Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Kunstgeschichte, -ausstellungen und -sammlungen

aus : Deutsche Rundschau 
Rückblick auf die berliner Ausstellungen. 
Die besten Arbeiten unter den ausgestellten tausend waren Munkacsy's beide Ge 
mälde. Angenehm konnte man sie freilich nicht nennen, sowenig wie seinen Milton 
mit den Töchtern. Es gehört zu den Anzeichen unserer Zeit, daß wer etwas zu leisten 
weiß, die Welt zwingen dars, sich ein gewisses Quantum Unliebenswürdigkeit mit 
gefallen zu lassen. Gegen wen sind Rücksichten denn zu nehmen? Auch haben Mun 
kacsy's Werke etwas entschieden nicht Deutsches. Ein in Paris lebender Ungar ist 
nicht dazu verpflichtet uns national behagliche Dinge zu malen. Munkacsy's Farben 
haben etwas Kaltes, Trübes. In dem aber, was er kann, übertrifft er sämmtliche 
Concurrenten, die der Zufall ihm diesmal gegeben hat. 
Wie ganz anders warm und erfreulich leuchtete uns das Porträt einer jungen 
Frau an, welches Gussow im ersten Saale ausgehangen hatte. Das in Profil, mit der 
lebendigen Bewegung des Halses und dem gesunden, von Lebensathem umgebenen Fleische. 
Wir würden Gussow an erster Stelle genannt haben, hinderten uns seine beiden andern 
Porträts nicht daran, die zu seidenglänzend sind, während der alte taube Mann, 
dem die Frau etwas Vorliest, in den Maaßen zu groß erscheint. Wer das Bild 
in der Stube hätte, würde ein Gefühl haben, als ob er mit den Leuten halb 
und halb das Zimmer theilen müßte. Welchen Zweck hat dieses Gemälde? In einer 
Galerie zu hängen? Dieselbe Frage stellte man sich vor Defregger's lesenden Mädchen. 
Sie sind äußerst unmuthig, natürlich, überzeugend, wahr rc. rc. Wer aber sollte sich 
ein so reizendes Gelächter so kolossal natürlich an die Wand nageln? 
Hiermit wären wir zu Ende. Die Erinnerung wenigstens gibt nichts mehr her. 
Wir lesen den Catalog noch einmal durch und es rollt uns in Gedanken, wie man 
mit dem Daumen ein Bilderbuch in einer halben Minute vor dem Auge vorüber 
spielen läßt, die ganze Reihe der Gemälde rc. durch die Seele. Keins zwingt uns 
Halt zu machen. ''Nichts was total in Erstaunen setzte. 
Unsere Ausstellungen geben nicht mehr, wie in früheren Jahrzehnten, ein Bild 
des fortschrittlich Geleisteten. Verschiedenes trägt die Schuld. Ausfallen könnte z. B. 
der Mangel an historischen Gemälden. Niemand aber würde daraufhin doch sagen 
dürfen, daß die historische Malerei überhaupt keine Vertreter mehr habe. Sie lohne 
nicht mehr. Man verstehe dergleichen nicht mehr. Auch fehle den Künstlern Können 
und Kraft. Die Dinge liegen anders. Unsere Historienmaler stellen nicht mehr auf 
den Ausstellungen aus, weil sie da beschäftigt sind, wo sie hingehören: an den Wän 
den öffentlicher Gebäude, wo sie aus den Kalk selber malen, und zwar ist soviel Ar 
beit dieser Art vorhanden, lohnende, ehrende, erfreuliche Arbeit, daß wer etwas leistet, 
reichlich zu thun hat. Man blicke zu dem Zuge der Gestalten empor, die Geselschap 
in der Kuppel des Zeughauses begonnen hat. Dazu die kolossalen Figuren in den 
Eckzwickeln. Und dann die andern Wände, welche alle von benannten Meistern ihre 
großen Darstellungen erwarten. Und die Pfeiler, an die die Statuen der preußischen 
Könige gestellt werden sollen, und die Nische, in welche Schaper's kolossale Siegesgöttin 
kommt. Es ist besser dergleichen an Ort und Stelle zu suchen, als aus der Aus 
stellung etwa einer schönen Victoriaskizze zu begegnen, bei der der Künstler kaum die 
Hoffnung hegen darf, daß sie ihm um der Barmherzigkeit willen möglicherweise 
könnte in Auftrag gegeben werden. In Deutschland wachsen überall die Wände jetzt 
aus, für die solche. Malereien bestimmt werden, oder die Faoaden, für die Sculpturen 
in Aussicht genommen sind. Die paar, zum Theil unbegreiflichen Gypsfiguren, die 
auf unserer Ausstellung paradiren, haben mit unserer heutigen großartigen statuarischen 
Production wenig zu thun. Schaper's Goethe brauchte nicht erst den Weg durch die 
Ausstellung zu nehmen. 
Ein anderer Grund, warum bedeutende Sachen nicht mehr auf die Ausstellungen 
gehen, lehrt Mackart's im Lehrsaale der Akademie für 75 Ps. apart ausgestellte Diana. 
Auch Siemieradsky's Schwertertanz würde nach wie vor feine eigene Ausstellung 
gehabt haben, wäre das Werk zufällig heute erst angelangt. Dergleichen Sachen 
wünschen für Extraentree besonders bewundert zu werden. Knaus, der auf der Aus 
stellung nur mit einem kleineren Genrebild vertreten war, stellte sein im Frühjahr 
vollendetes größeres Werk bei einem Kunsthändler aus. wo seine Verehrer es zu 
sehen Gelegenheit fanden. Zuletzt war es aus der Düsseldorfer Ausstellung. Solche 
Werke gehen ihre eigenen Wege und können nicht überall zugleich sein. 
Als die große Berliner Ausstellung aufhörte, etwas nur alle zwei Jahr Gebotenes, 
Außerordentliches zu sein, wo nur den besten Arbeiten gute Plätze gegeben werden 
konnten und die Ehre, überhaupt einen Platz zu erhalten, von manchem Künstler erst 
erkämpft werden mußte, hatte ihre Bedeutung eine Ende. In Paris, wo diese Er 
fahrungen bereits früher gemacht worden sind, sollen nun neben den großen jähr 
lichen Ausstellungen, wo so ziemlich jedes Gemälde acceptirt wird, dreijährige mit 
allerstrengster Auswahl veranstaltet werden. Wer aber möchte das Odium auf sich 
nehmen, hierbei Preisrichter zu sein? Die Dinge haben einen natürlichen Verlau 
genommen. In. immer breiteren Massen wird Mittelgut in die Ausstellungen ein 
dringen und trotzdem ein zahlreiches Publicum anziehen.
	        

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