Full text: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

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Deutsche Rundschau. 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 30 
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Colossales noch zu Stande brachte, aber doch 
schon mit einiger Mühe, ist Canova gewesen. 
Thorwaldsen und Rauch vergrößern bereits ur 
sprünglich kleiner gedachte 'Modelle, und was 
heute über die natürliche Größe hinaus an 
Statuen zu Stande koinmt, trägt den Charakter 
mechanischer Verdoppelung der Maße deutlich 
zur Schau. Dies hängt mit unserer historischen 
Anschauung zusammen, vor deren Blicken die 
Gestalten der Vorzeit immer geringeren Umfang 
angenommen haben. Das Geheimniß der echten 
colossalen Darstellung ist verloren gegangen und 
muß erst wieder gefunden werden. 
ßxq. Bau- und Kunst-Denkmäler Thü 
ringens. Im Auftrage der Regierungen von 
Sachsen-Weimar-Eisenach ec. rc. bearbeitet von 
Prof. Dr. P. Lehfeld. Heft 6. Herzogthum 
Sachsen-Meiningen. Amtsgerichtsbezirk Saat 
feld. Mit 13 Lichtdruckbildern und 47 Ab 
bildungen im Texte. Jena, Gustav Fischer. 
1889. 
Wir haben iiber dies im sechsten Hefte vorlie 
gende Unternehmen bereits berichtet und freuen 
uns über seinen Fortgang. Wenn unter den 
heute ja an vielen Stellen und in vielen Rich 
tungen hervortretenden vaterländischen Publi 
cationen dieser Art eine dazu geeignet ist, 
für ihren Bezirk in patriotischem Sinne zu 
wirken, so ist es diese. Das thüringische Land 
und seine Denkmäler gewinnen für Jeden, 
der diese Bücher liest, neuen Inhalt. Dies 
ist die rechte Art: die Geschichte des großen 
Vaterlandes von der Stätte aus zu betrachten, 
an der man seßhaft ist. Den Löwenantheil 
des vorliegenden Heftes nimmt Saatfeld 
für sich in Anspruch. Die Geschichte der Stadt 
so in sich aufzunehmen, wie sie hier im Hinblick 
auf den Wechsel ihrer äußeren Gestaltung, unter 
Begleitung zahlreicher Illustrationen, erzählt 
wird, führt besser vielleicht in die deutsche Ge 
schichte ein, als systematisches allgemeines Stu 
dium. Das unaufhörliche Abbrechen und Wieder 
aufbauen gibt ein Bild.von der zerstörenden 
und reconstruirenden Macht der Jahrhunderte. 
Es gewährt Einblick in die wechselnden tieferen 
Ursachen dieser Veränderungen, und natürlichen 
Anlaß, die geschichtlichen Gründe dessen, was hier 
sich sichtbar im Kleinen geltend macht, nach allen 
Seiten hin zu verfolgen. Wir sind nicht dafür, 
daß Schüler mit Kunstgeschichte behelligt werden: 
wenn man Kindern aber die Alterthümer der 
Stadt, in der sie wohnen, so vortragen und 
zugleich an Ort und Stelle erläutern wollte, wie 
Prof. Lehfeldt's Buch für Thüringen das wohl 
möglich machte, so würde man einen erheblichen 
Nutzen stiften. Denn das ist einer der Mängel 
des heutigen Unterrichts, daß die zu lernenden 
Dinge und Gedanken mit dem Dasein des Tages 
und mit der Stelle, die das Schicksal zu unserer 
Heimath gemacht hat, zuweilen nicht deutlich 
genug in Verbindung stehen, und daher die Kinder 
zu sehr das Gefühl hegen, nur für die Schule und 
nicht auch für das Leben zu lernen. Die Geschichte 
einer alten Kirche, wie sie erbaut, durch Blitz und 
Feuersbrunst halb zerstört, wieder aufgerichtet, 
wieder verwüstet, als Verschärfung benutzt, 
dem heiligen Dienst zurückgegeben, geplündert, 
neu beschenkt und restaurirt und immer und 
immer, was den Styl anlangt, um- und umge 
staltet und durch Ein- und Anbauten verändert 
worden ist, kann, richtig vorgetragen, zu einem 
Compendium der deutschen Religionsgeschichte 
werden, wie Bücher sie dem Volke zu liefern 
vielleicht nicht im Stande wären. 
Wir weisen noch besonders auf die Ein 
leitung hin, die als Neuigkeit eine kleine Reihe 
typographischer Bildzeichen mittheilt, welche, zur 
Erklärung architektonischer Begriffe in den Text 
gedruckt, als annehmbar zu empfehlen find. 
ßy.q. Gottfried Schadow. Aufsätze und 
Briefe nebst einem Verzeichniß seiner Werke. 
Zur hundertjährigen Feier seiner Geburt, 
20. Mai 1764. Zweite vermehrte Auflage. 
Herausgegeben von Julius Friedländer. 
Stuttgart, Ebner & Seubart. 1890. 
Diese von Emil Hübner herausgegebene 
zweite Auflage hat ihre besonderen Verdienste. 
Sie gibt Schadow's eigene Lebensbeschreibung 
in der ursprünglichen Fassung, theilt einige 
Briefe mehr mit und veröffentlicht zum ersten 
Male das Tagebuch von 1805 bis 24, dessen 
Anhang vom Jahre 1820 mit folgenden Worten 
schließt: „Was hilft es mir, wenn ich Mitglied 
io vieler auswärtiger Akademien bin, wenn ich 
in meinein Vaterlande vergessen werde, während 
ich, Gott sei Dank! eine Fülle von Gesundheit 
genieße, die mir in meinem Kunstfache thätig 
zu sein wohl gestattet." Schadow war nicht 
vergessen, aber von Rauch in den Hintergrund 
gedrückt worden. 
Wie verschieden stehen die beiden Männer 
da. Schadow eine derbe, leidenschaftliche Natur; 
Rauch eine vornehme, vorsichtige Persönlichkeit. 
Rauch abmessend, was er sagt und thut; Schadow 
drauf los urtheilend, gleichgültig, ob er verletze. 
Schadow aus der gezierten Kunstübung des 
vorigen Jahrhunderts zu einem flotten Rea 
lismus übergehend, der seine Sachen dem 
Publicum leicht verständlich machte; Rauch in 
der antikisireuden Feinheit Canova's befangen, 
aus der er spät erst zur Darstellung historischer 
Costümgestalten überging. Schadow taucht heute 
wieder aus. Seine Werke haben für unser lau 
fendes Jahrzehnt vielleicht mehr Anhänger als 
die Rauch's. An Geist, Gewandtheit und Er 
findungsgabe übertrifft Rauch ihn, und dies 
Verhältniß beider Künstler wird in unparteiisch 
richtenden Zeiten immer so anerkannt bleiben. 
Mehr Blutwärme und rauhere Frische aber ist 
Schadow eigen. Beide haben sie Büsten Goethe's 
gemacht. Man vergleiche diese miteinander. 
Schadow's Arbeit hat nichts Großes, gibt aber 
das bürgerliche Dasein Goethe's mit unbefangener 
Sicherheit wieder. Vielen erschien Goethe gewiß 
so. Er ist der Minister, der hochstehende Mann 
innerhalb seiner Zeit. Rauch aber hat seiner 
Büste eine denkmalariige Einfachheit verliehen, 
die uns den Geist des großen Dichters ahnen 
läßt, der über den Zeiten steht. Schadow und 
Rauch repräsentiren die nebeneinanderlaufenden 
Strömungen der Berliner bildenden Kunst. 
ßxq. Briefwechsel zwischen Rauch und 
Rietschel. Herausgegeben von KarlEggers. 
Erster Band. Mit einem Lichtdruck der Büste,
	        
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