Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über einzelne Kunstwerke

Bon Verl!u nach Danzig. 
Daniel Chodowiecki's Kün stlerfahrt'im Jahr 177^ 
(B e r-li-u, Amsler n. Ruthardt, 1883.) 
Wir verdanken der Photographie, mit dem intimsten 
Schaffen der Künstler bekannt zu werden. Die Handzeichnungen 
sind die eigentlichen Personalakten der Künstler. Was mühsame 
und kostbare Faesimile's früher niemals völlig geleistet haben, 
bringt der Photograph mit den heutigen Mitteln leicht und 
billig zu Wege. Für eine halbe Lire a Blatt kaust wem in 
Italien Nachbildungen der höchsten Meisterwerke. In Deutsch 
land wurde bisher gezögert, auf diese Preise einzugehen, aber 
es scheint, als sollten auch bei uns die hohen Preise end 
lich ausgegeben werden: für dreißig Mark werden jetzt 108 
Lichtdrucke von Zeichnungen Chodowiecki's angeboten, sammt 
Mappe und Karton und Titel und Vorrede, und dem Publikum 
damit wirklich fast ein Geschenk gemacht, während trotzdeck 
zugleich, wie wir hoffen, der Verleger nicht ohne Vortheil 
bleibt. Die kgl. Akademie der Künste in Berlin bewahrte 
Chodow'iecki's Blätter, aus denen er, als Illustrationen eines 
französisch geführten Reise-Journals, die Abenteuer 
erzählt, die, er aus einer 1773 von Berlin aus nach 
seiner Vaterstadt Danzig unternommenen Reise gehabt hat. 
Zu Pferde machte er sich den 3. Juni aus. Das erste Blatt 
zeigt den betrübten Abschied von den Seinigen, das zweite 
wie er mit einem Pferde nach Freienwalde transportirenden 
Reitknechte, dem ersieh angeschlossen hat, über die vater- 
scher Hauptmann ihm zuredet, den Gaul, den er heru. ter- 
macht, gegen einen für seine Zwecke geeigneteren einzutauschen, 
und so weiter: es ist ein Genuß eigenthümlicher Art, die mit 
zarter Feder und richtig treffender Sicherheit gezeichneten 
Blatter eines nach dem andern umzulegen. Die bürgerliche Ruhe 
der langstvergangenen Jahre kommt uns wie ein sanfter 
Athem daraus entgegen. Wir sehen, wie bescheiden, kahl und 
still es damals hier zu Lande noch zuging. Wir erleben die 
Dinge mit, wünschen sie wahrhaftig nicht zurück, aber em- 
pstnden das Wohlthuende lebhaft, das in ihnen lag, fast als 
beneideten wir diese Vergangenheit um manches, was sie in 
sich schloß, und scheiden von dem letzten Blatte mit dem 
Gefühl, etwas kennen gelernt zu haben, das als ein treuer 
und liebenswürdiger Spiegel seiner Zeit betrachtet werden 
dürfe Denn das Beschränkte, Kleine dieser Erlebnisse und 
der Art ihrer Darstellung entspricht durchaus dem Durch- 
schntttscharakter des deutschen Lebens von vor 100 Jahren. 
^Chodowiecki führt uns ein in das vom großen Friedrich 
sreschtlsfene und regierte $>voufr<Mn) fej* " 
mi>|i; nur 
da begegnen, lassen einen Theil des damaligen Publikums 
vor Unis vorüberziehen, und was die vorliegenden Zeichnungen, 
stets gleich lebendig und gleich unbefangen topirt hat. Diese 
Figuren treten uns vor die Augen wie die unzähligen 
Haupt- und Nebenakteurs einer ganz Preußen umfassenden 
bürgerlichen Sittenkomödie. Alle, selbst die Vornehmsten, 
haben etwas Schlichtes, Einfaches, bürgerlich Gemäßigtes. 
Die stärksten Affekte halten sich in den Grenzen mit der 
Muttermilch eingesogener Anstandsregeln, an deren Gültigkeit 
wie an die der Religion selber geglaubt wurde., Gesittung, 
Ruhe, Zufriedenheit, Wohlanständigkeit, Begnügsamkeit sind 
die Gipfel des moralischen Gebirges, das der Einzelne zu er 
klimmen trachtet, und mit dem Kultus der Gegenwart, dem 
diese Anschauung entsprang, war eine so beträchtliche Un 
bekümmertheit in Betreff der Vergangenheit und eine so 
sickere Hoffnung auf günstige Fortgestaltung der Zukunft ver 
bunden, daß man diese beiden Elemente in Gedanken ruhig 
auf sich beruhen ließ. Die eigene Zeit, die als die best 
mögliche galt, war der Kultur der Gebildeten geweiht. 
In ihr sich wohlzufühlen, das Geschäft, bei dem sie alle ein 
ander friedfertig in die Hände arbeiteten. Alan sehe das 
kleine Bild, wie Chodowiecki, nach langem Ritte ermüdet, 
Abends in einer Dorfschenke eingetroffen, endlich, eine Streu 
unter sich und den Kopf auf seinem Mantelsacke, eingeschlafen 
ist. Da, in der Nacht, erscheinen zwei Herren in der Gast 
stube, welche drei bis vier mnsizirende Kerls bei sich haben. 
Unbekümmert um den Schläfer lassen sie ausspielen und be 
ginnen beim Scheine eines einzigen Talglichteö gravitätisch 
ein Menuet zu tanzen. Das Bildchen könnte als Motto 
des Jahrhunderts genommen werden, in dem es ent 
standen ist. 
Dies führt inich nun etwas weiter. 
ausgäbe 
Adolf A .. M 
den, die zu dem Besten gehören, was diesem unerschöpflichen 
Künstler verdankt wird. Nur wenig Exemplare, die wiederum 
in die Hände nur Weniger gelangten, sind von den nach diesen 
Zeichnungen ausgeführten vorzüglichen Holzschnitten bisher 
bekannt gewesen: endlich nun ist die Erlaubniß ^erlangt wor 
den, von den im königl. Museum lagernden Stöcken neue 
Abzüge machen zu dürfen, und heute ist Jeder im Stande, 
mit geringen Mitteln den gesummten Darstellungsschatz zu 
erwerben. Auch versetzt uns Menzel in das preußische Dasein, 
wie es unter Friedrich dem Großen sich gestaltete. Durch 
eine wie andere Thüre aber treten wir hier ein und wir 
anders muthet es uns an. 
> Vergleichen wir, was aus den Händen vaterländischer 
tstler zur Jllustrirung Friedrichs und seiner Zeit geschehen 
so sehen wir mit des Königs Tode die künstlerische 
Erstellung seiner Thaten stocken und bald abschließen. Noch 
arstens hat die Schlacht von Roßbach im Sinne der klassi- 
hen Bataillentableaus gezeichnet: ins neue Jahr 
hundert hinein aber erstrecken sich derartige Versuche nicht 
mehr. Den König selber im Denkmal so darzustellen, wie 
Räuch's Statue ihn bietet, wäre vor den Tagen Friedrich 
Wilhelm's IV. Niemanden in den Sinn gekommen. Zielens 
Statue und die des alten Dessancrs standen viele Jahre als 
einsame Merkwürdigkeiten da und erweckten keine Nachfolge. 
Menzel selbst hatte in seinen, in den dreißiger Jahren erschie 
nenen, von ihm selbst lithographirten Darstellungen aus der 
vaterländischen Geschichte noch nicht den rechten Ton ge 
troffen Erst in den Illustrationen zu Kugler's Geschichte 
Friedrich's zeigt er die Hand, die von da ab nicht müde 
geworden ist, ihre Gaben zu spenden. Menzel ist es ge 
wesen, der Friedrichs Jahrhundert und den großen König 
mitten drin künstlerisch frisch geschaffen hat. Heute sind uns, 
deren Augen an Menzels Auffassung sich völlig gewöhnt 
haben, die Ereignisse der glorreichen Kriege des vorigen Jahr 
hunderts im Kostüme der Zeit so geläufig, als hätten wir 
diese Truppen selber noch so marschiren sehen. Was oben 
in den Schlössern bis niedrigsten Bürgerhäusern herab vor- 
»»v »vorgegangen sind, mit der Phantasie so 
durchaus en pays de counaissance dein Zeitalter Friedrichs 
gegenüber, daß an der realen Kenntniß seines gesammten 
Inhalts nichts zu fehlen scheint. Wir wissen ja, wie sorg 
fältig Menzel studirt, in welchem Maße echte Ueberbleibsel 
jeder Art ihm zu Gebote standen. Wir nehmen, was er uns 
vor die Augen bringt, als sei cs ein Spiegelbild der ver 
gangenen Tage selber. 
Menzel hat die besondere Gabe, das Nebensächliche mit 
technischer Sorgfalt zu verfolgen, um es bei der Benutzung 
auf Gemälde oder Zeichnungen dann doch der Hauptsache 
unterzuordnen. Menzel liegen diese Tinge völlig in der 
Hand. Und ebenso weit reichen die physiognomischen Stu 
dien, die er für seine Aufgabe gemacht hat. Jeder Zug in 
den Gesichtern der Grenadiere Friedrichs ist echt. Ihn selbst 
scheint er in persönlichem Umgänge von den Jugendjahren 
des Königs bis zum gebeugten Alter beobachtet zu haben. 
Wo Friedrich erscheint, als Kind, als junger Mann, als Greis, 
Soldat, als Flötenbläser, als Tischgenosse seiner brillanten 
Tafelrunde, übel oder gut cwl-mul. 'ad.,n,d nd,-r krank, im 
Hausrock oder^' 7 der Un 
stern uchkelM nicht hinter ihm veünuthen, wie er jede Bewe 
gung des Königs in sein Skiz enbuch einträgt. Jch^ wähle 
diesen etwas seltsamen Vergleich, weil in Menzel's Studien 
manchmal beinahe die Absicht zu liegen scheint, neben dem 
Bedeutenden auch das der gewöhnlichen Beobachtung fast sich 
entziehende Unbedeutende, festzuhalten. Man empfindet, man 
hört, man sieht in Mockenten Dies oder Jenes, das fatal 
ist, das man als nicht vorhanden zu überwinden sucht, das 
für den Augenblick aber doch wie einen leichten Schatten 
über unsere Züge legte. Es scheint, als seien Menzel's Blicke 
für ein Durchschauen des Menschen in diesen Momenten be 
sonders geschärft und er weiß sie mit einer manchmal dämo 
nischen Deutlichkeit festzuhalten. Wie sollte, wer so das 
Kleinste erkennt, nicht die volle Realität selbst eines nie er 
lebten Daseins geistig in uns zu reproduciren im Stande 
sein? So ohne Weiteres dürfen wir das aber doch nicht zu 
geben. 
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Romantiker, ein Künstler, der Dinge darstellt, die einzig m 
seiner Phantasie Existenz haben. Unsere heutige Anschauung 
der Friedericianischen Zeit, wie Menzel sie uns eingepflanzt 
hat, ist nicht das reine Abbild der Dinge, sondern der Ab 
glanz des Bildes, zu dem sie sich in Menzel's Phantasie zu 
sammenstellten. Die Röcke der Soldaten und Generäle konnten 
von Menzel doch nur aufgebürstet und aufgebügelt werden: 
das glänzt und flimmert im Lichte des 19., nicht in dem des 
18. Jahrhunderts, und den Sachen würde auch ihr Bestes 
fehlen, wenn es anders wäre. Chodowiecki hat vor Menzel 
eben voraus, daß er die Menschen und Dinge mit eignen Augen 
gesehen hat und daß ihm jede Verführung fehlte, mehr 
hineinzulegen, als er seiner Zeit eben zu erkennen vermochte. 
Chodowiecki's bekannte Portrait-Federzeichnung Friedrichs des 
Zweiten enthält etwa vom Blicke des Königs, was alle 
Darstellungen Menzel's zu enthalten nicht im Stande 
jknd, denn glücklicherweise lebt und schafft Menzel noch unter 
ms und ist nicht, wie Chodowiecki, länger als 80 Jahre bereits 
cks der Welt gegangen. 
Menzel's Ncufchöpfung der Fridericianischen Welt ist eins 
merkwürdigsten Phänomene auf nationale Dinge gerich- 
e Kunst. Wer weiß, wie unsere Männer und Ereignisse 
|ü aussehen werden, wenn nach abermals 100 Jahren 
Machwelt die heutigen Zeiten in genauem Abbild zu 
kn vermeinen wird, die ein zweiter Menzel (wenn die 
.einen zweiten zu schaffen im Stande wäre) ihr dann 
. Ihr würde, was von heutigen Darstellungen etwa 
kd) vorhanden wäre, das Richtige vielleicht reicht ganz 
V scheinen, gerade so rrie Chodowiecki's Blätter neben 
Ansprühenden Erfindungen Menzel's heute etwas fast 
' ches für unsere Augen haben. H. Grimm:
	        

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