Volltext: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
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Deutsche Rundschau. 
als die Tage festgesetzt würden, an denen 
die, bei der'heutigen unumschränkten Besuchs 
methode der Jndiscretion des großen Publicums 
wegen fast unmöglichen gelehrten Vorlesungen 
abgehalten werden könnten. Universität, Kunst 
akademie, Bauakademie, Gewerbeschule rc. haben 
ebensogut wie das allgemeine Publicum ein Recht, 
die öffentlichen Kunst-Sammlungen für ihre 
Zwecke rationell zu verwerthen. 
ßy.y. Stil-Lehre der architektonischen 
Formen der Renaissance. Im Aufträge 
des k. k. Ministeriums für Cultus und Unter 
richt verfaßt von Alois Hauser, Architekt, 
k. k. Professor für Stillehre an der Vor 
bereitungsschule und an den Fachschulen rc. rc. 
Mitglied der k. k. Central-Commission zur 
Erforschung und Erhaltung der Kunst- und 
historischen Denkmale, Conservator für Wien. 
Mit 3 00 Original-Holzschnitten. Zweite Auf 
lage. Wien. 1880. 
Eine ganz ausgezeichnete Arbeit, von der 
nur zu wünschen wäre, daß nicht Wien 1880, 
sondern Berlin 1880 am Schluß des Titels 
stände. Daraus würde folgen, daß wir eine 
Central-Commission für Erforschung und Er 
haltung unserer Denkmäler, sowie einen Conser 
vator für Berlin hätten. Der Text ist knapp, 
übersichtlich und sorgfältig geschrieben, die Holz 
schnitte, von Günther, Grois und Rücker in 
Wien sind vorzüglich. 
ßy.<(. Gottfried Semper. Ein Bild seines 
Gebens und Wirkens mit Benutzung der 
Familienpapiere von Hans Semper, Prof, 
der Kunstgeschichte in Innsbruck. Berlin, 
Calvary & Co. 188o. 
Der Schluß der leider nur 35 Seiten langen 
Schrift sagt: „Wenn diese biographische Snzze 
lückenhafter ausgefallen ist als sie von einem 
Sohne vielleicht erwartet wird, so sei darauf 
hingewiesen, daß Zeit und Raum ein tieferes 
Eingehen nicht gestatteteu, sowie daß eine 
eingehende Biographie zwar vorbereitet wird, 
das Material hierzu jedoch sich vorwiegend in 
den Händen des ältesten Sohnes Manfred be 
findet und ein erschöpfender Austausch hierüber 
bei der Kürze der Zeit, die dieser vorliegenden 
Arbeit zugemessen, nicht möglich war. Zugleich 
sei zu wissen gegeben, daß auch der wissenschaft 
liche Nachlaß des Verstorbenen, der sich vor- 
tviegend in des Unterzeichneten Händen befindet, 
für die Publication vorbereitet wird." 
Möchten diese Versprechungen und Aussichten 
sich recht bald erfüllen. Einstweilen bleibt Hans 
Semper'S kurze Biographie seines Vaters sehr 
dankenswerth. 
ßyjr. Livre d’Esquisses de Jaques Callot 
dans la Collection Albertine ä Vienne, avee 
50 Heliogravüre» en fac-simile et 8 Vignettes 
publie par Moritz Thausing. Wien, H. 0. 
Miethke. 1880. 
Die Heliogravüren gehören zu den besten, 
die wir kennen. Sehr interessant sind Callot's 
Federzeichnungen nach Holbein's Todtentanz. 
Darunter der von zwei Gerippen überfallene 
Weinfuhrmann. Dieses Blatt haben wir hier 
in ausführlicherer Gestalt vor uns als der 
Holzschnitt es zeigt, so daß Thausing's Ver 
muthung eine durchaus gerechtfertigte ist, es 
hätten Callot für diese Blätter vielleicht Holbein's 
eigne Zeichnungen vorgelegen. 
ßy.<f. Evangeliorum codex graecus pur- 
pureus Rossanensis, litteris argenteis 
sexto ut videtur saeculo scriptus picturisque 
omatus. Seine Entdeckung, fein wissenschaft 
licher und künstlerischer Werth dargestellt von 
Oscar v. Gebhardt (Göttingen) und Adolf 
Harnack (Gießen). Mit 2 sacsimilirten Schrift 
tafeln und 17 Umrißtafeln. Folio. Leipzig, 
Giesecke und Devrient. 1880. 
Fügen wir dem ausgiebigen Titel hinzu: 
auf brillantem Papier und in würdigster Aus 
stattung. 
Zwei junge Gelehrte, welche eine in einem 
kleinen Neste Calabriens so gut wie unbekannt 
daliegende Handschrift zu Ehren bringen. Die 
Liebe zur Sache, mit der hier vorgegangen ist, 
die Sorgfalt, mit welcher die zu' trockener, 
sogenannter streng wissenschaftlicher Behandlung 
einladende Beschreibung zu einer stilistisch an 
genehmen Lectüre gemacht worden ist, verdient 
die entschiedenste Anerkennung. Wer für die 
neuere Kunstgeschichte in ihren Anfängen Interesse 
hat, kann diese Publication mit der Ueber 
zeugung in die Hand nehmen, Viel aus ihr 
zu lernen. Die Illustrationen, welche im Codex 
selbst, wie wir lesen, sorgfältig und glänzend 
ausgemalt sind, werden zwar nur in Umrissen 
gegeben, ihre farblose Beschaffenheit jedoch durch 
die Beschreibung ergänzt. Einige dieser Scenen 
wirken wie Illustrationen aus dem öffentlichen 
Leben der antiken Zeit. So die Verhandlungen 
vor Gericht und überhaupt diejenigen, wo der 
Inhalt des Ereignisses durch lebhafte Gesticulation 
angedeutet werden konnte. Ueber den Werth 
der Handschrift für die Kritik der Evangelien 
haben wir hier nicht zu entscheiden. Zwei 
Blätter des Evangeliums des Matthäus sind 
in voller Reproduction des originalen Aussehens 
gegeben: violetter Grund mit silbernen Buch 
staben. 
q. Rabelais' Gargantna und Pantagruel. 
Aus dem Französischen von F. A. Gelbcke. 
2 Bde. Leipzig, Verlag des Bibliographischen 
Instituts. 
Durch diese Neu-Uebertragung von Rabelais' 
Werk nKxd unser Bücherschatz in der erfreu 
lichsten Weise vermehrt. Die Regis'sche Ueber- 
sctzung ist eure Rarität geworden und kaum noch 
zu haben; zridem ging sie von antikisirenden 
Voraussetzungenstaus, welche durch Künstelei den 
Sinn verdunkeltest, anstatt dürch Natürlichkeit 
das Entlegene näh'dr zu bringen, wie sie ihrer 
seits durch Anhäufung des Potenmaterials das 
Verständniß mehr erschwert, als erleichtert. Die 
vorliegende Uebersetzung von Gelbcke liest sich 
ganz bequem und kommt 'dem Wunsche weiter 
Kreise nach einem Buch entgegen, welches für das 
10. Jahrhundert von großer Wichtigkeit ist und 
in Deutschland — außer in der geehrten Welt — 
eigentlich nur vom Hörensagen bekannt war. Daß 
das Buch darum heutigen Tages und vtzi uns viele 
geduldige Leser finden, und wenn es sie findet, 
dieselben besonders amüsiren wird, bezweifeni wir. 
Denn es widerspricht gar zu sehr nicht nur unsern 
Anschauungen in Bezug auf das, was ästhetlstb
	        

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