Full text: Rezensionen von Herman Grimm im Literarischen Zentralblatt (1864 - 1870)

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
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— 1870. — Literar is ches Ten 
ftubeit wir deren 34 auslàndische aufgezahlt, lauter Name,, die 
fur antike, mittelalterliche und neue Kunst die besten Garantien 
geben. 
Die erste Lieferung enthàlt als Einleitung cine Darlegung 
ber leitenden Gesichtspunkte. Der Text geht bis Eu g e n Ada m. 
Jeder Artikel ist von seinem Verfasser uuterzeichnet. Als be- 
sonders hervorzuheben erscheinen die den Dell' Abbaie's und 
Achenbachs gewidmeten kleinen Biographien (vom Heraus- 
geber), sowie die Mittheilungen uber die Abels (von Schonherr 
iit Jnsbruck). Zum Theil wird hier ganz neues Material ge- 
liefert. — Moge das Ganze in dem Geiste vollendet werden, in 
dem es begonnen rvorden ist. Hn. Gm. 
Riegel, Herm., uber die Darstellung des Abendmahles besonders 
in der toscanischen Kunst. Ein Beitrag znr vergleichenden 
Kunstgeschichte. Mit 4 Abbildungen. Hannover, 1869. Riimpler. 
(Ill, 94 S. gr. 8.) 24 Sgr. 
Es ist ein gewohnlicher Fehler derer, welche uber moderne 
Kunstgeschichte schreiben, das; sic Motive, welche die Kunstler der 
Ueberlieferung verdanken, als Zuge individueller Anschauuug 
ansehen und daraus uurichtige Folgernngen ziehen; Uutersuchnu- 
gen wie die vorliegende siird deshalb doppelt willkommen. Sie 
zeigen den nothwendigen ZusammeHang von Anfang an und 
setzen in den Stand, das was in der That der Originalità! der 
grosten Meister verdankt wird, richtiger zu erkennen und zu er- 
klàren. Eine ganze Reihe àhnlicher Untersuchungen liegen als 
vorgezeigte Arbeiten schon lange in der Lust und sollten je eher 
je lieber in Angrifs genommen werden. 
Einzelnes, womit wir nicht einverstanden stud, zn besprechen, 
ist hier der Ort nicht. Nur ein Mistverstnuduist sei erwnhnt. 
Der Vers, legt (S. 27) den Herren Crowe und Cavaleaselle das 
Urtheil unter, es habe Taddeo Gaddi (den wir im Gegensatze zu 
Giotto fur den Meister eines Berliner Abendmahlbildchens halteu) 
„Giotto'sche Compositioncu gestohlen und schlecht ausgesuhrt," 
Sicherlich habeu Crowe und Cavaleaselle dies nicht sagen wollen. 
Von Diebstahl kann hier ja keinenfalls die Rede sein, da der 
genaue Anschlust der Schuler an die Arbeiten ihrer Meister, und 
die Nothwendigkeit dieses Verhàltnisses eben das ist, was als 
naturlichen Proces; darzulegen, in vielen Fallen die Ausgabe 
sein must. Mag deshalb Gaddi das Gemàlde gemali haben 
oder nicht, weder wird Giotto dadnrch die geringste Ehre ent- 
zogen, noch seinem Schuler der geringste Makel angeheftet. 
1502 als Datum des Sposalizio Raphael's (S. 56) stati 
1504, ist wohl nur ein Druckfehler. Dast die Cena von S. 
Onofrio teine Arbeit Raphael's sei, ist auch unsre Meinung unb 
Must, anderslautender Ausicht der Franzosen und Jtaliener 
gegeuuber, immer wieder gesagt werden. 8n. Gm. 
8emper, Oottti-., uber kaustxle. Vortrag. Zurich, 1869. Schult- 
hess. (32 S. gr. 8.) 10 Sgr. 
Der Vortrag Temper's „Ueber Baustyle" ist der Protest eines 
Kunstlers gegen die heutige Sucht, neue Baustile machen zu 
wollen, gegen die Leidenschaft des Architekteu erfinden zu wollen, 
gegen den Vorwurf der Armuth an Erstndung, welcher von Seiteu 
des Publicums dem heutigen Baumeister oft gemacht wird. Die 
besoudere Veranlassung boten die Erorternngen uber die Stil- 
frage, welche bei Gelegenheit des zuknnftigen Berliner Doms 
laut warden, und namentlich die Reigung einen solchen Dom im 
gothischen Stil zu banen, welche in gewissen Berli,mr Kreisen 
lant wurde. Der Gedanke, welcher den Verfasser leitet, ist 
nicht neu, auch kaum die Art, mit welcher er denselben begrundet, 
namlich der Nachweis, dast die Kunste, und an ihrer Spitze die 
Baukunst, diesymbolische Verwirklichung der herrscheuden sociale,,, 
staatlicheu und religiose,, Systeme find, dast ein never Culturge- 
danke, so oft er Wurzel fastte, die Baukunst in seinem Dienste 
sand, und dast von der heutigen Architektur das Betreten neuer 
t r a l b l a t t. — 5. Januar 22. — 
Bahuen deshalb nicht zn erwarten ist, weil nirgend eine neue 
welthistorische, mit Kraft und Bewusttsein verfolgte Idee fich 
kundgiebt. Das Wesentliche dieser Gedanken hat Semper selbst 
bereits grundlicher in seiner Schrift „Die vier Clemente der 
Baukunst" gegeben. Die jetzt, im engen Rahmen eines offent- 
lichen Vortrags, gebotene Uebersicht der Entwicklnngsformeu der 
Baukunst von den fruhesten Zeiten an kann, trotz vieler schlagen- 
der Ausdrucke und origineller Weudungen, das horende Publi 
cum nicht in solchem Waste gefesselt haben wie andere Vortràge 
Temper's, namentlich der in der For,,, so vortrefsliche „uber den 
Schmnck" rc. rc., wàhrend das lesende Publicum Ausfuhrlicheres 
erwartet. Jmmerhin ist es von Werth, dast ein schaffender 
Architekt, und zwar derjenige, der unter alien Lebenden als der 
erste gelten kann, ein so unumwundenes Bekenntnist uber die 
Grenzen ablegt, welche der schopferischen Macht des Architekteu 
uberhanpt gesetzt find. — Noch eine orthographische Bemerkung: 
Wie kommt es, dast S. das Wort Stil richtig vom lateinischen 
Stilus ableitet und doch jetzt ,uit y schreibt stati mit i, i,n Gegen-- 
satz zn seiner eigenen fruhereu Schreibart in seinem grosten 
Werke „Der Stil in den technischen und tektonischen Knnsten", 
dnrch welches das Richtige bereits als in die Wissenschaft einge- 
fuhrt gelten konnte? A. W. 
padagogik. 
Gob Hardt, Dr. F. W., uber gute und schone Aussprache des 
Deutschen in Schule, Hans und Leben. 2. verm. Ausl. (Zuerst 
in der „Cvrnelia") Leipzig, 1869. Serig. (19 S. gr. 8.) 3 Sgr. 
Der auf dem Gebiete der Pàdogogik, besonders des Gesang- 
nnterrichts, auch literarisch bekannte Vers, hat in dieser kleinen 
Schrift auf Grund langjahriger Beobachtung und praktischer 
Ersahrung und mit fleistiger Benutzung der eiuschlagenden Lite- 
ratur sich uber die Verbreitung, das Wesen und die Beseitignng 
der Eintonigkeit, der eiuformigen Sprachmelodie, sowie des 
widerlichen Singetones im Sprechen, Lesen, Recitiereu und 
freieu Vortrage in einer Weise ausgesprochen, die zwar den 
Gegenstand (bei dem engen Ranine) nicht erschopft, aber nichts- 
destowcuigex alle Auerkennung und Beachtung verdient, und 
zwar nicht nur von Seiteu der Lehrer, fur die das Schriftchen 
zuuachst bestimmt ist, sondern auch alter derer, die sich eines oder 
des andern der hier gerugten Sprachfehler bewnstt find. U. 
Pudagogisches Archiv. Hrsg. von W. Langbein. II.Zahrg. Nr.lO. 
Juh.: H. Niemann, Schnlrede am Jahrestage der Schlacbt 
von Koniggratz. — A. G rulli ch, die Bedentung psycholog. Kenntnisse 
fur den Lehrer. — Das Studium n. sein Gelingen. — Dorpfeld, 
Grundgedanken eines Vortrags uber das Verhaltnist der Schule zn 
Dtaat und Kirche. — Die Dorpfeld'schc Schrift u. die Kritik in den 
Prenst. Jahrbuchern. — Beurtheilungen u. Anzeigen. — Padagogische 
Zeitung. 
Vermischtes. 
1) Flinzer, Dr. moll. Max, uber die Anforderungen der offent- 
lichen Gesundheitspflege an die Schulbnnkc. Mit Tabellen u. 
1 Abbildung. Chemnitz, 1869. Focke. (30 S. 8.) l'/ 2 Sgr. 
T> ass el be, 2. verb. Auflage, mit Tabellen rc. Ebeud. 1809. 
(32 S. 8.) 7 Hz Sgr. 
2) Schildbach, Dr. C. H., Dir. der gymn.-orthopad. Heilnnstalt 
zu Leipzig, die Schulbankfrage und die Kuuze'sche Schulbank. 
Unter Mitwirkung von Ernst Kunze in Chemnitz. Mit 11 Abbil 
dungen im Text. Leipzig, 1869. Keil. (IV, 62 S. 8.) 10 Sgr. 
Die Frage nach der Einrichtung zweckmastiger Schulbanke 
hatte viel fruher als dies gescheheu ist von Sachverstandigen in 
Angrifs genommen werden sollen. Unsere bisherigen Einrichtun- 
gen ware,, hochst mangelhaft und ein Jahrhunderte longer 
Schlendrian hatte alles beim Alien gelasfen. Das Kind, die her-
	        

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