Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über einzelne Kunstwerke

Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 28 
Ji LS Erste Beilage ;ar Königt- prwstegirtm Berlinischen Zeitmig. 1861. 
PÜS 
Athen 
wie weit 
Dispnta und Schule 
oder. 
man gebunden an die 
der Zeitgenossen 
bei der 
Erklärung von Kunstwerken. 
5. 
Die vollendete Kunst, diejenige also, welche weder Vor 
stufe noch Verfall ist, will deu Menschen etwas vordre 
Augen bringen, das ihnen im höchsten Grade bedeutungs 
voll ist. Um dies zu erreichen, genügt es ihr nicht, einen 
beliebigen Moment darzustellen, der an sich als historisch 
ergreifend erscheint, sondern der Künstler will ihn so er 
scheinen lassen, daß er, wenn alle Erklärung dessen, was 
fr bedeutet, fortfiele, durch die bloße Macht der Form 
dennoch seinen Zweck erreichte. 
Wir find keine Griechen, und die Mythen, in deren 
Kreise sich die Tragödien des «Sophokles oder Aeschylus 
bewegen, haben für uns nichts, was ihnen den natio 
nalen erschütternden Inhalt verliehe, den sie für die 
Griechen besaßen, dennoch ergreifen uns die Tragödien, 
wenn wir die darin handelnden Personen nur als bloße 
Charaktere mit beliebigen Namen nehmen. Oder. um 
«ine einzelne einfache Figur zu nennen: die Venus von 
Melos; wir beten nicht mehr zu ihr, es ist unö gleich 
gültig. wer fie sei, eine Göttin oder ein Mädchen von 
der Straße, aber als die Gestalt einer Frau an sich be 
zaubert sie uns. Ein großer Künstler giebt feinem Werke 
neben dem seiner Zeit allein verständlichen Inhalte einen 
zweiten höheren Inhalt, den wir den allgemein menschli 
chen nennen, und der unabhängig von dem, was Zeitge 
nossen in dem Werke erblicken oder von ihm verlangten, 
unvertilgbar, so lange es selbst dauert, an ihm haften 
bleibt. 
Was bliebe als dieser ideale Inhalt zurück, wenn wir 
bei ganzen Reihen der Darstellung des heiligen Abend- 
maleS zum Beispiel Unwissenheit über seine Bedeutung 
voraussetzten? Man sähe auf den meisten Gemälden 
nichts als eine Anzahl Männer, welche zusammen an 
einer Tafel speisen. Lionardo da Vinci malte diese 
Darstellung zuerst so, daß man fühlt, die Handlung Christi 
in der Mitte unter den andern, wie er das Brot bricht 
und die erklärenden Worte redet, sei wie ein elektrischer 
Funke, der die Uebrigen durchzuckt und ihre Bewegungen 
und Mienen bedingt. Ohne Kenntniß besten, was gesche 
hen sei, würde Zeder dennoch fühlen, eine Anzahl vereinter 
Männer sei durch eine fie überraschende, tief bedeutende 
That in die höchste Erregung versetzt. Denn in Allen 
drückt fich eine, die ganze Seele ergreifende Erschütterung 
aus, bei jedem anders, seinem eigenthümlichen Charakter 
nach; lauter Schicksale glauben wir vor unö zu sehen, und 
mitten unter ihnen Chrtstuö, so schön, so einsam; einsam 
wie eine Seele in einem Körper, der ihr nichts mehr 
nützen kann in ihrer Todesstunde. 
Waö die Cornposition eines Malers haben muß, wenn 
fie ohne die historische Bedeutung der Figuren, welche 
dargestellt find, durch ihre bloße Vereinigung zu einem 
Ganzen auf den Zuschauer wirken soll, ist Einheit, 
oder bester gesagt, dramatisches Jntereste der Handlung. 
Gtne Kraft, die alles in Bewegung bringt und die 
Mitte des Gemäldes bildet, muß vorhanden sein. In 
Rafael's siorentinischer Zeit fehlt fie nicht selten, auf sei 
nen römischen Arbeiten aber fast nie. Der Umschwung der 
Dinge, die erschütternde That ist da immer die Seele 
deS Bildeö. Gehen wir die Zimmer des Vatikans durch. 
Der Moment, wo der Priester die Hostie sich in Blut 
verwandeln steht, aus der Meste von Bolsena; oder, wo der 
Papst durch sein Wort die Feuersbrunst zum stehen bringt, 
auf dem Burgbrand; oder, wo Petrus aus dem Gefäng 
niß entführt und die Wächter auf der anderen Seite 
eben im Erwachen find; oder wo Attila und Heliodor 
durch plötzlich einbrechende Mächte vertrieben und 
bestraft werden; oder endlich, der Moment, wo das Kreuz 
Sonntag den 3. 
erscheint und die Schlacht fich für den kämpfenden Con- 
I stantin entscheidet*. überall weiß Rafael durch die 
Meinungen! richtige Wahl des dargestellten Augenblrcks seinen Zweck 
i zu erreichen, und oft, wenn der seltsam zugeschnittene 
! Raum es fast unmöglich macht, hat er dennoch mit dem 
größten Geschick die Grundbedingung einer guten Com- 
pofition innegehalten. Immer ist es ein das Ganze for 
mender Gedanke, der sie gleichsam zum Cristallifiren 
bringt, und je länger Rafael's Künstlerlaufbahn sich aus 
dehnt, um so prägnanter wtrd diese Eigenschaft seiner 
Werke. Ein Zeichen aber. daß er hier bewußt verfuhr, 
find oft die ersten Skizzen seiner Compositionen. So 
die Vertreibung Attila's, wo die anfangs abgetrennt im 
Hintergründe heranziehende Gruppe des Papstes bei der 
Ausführung auf das Genauste dem leitenden Gedanken 
des Ganzen einverleibt wurde, oder bei den Teppichen 
der Fischzug Petri, wo er eine ähnliche Trennung verschieden, 
artiger Gruppen später aufhob. 
6. 
Von den Wandgemälden der Vatikanischen Zimmer fehlt 
nur einer Compofttion diese Einheit: dem Parnaß, der 
aus einer sehr ungünstigen Fläche freilich, über und um 
eins der in die Wandstäche hineingreifenden Fenster ge 
malt worden ist. Ich möchte das Werk aus diesem 
Grunde, wie auch deshalb, weil es deutliche Spuren 
von Rafael's florentinisch mehr graziöser und etwas ma 
gerer Manier an sich trägt, für seine frühste römische Ar 
beit halten. Denn die darunterstehende Jahreszahl scheint 
sich, da fie bei den andern Gemälden mangelt, auf die 
Vollendung des ganzen Zimmers zu beziehen. Auf dem 
Parnaß sehen wir in der That nur einzelne, durch das 
bloße Arrangement vereinigte Gruppen. Jedoch, wenn 
wir den neueren Erklärern trauen, wäre dies auch bei 
der Schule von Athen und der Disputa der Fall, und 
ohne genaue Kenntniß der katholischen Kirchengeschichte 
wie der der Philosophie blieben es unverständliche Gruppen, 
die ohne inneren Zusammenhang auseinanderfielen. Qua- 
trenwre de Ouincy sagt schlichlhin, es sei keine Handlung 
in der Disputa. Die Anderen scheinen diesen Punkt über 
haupt nicht in Betracht gezogen zu haben. Nur in der 
im vorigen Jahre erschienenen Schrift von Anton Sprin 
ger ist darauf hingewiesen; der eine, sämmtliche Per 
sonen vereinigende große Zug der Begeisterung wird 
dringend hervorgehoben und dies Moment für wichtiger 
erklärt, als die Deutung der einzelnen Figuren aus der 
Kirchengefchichte. 
Allein auck Springer bleibt auf einem gewissen Punkte 
stehen und findet nur die Hälfte von dem in dem Ge 
mälde, das fick mir darauf mit sprechender Deutlichkeit 
vor die Augen stellt. 
Einen Moment der höchsten Ueberraschung erblicken wir. 
Die bisherigen Erklärer haben als etwas, was weiter kei 
ner Erwähnung bedürfte, angenommen, der aufgethane 
Himmel mit seiner Herrlichkeit stehe über der Versammlung 
unten fest da, wie ein dauernder Regenbogen etwa über 
einer Landschaft. Vielmehr die Minute hat Rafael zur 
Anschauung bringen wollen, wo die Gewölks eben reißen 
und die überirdische Herrlichkeit durchbricht, die alles wei 
tere Dispntircn unnütz macht. Und dieser Uebergang vom 
Suchen zum Schauen der Wahrheit finden wir ausgeprägt 
in den Bewegungen der Versammlung. 
Einige find noch versunken in das Gespräch oder ein 
sam in ihre Bücher, andere aber, entzückt vom plötzlichen 
Glanze, blicken auf, die Bücher liegen vor ihnen auf 
dem Boden, die ihren Händen entfallen find, deren sie 
nicht mehr bedürfen, und entweder völlig erfüllt von 
Staunen und Anbetung, blicken sie empor, oder einer sich 
des andern erinnernd theilt ihm mit, was geschehen ist, und 
fordert ihn auf, hinanzusehen. So die Gruppe links im 
Vordergründe, wo der Jüngling dem älteren Manne, der 
in sein Buch vertieft ist und nichts von der neuen Offen- 
barun g ahnt, einen Anstoß giebt. Dieser denkt er wolle 
eine der feinigen entgegenstehende Meinung äußern, und
	        

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