Full text: Rezensionen von Herman Grimm im Literarischen Zentralblatt (1864 - 1870)

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
aus : 
Literarisches 
blatt, Nr. 24 
1889, Jun.5,S 
Vosmaer, C., Rembrandt Harmens van Rijn. Sa vie et ses 
oeuvres. Im Haag, 1868. NijhofF. (3 Bil., 525 S. 8., Titelbild u. 
1 Bl. Faesimile-Signaturen.) 
, Wir empfangen in diesem Buche den zweiten Theil einer Ar» 
^sriurar— bett, b em , erster die Jugendgeschichte Rembrandt's enthalt. Gleicht 
er dem vorliegenden, so bilden beide zusammen eine der besten 
Kunstlerbiographien, welche die neuere Literatur besitzt. Wir be. 
709-71 0 gegnen im Vers, nicht nur was miihsame Forschung, sondern auch 
was Eintheilung des Buches und Manier der Darstellung an- 
langt, einem Dianne, der seines Stoffes und seiner Mittel vbllig 
Herr ist, und der eine bedeutende Masse Notizen mit so viel Nuch. 
ternheit und Feinheit in das Ganze hineinzubringen verstanden 
hat, ohne das Buch dadurch zu beschweren, dah dies Verfahren 
musterhast genannt werden kaun. Die Darstellung der Werke 
Rembrandt's ist vorzitglich: man glaubt sie vor sich zu haben, auch 
solche, die man vorher nicht sah. Die Darstellung des Privat. 
lebens ist anziehend und ohne eine Spur romantisch tlbertreiben- 
der Vorliebe. Die Capitel, welche Rembrandt's erste Frau behan. 
deln, haben etwas Reizeudes und thun ihre Wirkung um so sicherer, 
als sie in seiner Weise aus den Effect gearbeitet find. Wie dies 
so oft bei Biographien sich als Resultat ergiebt: das Romanhafte 
fallt fort aus Rembrandt's Leben, dieser scheinbare Verlust aber 
wird mehr als aufgewogen durch den Gewinn, welchen genaue 
Chronologie und vergleichende Betrachtung der Werke stir die Ge. 
schichte der inneren Eutwicklung des Meisters ergeben. 
Eine sorgfilltige Bearbeitung des Buches stir deutsche Leser 
wiirde se hr verdieustlich sein, es konnte stir diesen Behuf manches 
zusammengezogen werden, was stir Holland ausfiihrlicher gegeben 
werden durfte. Das letzte Drittheil des Buches nimmt ein chro- 
nologischer Katalog der Werke Rembrandt's ein. Hn. 6m. 
Coquerel tils, Ath., Rembrandt et l’individualismc dans 
1’art. Conférences faites à Amsterdam, Rotterdam, Strasbourg, 
Reims et Paris. Paris, 1869. (158 8. kl. 8.) 
Der Verfasser, ein freisinniger protestantischer Geistlicher zu 
Paris, findet seit 20 Jahren (Vorr. V) seine Erholung darin, 
einen Monat jàhrlich der Kunst zu widmeu, und ist seit einer 
italienischen Reise, 1852, literarisch thàtig in dieser Richtung. 
Die zu einem Biichelchen vereinigten vier Vortràge bchandeln, 
von Rembrandt ausgehend, das Thema: dast, wenn von einer 
katholischen Kunst uberhaupt gesprochen werden diirfe, welche in 
Raphael, Michelangelo und Lionardo zur Bliithe kam, eine pro. 
testantische Kunst, repràsentiert durch Diirer, Holbein und Rem. 
brandi, neben ihr den Rang behaupìe. Obendrein sei der katholi- 
sche Charakter der drei ersteren zweifelhaft. Raphael habe, als 
Freund Fra Bartolommeo's, eines Schillers Savonarola's, Savo. 
narola „en p teine eonnaissanee de eause" aus die Wand 
eines pàpstlichen Palastes gebracht. Michelangelo, als Freund 
der protestantischen Vittoria Colonna und als Verfasser seiner 
Sonette, zeige sich „sur cerlaincs questions de dogme beaucoup 
irop calviniste.“ Lionardo, der Heidnisches und Christliches ver. 
mische, das; man nicht wissen koune, ob er einen Johannes oder 
einen Bacchus habe darslellcn wollen (mit Hinweis at>f bestimmte 
Gemàlde), habe sich wenig um Dogma und Kirchenautorittit be. 
kummert. Coquerel hàtte nun doch aber sagen sollen, wie Dogma 
und Autorità! damals beschaffen waren. Seine Ausfuhrungen, 
kurz und ohne weiteres wie er sie giebt, mussen im grosien Publi- 
cum nothwendiger Weise eine falsche Ausfassung der Verhaltnisse 
und der drei Meister hervorrufen, von denen keiner sich im Gegen- 
satze zur Kirche oder auch nur zur Priesterregierung der damaligen 
Zeit fithlte. 
Diese Bemuhungen, Raphael als einen bewustt protestanti- 
sierenden Katholiken erscheinen zu lassen, entbehren ebenso der 
reellen Grundlage als die kilrzlich von anderer Seite versuchte 
Beweisfuhrung, Raphael habe sich in semen Werken gegen Ends 
seines Lebens den Zielen der antiprotestantischen Partei zugeneigt, 
welche im oratorio del divin amore ihren Ausdruck sand. Um 
dies wahrscheinlicher zu machen, musiten einige erweislich in 
frilhere Jahre fallende Werke in seine letzten Jahre verlegt wer- 
den, ohne dast jedoch selbst dann etwas bewiesen wàre. Raphael's 
kunstlerische Thàtigkeit làsit eine besonders aufzufassende indivi, 
dtlelle Stellung zu den Lehren der Kirche, in deren Dienste er zu. 
meist arbeitete, nicht erkennen. Wir wissen nicht, wie Savonarola, 
der iibrigens nicht brevi manu als Haeretiker bezeichnet werden 
kann, aus die Disputa kam. 
Das literarische Material, dessen sich der Vers, stir Rembrandt 
bediente, ist in den Anmerkungen zusammengestellt. Vosmaer's 
Buch nimmt in der Reihe den ersteu Rang ein. Was Anm. 21 
uber Ditrer's polemische Absichten gesagt wird, scheint be. 
denklich. Hn. 6m.
	        

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