Full text: Rezensionen von Herman Grimm in der Deutschen Rundschau (1881-1890)

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<a ß. Teutsche Jllnstrirte Volksbücher 
won Berthold Auerbach. Mit 400 Bil 
dern nach Originalzeichnungen von W. v. 
Kanlbach, A. Menzel, P. Meyerheim, L. Richter, 
M, v. Schwind, P. Thumann u. A. 3 Bände. 
Karlsruhe, A. Bielefelds Hosbuchhandlung. 
«Ohne Jahr.) 
Äl drei stattlichen Bänden hat Auerbach 
eine dänkenswerthe Auslese seiner reichen Er 
zählungen aus alter uud neuer Zeit veranstaltet, 
welcher (wir die weiteste Verbreitung in unserem 
Volke wünschen. Denn wirklich gute „Volks 
bücher" sind in Deutschland noch immer selten 
und unter den Schriftstellern von Rang, welche 
stets und chit größtem Erfolg eine Wirkung auf 
breite Schichten der Nation erstrebt haben, steht 
Auerbach an erster Stelle. Ueber den poetischen 
Werth dieser Dichtungen ist kaum etwas Neues 
zu sagen: wie in so vielen Auerbach'schen Wer 
ken muß sich auch hier der scharf beobachtende, 
realistische ErLhler, der die einfachen Empfindungen 
der niederen Stände in aller Treue und ohne 
jedes Plus Wiederzugeben strebt, häufig gegen 
den klugen, geistreichen Kopf zur Wehre setzen, 
der, unvermerkt das eigene Fühlen in seine 
Personen hineinträgt, der tausend Reflexionen 
an den Mann zN bringen hat, tausend weise und 
gute Worte zu sagen weiß, — und der Ausgang 
dieses Kampfes ist nicht immer für den Dichter 
so günstig, wie beispielsweise in der prächtigen 
Geschichte von ^Adam und Eva". Auch eine 
gewisse Sentimentalität, die sich insbesondere in 
der allzu weichen und empfindungsseligen Charak 
teristik der historischen Persönlichkeiten kundgiebt, 
in der Charakteristik von Franklin und Joseph 
dem Zweiten, von Gellert und Rückert, und eine 
ausgesprochene Neigung, alle, auch die kleinsten 
Lebensvorgänge, best Händedruck zwischen Gellert 
und einem Bauern, den ersten Trunk aus dem 
Schulbecher, symbolisch auszudeuten, finden wir 
in diesen Erzählungest wieder; aber ebenso finden 
wir den warmen Idealismus des Dichters in 
ihnen wieder, die mannhaft patriotische Ge 
sinnung, seine Begeisterung für Humanität und 
wahre Religiosität, was schöne ethische Pathos 
im Kampfe gegen Lüste und Heuchelei. Auf alle 
Interessen des VolkeMrichtet er sein mildes und 
doch so scharfes Augä und unbarmherzig deckt 
er die kleinen und die'igroßen Schäden auf, die 
er bei seinen Fahrten Durch das Land, im Ge 
spräch mit Angehörigem aller Stände, da und 
dort und überall gefunden hat. Am liebsten 
nehmen seine Mittheilungen den Ton von 
Memoiren an: Denkwürdigkeiten eines Familien 
vaters, Aufzeichnungen eii«r Mutter oder eines 
Abgeordneten, Erinnerungen eines Pfarrers, 
Briefe von Officiercn, Turnern und Schützen — 
alles das findet sich in demzschönen Buche ver 
einigt , und es legt von deut, weiten und freien 
Blick seines Autors ein beredtes Zeugniß ab. 
oß. Kain von Gustav KWropP. Stutt 
gart, Adolf Bonz & Co. 1880. 
Gedankenepen von der Art pes vorliegenden 
pflegen von Publicum und Kpitik mit einem 
gewissen scheuen Respect aufgenommen zu werden, 
der sich begnügt, vor dem „Ernste der Arbeit", 
dem „hohen Flug der Intentionen" seine 
Reverenz zu machen, und über den poetischen 
Werth ^bescheiden die Meinung zurückhält. Um 
so nöthiger wird es für eine unbefangene Be 
trachtungen rücksichtsloses Urtheil auszusprechen, 
das heißt ün unserm Falle das Urtheil, daß 
ein hölzernes und seelenloses Product, wie dieser 
„Kain", fütr die deutsche Literatur ganz und 
gar bedeutungslos ist. Jeder gebildete Mann, 
der sich täglich etwa von neun bis elf an den 
Schreibtisch setzen mag, ist befähigt, allmälig 
einen solchen Koloß auf thönernen Füßen zu 
errichten. Das Kleinste lyrische Gedicht, die ein 
fachste Erzählung.irgend eines beliebigen Autors 
kann reicheres Talent beweisen, als dieses Werk 
von 376 Seiten, zdas sich mittelst Lesefrüchten 
aus Milton und (Byron, aus Geßner und 
Klopstock mühselig (genug zusammensetzt und 
jeglicher Gestaltungskraft und jeglichen poetischen 
Lebens baar ist. Der fromme Abel und die 
taubensanfte Ada, die an schäserliche Vorsünd- 
fluthlichkeiten erinnern, der gute Adam und 
seine Eva, die sich hausmütterlich beschäftigt 
„den Staub von jeglichem Geräth zu wischen" 
(221), Adonai und Lucifer, und der prometheische 
Kain — alle sind ohne Individualität und ohne 
Farbe. Ein Zusatz von Richard Wagner 
(„wehende Feuerlohe" 181, .„Götterdämmerung" 
331, Geschwisterliebe, unklarer Pessimismus, 
brennende Sinnlichkeit und . schlaffe Frömmelei) 
und von Hamerling'scher Philosophasterei („Ver 
suchung bin ich, bin die Stznde, ich bin der 
Taumel, bin das Entzücken") vermögen die An 
ziehungskraft der reizlosen Muchung nicht zu 
erhöhen. Nicht einmal in formeller Beziehung 
können wir das Werk gelten lasten, denn aus 
Schritt und Tritt begegnen die häßlichsten Wort 
stellungen und aus dem getragenen Tone, den 
der Dichter anschlägt, fällt er alle Augenblicke 
heraus in die reinste Prosa. Daß man im 
Jahre 1880 Verse schreiben darf, wie: „Willst 
du niemals denn von Kindern sein umgeben" 
oder „Nimmer will jemals ich den bösen Mächten 
wieder gewähren Einlaß in mein Herz" — 
ohne nimmer jemals allgemein zu werden ausge 
lacht, ist als Phänomen immerhin bemerkenswerth. 
ßyjf'. Bericht über die Verwaltung der könig 
lichen Sammlungen für Kunst und Wissen 
schaft zu Dresden, in den Jahren 1878 und 
1879. Dresden. 1880. 
Eine genaue Zusammenstellung aller der 
Daten, welche man in einer Publication, die 
obigen Titel trägt, irgend zu suchen geneigt wäre. 
Die Gebäude, das Personal, das Budget, die 
Erwerbungen, die Statistik des Besuches sind 
gleichmäßig berücksichtigt. Die neuen Erwerbungen 
für die Gemäldegalerie haben 1878 rund 58,000 
Mark, 1879 69,000 Mark gekostet, für die Kupfer 
stichsammlung wurden 7000 resp. 6000, für die 
Gypsabgüsse'2000 resp. 5000 Mk. ausgegeben rc. 
Wie in Berlin sind auch in Dresden eine Reihe 
von Kupferstichen und Radirungen in Auftrag 
gegeben worden. Interessant ist der Besuchs 
stundenplan. Die Dresdener Gemäldegalerie 
wird Montag gezeigt: an diesem Tage kostet der 
Eintritt 1-> Mark. Dienstag freier Eintritt, 
Mittwoch 50 Pf., Donnerstag und Freitag frei, 
Sonnabend 50 Pf., Sonntag frei. Wir möchten 
diese Einrichtung mit dem Zusatze auch für Berlin 
empfehlen, daß Mittwoch und Sonnabend 
ZU 
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