Full text: Zeitungsausschnitte über Veröffentlichungen von Herman Grimm: Über Personen, ihr Leben und Werk

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Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. Z 27 
2 Deutsche Rundschau. 
mit angehört, in dem ein gewandter, aber mit oberflächlich übernommenen 
fremden Gedanken operirender junger Mann Stein ad absurdum zu führen ver 
suchte. Ich bemerkte, wie er da den geschickt vorgebrachten Meinungen seines 
Nachbars die völlig auf eigenem Boden erwachsene Ueberzeugung fast schüchtern 
entgegensetzte, ohne zu merken, mit wem er zu thun hatte. Ich erinnerte mich, 
wie er mir sein Buch brachte und seine ideale Hoffnung auf Besprechungen« des 
selben seitens wohlwollender, tief in seine Gedanken eindringender Recensenten, 
von denen er, wie er betonte, würde lernen können, mit vertrauensvoller Wärme 
aussprach, und wie er dann, als ich über die Schicksale, die Bücher haben können, 
einige Worte sagte, in Aufregung gerieth. So unschuldig stand dieser junge 
Mann noch im Leben drin, daß er den Gedanken, es gebe literarisches Uebel 
wollen, bösen Willen und absichtliches Mißverstehen, wie eine Neuigkeit auffaßte, 
die zum ersten Male an ihn herantrat. Das durchdringende Wohlwollen, das 
ihn erfüllte, ließ die Möglichkeit solcher Erfahrungen wie ein Schreckgespenst vor 
ihm aufsteigen. Er hat mit mir später darüber gesprochen, und die Art, wie es 
geschah, war für mich eine neue Erfahrung. Stein schien zu jenen Naturen ge 
hören zu sollen, deren guten Glauben das Schicksal zu schonen beabsichtigte. 
Ich sah, wie Manche, denen sein wissenschaftliches Streben früher bedenklich ge 
wesen war, sich wie besiegt durch seine Persönlichkeit ihm zuwandten, so daß 
seine Laufbahn bald gesichert erschien. Aber sie sollte abgebrochen werden. 
Man spricht vom „Reichthume" der Natur, die in sichtbarer Weise oft mit 
einem Ueberfluffe von Schöpfungsformen da operirt, wo es scheint, als ob sie 
mit geringerem Aufwande ebenso weit gekommen wäre. Wozu diese Blüthen- 
pracht der Bäume von Frühling zu Frühling, da es doch unmöglich ist, daß 
jede Blüthe zu einer Frucht werde. 
Es sind nun schon viele Jahre verflossen, daß ein junger Mann fort 
genommen wurde, dessen ich hier gedenken will, wie er mir oft im Gedächtnisse 
wieder aufgestiegen ist. Der Graf Wolf von Iork-Wartenburg, einer der Enkel 
des Feldmarschalls. Jeder, der ihn kannte, hatte das Gefühl, daß er für eine 
besondere Laufbahn wohl bestimmt sei, so jung er noch war. Er selbst schien es 
zu empfinden: es war ihm bei aller Freude am Leben ein Ernst eigen, den die 
reichen Kenntniffe, die er besaß, natürlich erscheinen ließen. Sein Beruf war 
nicht, in den Krieg zu ziehen, aber das Jahr 1870 führte ihn mit. Bei St. Privat 
wurde er durch die Brust geschossen. Wozu so viel Talent und so hohe Aus 
bildung für eine Zukunft, die niemals erschien? Noch eines Anderen will ich 
gedenken, eines jungen Rheinländers, Niederce aus Linz, der, mit außer 
ordentlichem Talent für Malerei ausgestattet, zu Cornelius, in dessen glänzendsten 
Berliner Zeiten noch, nach Berlin kam. von ihm aufgenommen und durch seine 
Verwendung vom vierjährigen Dienste befreit wurde. Ich sehe ihn noch im 
Atelier vor dem Brandenburger Thore (da, wo jetzt der Reichstagspalast sich 
erhebt) arbeitend sitzen. Die Formen des Quattrocento waren zuerst in die 
Phantasie eingetreten und im Geiste dieser Meister zeichnete er Compositionen, 
die eine herrliche Zukunft versprachen. Auch bei ihm, obgleich aus niederen 
Verhältnissen stammend, eine vornehme Bescheidenheit, als sehe er die Höhe schon 
voraus, die er einmal ersteigen werde. Als Freiwilliger traf ihn in dem 
Zur Erinnerung an K. Heinrich von Stein. 
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Manöver ein unglücklicher Schuß. Zu diesen Beiden gesellt sich Heinrich 
von Stein in meiner Erinnerung. Wie viel schien auch ihm noch zufallen zu 
müssen in fast sicherer Erwartung, als ein Herzleiden, das wie ein leichtes Un 
wohlsein einsetzte, sich zu einer rasch verlaufenden tödlichen Krankheit entwickelte. 
Bei solchen Todesfällen tritt hervor, wie viel mehr die Menschen von einander 
wissen, als der Schein sagt, und wie viel mehr gemeinsam sie empfinden, als man 
glaubt. Wie bei jenen Beiden war auch Heinrich von Stein's Tod ein Schlag, 
durch den Viele getroffen wurden. Bloße Erwartungen, die man hegte, nehmen 
in solchen Fällen den Schein erfüllter Leistungen an. Ich gedenke auch wieder 
Wilhelm Scherer's, der fteilich schon älter war, aber doch wie in früher Jugend 
zu sterben schien, und dem, was er noch gethan hätte, als ob es gethan sei, zu 
gelegt wurde. 
Stein's Buch, das von mir in der „Deutschen Rundschau" besprochen 
worden ist, war nur der Beginn einer umfangreichen Arbeit. Er hatte sich dem 
Studium der Engländer und Franzosen zugewandt, die den Grund schufen, in 
den die deutsche geistige Production des vorigen Jahrhunderts die Wurzeln 
senkte. Ich fasse in dem Worte Production, Wissenschaft und schaffende Kunst 
ebenso zusammen wie Lessing, Herder, Goethe und die Anderen Dichtung und 
Betrachtung als Eins nahmen und in ihrer Lebensarbeit diese beiden Elemente 
ungetrennt darstellten. Ich nehme die bildenden Künste noch hinzu, deren höchste 
Vertreter in derselben Weise Wissenschaft und schaffende Arbeit ungetrennt hielten. 
Ich nehme als Aufgabe einer besonderen Wissenschaft, die Hervorbringung des 
Schönen zu beobachten, das Schöne selbst zu beurtheilen und seine Wirkungen 
auf die Völker zu verfolgen. Hier trafen meine Gedanken mit denen Stein's 
zusammen, und daher meine Theilnahme an seiner Thätigkeit, zu der die für 
seine Person hinzutrat. In der Besprechung des Buches sprach ich zum Schluffe 
die Meinung aus, der Verfasser habe die Prolegomena für das Buch geliefert, 
wie die Geschichte unserer eigenen Bewegung zu lesen sein werde, wie sie von 
Lessing bis Schiller in Deutschland waltete. Ich sagte, auch wenn Stein das 
Buch nicht schreibe, werde ihm der Ruhm bleiben, dafür vorgearbeitet zu haben. 
Seine Absicht war, diese Arbeit zu unternehmen. Es hat nicht dazu kommen 
sollen. Aber ich bemerke, wie auch er, der für Wagner begeistert war, in wissen 
schaftlicher Arbeit doch Goethe als Ziel nehmen mußte. Wer wollte heute den 
Einfluß ermessen, den Goethe auf unsere Jugend gehabt hat und in immer 
größerem Maße gewinnt? Jener Wolf Aork legte den Grund für die besondere 
Bedeutung seiner Persönlichkeit, die freilich zu keiner sichtbaren, bleibenden Blüthe 
sich entfaltete, durch die Liebe zu Goethe, von dessen Schriften er die ältesten 
Drucke sammelte und als Kostbarkeiten hoch hielt. In seinen Vorlesungen ist 
H. v. Stein wohl schon zu Goethe gelangt. Wie ich höre, sind einige seiner 
Zuhörer damit beschäftigt, aus den nachgeschriebenen Heften den Wortlaut seiner 
Vorträge festzustellen, um sie herauszugeben. Da werden seine Meinungen zu 
Tage treten. 
Auch als Dichter hat Heinrich von Stein sich auszusprechen versucht, und 
auch für *ftW Arbeiten dieser Richtung ist einer seiner Freunde thätig. Mein 
College Professor Cosack unter den jüngeren Männern hierüber vielleicht, der
	        
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