Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über einzelne Kunstwerke

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 28 
A 
aus ? , 18&0|Mai 8 
Die I« -er Königlichen Akademie der Künste 
ausgestellten Cartons von Cornelius. 
Die im vorigen Jahre ausgestellten großen Zeichnungen 
von Cornelius find auch jetzt wieder auf kurze Zeit in dtn 
Sülen der Akademie fichtbar gemacht. 
Aechte Kunstwerke unterscheiden sich auch dadurch von 
Mächten, daß über sie immer von Neuem gesprochen wer. 
den kann. Ich will diesmal nur auf Eins hier aufmerk 
sam machen. Jeder, er mag eine Kunst oder ein Hand 
werk treiben, einer Wissenschaft sich hingegeben haben oder 
ein Amt verwalten, macht die Erfahrung, daß der Anblick 
eines Mannes ehrwürdig und mutherweckend fei, der sich 
selbstständig durchgearbeitet und auf eigenthümlichen Wegen 
etwas erreicht hat. Man folgt gern dem Entwicklungs 
gänge eines Meisters, der es dahin brachte, der Welt 
wirkliche Dienste zu leisten. DaS Streben einer jeden 
Kraft ist, in redlicher Weife dahin zu kommen, daß man 
von sich selber sagen könne, hier stehe ich, das habe ich 
geleistet in meiner Sphäre, Andere mögen Anderes besser 
gethan haben, dies aber ist mein Werk. 
Wenige vermögen dies Bewußtsein wohl so rein zu he- 
§ en als Cornelius. In einer Zeit beginnend vor langen 
fahren, zu der die Kunst in der Irre schweifte, gelang eS 
ihm, ihr einen festen, großartigen Inhalt zu geben, hat er 
uns in den Stand gesetzt, auf die Frage, ob wir in Deutsch, 
and einen großen Künstler hätten, eine bejahende Antwort 
zu ertheilen. Abgehend von der gemeinen Methode, deren 
einziges Ziel ist, gefällige, verkäufliche Werke herzustellen, 
hat es sich um nichts gekümmert als um die Anforderungen 
feines eignen Geistes, wie auch Goethe that, hat er darge 
stellt, was ihm das Herz bewegte, und ist fortgeschritten 
wie es seiner großen Natur angemessen war. Niemandem 
gestattete er Einfluß auf sich als denen, denen er freiwillig 
nachstrebte: der antiken Kunst und den italienischen Meistern. 
Die Nibelungen, die griechischen Dichter, Dante, Shakespeare 
und die Bibel lieferten ihm die Gedanken, seine Werke 
bilden Illustrationen zu ihnen. Wie sie hier aufgestellt 
find, gewahrt man die Nacheinanderfolge dieser Einflüsse. 
Ueberall find die Momente ergriffen, in denen das rein- 
menschliche Gefühl am vollsten enthalten ist. 
Cornelius' Stellung zur Nation ist die eines Künstlers 
der das allgemeine Gut der edelsten Gedanken in sich auf 
nahm und eigenthümlich neu gestaltet zur Anschauung 
brachte. Vor seinen Werken empfinden wir, daß die wahre 
Originalität nicht darin bestehe, unerhörte, seltsame Dinge 
zu erfinden, an die Niemand vorher dachte, sondern daS, 
woran jeder denkt, was alle fühlen, so darzustellen, daß 
dennoch Niemand, ohne überrascht zu werden, davor tritt. 
Und wie bei Rafael und Michelangelo, denen er nach 
strebt, ohne sie freilich zu überbieten, bezeichnet jede neue 
Schöpfung eine neue Stufe seines Fortschrittes. Jetzt ist 
er alt und wird vielleicht bald auf immer auSruhn von 
seiner Thätigkeit. Niemals aber ist er stehen geblieben, 
und seine letzten Werke, die Entwürfe für das Campo- 
santo, find seine schönsten. 
ES ist bekannt, daß bereits vor zwanzig Jahren der 
Plan gefaßt wurde, ein Museum für feine Zeichnungen 
zu bauen. Wie viel mehr ist dies jetzt geboten, da die 
Cartons, die er seitdem gearbeitet hat und an denen er in 
Rom noch zeichnet, wahrscheinlich mit dem Bau deS Cam- 
posanto selbst noch lange auf ihre malerische Ausführung 
werden warten müssen. Sollen sie während dieser Zeit 
verloren sein, und waö soll aus den anderen werden? 
Müssen sie wieder in die Kisten hinein, in denen sie 
so lange Jahre standen? Es nützt nichts, fie von Zeit 
zu Zeit für Geld auszustellen. Ohne Entgelt wüsten 
fie immer fichtbar und zugänglich sein. Wenn die Millio- 
nen für die Museen aufzubringen waren, wüsten auch die 
paar Tausend Thaler da sein, um für die Werke eines 
solchen Mannes ein einfaches HauS zu errichten.
	        
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