Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über einzelne Kunstwerke

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 28 
fünf und zwanzig Gesetzgebungen anheimzustellen. Von 
diesem Gedanken geleitet, war die Kommission an ihre Arbeit 
gegangen, zwar nicht in der Ueberhebung, daß es ihr bei dem 
Mangel alles aktenmäßigen Materials, welches ihr das 
negative Verhalten der Regierungen verschloß, möglich 
fein werde ein nach allen Seiten ausgestaltetes Ganze zu 
geben, wohl aber in dem gwen und berechtigten Glauben, 
i)aß die Konsequenzen der Civilprozeßordnung selbst und die 
reiche Erfahrung, welche ihr in den eigenen Mitgliedern zu 
Gebot stand und von außen her nutzbar zu machen war, in 
den Hauptzügen den richtigen Weg weisen würden. Ernst 
liche Zweifel an dem Erfolge der Arbeit in diesem Sinne 
stnd auch heute nicht laut geworden, nur die Unvollständigkeit 
des Ergebnisies ist derselben zum Vorwurf gemacht, aber es 
ist schwer abzusehen, warum nicht, wie jetzt die ganze An 
waltsordnung vorbehalten werden soll, nicht ein bloßes 
Ergänzungsgesetz zu den vorgeschlagenen Grundbestimmungen 
in Aussicht bleiben sollte. 
Diesen Erwägungen gegenüber stand nun immer wieder 
die ablehnende Haltung der'Bundesregierungen. Wir wollen 
nicht darauf zurückkommen, wie abenteuerlich es war, einePro- 
zeßordnung und Gerichtsverfassung ohne Bestimmungen über 
die Anwaltschaft überhaupt vorzulegen. Vor vollen zwei 
Jabren ist in der ersten Lesung der'Justizgesetze diese Lücke 
aufgedeckt worden, und es war eine im Hause unwidersprochene 
Erwartung, daß die Kommission sich die Ausfüllung derselben 
werde angelegen sein lassen. Ein volles Jähr später 
erst gelangt die Kommission an diesen Theil ihrer Aus 
gabe — immer nur sind die Regierungen über das 
reine Nichts einig. Dasselbe Schauspiel wiederholt 
sich, als die Kommission ihre Arbeit in zweite Lesung 
nimmt; und erst ganz zuletzt, als die Beschlüsse dieser Lesung 
im Bundesrath zur Berathung stehen, vereinigt man sich „im 
Prinzip", daß eine Anwaltsordnung für das Reich ausge 
arbeitet werden soll. Wir sind bereit, den Schwierigkeiten der 
Verständigung unter fünf und zwanzig Regierungen alle Rech 
nung zu tragen: aber ist diese Art des Verhaltens gegenüber 
dem gleichberechtigten Faktor der Reichsgesetzgebung eine an 
gemessene, ist sie geeignet, den Regierungen beim Reichstage 
„etwas mehr Vertrauen" zu erwecken? ' Kann nach diesen 
Vorgängen der Reichstag auseinandergehen, ohne daß ihm 
über die Grundzüge der von den Regierungen in 
Aussicht genommenen Anwaltsordnnug wenigstens die 
nothwendigsten Andeutungen gemacht werden? Und welches 
Mittel hat derselbe, auf einer solchen Erklärung vom Bun 
desrathstische zu bestehen, als daß er, bis ihm dieselbe wird, 
an den Beschlüssen seiner Kommission festhält? In einer 
Angelegenheit, die, wie diese seit Jahren vor den Augen der 
betreffenden Staatsmänner liegt, zu einer Zeit, da dieselben 
fast ausnahmslos hier zur Stelle versammelt sind, ist es doch 
wahrlich keine unbillige Zumuthung, sich binnen zwei Wochen 
über die grundlegenden Bestimmungen so gut, wie jüngst über 
die Anwaltsordnüng überhaupt, „im Prinzip" schlüssig zu 
machen. 
Dies sind die Gründe, welche die Mehrheit von 163 
gegen 128 Stimmen bewogen haben, den Titel 9a. der Ge 
richtsverfassung in zweiter Lesung anzunehmen, und welche 
von dem Abg. Lasker im Eingänge der Diskussion vollständig 
und erschöpfend ausgeführt wurden. Die Gegner trennte 
nicht der Schein eines sachlichen Gegensatzes, nur ein Mehr 
von Rücksicht auf die wenn geschaffene 
“ nebe 
uder^uhrliche Ausspinner? dev 
durch eine ganz aus der Lust gegriffene namentliche Abstrm 
mung arg gestprt. Mit einem böstn Anzeichen war schon der 
Tag eröffnet, als den polnischen Velleitäten nochmals andert 
halb Stunden zum Tummelplatz eingeräumt wurden. Nun 
werden die Einführungsgesetze zur Gerichtsverfassung und 
Civilprozeßordnung, mit den hochwichtigen Fragen derBeamten- 
Verantwortlichkeit und des Rechtsweges gegen Fiskus und 
Landesherr» den achten Verhandlungstag fortnehmen, und 
erst die frische Woche wird für die Strafprozeßordnung frei. 
Zur orientalischen Krisis. 
Die englische Politik ist nach dem verunglückten Versuch, 
Gladstone's Politik der öffentlichen Meinung zu treiben, 
heute mehr wie je Kabinetspolitik. 'Die „Times" dementrrt 
' t 
heute ein Londoner Gerücht über den beabsichtigten Riicktrit 
Lord Beaconsfields. Das Gehen oder Bleiben dcs Staats-, 
mannes, der am entschiedensten Aktionsvolitik treibt, bildet 
ein ausschlaggebendes Moment für den Verlauf der jetzigen 
Krisis. Ein solches Ereigniß herbeizuführen oder zu hindern, 
liegt heute im Entschluß ^vielleicht von ein halb Dutzend 
Personen. Die öffentliche Meinung in dem freiesten 
Lande der Erde, mit den entwickeltsten'Organen selbständigen 
Eingreifens versehen, steht thatlos mit gekreuzten Armen, 
zum großen Theil beschämt und an sich selbst irre, zur Seite. 
Zwei Reihen von Thatsachen treten eben in der englischen 
Politik in den Vordergrund. Mit den einen soll auf die 
Oeffentlichkeit, mit den andern auf die europäischen Höfe 
gewirkt werden. In der ersten Reihe verzeichnen wir die 
Depeschen, die im Augenblick veröffentlicht werden. Unter 
diesen tritt diejenige am meisten hervor, welche die Aeuße 
rungen des russischen Zaren referirt. Der warme Ton, in 
welchem Lord Loftus die beruhigenden Versicherungen des 
Kaisers Alexander wiedergiebt, zeigt, wie der englische Ge 
sandte bestrebt ist, seiner Regierung die Dinge im besten Lichte 
zu zeigen. Die schneidende Antwort, welche die englische Regie 
rung ertheilt, findet sich nur theilweise in der Tischrede Disraelis. 
Wir verweisen unsre Leser auf eine Korrespondenz aus London 
in der heutigen Nummer, worin das Spezialorgan Disraelis, 
der „Standard" dem russischen Monarchen seine Worte in 
bitterer Weise zurückschleudert und damit ein Element per 
sönlicher Feindschaft in die Dinge hineinträgt, das uns 
Schlimmes zu weissagen scheint. Ein solcher Ton kennzeichnet. 
Wir fürchten unwiderrufliche Entschlüffe. 
Die andre Thatsache, welche Englands Auftreten eben 
charakterisirt ist die vielbesprochene Reise Lord Salisburys. 
Ob der Lord viel Neues gehört hat in Paris, Berlin und 
jetzt in Wien mag zweifelhaft sein. Jedenfalls ist er beauf 
tragt, den leitenden europäischen Staatsmännern Englands 
Entschlüsse anzukündigen. Wir haben nicht die Präsumtion 
zu wissen, was der englische Spezialgesandte dem leitenden 
deutschen Staatsmann mittheilte; das was aus Paris als 
das letzte Wort des englischen Diplomaten berichtet wird, 
ist aber wenig beruhigend und klingt an den berühmten Spruch 
der Pythia an: Wenn Crösus über Hs» Halyö geht, so wird 
er ein großes Reich zerstören. Setzen wir statt des Halys 
den Pruth, so bewegen wir unsern der modernsten Wirklich 
keit und jedenfalls ist es das Reich des europäischen Friedens, 
das unter solchen Umständet als bedroht hingestellt wird. Auf 
drei Bürgen für die ruhige Abwickelung der Dinge werden 
wir verwiesen: die EnthA^amkeit Rußlands, das Vertrauen 
Englands und die EntsM^zkraft der Türkei. Wir fürchten, 
man wird keinen von dM^x drei als vollwichtig erkennen. 
Auf welchem Fuß ml,, die Dinge in der Türkei betreibt, 
darüber belehrt uns ein Telegramm aus London von heute 
Abend, worin uns folgen! e authentische Mittheilung wird: 
Mussuruö Pa Aha notifizirte hier eine' Depesche 
seiner Regierung, wor»? die Pforte die Hoffnung aus- 
spricht, he Mächte werden bei Berathung des Pariser 
Vertrages das Prestig/ der Pforte und die Eigenthüm- 
istration des osmanifchcn Reiches 
nd die allgemeinen Reformen des 
nführung die Lage der infurgirten 
essen werden soll, in Betracht ziehen. 
:n Derby'schen Bedingungen türki- 
lutorität nun noch' aus eignem 
lichkeiten der Admi 
sich vor Augen Haltens 
Reiches, durch deren 
Provinzen wesentlich 
Die Pforte fügt s 
ckegrität' 
jglaubli 
'nt, mit Edhem Pascht 
In der heutigen 
Theil bereits im Abendbn 
gedehnte Debatte über 
Tit. 9 a betreffend die „Rec 
Annahme des ganzen Tite^ 
den ersten Paragraphen ' 
stimmnng statt, und ergc 
Stimmen. Demnächst 1 
des Tir. 16 „Gerichts 
Mission, die Gerichts^ 
bis 15. September auszut 
an der in Preußen ublichi 
wurde nach kurzer Debatt^ 
Paragraphen. Hiermit 
hinzu. Unter diesen 
1t Uhr. (Elnführungsgesetze zum Gerichtsverfassungsgesetz, 
Civilprozeßordnung und Strafprozeßordnung) Schluß 4 Uhr. 
Zur Patentschutzfrage geht uns von betheiligter Seite 
nachstehendes Schreiben zu: 
„In Nr. 547 Ihrer Zeitung vom 23. d. M. ist die Be 
merkung enthalten, es werde nicht besorgt, daß „von Seiten 
Preußens auch jetzt noch einem den Anforderungen der Zeit 
entsprechenden Reichspatentgesetze Schwierigkeiten sollten be 
reitet werden." Diese Bemerkung ist gewiß als richtig an 
zuerkennen. Wenn mit derselben aber etwa hat angedeutet 
werden sollen, daß die preußische Regierung der Re 
form der Patentgesetzgebung gegenüber sich bisher ab 
lehnend verhallen habe, so würde eine solche Annahme in 
keiner Weise zutreffen. Bereits im Mai 1875 ist 
Seitens des preußischen Handelsministeriums unter gleich 
zeitiger Mittheilung eines vollständig ausgearbeiteten Frage 
bogens die baldige Veranstaltung einer bezüglichen Enqußte 
lebhaft befürwortet worden. In Folge dessen hat der Bun 
desrats) im Juni v. I. beschlossen, die preußischen Anträge 
dem betreffenden Ausschüsse zur Berichterstattung zu über 
weisen und auf Grund dieser Anträge ist die Sache weiter 
gefördert worden. Danach hat grade die preußische Regie 
rung die Initiative Behufs der Reform der Patentgesetz 
gebung ergriffen, und die Annahme würde entschieden irrig 
sein, daß diese Regierung der Erledigung ihrer eigenen An 
träge hinderlich sein werde." 
seiner Abretse wen 
Paul Veronese die ungeheuren Schleppen seiner Göttinnen 
und Heiligen, die mit' den Wolken rivalisiren, über die sie 
zuweilen ausgebreitet stnd oder sich hinziehen. 
Bis zum Halse, über die Brust hinan, zuletzt freilich nur 
mit einem durchsichtigen zart gefältelten Hemdstreifen, ist 
unsere Gestalt bekleidet. Sie soll es sein. Die Schultern 
verdeckt, die Arme in weitaufgebauschten Aermeln steckend. 
Den linken Arm legt sie über ein umfangreiches goldnes 
Gefäß, welches auf dem Sarkophage neben ihr steht; sie stützt 
sich mit der Achsel darüber hin, als steckten alle Herrlichkeiten 
der Welt darin und gälte cs, sie sicher festzuhalten. Die 
ändere Hand liegt über ihren Schooß, mit den Fingern einen 
Griff voll Blumen bedeckend. Das Kleid wird unter der 
Brust von einem breiten Gürtel mit goldenem Schlosse 
zusammengehalten, das gelöste, wellige blonde Haar, voller 
noch als drüben, fällt ihr auf die Schultern, stößt da 
sanft auf und wendtt sich dann erst dem Nacken zu, während 
auf der rechten Schulter ein paar lose Strähnen davon vorn 
auf die Brust herabgefallen sind. Sie trägt einen Kranz im 
Haare. Hinter ihr, weit ab im Grase, sitzen ein paar Ka 
ninchen. die Sinnbilder irdischen Familiensegens. 
Wie zwei Schwestern erscheinen beide schöne Gestalten. 
Für sich betrachtet, hat die so ganz von weltlicher Kleidung 
verhüllte nichts, was trotzdem ihre Formen zu voll erscheinen 
ließe. Wie drüben auch hier die reinste Jugendblüthe einer 
Frau. Dennoch, sobald wir mit den Blicken von der Einen 
zur Andern wechseln, empfängt die bekleidete einen Zusatz 
von Schwere, von Festigkeit.' Sie sitzt so sicher an ihrer 
Stelle wie ein schöner Palast auf dem Grund 
und Boden steht, den er einnimmt, während lene 
„Himmlische" an Schwere zu verlieren scheint, wie 
ein Vogel, der sich aufschwingen könnte. Indem diese 
sich zu ihrer irdischen Genossin hinüberncigt, scheint sie mit 
den Augen ihrer Rede einen letzten, stillwirkenden Accent 
geben zu wollen. Die andere aber waffnet sich gegen diesen 
Angriff. Sie sieht stracks vor sich hin, uns gerade in die 
Augen, als wolle sie sich hüten dem gefährlichen Blicke ihrer 
Genossin zu begegnen, dessen Macht sie wohl empfindet 
Hier liegt das Dramatische der Komposition. Wir fragen 
was wird geschehen? Wird die „Irdische" dem Strome der Ueber 
redung Stand halten, der von der andern Seite leise, aber 
mächtig herüberfiießend, sie mehr und mehr umgiebt und 
endlich' überwältigen könnte? 
Während sie so zweifelhaft dasitzt und die andere das 
Auge fest auf sie gerichtet hält, tritt nun aber zwischen beiden 
Gestalten ein neues Element ein, das der Komposition einen rei- 
zendenZuwachs an Leben und Lebendigkeit verleiht. Wir erblicken 
auf dem Gemälde den Sarkophag und die Frauen in einer sie 
reich umgebenden Landschaft. Bäume und Fernsichten bilden den 
Hintergrund und Gebüsch drängt sich dicht daran. Es ist als 
tände dieser BrnnnensarkoMag an einer Stelle, wo ein kühler, 
schattiger Wald licht zu we^W beginnt. Aus dem dunkeln 
Hintergründe nun, zwischen beiden Figuren, sehen wir einen 
kleinen Amor, der von der anderen Seite her am Marmor 
emporgeklettert ist, sich weit über den breiten Rand über 
legend mit den Armen im Gewässer herumspieltcn. Was 
er bedeuten soll, ist klar. Die letzte marmorne Hülle des 
Todten ist zum Behälter des lebendigsten Elementes gemacht 
worden und dieses Lebendigste wird nun vom Allerlebendig- 
flen' “ 
in 
.)8tagssitzung, über deren ersten 
te berichtet ist, endigte die sehr auö- 
von der Kommission eingeschalteten 
isanwaltschast" mit der unveränderten 
I. Die prinzipielle Entscheidung ub.r 
| Titels fand durch namentliche Ab 
eine Mehrheit von 163 gegen 128 
: der Reichstag in die Berathung 
tu" ein. Der Antrag der Kom 
in auf die Zeit vom 15. Juli 
inen, während die Regierungsvorlage 
I sechswöchentlichen Ferienzeit festhielt, 
rngenommen, ebenso die nächsten drei 
tagt sich das Haus bis Sonnabend 
Zu § 55 der Strafprozeßordnung, die Eidesformel für^ 
den Zeugeneid betreffend, ist von dem Abg. Dr. Mar-' 
quardsen nachstehender Zusatz beantragt worden: „Erklärt ein 
Zeuge, der einer solchen Religionsge'sellschast nicht angehört, 
daß ihm seine religiöse Ueberzeugung die Ableistung eines 
Eides verbietet, so tritt auch in diesem Falle an die Stelle 
des Eides eine feierliche Versichern»». Auf die Verletzung 
derselben finden he §§ 154,155,157,158,159.160,161 und 163 
des Strafgesetzbuchs entsprechende Anwendung." — Die Frage 
der Eidesnorm ist bereits bei der Berathung des Gerichts- 
verfaffungsgesetzes zur Sprache gekommen; der Abg. Herz 
hatte einen Antrag, zur Civilprozeßordnung, welcher die Hin- 
weglassung jeder konfessionellen Bekräftigungsformel bezweckte, 
zurückgezogen, um die Lnbloe-Annahm'e dieses Gesetzes nicht 
zu hindern. Als der gleiche Antrag gelegentlich der Ver 
eidigung der Schöffen wieder erschien, lehnte der Reichstag 
denselben ab und die Debatte ließ darüber keinen Zweifel, 
daß eine Mehrheit im Reichstage für die prinzipielle Besei 
tigung des konfessionellen Eides üserhaupt nicht zu gewinnen 
sein würde. Die große Mehrheit des deutschen Volkes wäre 
auch in der That'nicht im Stande, eine solche mit den ge 
wohnten Anschauungen brechende Neuerung zu verstehen, 'es 
müßte deshalb die im Volksvewußtsein wurzelnde Vorstellunng 
von der Heiligkeit des Eides in bedenklicher Weise leiden. 
Dagegen findet die Forderung in weiten Kreisen Unter 
stützung, daß der Wiederholung von Fällen wie der Hoffe- 
richter'sche u. A. vorgebeugt werde. Wem der Gebrauch der 
konfessionellen Bekräftigungsformel gegen Gewissen und 
Ueberzeugung geht, dem mit harten Strafen an Ver 
mögen und Freiheit nur deshalb zu Leibe au gehen, 
wert er sich einem ihm zugemuthete>: Gewissenszwang 
nicht fügen mag, das verstößt gegen unsere Auffassung der 
staatsbürgerlichen Rechte des Individuums in dem modernen 
Staate, der als solcher konfessionslos ist. DMavorliMmde 
die Ableistung eines Eides 
vecbteür,^.. derselben zu befreien und anstattdesselbeneinefeier 
liche Versicherung abzugeben, wie sie den Mennoniten gegenüber 
zugelassen ist. Nach der in Preußen bestehenden Gesetzgebung 
dar§ der Richter Abweichungen von der allgemein vorge 
schriebenen Eidesformel nicht zulassen, außer wenn Jemand 
glaubhaft nachweist, daß er einer Religionsgesellschaft angehört, 
welcher eine solche Konzession durch besonderes Gesetz einge 
räumt ist. Da andrerseits die Erzwingbarkeit eines Zengen 
eides oder einer alle Wirkungen dcs Eides einschließenden 
feierlichen Versicherung, ohne unser ganzes gerichtliches 
Beweisverfahren in Frage zu stellen, nicht aufgegeben 
werden kann, so bleibt der Richter, wenn eine Lösung 
des Konflikts nicht stattfindet, in der Zwangslage, 
ain Bewegunggebracht. Und jetzt unsere Irdische Liebe! Ganz 
Verwirrung bereits durch die Ueberredung ihrer himmlischen 
Schwester, trifft ihr Ohr das leise Geräusch, das Amors 
kindisches Wühlen im Wasser hervorbringt. Mitten im Nach 
denken über das, was ihre Genossin ihr zugeflüstert hat, scheint 
ie zugleich auf Amors Plätschern zu hören, und wir stnd 
überzeugt, daß cs für ihre Entschlüsse den Ausschlag geben 
wird. Damit sei der Versuch geschlossen, zu deuten, was wir 
auf Tizian's Gemälde vor Augen haben. Auch über Weber'ö 
Stich wäre nichts mehr zu sagen. Aber der Gegenstand lockt 
zu einigen weiteren Betrachtungen. . 
Noch ein zweiter großer Meister hat Liesen Wtdcrstrert 
geistlicher und irdischer Regungen im Herzen einer Frau be 
handelt. Seiner Natur nach anders als Tizian: tiefer, ernst 
hafter: Lionardo da Vinci. Leider ist das Original seines 
Gemäldes nirgends mehr nachzuweisen. Unter der allgemeinen, 
nichtssagenden Bezeichnung Uodestiaet Vanitas findet sich eine 
Kopie des Werkes in der Galerie des Palastes Sciarra zu Rom. 
Einfacher, dramatisch spannender noch als Tizian gethan, 
faßt Lionardo die Scene, tragischer, könnte man sagen. 
Seine Komposition erscheint wie eine Illustration Dantz'scher 
Terzinen, während die Tizian's sich auf ein Dutzend liebens 
würdiger Stanzen des Ariost zn beziehen scheint. Während 
die Himmlische Liebe bei Tizian nicht allein auf ein blos 
geistiges Dasein über dem irdischen, sondern auf ein Reich 
über'den Gewölken hinweist, wo, wie ihr eigener Anblick still 
schweigend zu verstehen {jiebt, ber Schönheit ihr Recht 
widerfahre, (gänzlich im heidnischen Sinne dcs 16. Jahr 
hunderts, dem die Heiligen beinahe wie antike Gottheiten und 
Gottvater selber als der Donner erschienen) ist bei Lionardo 
die Himmlische Liebe eine nonnenhast verhüllte Gestalt, dre 
nicht gleich in" die Gewölke, sondern vorerst ins Kloster locken 
will. Nur ihr schönes Antlitz ist frei und ihre Hände sind sicht 
bar. Sie sucht, fast im Profil darflehend, mit ihren Blicken, 
die Augen der anderen Gestalt, dicht vor ihr stehend, so daß 
sie sie berühren kann. Wie bei Tizian wendet auch hier die 
Irdische Liebe ihre Augen fast bittend dem Betrachtenden 
zu» als solle er guten Rath ertheilen. ' Unschlüssig 
kett und Widerstreit ! der Gefühle sind aber nicht 
blos in ihren Zügen zu lescü, sondern deutlicher, dringender, 
tragischer ist ihre'Lage als die jener andern bei Tizian. 
Zwei halbe Gestalten, von engem Rahmen um 
schlossen, haben wir auf Liouardo's Tafel vor uns. 
Links steht die Ueberredende. Das Gesicht ganz indivi 
duell gehalten, als sei es ein Portrait: milde, sanft, leidend 
beinahe im Ausdrucke, aber von großer Schönheit. Nur die 
Züge anders als wir sie bei Lionardo in fast typischer Wieder 
kehr gewöhnt sind. Die andere Gestalt dagegen entsptE 
den sö bekannten lionardesken Formen in vollem Maße. Dte 
Himmlische hat ihr die linke Hand auf den Arm gelegt, als 
solle der sanfte Druck die Geste der rechten Hand verstärken, 
die sie mit winkendem Finger erhoben ihr entgegenhält. 
In diesen Handbewegungen liegt ungemein viel enthalten, 
mehr aber noch beinahein denen der Irdischen Liebe. Sie ist reich 
geschmückt. Um das en face uns leise entgegengebeugte Haupt 
ist eine Flechte gelegt und ein zarter goldner Kranz, fast nur 
ein Reif mit einzelnen Rosetten daran. In der Hand, auf 
deren Arm die Hand ihrer Genossin gelegt ist, hält sie ein 
paar feine weiße Blumen, als wollten sie ihr eben aus den 
Fingern fallen und sollte damit gesagt sein, daß sie sich als 
überwunden gebe. Die andere, rechte, Hand aber ist fast das 
Sprechendste'auf dem Gemälde. Sie hält sie vor die Brust; 
aber nicht darauf gelegt, sondern die Finger sind offen und 
scheinen sich jeder für sich hin und her zu bewegen und das 
Schwanken der Seele auszudrücken. Es ist, als ob sie irgend 
wie einen Halt mit diesen suchenden, Fingern ertasten 
möchte. Man meint zu fühlen, wie alle Herrlich 
keiten des Himmels und der Erde vor ihrer Sttrn 
und den zutrauensvollen Blicken vorüberschweben 
und wir fürchten mehr als auf dem anderen Gemälde, die 
ersteren könnten den Sieg davontragen und die herrliche Ge 
stalt der Welt verloren gehen. Während aus Tizian's Kom 
position uns ein freudiges, heiteres Element anlächelte,, ein 
Triumph des unschuldigen Entzückens am irdischen Dasein, 
wirkt Liouardo's Auffassung fast beängstigend, als solle die 
Ascetik und Entsagung die stärkere Kraft sein. 
Wäre Liouardo's Original erhalten, so würden wtr tn 
diesem Werke vielleicht sein bestes Staffeleibild vor uns 
haben, denn was die Komposition anlangt, übertrifft es alle 
seine übrigen. Es ist mit solcher Vollendung durchgeführt, 
daß ich es in seine letzten Zeiten setze. Für Lionardo war 
damals die Freude am Leben schon geknickt, es ent 
sprach seiner Gemüthsart, im Gemälde Scenen darzu 
stellen, welche das zur Anschauung brächten. Tizian's Arbeit 
dagegen scheint in die Zeiten seiner Jugend zu gehören,, als 
er noch unter dem Einflüsse Giorgione'S stand. Von Gtorgtone 
i waren diese sich breithinziehenden Landschaften aufgebracht 
worden, in denen idyllische Scenen sich abspielten. Tizian s 
verfahren, tote gegen Hofferichter verfahren wurde. Mußte 
man damals anerkennen, daß das so großes Aufsehen und 
einen so äußerst peinlichen Eindruck erregende Verfahren 
formell gesetzlich gerechtfertigt war, so war 'man andrerseits 
auch der Meinung, daß es eine Aufgabe der Reichsjustiz 
gesetzgebung fei, die Wiederholung ähnlicher Vorkommnisse Un 
möglich zumachen. DerMarquardfen'scheAntrag,''dessenweitere 
Konsequenzen für das Gerichtsverfassungsgesetz und die Civil- 
prozeßordnung zu ziehen, der Antragsteller sich vorbehalten 
hat, sucht dieser Aufgabe gerecht zu werden. Ob der 
gewollte Zweck mit einer engern Begrenzung der Ausnahmen, 
welche der Antrag uneingeschränkt in das Belieben des 
Zeugen stellt, erfüllt werden kann, lassen wir dahingestellt. 
Uebelstände werden durch die Abschaffung dcs Zwanges zur 
Ableistung eines konfessionellen Eides nicht entstehen; wir 
find überzeugt, daß sich Weigerungen gegen Ableistung eines 
solchen auch tn Zukunft nur auf Ausnahmefälle beschränken 
-werden. 
Gegenüber der neuerdings in öffentlichen Blättern auf 
gestellten Behanptung, daß der gesammte preußische 
Episkopat gegen das Gesetz über die Aufsichtsrechte des 
Staats bei der Vermögensverwaltung in den katholischen 
Diözesen vom 7. Juni d. I. bei der königlichen Staatsregie 
rung Protest erhoben habe und daß sich tiefem Proteste auch 
die aus ihrem Amte entlassenen früheren Bischöfe, sowie die 
sämmtlichen Domkapitel angeschlossen hätten, weist der 
„Reichsayzeiger" darauf hin, daß Seitens eines 
Domkapitels der königlichen Staatsregierung ein der 
artiger Protest überhaupt nicht zugegangen ist. Ächt von den 
Bischöfen rc. der preußischen Monarchie und von den aus 
dem Amte . entlassenen ehemaligen Bischöfen rc. haben 
Schreiben an die königliche Staatsregierung gerichtet. „Daß 
diese Schreiben," heißt es weiter, „in denen gegen ein ver 
fassungsmäßig zu Stande gekommenes und gehörig publizirtes 
Stratsgesetz Verwahrung eingelegt wird, nicht anders behan 
delt werden konnten, als daß sie lediglich zn den Akten ge 
nommen wurden versteht sich von selbst. Immerhin aber ist 
es nicht ohne Interesse, die Verschiedenartigkeit der Behand 
lung zu beobachten, welche die einzelnen Protesterheber der 
Sache haben angedeihen lassen." Aus den im„R.-A." mitgetheilten 
Schriftstücken ergiebt sich, daß die Bischöfe von Limöurg, von 
Ermland, von Köln und von Hildesheim unter Verwahrung 
gegen die einseitige Beschränkung der Rechte der Kirche in 
mehr oder weniger entgegenkommender Form ihre Mitwir 
kung bei her Vollziehung des Gesetzes zusagen, zur Vermei- 
dung größerer für den Weigerungsfall angedrohten Schä 
digungen der ihnen anvertrauten kirchlichen Fonds. Dex 
Bisthumsverweser von Fulda beschränkt sich auf einen kurzen 
Protest und die ehemalichen Bischöfe von Paderborn, Münster 
And der ehemalige Erzbischof von Gnesen und Posen erklären, 
auch wenn sie in der Lage wären, ihre bischöflichen Aemter frei 
zu verwalten, zur Ausführung des Gesetzes nicht mitwirken 
M können. Daß der Protest des Kardinals Ledochowski nach 
Form und Inhalt sich durch Schärfe vor den übrigen aus 
zeichnet, darf nicht überraschen. Man ersieht daraus, daß 
die Bischöfe im Amte doch, natürlich nicht ohne Billigung 
Seitens dcr Kurie, einen Weg gefunden haben, der ihnen die 
Vermeidung eines für die Vermögensrechte der Küche ge 
fährlichen Konflikts ermöglicht, daß man also, wo materielle 
Interessen in Frage kommen, beflissen ist, den Kulturkampf 
durch einen erträgliche^ modus vivendi beizulegen 
-vesterreichifch-Urrgarische Monarchie. 
^ Wien, 23. November. Die für gestern anberaumte 
Versammlung der verfassungstreuen Abgeordneten 
zur Berathung über die Ausglei'chsfrage hat stattgefunden; 
179 Deputirte nahmen an derselben Theil. Die Debatte 
drehte sich fast ausschließlich um das neue Bankstatut, 
welches mit eintnüthiger Entrüstung als unannehmbar zurück 
gewiesen wurde. Schließlich einigte sich die Versammlung 
in dem Beschlusse, demnächst eine zweite Konferenz abzuhal 
ten, zu derselben die Minister einzuladen und von denselben 
Aufklärungen über die Details zu verlangen, die Freiherr 
von Pretis vorgestern in seinem Expose verschwiegen hat. 
Aus der Debatte ist Folgendes hervorzuheben: Dr. Menger 
sprach von „ernstesten Besorgnissen", zu denen die Deröffentlichun- 
Gemälde dieser Art wirken episch, oder wie man heute sagen 
würde: wie Romankapitel, auch sagt er, wenn er sie nennt 
„una poesia‘ k im Gegensatze zu „nun opera divota“. Die 
römische florentinische Schule hielt am Dramatischen fest und 
Lionardo selber würde sein Werk gewiß als Opera divota 
bezeichnet haben. 
Und so stnd diese beiden Werke in dem was ihnen ge 
meinsam ist wie in der Verschiedenheit der Auffassung, Doku- 
mente für die Denkungsart der Meister, von denen sie ge 
schaffen sind. 
Noch eine Bemerkung, welche weniger den Stecher dieses 
Werkes als die Kupferftichknnst iin Allgemeinen betrifft. 
Die Platte von Weber's Bella Visconti wurde von einer 
Berliner Kunsthandlung angekauft, welche damit gewiß kein 
schlechtes Geschäft gemacht hat. Trotzdem sind Weber's spätere 
Sachen, so auch die vorliegende, in Wien herausgekommen. 
-Warum geschieht dort, wie in Paris Und wie in Italien, soviel für die 
-Kupferstichknnst, während man sich bei uns auf einige Unter 
stützungen beschränkt, weichegelegentlich abfallen? Wir haben all 
jährlich über bedeutende Staatsgelder zu Kunstzwecken zu ver 
fügen. Ohne Zweifel muß die Kupferstichkunst in Zukunft 
besser bedacht und statt der Unterstützungen müssen Bestel 
lungen gegeben werden. Längst hätte einem Manne wie 
Weber, anderer hier nicht zu gedenken, der Auftrag zukommen 
müssen, von den Gemälden unserer öffentlichen Sammlungen, 
von denen viele dafür geeignet sind, eines zu stechen. Denn 
darüber kann kein Zweifel sein, daß wtr in einer, sagen und 
hoffen wir, Uebergangsperiode stehen, wo ohne energische Un 
terstützung von Seiten des Staates gerade die Küpferstich- 
knnst Gefahr läuft, zu den sich verlierenden zu gehören. 
Berlin, November 1876. Herman Grimm. 
Shakespeare-Vorträge von NirdiUph Gense. , 
Im großen Saale des Hotel de Rome eröffnete am Mitt 
woch, den 22. November, Rudolph Genee einen auf drei 
Abende berechneten Cyclus von Shakespeare-Vorlesungen mit 
dem Vortrage der Hauptscenen aus „Julius Cäsar". Das 
S ahlretch versammelte Publikunt war auch diesmal von der- 
elben wohlwollenden Theilnahme erfüllt, deren sich Genüe 
et feinem früheren Auftreten als Interpret klassischer Dich 
tungen zu erfreuen hatte, und bewies damit, daß das Interesse 
an dramatischen Vorlesungen ein fortdauernd reges geblieben 
ist. In der That vermag die Kunst, welche das Ohr zu dem 
alleinigen Vermittler der dichterischen Offenbarungen macht, 
einen durchaus eigenartigen Genuß zu gewähren. Indem 
der Vorleser auf den verwickelten Apparat der Bühne Ver 
zicht leistet, gewinnt seine Wiedergabe poetischer Meisterwerke 
den Vorgang der Regierung in Äser Frage für „keinen 
ehrlichen". Dr. Kopp nannte die Mittheilungen der Regierung 
„unheilverkündend"; Dr. Ruß charakterisirt die Politik der Re 
gierung. „zu der man kein Vertrauen mehr haben könne, als 
eine unsittliche"; Dcemba „hat als Ältökerreicher ein G fühl 
der Scham, wenn er sieht, daß ein österreichischer Finanz- 
minister seinen Namen unter das Monstrum eines solchen 
Bankstatuts gesetzt hat." Abg. Haase „könnte, an dem öster 
reichischen Bewußtsein einer österreichischen Regierung zwei' 
feln", wenn er diese Abmachungen prüfe. Äbg. Heilsberg 
meint, die Regierung werde das' Bankstatut, dieses „aufge 
putzte Opferlamm" preisgeben, um in den anderen Ausgleichs 
fragen die Verfaffungspartei zu gewinnen. Schließlich er 
klärte Skene, nun wären Alle einia. Unter dieser Stimmung 
schloß he gestrige Versammlung. Man ist gespannt daraus, 
was die Minister in der nächsten Versammlung vorbringen 
werden, um die Verfassungspartei zu beschwichtigen. 
GroWritaKnieR. 
T. London, 22. November. Auffälligerweise hat von 
allen heutigen Blättern die „Times" allein nur einen kurzen 
Auszug aus der hochwichtigen Depesche gegeben, die den Be 
richt über die Audienz des Lord Löstus beim Zaren 
enthält. Man sollte fast annehmen, die „Times", die neuer 
dings in ihrer Haltung wieder stark schwankt, fürchte, es 
würde aus dem Betonen dieser beschwichtigenden Erklärung 
des russischer.'. Kaisers eher eine neue Beunruhigung der öffent 
lichen Meinung Englands entstehen. Dies ist in der That, 
so weit man bis jetzt sehen kann, der Eindruck, den die auf 
den besonderen Wunsch des Zaren veröffentlichte Depesche 
hervorgebracht hat. 
Die heftigste Kritik, und das ist bedentsam, übt an den 
Erklärungen des Kaisers Alexander das ministerielle Organ, 
der „StandardEs gab eine Zeit während dieser osten* 
talischen Verwickelung, und sie ist noch nicht so lange ver- 
r " m im Leitartikel mit großer 
hi's und meist nur 
Tadel ausdrücken 
wollte. Jetzt dagegen geht es so schneidig wie nur möglich 
zu Werke. Rund heraus erklärt es: diese scheinbar auf 
Beruhigung angelegten Versicherungen hätten das Mißtrauen 
nur gesteigert; der russische Kaiser sei in den Fehler verfallen, 
der „seinem Vater so verderblich wurde". Er habe sich durch 
die Sprache der englischen Opposition verleiten lassen und 
wandle nun aus demselben Irrwege. 
Die Angaben des Zaren wer»n vom „Standard" ein 
fach als „kleinlich ausgedachte ZweMltigkeiten", ja als „ab 
solute Verdrehungen" hingestellt, yM sie sich dcr leidenschaft 
lichste Gegner des autokratischen iRegierungssystems nicht 
besser zur Rechtfertigung feiner ÄnsiLt wünschen könne. Dann 
kömmt der Satz: „Wir glauben Rn des Kaisers Wort 
so wenig wie wir es vor JahtDn thaten. Wir wollen 
ihm nicht die Ungerechtigkeit antMn, ihm eine Ehrlichkeit 
zuzuschreiben, die seine ganze Laufbahn nicht bezeichnet hat." 
Hier hält das ministerielle Organ! dem Zaren die feierliche 
Zusicherung entgegen, die er der cA glischen Regierung durch 
den Grafen Schuwaloff wegen Ks 
zwar in seinem eigenen kaiserlicheii 
heißt es weiter, „im Angesicht sol 
absolute Monarch auch nur die 
zu halten." 
, Die Aeußerung des russisch 
er seinen Offizieren die Erlaubt 
gehen, nur kaltes Wasser aus d' 
gießen wollen, giebt dem „Standm 
laß: ob man auch Feuer durch Di 
blendung, die hiesige öffentliche 
stellungen beruhigen zu wollen. 
England sich bewußt. Alles verß 
vermeiden. Hier bricht der Artike 
— nämlich als ministerielles ÖRan —, wenn man eine 
Macht der äußersten FeindseligkevMn Verdachte hat und den 
Fehdehandschuh aufzunehmen goZ 
Das ist auch, glaube ich, hT 
vergeblich, sich darüber einer fej 
englische Regierung ist gewiß w 
wünschen. Sie bestrebt sich nc^. 
a's ertheilt hatte, und 
f aen. „Wir bezweifeln", 
Thatsachen, daß dieser 
dt, sein eigenes Wort 
% 
.flrs. e^DM'indckn 
. h, nach Serbien 'zu 
ewegnng in Rußland 
zu der Bemerkung An- 
^ösche? Es sei eine Ver 
neinung mit derlei Dar- 
'omme der Krieg, so fei 
t zu haben, um ihn zu 
ab. So spricht man nur 
tzreii ist 
rkliche Lage und es wäre 
'chung hinzugeben. Die 
entfernt, den Krieg zu 
rüsten, innerhalb ihrer 
den Charakter einer eigenthümlWn Idealität. Das Wort 
wird znm Alleinherrscher in der Welt des Dichters gemacht 
und vermag in dieser Souverainität ungleich mächtiger als 
von der Buhne herab zu wirken, die ihre Erfolge dem In 
einandergreifen verschiedener Elemente verdankt. Rötscher's 
Theorie und Tieck's praktische Ausführungen haben 
der dramatischen Vorlesung das ästhetische Bürgerrecht er 
obert, zugleich aber auch die Grenzen festgesetzt, welche diese 
Kunst nicht überschreiten sollte. Wenigstens scheinen uns 
die freien Recitationen, mit denen sich Türschmann 
eines so großen Beifalls zu erfreuen hatte, kein ersprießlicher 
Fortschritt, sondern im günstigsten Falle nur ein virtuos 
durchgeführtes Experiment zu sein. Indem Genee in die 
Fußtapfen Tiecks, sowie seines berufensten Nachfolger Holtei 
tritt, bekennt er sich zu jener Wahrheit und Natürlichkeit, 
welcher man auf diesem Gebiete nicht genug das Wort reden 
kann. Frei von jedem falschen Ehrgeize, sucht Geuse immer 
neue Anhänger für das Evangelium der Schönheit zu ge 
winnen, und wie seine literarhistorischen Schriften keine neuen 
Entdeckungen über den Britendichter verheißen, sondern daö 
Bild desselben in großen Zügen entwerfen, so wollen auch 
seine Vorträge nickt mit der Kunst der Bühne wetteifern, 
sondern ein liebevolles Verständniß des Dichters in den 
weitesten Kreisen verbreiten. 
Die erste Vorlesung bot mit „Julius Cäsar" eine der 
reifsten Gaben Shakespeares, dessen Genius hier im vollen 
Bewußtsein der Kraft seine besten Schätze austheilt. Doch 
nicht allein der Stempel der Meisterschaft, welcher diesem 
Stücke ausgedrückt ist, sondern auch das Verhältniß, in wel 
chem es zu der Leistungsfähigkeit des männlichen Stimm- 
organs steht, läßt die Wahl desselben als eine glückliche er 
scheinen. Fast gänzlich ist der Vorleser seines größten 
Kummers, der in der Wiedergabe der weiblichen Figuren 
liegt, enthoben, während andrerseits die gewaltigen rhetorischen 
Stellen die willkommenste Gelegenheit zur Entfaltung dekla 
matorischer Fertigkeiten bieten. Fast durchweg stand Genee 
auf der Höhe seiner schwierigen Aufgabe. Das erste Auf 
treten Cäsars beim Lupercalienfefte gelang vorzüglich und auch 
die ferneren zum Zweck der Exposition ausgewählten Scenen 
wurden in charakteristischer Weise wiedergegeben. Fast ohne 
Kürzung vernahmen wir den dritten Akt mit der Ermordung 
Cäsars auf dem Capitol und den Rechtfertigungsreden der 
Verschworenen auf dem Forum. Von eigenthümlicher Vir 
tuosität ist Geuse, sobald er verschiedene Volksstimmen durch 
einandersprechen läßt, obwohl en gerade hier hart an der 
Grenze feiner Kunst stehen und vor^ einer allzugrellen Farben 
gebung nicht freigesprochen werden durfte. Die Scene auf 
dem Forum fand den Vorleser mijt deklamatorischer Meister 
flu- v-ii/uuvn. vmv-i/ VIL L'viU 
Salisbury mitgegebenen Instruktionen beweisen dies. Ader 
jeder Schritt, den Rußland in der Richtung einer „zcitweisen 
Besetzung" türkischen Gebietes versuchen wollte, wird auf den 
gewaffneten Widerstand Englands stoßen. 
Auch die „Daily News" gesteht, es herrsche in 
Engläud „ein weitverbreitetes Mißtrauen irr die- Absichten 
des Zaren." Mit dieser Depesche, auf deren Veröffentlichung 
Kaiser Alexander selbst drang, ist dem Misstrauen nur neue 
Nahrung gegeben, da der Zar die ihm zugeschriebenen weit 
gehenden Pläne blos ablehnt, um dadurch fein Anrecht auf 
zeitweise Besetzung türkischer Provinzen zu statuiren und er 
dabei des Drei-Kaiserbünbniffes nicht einmal mehr erwähnt, 
vielmehr einseitiges Vorgehen unter gewissen Umständen in 
Aussicht stellt. Diese Auffassung wird'in einigen Taqen all 
gemein durchgreifen. Auch diejenigen, die es nicht öffentlich 
zeigen, werden von ihr innerlich bewegt sein. Man thut in 
England manchmal, als glaube man einer Zusicherung; cs 
sind sogar die Engländer, wenn sie es für nützlich halten, 
Meister in der äußerlich scheinbar naiven Aufnahme solcher 
nicht geglaubten Zusicherungen. Der „Standard" hat die 
Anwendung dieser Kunst diesmal für nutzlos oder sogar 
schädlich erachtet; und sollten Andere das Gegentheil thun, 
so ziehe man in Rußland daraus doch ja nicht einen falschen 
Schluß. 
Griechenland. 
A Athen, 12. November. Am Dienstag Nachmittag 
— 7. November — ist der König Georg mit seiner gesammten 
Familie nach sechsmonatlicher Abwesenheit in seine Haupt 
stadt zurückgekehrt. Kaum jemals haben die Bewohner von 
Athen und dem Piräus einen ähnlichen Tag gesehen: der 
Enthusiasmus und die Freud? des gcsammten'Äolkes waren 
unbeschreiblich. Schon in Kotinth und Kalamak! von dem 
Ministerpräsidenten und dem Marineminister, von Behörden 
und dem zusainmengeströmten Volke' aufs Herzlichste begrüßt, 
gestaltete sich der Empfang der königlichen Familie imPiräus 
und in Athen geradezu zu einem' Freudentaumel und zu 
einem Ausbruch des Volksenthustasmus, wie wir ihn kaum bei 
der ersten Ankunft des Königs in Griechenland erlebt haben. 
Der ganze Piräus, ganz Athen waren auf den Beinen. 
Und was uns ganz besonders erfreut: das gesammte Volsk 
war es, welches fernem heimkehrenden Könige diesen freudig 
erhebenden Empfang bereitete. Da war nichts Gemachtes, 
nichts Besteütes^zu merken. Das Herz des Volkes sprach 
sich klar und deutlich in dieser Huldigung aus. Wir lassen 
die Anreden der Behörden und Vereine, wir Mergehen 
die Antworten des Königs — aus den Augen des .Volkes 
sprach die begeisterte Freude, den König wieder in seiner 
Mitte zu sehen; aus den Augen dcs Königs freudige Be 
geisterung, sich wieder in der Mitte seines Polkes zu wissen. 
Der Festjubel verrauscht, die Festtage stnd vorüber — die in 
diesen Tagen offenbar gewordene Einigkeit und Liebe zwischen 
Fürst und Volk aber giebt uns, den Freunden des griechischen 
Volkes, eine starke Bürgschaft, daß König und Volk auch in 
den schwierigen Zeiten, die Griechenland bevorstehen, ein 
heitlich zusammenstehen, gemeinsam arbeiten und kämpfen 
werden. Nur dann wird Griechenland siegen und die ge 
waltigen Schwierigkeiten überwindey, welche die gegenwärtige 
Lage des Orients der freien Entfaltung der WM des ge 
sammten Griechenlandentgegensteltt> . - 
Die politische Debatte'über die Rüstun'gSvörschläge dcs 
Ministerii hat in hp Kammer ihren Anfang gdhominen. 
Die Häupter)der Opposition Deligeorgis und -Trik^p^-habeu 
in stundenlangen Reden ihren Herzen Luft gemacht, seknndirt 
von mehreen Männern zweiter Ordnung, und das Ministerium 
ob seiner Politik in Vergangenheit und Gegenwart scharf 
angegriffen. , Allein das Mimsterium hat einen trefflichen 
begründet nicht sind, dasMinisteriu m siegreich aus der Debatte her 
vorgehen und ein Vertrauensvotum Seitens der Volksver 
tretung erhalten wird. Dann aber wird es Sache des Mi 
nisterii sein, zu zeigen, daß ,es ihm heiliger Ernst mit seinen 
Vorlagen über Anleihen und Kriegseorbereitnngen des Volkes 
gewesen ist — es wird mit Energie und Ausdauer zu mrbei- 
Fortsevung im ersten'Beiblatt. 
Tragödie, so auch bei dem Vortrage, einen tiefergreifenden 
Höhepunkt. Den übrigen Theil der Dichtung faßte Genöe 
kurz zusammen und verweilte nur bei einzelnen charakteristischen 
Stellen, wie dem Streite der beiden Feldherren Cassius und 
Brutus, sowiö dem Tode des letzteren. Die m den Vortrag 
zahlreich eingestreuten ästhetischen Bemerkungen waren von 
überzeugender Richtigkeit und mußten, da sie dem Dichter 
keine fremdartigen Gedanken unterlegten, sondern ihn für sich 
selbst reden ließen, das beste Zutrauen zu der Führerschaft 
des Vorlesers erwecken, welcher von dem Auditorium wieder 
holt durch Beifall ausgezeichnet wurde. 
Eugen Zabel. 
Königliche Schauspiele. ' ; 
Mittwoch, den 23. November wurde das seit vielen 
Jahren bekannte französische Lustspiel in zwei Akten „Der 
<31 t rft 0 J t & lt^ tn Söv rtz-tvAstt-fnv*,* türm Cs i O. it a 
schuft gerüstet, und des Antonius 
geblieben, hätte es ihr auch jetzt erspart bleiben sollen. „$ 
kleine Richelieu" ist eine Hosenrolle für junge, munt 
'*'“**'* esn gilt einen föiilr* 
Der 
... .. ^ muntere, 
schlanke Schauspielerinnen; es gilt einen fünfzehnjährigen 
Knaben darzustellen, der sich zum Jüngling auswächst. Das 
Fräulein Friederike Gossmann nnd, wenn mich mein Gedächt 
niß nicht täuscht, auch das Fräulein Hedwig Raabe wußten 
solche Bürschchen in einer Art Pagenkostüm allerliebst und 
neckisch zu spielen; es erschien so natürlich, daß die jungen 
Mädchen sich einmal in Uniform steckten und mit dem Schwerte 
raffelten. Warum Frau Niemann dieselbe Neigung hat, 
ist meinem Geschumck und meinem Gefühl unerfindlich. Däum 
ling war bekanntlich ein großer Held, aber doch nur im Mär 
chen, nicht auf der Bühne. Auf den Brettern ist ein junger 
Richelieu, der einen Kopf kleiner ist als sämmtliche Damen, 
mit denen er kokettirt, der aussieht wie eine Frau und der 
mit seinem unruhigen Hin- und Hertrippeln den Zuschauer 
beständig an das fehlende Schleppkleid erinnert, eine Possen 
figur, eine zierliche Puppe für eine Bonbonniere. Außer Frau 
Ntemann waren in dieser Komödie für alte Kinder die 
Damen Fr. Frieb-Blumauer (Herzogin von Noailles). 
Frl. Hofmeister (Herzogin von Richelieu), Frl. Reichardt 
(Fräulein von Noce), Fr. Haase (BaroninBellechasse) und 
die Herren Göritz (Matignon), Oberländer (Baron 
Bellechasse) und Vollmer (Friseur) beschäftigt. 
K. Fr. 
Rede bildete, wie in der
	        

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