Full text: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

essisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
Literarische Notizen. 
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unbarmherzig gegen Bürger vorging, nicht dazu 
geeignet, ihn richtig zu erfassen. Schiller suchte 
von dem Realismus loszukommen, der Bürger's 
Stärke war. Vergleichen wir Bürger's Leonore 
mit Schiller's Kampf mit dem Drachen, oder 
mit dem Gange zum Eisenhammer: Schiller, 
indem er Ereignisse crassester Art ausmalt, läßt 
uns dennoch nie zu nahe herantreten; wir sehen 
das Unheil aus einer gewissen Entfernung, wo 
Bürger dagegen die wilde Jagd beschreibt, wird 
uns allmälig, als ob wir selbst mit dahinrasten. 
Bei Bürger's Leonore ist es, als ob wir Pferd 
und Lederzeug röchen. Dieser Localgeruch ist 
alle seinen Darstellungen eigen. Darin steht 
Bürger unter unseren Dichtern unübertroffen 
da. Ihm fehlte als schaffendem Dichter bei 
seinen leidenschaftlichen Anschauungen, wenn 
irgend Einem, das mildernde Element des 
Publicums einer großen Stadt. Das Göttingen 
von vor hundertundfünfzig Jahren war ßas 
Höchste, wohin er sich aufschwang. Da lief er 
in einem engen Kreise umher, wurde gehetzt 
und stürzte und erhob sich nicht wieder. 
Griesebach's Ausgabe ist (11, XV) zunächst 
für den Bibliophilen bestimmt. Von seiner 
ersten, 1872 herausgekommenen Ausgabe der 
Gedichte Bürger's urtheilt der Verfasser hier 
nicht günstig, auch deshalb, weil sie nur eine 
Auswahl enthalte. Unserer Ansicht nach ist eine 
Ausgabe säinmtlicher Gedichte Bürger's schätz 
bar und unentbehrlich, eine Auswahl aber 
wiederum geboten, wo man sie dem größeren 
Publicum in die Hände geben möchte. 
ßxtf. G. A. Bürger et les origines anglai- 
868 de la Ballade litteraire en Alle- 
ui agne par G. Bo net Maury, Docteur 
es Iettres, Professeur ä la Faculte de Theo 
logie protestante de Paris, Paris, Hachette 
et Cie. 1889. 
Der Titel trägt folgendes Motto: „J'ai 
vu la Muse de la Germanie entrer en lice 
avec la Muse anglaise et s’elancer pleinc 
d’ardeur ä la victoire“ (Klopstock). Der Titel 
und das Motto zeigen, daß Bürger selbst nicht die 
Hauptsache bei dieser Arbeit war. Der Ver 
fasser kennt die deutsche Literatur und ihre 
Geschichte und weiß, wie ein Buch eingerichtet 
werden müsse, um nicht zu langweilen. Wir 
haben die 270 Seiten, aus denen das seinige 
besteht, mit Interesse durchgelesen. Er fällt 
ein vernünftiges Urtheil über den unglücklichen 
Dichter, erklärt viele seiner Gedichte in sehr 
annehmbarer Art und stellt ihn in seinen Be 
ziehungen zur eigenen und zur heutigen Zeit 
in guter Beleuchtung hin. Es steht Viel in 
Mr. Maury's Buche, was nicht Jeder wissen 
wird, Neues aber eigentlich nicht. 
Das Unglück war und ist, daß Bürger 
selbst und seine Werke, Alles in Allem genom 
men, ein Mißbehagen in uns erwecken, das sich 
nicht sortdisputiren läßt. Bürger wandelte 
keine Strecke seines Daseins in dem stetigen, be 
freienden Sommerwetter dahin, das die Früchte 
langsam reifen läßt und dessen der Mensch von 
Zeit zu Zeit bedarf, um seines Lebens froh zu 
werden. Immer lag irgend ein Gewitter in der Luft, 
er unterstand der Herrschaft des Gewaltsamen, 
und schließlich: er ging zu Grunde. Wir be 
wundern und bedauern ihn. Nirgends erquickt 
er uns. Dabei schadet ihm zumeist unsere 
heutige literarische Art, den Staub aus den 
Wohn- und Schlafstuben der Poeten sorgfältig 
zusammenzukehren und einer Analyse zu unter 
ziehen. Doch ist, was dies anlangt, Mr. Maury 
in anerkennender Art zurückhaltend gewesen. 
o. Demeter and other poems. By Alfred 
Lord T en ny8 o n. London, Macmillan and 
Co. 1889. 
Es ist immer noch der Zauber Tennyson'scher 
Melodie, der uns aus diesen Blättern entgegen 
klingt, mag der Dichter eine neue Klage der 
Ceres anstimmen in dem Gesänge, der der 
Sammlung den Namen gibt, mag er sich, in 
„Merlin and the Gleam“ noch einmal in das 
alte romantische Land begeben oder in „Happy" 
(The leper's bride) die Dämmerung des Mittel 
alters suchen oder in „The ring" jenes Zwischen 
gebiet betreten, halb Wirklichkeit, halb Mystik, 
halb Gegenwart, halb Ewigkeit, oder endlich 
in „Forlorn“ und „Romney's Remorse“ eine 
jener Herzenstragödien erzählen, deren ganzer 
Inhalt das Leid und die Liebe dieser Welt sind. 
Kein Zittern der Hand, kein Gebrechen des 
Alters entstellt die Verse, wiewohl „the cen- 
tury’s three sti’ong eights“ den Sänger daran 
mahnen, daß er selber sich den Achtzigen naht; 
aber auch kein Ausweichen vor dem großen und 
mächtigen Gedanken des Endes. „This life of 
mingled pains and joys“ hat nicht aufgehört, 
für ihn — trotz allen Glaubens und aller 
Religion — das Geheimniß zu sein; aber auf 
der Höhe des Daseins hat er schon einen Blick 
„of a height, that is higher“. Wie in den 
Frühlingstagen des eigenen Lebens grüßt er, 
bei jeder Wiederkehr den Frühling „among the 
quarried downs of Wight“, bewillkommnet er 
das erste Schneeglöckchen, „prophet of the gay 
time, prophet of the May time“; doch er ver 
schließt das Auge nicht vor der dunklen Pforte. 
Das letzte Lied des Buches gibt dieser Empfin 
dung einen sanften, unendlich rührenden Aus 
druck — Abschiedsstimmung, kein Abschieds 
schmerz, „no sadness of farewell“. Durch das 
Zwielicht und Brausen der uferlosen Tiefe ver 
nimmt er klar das Rufen einer Stimme, wie 
zur Heimfahrt, und er hofft, seinen Fährmann, 
Antlitz in Antlitz, zu sehen, „when I have crost 
the bar“. Möge der Tag fern sein! Denn 
manch' gold'nes Wort der Weisheit und des 
Trostes können diese Lippen uns noch spenden. 
ßx(f. Bilder - Atlas zum Homer. Sechs 
unddreißig Tafeln mit erläuterndem Texte her 
ausgegeben von Br. R. Engelmann. Leip 
zig, Verlag des Litterarischen Jahresberichts 
(Arthur Seemann), 1889. 
Wir wissen nicht, welchen Nutzen diese Tafeln 
haben sollen. Sie gehören weitauseinander 
liegenden Epochen der antiken Kunst an. Kein 
Stück reicht an die Zeiten Homer's heran, so 
weit wir zu urtheilen im Stande sind. Homer 
und sein Gedicht haben mit diesen, zum Theil 
sehr häßlichen Illustrationen der Ilias und 
^ Odyssee nichts zu thun. Sollen Studenten die 
Taseln verstehen, so würde es eingehender An-
	        
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