Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Personen, ihr Leben und Werk

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ziehen ließe. Bur ns ist durch und durch und vor allem der 
ländliche Dichter Schottlands; Hebel dagegen, obwohl er 
dichterisch das Landleben — die äußere Natur wie die 
Menschen, unter denen er lebte — zur Anschauung brachte, 
scheint, ob mit oder ohne Absicht, ein Nachahmer der 
Jdyllenpoesie Griechenlands. Burns fühlt und malt mit 
entsprechender Kraft das innere und äußere Weh des 
menschlichen Lebens, während Hebel dessen dunklere Schat 
ten entweder vermeidet oder mit frommer Ergebung mil 
dert. Beide besitzen sie Einfachheit — oder, um es mit 
einem hier vielleicht bezeichnenden Fremdwort auszudrücken, 
Naivetät — im hohen Grade, und beide haben sie einen 
reichen Schatz von Humor; aber während Burns' Humor 
herzkräftig und herzinnig, ist der Hebels, von gebundenerer 
und verfeinertererArt, wohl ehereine schalkhafte, gutmüthige 
Ironie, als jene Verschmelzung von Fröhlichkeit und 
Traurigkeit, von Lachen und Thränen, Witz und Einfalt, 
Spott und Gutherzigkeit, die uns in dem begabteren 
schottischen Poeten so innig entzückt. Auch haben Burns' 
Gedichte einen weit umfänglicheren Kreis von Gegenständen 
als Hebels. Der Verfasier der „allemannischen Gedichte" 
ist ein gescheidter, wohlwollender Landpfarrer, der mit äch 
tem, dichterischem Empfinden die Landschaftsbilbung um 
ihn her und das Leben und Treiben seiner Pflegbefohlenen 
beschreibt, während Burns als einer jener ursprünglichen 
und mächtigen Geister sich darstellt und wirkt, welche nie, 
mit der nämlichen Zusammensetzung ihrer Elemente, mehr 
als einmal in der Geschichte eines Volks auftreten. 
Hebel'n in's Englische zu übertragen wäre eigentlich 
nur die Abtragung einer Dankschuld; denn Burns hat, 
trotz den vielen Schwierigkeiten, die er selbst Engländern 
darbietet, vortreffliche Uebersetzer in Deutschland gefunden. 
Wort für Wort fast, und mit gleichem Feuer folgt z. B. 
die Uebersetzung dem Original in der folgenden Strophe: 
„My heart’s in the Highlands, my lieart is not here; 
My heart’s in the Highlands, a-chasing the deer; 
Chasing the wild deer, and following the roe, 
My heart’s in the Highlands wherever I go, etc.“ 
„Mein Herz ist im Hochland, mein Herz ist nicht hier; 
Mein Herz ist im Hochland, im wald’gen Revier. 
Da jag' ich das Rothwild, da folg' ich dem Reh', 
Mein Herz ist im Hochland, wo imnier ich geh', u. s. w." 
Und in einem andern Stück scheint die schwere Auf 
gabe, den Humor des Originals zu bewahren, wunder 
gut gelöst, obwohl die Uebersetzung freier ist. 
„Wha is that at my bower-door?“ 
0, wha is it but Findlay? 
„Then gae your gate, ye’ se nae be here!“ 
Indeed, mann I, quo’ Findlay. 
„What make ye säe like a thief?“ 
0 come and see, quo’ Findlay, etc.“ 
„Nun wer klopft an meine Thür?" 
Ich, mein Schatz, sprach Findlay. 
„Geh nach Haus! was treibst du hier?" 
Gutes nur! sprach Findlay. 
„Treibst vor Morgen Unfug noch!" 
Allerdings! sprach Findlay. u. s. w. 
Vor einigen Jahren erschien in Blackwoods „Edin 
burgh Magazine" eine Uebersetzung verschiedener Gedichte 
von Burns ins Französische; die lezte Sprache selbst unter 
eines Mezzofanti, des Vielsprachkundigen, Vorrath, in 
die man jene hätte „travestirt" erwarten sollen. Die eben 
mitgetheilten Verdeutschungsproben sind aus einer literari 
schen Beigabe zu der Zeitschrift „Ausland," von Gustav 
Pfizer, dem Verfasser einer vortrefflichen Lebensbeschrei 
bung Luthers. 
Einer der beliebtesten Lustorte der Metropolis, die 
Surrey Zoological Gardens sind neulich eingegangen. Der 
Eigenthümer, dem wir die Einführung der »Babyshows« 
verdanken, hat seine Thiersammlung —beiläufig bemerkt, 
taugte sie nicht viel — unter den Hammer gebracht, und 
beabsichtigt eine Mäßigkeitshalle anzulegen; bei der herr 
schenden Theurung keine üble Idee. Die Mäßigkeit ist 
überhaupt hier zu Lande eine gute Spekulation. Gough, 
der amerikanische Temperance-Apostel, verdiente sich damit 
binnen zwei Jahren an 10,000 Pf. St. Er ist kürzlich 
nach Newyork zurückgekehrt, hat aber versprochen nächsten 
Sommer wieder nach London zu kommen; ich glaube, er 
wird sein Wort nicht brechen. 
London, December. 
(Schluß.) 
Industrie. — Wafferreform. 
Ich machte schon mehrmals darauf aufmerksam, daß 
die Engländer die Entwicklung der fremden Industrie mit 
ängstlichen Blicken verfolgen und für ihre eigene Ueber- 
legenheit zu fürchten anfangen. Der Commissionsbericht 
über die Pariser Ausstellung bestätigt dieß abermals. Nach 
demselben sind die englischen Fabrikanten in mehreren 
wichtigen Gewerbszweigen, z. B. in der Eisenmanufaktur, 
von den Deutschen und Franzosen überholt worden, und 
auf andern Gebieten droht ihnen das nämliche Schicksal. 
Der Bericht findet den Grund in der mangelhaften Bil 
dung der hiesigen Arbeiter, und dringt mit Nachdruck auf 
die Errichtung von Gewerbschulen. Das Einzige, was die 
Engländer in industrieller Beziehung vor den Nationen 
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des Continents, zunächst vor den Deutschen voraushaben, 
ist ihr Reichthum. Durch den Besitz ihrer ungeheuren 
Kapitalien sind sie befähigt, größere Etablissements anzu 
legen, und unter sonst gleichen Verhältnissen billigere 
Waaren zu liefern, als wir. Wenn es bloß auf techni 
sche Geschicklichkeit ankäme, hätten wir ihnen längst den 
Rang auf dem Weltmärkte abgelaufen. Nehmen wir zum 
Erempel die Uhrmacherei. Deutsche Uhren sieht man 
heutzutage nur selten im Auslande, während die englischen 
mit Recht überall für die besten gelten und am theuersten 
bezahlt werden. Wer ist es aber, der diese >o hoch ge- 
schäzten englischen Uhren verfertigt? Größtentheils deutsche 
Arbeiter. Dent, der bei der Erhibition im Hyvepark die 
erste Preismedaille erhielt, beschäftigt mehr Deutsche als 
Engländer, ebenso Bennett, dessen Fabrikate gleichfalls 
eines europäischen Rufes genießen. Und ähnlich ist es in 
verschiedenen andern Industriezweigen. Die deutschen Ar 
beiter werden im Durchschnitt den einheimischen vorgezogen. 
Sie vereinigen den Geschmack der Franzosen mit der So 
lidität der Engländer. 
Ich benutze die Gelegenheit, um einen sehr verbrei 
teten Irrthum zu bekämpfen. Viele unserer Handwerker 
begeben sich nach London, weil sie glauben sich hier in 
ihrem Geschäft vervollkommnen zu können. Das ist in 
den meisten Fällen eine Täuschung. Die Theilung der 
Arbeit ist in England auf die Spitze getrieben. Jedeö 
Gewerbe ist in verschiedene Zweige abgetheilt, die ganz 
von einander getrennt sind, und jeder einzelne Zweig zer 
fällt wieder in eine Menge von Unterabtheilungen. Der 
Arbeiter muß sich eilte dieser Unterabtheilungen wählen, 
und bleibt dann, wie ein Gefangener, in derselben einge 
kerkert. Erlerntes, ein fehlerloses Stuhlbein zu machen, 
und gelangt vielleicht in seinem Leben nicht dazu, einen 
ganzen Stuhl zu verfertigen. Ich kannte einen deutschen 
Schneider, der mir einst seine Noth klagte. Er hatte drei 
Jahre in einem der vornehnisten, sashionabelsten Shops 
gearbeitet, und nie etwas anders zu nähen bekommen, 
als Rockschöße. Des ewigen Einerlei's müde, kündigte 
er zulezt voll Unwillen auf und ging zu einem neuen 
Meister. Aber sein Unstern verfolgte ihn auch dorthin. 
Statt, wie er gehofft hatte, endlich in die tiefsten Ge 
heimnisse der Kleidermacherkunsi eingeweiht zu werden, sah 
er sich dazu verurtheilt, dreizehn Monde lang von Mor 
gens bis Abends Rockkragen zu fertigen. Als ich ihn 
sprach, war er im Begriff nach Deutschland zurückzukehren 
und sich in seiner Vaterstadt niederzulassen. Wehe den 
Unglücklichen, die ihm dort in die Hände gefallen find 
und noch fallen werden! 
Einem Parlamentsbeschlusie zufolge müssen die Lon 
doner Wasserkompagnien vom nächsten Jahre an 
reines, filtrirtes Wasser liefern. Zwei Gesellschaften haben 
in einem Anfluge von Edelmuth das Ende des gesetzlichen 
Termins nicht abgewartet, und versehen ihre Kunden schon 
seit mehreren Wochen mit trinkbarem Wasser, das aus 
der Themse oberhalb der Metropolis geschöpft ist. Die 
Bedeutung dieser „Reform" läßt sich nicht zu hoch an 
schlagen. Schlechtes Wasser erzeugt mancherlei Krank 
heiten und begünstigt die Verbreitung von Seuchen. 
Vorigen Sommer wüthete die Cholera am heftigsten in 
den Distrikten, deren «'Water supply« im schlimmsten 
Zustande war. Der kürzlich veröffentlichte Bericht der 
Cholera-Kommission von St. Anns — dem Kirchspiel, 
das vorzüglich heimgesucht wurde — beseitigt jeden Zweifel 
hierüber. Es ergeben sich daraus folgende interessante 
Thatsachen. In Broadstreet Goldensquare befindet sich 
eine Pumpe, die von den Bewohnern der Nachbarschaft 
viele Jahre lang mit einer gewissen Vorliebe benuzt wurde. 
Als die Seuche in Broadstreet und der Umgegend aus 
brach, wählte sie sich ihre Opfer fast ausschließlich unter 
Leuten, welche ihr Trinkwaffer aus der erwähnten Pumpe 
bezogen. Von 73 Personen, die am ersten Tage erkrank 
ten, ließ sich dieß bei 61 nachweisen. In einer Fabrik, 
nahe bei Goldensquare, die ihren Wasserbedarf anders 
woher erhielt, fiel nur ein einziger Arbeiter der Epidemie 
zum Opfer, und dieser Eine hatte zufälligerweise Wasser 
aus der verderblichen Pumpe getrunken. Die Sache zog 
die Aufmerksamkeit einiger Aerzte auf sich, und eS wurde 
eine chemische Untersuchung vorgenommen, welche ergab, 
daß das fragliche Wasser eine Menge fauler Pflanzen- und 
Thierstoffe enthielt. In Folge dessen verboten die Be 
hörden natürlich sofort die Benutzung der Pumpe. 
Aus der Pfalz, December. 
(Schluß.) 
Der Dom zu Speyer. — Hoher Besuch. — Marbahn. — Schifffahrt. — Prof. Riehl. 
Die Kaiserhalle wird wieder, wie früher, eine Länge 
von 100, eine Tiefe von 31 Fuß erhalten. Die acht so 
weit möglich ikonischen Statuen der im Dom ruhenden 
Kaiser, die in dieser Halle aufgestellt werden sollen, dürf 
ten, wie ich höre, von österreichischen Künstlern geliefert 
werden; wenigstens hat Kaiser Franz Joseph bei seiner 
großartigen Gabe für den Bau etwas derartiges bedungen. 
Auch der Herzog von Nassau, der sein Geschenk vorzugs 
weise an die Ausschmückung der Rose gewendet wissen 
will, wird die Ausführung des großen Christuskopfes im 
Centrum und die der vier apokalyptischen Gestalten in den 
Fensterzwickeln von einem nassauischen Künstler beschaffen 
lassen, und ich zweifle kaum, baß Hvpfgarten mit dieser 
Arbeit betraut werden dürfte. In den Nischen über dem 
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