der alien latudinarischen Mode gebrochen werden (was 
sesit gescheheu musi), so blcibt nichts ubrig, als unbeirrt von Neben- 
ruckfichten die Sache ins Auge zu fasten nnd dcutlich zu erkennen zu 
geben, welchen Weg man fur den richtigen und welchen fur den sal- 
scheu halle. E. F.'s vorircssliche Absichten und langsàhrige Wirksam- 
keit wird Jeder anerkennen, viclleicht nicht Jeder in dem Grade, in 
dem ich es thne. Alleili die ncue Zeit hat neue Ziele gesteckt, F.'s 
Art, die Kunstgeschichte zn bchandeln, ist eine veraltete; keinem jun- 
geren Manne dnrftc man Dinge durchgehen lassen, wie sie Forster's 
Arbeiten enthalten. Wenn ich deshalb seine Berdienste ausdrncklich 
hervorhob nnd ihm ansnahmsweise sogar das Rechi zuerkannte, zn 
schreiben wie er schreibt, so that ich das Aeuherste was erlaubt war. 
Herman Grimm.
	        

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